Hygiene im Familienalltag: Wie viel Sauberkeit brauchen Kinder?

Magazin April 2022: Ökostrom | Autor: Meike Rix | Kategorie: Kinder und Familie | 16.04.2022

Strenge Hygiene sollte im Familienhaushalt nur auf Bereiche beschränkt werden, wo das auch wirklich angebracht ist.
Foto: PR Image Factory/Shutterstock

Schadet zu viel putzen der Gesundheit? Oder zu wenig desinfizieren? Das sollten Familien über ein gesundes und zeitgleich kräftesparendes Maß an Sauberkeit wissen.

Sind putzwütige und besonders reinliche Eltern schuld daran, dass immer mehr Kinder Allergien und Autoimmunerkrankungen entwickeln? Lange Zeit nahm man das an.

Schmutzige Wohnungen sind aber nicht besser fürs Immunsystem der ganz Kleinen, wie die britischen Wissenschaftler Graham Rook und Sally Bloomfield in einem aktuellen Übersichtsartikel im Journal of Allergy and Clinical Immunology erklären.

Kontakt zur Natur beugt Allgerien bei Kindern vor

Putzen und Handhygiene an sich hätten in Studien keinen Einfluss auf Allergien gezeigt. Das liegt laut den Forschern wahrscheinlich daran, dass jene Mikroben, mit denen viele Kinder zu wenig oder zu spät in Berührung kommen, gerade nicht im heimischen Hausstaub zu finden sind.

Hilfreich zum Vorbeugen von Allergien ist nach jetzigem Kenntnisstand der frühe Kontakt mit Schmutz in der Natur, mit anderen Kindern sowie mit Tieren. Im Vorteil können hier Babys sein, die mit Sand, Erde und Blättern spielen dürfen, die einen Hund, einen Kuhstall und Geschwister um sich haben.

Kinder, die schon früh viel draußen in der Natur spielen dürfen, sind besser vor Allergien geschützt.
Kinder, die schon früh viel draußen in der Natur spielen dürfen, sind besser vor Allergien geschützt. (Foto: MNStudio/Shutterstock)

Strenge Hygiene auf wichtige Bereiche beschränken

Wer die Wohnung mit Baby gerne sauber halten möchte, muss also wegen der Allergieprävention kein schlechtes Gewissen haben. Rook und Bloomfield raten aber trotzdem dringend davon ab, etwa krampfhaft jeden Tag den Boden zu wischen.

Nicht nur weil es überflüssig ist, sondern auch weil häufiger Kontakt mit Reinigungsmitteln, die etwa quartäre Ammoniumverbindungen enthalten, für Krabbelkinder schädlich sein kann. Besser die Energie auf Bereiche konzentrieren, in denen es wirklich gilt, krankmachende Keime in Schach zu halten.

Das heißt zum Beispiel, im Umgang mit Essen Hände und Oberflächen sauber halten, Essen im Kühlschrank in geschlossenen Behältern aufbewahren, Spülbürsten regelmäßig in der Spülmaschine reinigen und hin und wieder ersetzen.

Außerdem: getrennte Putzlappen für Küche und Bad verwenden und häufig wechseln, den Wickelbereich und die Toilette regelmäßig mit Reinigungsmitteln säubern und auch Türklinken und Lichtschalter mit abwischen.

Handtuch im Familienhaushalt täglich wechseln

Zum Händewaschen genügt fast immer eine handelsübliche Seife. "Ein gemeinsames Handtuch zum Händeabtrocknen kann verwendet werden, wenn alle Familienmitglieder gerade gesund sind", sagt Oberärztin Monika Schulze, Leiterin der Stabsstelle Hygiene und Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg.

Die Expertin empfiehlt aber, dieses Handtuch so aufzuhängen, dass es zwischendurch gut trocknen kann und es täglich zu wechseln. "Für Gäste sollte ein eigenes Handtuch verwendet werden." Handtücher wie auch Spüllappen, Putztücher, Bett- und Unterwäsche sollte man mit einem Vollwaschmittel bei 60 Grad Celsius waschen.

Pingelige Hygiene bei ansteckenden Krankheiten

Eine Zauberformel (nicht nur) im Haushalt mit Kleinkindern lautet: lieber mal ein paar Dinge einstauben und etwas Sand im Flur knirschen lassen, dafür aber immer dann entschlossen pingelig werden, wenn Familienmitglieder eine ansteckende Krankheit haben.

Das heißt zum Beispiel: Wer sich oder anderen mit Erkältungskrankheit die Nase geputzt hat, wirft das Taschentuch weg und wäscht oder desinfiziert sich die Hände sowie gegebenenfalls die auf dem Weg zum Waschbecken berührte Türklinke.

Strikt getrennte Handtücher werden jetzt wichtig, konsequentes Händewaschen im Umgang mit Lebensmitteln und besonders bei Magen-Darm-Erregern lohnt es sich, die Hände und auch den Toilettenbereich mit geeigneten (antiviralen) Desinfektionsmitteln zu desinfizieren. Und über die Vorteile des Lüftens und Maskentragens wissen wir mittlerweile sowieso alle Bescheid.

Ist ein Familienmitglied krank, sollten die Eltern eine besonders strenge Hygiene walten lassen.
Ist ein Familienmitglied krank, sollten die Eltern eine besonders strenge Hygiene walten lassen. (Foto: StoryTime Studio/Shutterstock)

Lippenherpes kann für Neugeborene tödlich sein

Der für Erwachsene so beiläufig zu ertragende Lippenherpes gehört zu den für Neugeborene lebensgefährlichen Infekten. Menschen, bei denen er gerade akut ist, sollten sich deshalb von Neugeborenen fernhalten.

Wenn sich der Kontakt nicht vermeiden lässt (die Eltern selbst diejenigen mit Bläschen an den Lippen sind), sollte man nicht nur das Baby nicht küssen, sondern auch einen Mundschutz tragen und vor Berührungen die Hände mit einem antiviralen Desinfektionsmittel desinfizieren.

Hygiene im Familienalltag: Schnuller abkochen oder wegwerfen?

Last but not least: Ist die große Schnullersammlung und das Mitschleppen von Ersatzexemplaren übertrieben? Nein. Bei einem gesunden, nicht früh geborenen Säugling reiche es zwar im häuslichen Umfeld aus, den runtergefallenen Schnuller kurz unter fließendem Wasser abzuspülen, meint Hygieneexpertin Monika Schulze.

Wenn der Schnuller aber zum Beispiel in der Bahn oder im Bereich einer öffentlichen Toilette runterfällt, sollte er vorm nächsten Gebrauch wirklich abgekocht werden.

Wie die Schnuller-Reinigung funktioniert, lesen Sie hier: Schnuller abkochen: So können Sie den Babyschnuller reinigen und sterilisieren.

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