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ÖKO-TEST September 2012
vom

Glyphosat in Getreideprodukten

Gift im Korn

Im Getreideanbau wird gespritzt, was das Zeug hält. Die Behörden wiegeln ab, ein eigentlich fälliger Sicherheitscheck für das häufig verwendete Glyphosat wurde von der EU kurzerhand auf 2015 vertagt. Ein Skandal! Denn unser Test ergab: Das Pestizid steckt in Mehl, Brötchen und Haferflocken.

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31.08.2012 | Wenn Marion Hahn im Spätsommer auf ihrer Terrasse im rheinhessischen Alzey sitzt, dann kann sie sich nicht recht freuen. "Es ist mal wieder Glyphosat-Zeit", berichtet sie. "Im August und September ist Erntezeit, und da werden Massen an Glyphosat auf den Feldern versprüht." Was sie ärgert: Seit die Äcker und Weinberge rund um das 18.000-Seelen-Städtchen intensiv mit dem Unkrautvernichtungsmittel behandelt werden, habe sich die Landschaft stark verändert. Bäume würden nicht mehr so hoch wachsen und Büsche nicht so dicht sein. Marion Hahn führt das auf den Einsatz von Glyphosat zurück und hat dem Mittel den Kampf angesagt. Seit 15 Jahren hält sie nun schon Vorträge, sammelt Unterschriften und schreibt an Politiker. Ein offenes Ohr für ihren Protest fand sie selten.

Als Gegner hat sie es mit keinem Geringeren als dem US-Agrarmulti Monsanto zu tun. Denn Monsanto ließ sich den Wirkstoff Glyphosat in den 70er-Jahren patentieren und brachte ihn 1974 erstmals als Spritzmittel Roundup auf den Markt. Der Unkrautvernichter ist mittlerweile das meist verkaufte Pflanzengift weltweit. Es wird nicht nur auf Äckern eingesetzt, sondern auch in Privatgärten, auf öffentlichen Flächen, auf Bahndämmen und Autobahnrandstreifen. Kurz, überall dort, wo unliebsames Grün schnell und effizient vernichtet werden soll. Als sogenanntes Totalherbizid wirkt Glyphosat gegen nahezu alle Pflanzenarten. Die Wirkung erfolgt prompt - in der Regel innerhalb einer Woche.

Die Wirkweise von Glyphosat beruht auf der Hemmung eines Enzyms, das für den Aufbau von Eiweißbausteinen zuständig ist. Fehlt es, kommt es zum Wachstumsstillstand und die Pflanze stirbt ab. Weil Menschen und Tiere dieses Enzym nicht besitzen, galt Glyphosat lange Zeit als unbedenklich. Auch die notwendigen Prüfungen im Zuge der Zulassungen überstand das Herbizid bislang anstandslos. Allerdings hätte in diesem Jahr eine Risikoüberprüfung auf EU-Ebene angestanden, eine Art Sicherheits-TÜV, den alle Pestizide von Zeit zu Zeit durchlaufen müssen. Die EU hat den Check jedoch auf 2015 vertagt - angesichts sich mehrender Hinweise, dass Glyphosat möglicherweise doch nicht so harmlos ist, ein Skandal.

Als besonders brisant erwiesen sich neuere Studien aus Frankreich und Argentinien. So konnten französische Wissenschaftler zeigen, dass bereits geringe Mengen von Roundup ausreichen, um menschliche Zellkulturen zu schädigen. In einer argentinischen Untersuchung führte die Gabe von Roundup bzw. Glyphosat zu Missbildungen bei Frosch- und Hühnerembryonen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das die Studien für die EU begutachtete, stufte die Ergebnisse jedoch als nicht relevant für den Menschen ein. Begründung: Die Durchführung und Bewertung seien nicht nach international anerkannten Regeln erfolgt. Andere Wissenschaftler wie die Biologin Dr. Beatrix Tappeser vom Bundesamt für Naturschutz sind da deutlich vorsichtiger. Tappeser fordert die dringende Überprüfung der Ergebnisse. Sie befürchtet eine insgesamt zunehmende Belastung von Umwelt und Lebensmitteln mit dem Stoff. Aufhorchen ließ zudem eine aktuelle Untersuchung der Universität Leipzig: Die Wissenschaftler fanden Glyphosat im Urin von Menschen. Allerdings wollte die Uni uns auf Anfrage keine näheren Angaben machen, denn die Studie sei noch nicht veröffentlicht.

Tatsächlich hat sich der Verbrauch glyphosathaltiger Mittel nach Zahlen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) seit Ende der Neunzigerjahre fast verdoppelt, auf etwa 15.000 Tonnen pro Jahr. Besonders schockierend ist das Ausbringen kurz vor der Ernte. Dabei spritzt man die Herbizide direkt auf die zu erntenden Kulturpflanzen, wodurch nicht nur die Unkräuter, sondern auch das Getreide eine kräftige Portion Gift abbekommen. Gerade in nassen Sommern begünstigt dieses Verfahren das Ausreifen der Getreidekörner. Die Anwendung ist aber nicht auf Getreidefelder beschränkt, auch Hülsenfrüchte und Ölsaaten dürfen kurz vor der Ernte noch gespritzt werden. Bemerkenswert ist, dass in der Regel nur eine Woche Wartezeit eingehalten werden muss, bis geerntet werden darf. Zwar gilt Glyphosat als ein Stoff, der sich schnell abbaut, Rückstände sind trotzdem zu erwarten.

Ob es dazu kommt und wenn ja, in welcher Höhe Reste zurückbleiben, wissen selbst Fachleute nicht so genau. Tatsächlich fehlen bislang flächendeckende Untersuchungen von Glyphosat in Lebens- und Futtermitteln. Laut BVL wurden seit 2003 insgesamt 1.230 unterschiedlichste Lebensmittel auf das Herbizid getestet. Fündig wurde man 27 Mal. Aufschlussreicher ist hingegen eine Untersuchung des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem vergangenen Jahr. Dort prüfte man 33 Proben Futtergetreide von Feldern, die zuvor mit dem Stoff behandelt worden waren. Das Ergebnis: In insgesamt acht Proben war Glyphosat nachweisbar. Hohe Gehalte fanden sich vor allem in Gerste. In einem Fall lag der Gehalt mit 23 mg/kg sogar über der zulässigen Rückstandshöchstmenge von 20 mg/kg. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass auch größere Restmengen im Getreide überdauern können. Die Festlegung hoher Höchstmengen sorgt dann dafür, dass sich das Erntegut dennoch vermarkten lässt.

Wir wollten wissen, ob sich Glyphosat auch in Getreideprodukten des täglichen Verzehrs findet und schickten 20 Proben ins Labor.

Das Testergebnis

Unglaublich, aber wahr: Glyphosat war in fast drei viertel der Produkte nachweisbar. Dabei sind vier von fünf Weizenmehlen, acht von zehn Körnerbrötchen und zwei von fünf Getreideflockenprodukten betroffen.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Im Test: 20 Getreideprodukte, darunter zehn Brötchen, fünf Mehle und fünfmal Haferflocken bzw. Getreideflocken. Eingekauft wurde in Supermärkten, Discountern und überregionalen Backshops. Die Auswahl beschränkte sich auf konventionelle Produkte. Außerdem sollten möglichst dunkle, wenig verarbeitete Getreideprodukte eingekauft werden, da die Randschichten von Getreidekörnern stärker mit Schadstoffen belastet sein können. Weil auch Leinsamen und Sonnenblumenkerne kurz vor der Ernte noch gespritzt werden dürfen, entschieden wir uns bei den Brötchen für den Typ Körnerbrötchen mit Ölsaaten. Diese werden häufig auch unter der Bezeichnung "Weltmeisterbrötchen" angeboten.

Die Untersuchung
Die Proben ließen wir in einem spezialisierten Labor auf die Substanz Glyphosat untersuchen. Dabei handelt es sich um eine gesonderte Methode. Mit den üblicherweise für Pestizide eingesetzten Multimethoden lässt sich Glyphosat nicht nachweisen.

Das Ergebnis
Da es ausschließlich um den Nachweis von Glyphosat ging, wurden keine Noten vergeben. Das Ergebnis zeigt allerdings erschreckend deutlich, dass die Behauptung, die Anwendung von glyphosathaltigen Mitteln würde nahezu ohne Folgen im Lebensmittel bleiben, ein Märchen ist. Entweder wusste man es nicht besser, weil man kaum Proben untersucht hatte, oder man wollte es auch nicht wissen. Die Verantwortlichen - gerade auch in der Politik - sollten unsere Testergebnisse zum Anlass nehmen, hier nachzubessern.

So haben wir getestet

Weizen, Roggen, Hafer - wir essen sie täglich als Brot, Brötchen, Kuchen, Gebäck oder Müsli.