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ÖKO-TEST November 2015
vom

Räucherlachs

König im Käfig

Lachse werden in Aquakulturen gemästet wie Schweine - dabei handelt es sich um nichts anderes als um hoch industrialisierte Massentierhaltung unter Wasser. Zu Hunderttausenden werden die "Könige der Fische" in den Netzkäfigen gehalten. Immerhin: Der Fisch ist sauber, fast immer.

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30.10.2015 | Der Lachs, der in freier Natur aufwächst, ist ein Wandertier. Er lebt im Salzwasser; zieht aber zum Ablaichen in die Süßwassergewässer, in denen er selbst auf die Welt kam. Dabei legt er mithilfe seines Geruchssinns, der ihm Orientierung gibt, oft über tausend Kilometer zurück. Selbst Hindernisse wie Wasserfälle können ihn nicht davon abhalten, zu seinem Ursprung zurückzufinden.

Der Lachs, der in intensiven Aquakulturen aufwächst, schwimmt im Kreis. Viel Platz bleibt ihm nicht in dem Netzkäfig, in dem er oft mit Hunderttausenden seiner Art gehalten wird. Die hohen Besatzdichten führen nicht nur zu Verletzungen der empfindlichen Flossen. Je enger die Fische gehalten werden, desto schlechter wird die Wasserqualität und dementsprechend anfälliger werden die Fische für Krankheiten, Parasitenbefall oder Ausschläge. Die Lachslaus etwa, die die Tiere bei lebendigem Leib frisst, ist so ein Problem, das vermehrt in eng gehaltenen Beständen auftritt. Die Folge: Antibiotika und Chemikalien werden in die Gehege gekippt und landen so nicht nur in den Fischen, sondern auch im Meer. Dass auch Fische Schmerzen empfinden, Stress und Angst, das ist noch nicht in den Köpfen aller Hersteller, Behörden und Verbraucher angekommen. Deswegen steht das Tierwohl längst nicht an erster Stelle, wenn es um die Aufzucht in Aquakulturen geht.

Der triste Alltag der Zuchtlachse wird nur unterbrochen von regelmäßigem Futterregen. Pellets, die aus einer Mischung von Fischmehl, Fischöl, Soja- und Maisproteinen sowie Weizen, Bohnen und Erbsen etwa und diversen Zusatzstoffen bestehen, werden maschinell im Wasser verteilt und regnen so von oben auf die Fische herab. Was nicht gefressen wird, landet auf dem Meeresboden - synthetische Farbstoffe, Antioxidantien wie Ethoxyquin und Medikamente inklusive. Dass der Farbstoff Canthaxanthin schädlich für Menschen und somit wohl auch für die Tiere sein kann, scheint den meisten Hersteller immerhin bewusst zu sein. Es gab mehrere Hinweise darauf, dass sich der Stoff in den Augen ablagert und so langsam die Sehfähigkeit trüben kann. Doch ganz ohne Farbstoffe im Futter wäre das Lachsfleisch aus Aquakulturen kaum zu verkaufen. Es wäre gräulich und würde so wohl in den Kühlregalen der Supermärkte liegen bleiben. Zuchtlachs bekommt Farbstoffe - wobei das wohl harmlosere Astaxanthin das kritische Canthaxanthin inzwischen mehr und mehr verdrängt. Ökologische Aquakulturen greifen auf natürliche Stoffe wie Phaffia-Hefe zurück; auch sie färbt das Lachsfleisch schön rosa; Wildlachs bekommt seine Farbe aus dem natürlichen Farbstoff, der in seinem Futter, etwa kleinen Krebstieren, steckt.

Kritischer als die Farbstoffe sehen viele Wissenschaftler einen ganz anderen Stoff, der auch im Futter steckt: Ethoxyquin. Der künstliche Konservierungsstoff soll das Futter länger haltbar machen, steht aber im Verdacht, krebserregend zu sein. Der Hersteller ist niemand Geringerer als Monsanto und weil eben jener amerikanische Chemiekonzern keine belastbaren Studien zur Unbedenklichkeit des Stoffes, der auch jahrzehntelang als Pestizid eingesetzt wurde, vorlegen konnte, zog die EU 2011 die Konsequenz, Ethoxyquin zu verbieten. Als Pestizid. Als Zusatzstoff in Futtermitteln blieb es erlaubt - trotz der fehlenden Unbedenklichkeitsstudien.

Mindestens genauso skurril: Es gibt EU-Rückstandshöchstmengen für Äpfel etwa oder für Fleisch. Sogar für Krokodilfleisch gibt es eine. Nur für Fisch, der in konventioneller Zucht so gut wie immer Futter mit Ethoxyquin bekommt, gibt es keine. Rückstände des Stoffes gelangen so also zwar nicht mehr über pestizidbelastetes Obst und Gemüse in den menschlichen Körper, wohl aber über den Fisch. Und die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA stellt sich derweil tot: Seit vielen Jahren ist das Einzige, was die Behörde in regelmäßigen Abständen feststellt, die Tatsache, dass Daten fehlen, um die billige Chemikalie abschließend zu bewerten. So lange diese Daten fehlen, sollte man meinen, solle der Stoff auch in Futtermitteln verboten sein - schließlich ist es relativ egal, wie er auf dem Teller landet.

Dem ist aber nicht so: Ethoxyquin bleibt in Futtermitteln genauso umstritten wie erlaubt. Bis zu 150 Milligramm pro Kilogramm Futter dürfen die Hersteller völlig legal zufügen. Auf Anfrage von ÖKO-TEST bei der EFSA hieß es, die Bewertung werde nun wohl im Oktober/November abgeschlossen; bis Redaktionsschluss war dies nicht der Fall.

Es gibt einige Hinweise darauf, dass Ethoxyquin die Erbsubstanz schädigt und krebserregend ist. Außerdem haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Ethoxyquin die Blut-Hirn-Schranke überwindet und sich im Hirngewebe anreichert. Selbst in Muttermilch wurde der Stoff bereits nachgewiesen. Doch all diese alarmierenden Erkenntnisse reichen nicht, um Ethoxyquin aus Futtermitteln zu verbannen. Solange die billige Chemikalie erlaubt ist, werden Futtermittelhersteller sie verwenden - die Alternativen sind teurer.

Aber es gibt auch gute Nachrichten von unter Wasser: Der Einsatz von Antibiotika in den Aquakulturanlagen etwa geht mehr und mehr zurück. Auch die Futtermittel werden immer vegetarischer. Das Verhältnis fünf Kilogramm Fisch, um ein Kilogramm Lachs zu erzeugen, stimmt längst nicht mehr. In den Futterpellets stecken inzwischen oft weniger als 30 Prozent Fischanteile - Soja und Mais ersetzen diese zu weiten Teilen.

Laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND werden heute im Durchschnitt etwa 1,8 Kilogramm Fisch verfüttert, um ein Kilogramm Lachs zu produzieren. "Allerdings müssen wir einschränken, dass diese positiven Effekte zum Teil durch die deutliche Erhöhung der Lachsproduktion wieder egalisiert werden", sagt Bettina Taylor, Mitarbeiterin im BUND-Meeresschutzbüro. "Das heißt: Nur der Schaden pro Fisch ist weniger geworden, aber die Eingriffe in die Natur werden eher mehr als weniger."

"Fische können nicht schreien - und deswegen fehlt vielen Menschen das Bewusstsein für ihr Leid", stellt Lisa Wittmann von der Tierschutzorganisation PETA fest. Wir wollten genau wissen, unter welchen Bedingungen die Fische gelebt haben, und haben die Hersteller gebeten, uns einen umfangreichen Fragenkatalog zu beantworten und ihre Angaben zu belegen. Außerdem haben wir den Räucherlachs ins Labor geschickt und gewohnt umfangreich auf Keime, Schadstoffe und Arzneimittelrückstände untersuchen lassen.

Das Testergebnis

Was die Inhaltsstoffe und bedenkliche Keime in und auf den Räucherlachsen angeht, schneiden die meisten Produkte im Test mit "gut" oder "sehr gut" ab. Die Ergebnisse von Tierhaltung, Ökologie und Transparenz zeigen allerdings, zumindest in der konventionellen Aquakultur, ein konträres Bild. Da schaffen es nur zwei Produkte auf ein "ausreichend", bei den anderen hagelt es "mangelhaft" und "ungenügend".

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Im Test: 20 Räucherlachse. Zehn stammen aus konventionellen Aquakulturen, fünf aus ökologischen - die meisten aus Norwegen, weil das skandinavische Land den Lachshandel in Europa dominiert. Die fünf Wildlachse in unserem Test wurden im Nordostpazifik in Alaska gefangen. Eingekauft haben wir in den großen Supermärkten, Discountern und Bio-Märkten.

Die Inhaltsstoffe
Im Fokus der Untersuchungen standen unerwünschte Keime, die in frischen Produkten wie Räucherlachs ein Problem sein können. Außerdem standen Pestizide auf dem Prüfplan, ebenso wie synthetische Farbstoffe und Antioxidantien, die in den Futterpellets stecken. Auch auf Elemente wie Quecksilber und Arsen ließen wir die Lachse untersuchen. Mit einem Hemmstofftest haben wir überprüft, ob Rückstände von Antibiotika im Lachs zu finden waren. Eine sensorische Prüfung schloss die Tests ab - schließlich muss auch schmecken, was auf den Tisch kommt.

Die Tierhaltung/Ökologie
Von den Herstellern wollten wir zudem wissen: Wie wurden die Zuchtlachse gehalten? Was haben sie gefressen? Und welche Anstrengungen unternehmen die Farmen, den Nährstoffeintrag in umliegende Gewässer zu minimieren? Die Wildlachshersteller sollten uns unter anderem mitteilen, wie und wo die Fische gefangen wurden und wie hoch der Beifang aufgrund der jeweils verwendeten Fangmethode ist.

Die Bewertung
Ein "sehr gut" kann es von uns nur geben, wenn weder bedenkliche Inhaltsstoffe noch unerwünschte Keime in den Produkten stecken, und weder Tiere noch Gewässer unnötig gelitten haben. Auch wenn Hersteller ihre Angaben zur Tierhaltung und zur Ökologie nicht belegen konnten oder wollten, gab es Punktabzug.

So haben wir getestet

Farbstoffe und Konservierungsmittel im Futter: Im Labor ließen wir Rückstände davon im Lachs
untersuchen.