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19 Potenzmittel im Test

ÖKO-TEST August 2010
vom 30.07.2010

Potenzmittel

Durchhänger

Bei Potenzschwäche kann Mann zum Arzt gehen - oder im Sexshop nach Abhilfe suchen. Richtige Standfestigkeit gibt es aber nur auf Rezept.

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30.07.2010 | Viagra ist die Nummer eins - zumindest in der Weltrangliste der Arzneimittelfälschungen. Die Gewinnspanne für Kriminelle ist enorm: So bringt ein Kilo Viagra auf dem Schwarzmarkt rund 90.000 Euro, während die gleiche Menge Kokain bereits für 65.000 Euro zu haben ist, hat die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ABDA ausgerechnet. Kein Wunder also, dass der Zoll immer wieder fündig wird: "10.000 Viagra-Tabletten sichergestellt" meldete das Hauptzollamt München im Januar 2009, gut ein Jahr später entdeckten die Fahnder im Gepäck eines österreichischen Frührentners 4.000 der blauen Tabletten.

Weltweit wurden im Jahr 2005 gefälschte Arzneimittel im Wert von rund 30 Milliarden Euro umgesetzt, Schätzungen gehen für 2010 vom doppelten Betrag aus. Dabei handelt es sich vor allem um Dopingmittel wie Anabolika und Lifestylearzneimittel wie Diätpillen und eben Mittel gegen Erektionsstörungen. Nach einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO enthielten 60 Prozent der Fälschungen keinen Wirkstoff, 17 Prozent eine falsche Menge der Wirkstoffe und 16 Prozent gänzlich falsche, gesundheitsschädliche oder giftige Wirkstoffe.

Professor Harald G. Schweim vom Lehrstuhl für Drug Regulatory Affairs der Universität Bonn verweist auf Razzien, bei denen Tabletten gefunden worden sind, die selbst Fachleute nicht vom Original hätten unterscheiden können. Erst die chemische Analyse habe gezeigt, dass es sich bei einem gefälschten Entzündungshemmer um Borsäure handelte, eingefärbt mit gelber Straßenfarbe und mit Fußbodenwachs überzogen.

Die Hersteller steuern inzwischen dagegen. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Zahl der von Apotheken verkauften Packungen von Präparaten gegen Erektionsstörungen im Jahr 2009 um 8,9 Prozent auf 2,15 Millionen Packungen sank, hat Anbieter Bayer den Preis für die Viererpackung Levitra 10 mg, Filmtabletten zum 1. Mai dieses Jahres von 51,29 Euro auf 27,20 Euro gesenkt. Auch wenn es Levitra & Co nur auf Rezept gibt: Die Präparate gelten als Lifestylearzneimittel, die der Patient selbst zu zahlen hat.

Wer als Mann ein gefälschtes Potenzmittel schluckt, bei dem passiert im Zweifelsfall gar nichts - mal abgesehen vom weiter sinkenden Selbstvertrauen. Dabei gelten Erektionsstörungen inzwischen als klassische Zivilisationskrankheit, deren Häufigkeit mit zunehmendem Alter steigt: gut zwei Prozent der 20- bis 30-Jährigen bis hin zu jedem zweiten 70-Jährigen dürften in unterschiedlichem Ausmaß davon betroffen sein. Herzerkrankungen, Diabetes und Bluthochdruck erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Erektionsstörung.

Bis vor einigen Jahren ging man in der Mehrzahl der Fälle von psychischen Ursachen für die Erkrankung aus. Davon sind nach der Einführung neuer diagnostischer Methoden nur noch bis zu 30 Prozent übrig geblieben, wohingegen 50 bis 80 Prozent aller Erektionsstörungen jetzt organischen Ursachen und 20 Prozent Mischformen zugeschrieben werden. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Behandlungsmöglichkeiten, die von der Psychotherapie über Erektionshilfesysteme wie Vakuumpumpen bis hin zu operativen Therapien reichen. Vorwiegend wird mit Medikamenten behandelt, was jedoch nur dann möglich ist, wenn sich die glatte Muskulatur der Schwellkörper noch nicht zurückgebildet hat oder deren Gefäße noch nicht degeneriert sind.

ÖKO-TEST hat 19 Potenzmittel eingekauft: In Apotheken acht rezeptpflichtige Arzneimittel und zwei ergänzend bilanzierte Diäten gegen Erektionsstörungen, in Erotikshops neun Nahrungsergänzungsmittel, die eine Bereicherung des Liebeslebens versprechen. Bei den Arzneimitteln haben wir nach Wirksamkeits-, bei den anderen Produkten nach Nutzenbelegen gesucht. Zudem hat unser wissenschaftlicher Berater einen kritischen Blick auf die Deklaration geworfen.

Das Testergebnis

Hilfe gibt es nur auf Rezept: Während die Wirksamkeit der meisten rezeptpflichtigen Arzneimittel belegt ist, taugen die Präparate aus dem Sexshop bestenfalls als Gag, da es an Nutzenbelegen mangelt.

Bei Erektionsstörungen sind Viagra, Cialis und Levitra immer noch das Maß aller Dinge

Die Arzneimittel im Test sind alle rezeptpflichtig und zur Anwendung bei Männern vorgesehen. Die Wirkstoffe Sildenafil (Viagra), Tadalafil (Cialis) und Vardenafil (Levitra) zählen zur Gruppe der sogenannten PDE-5-Inhibitoren, von denen belegt ist, dass sie die Erektion fördern können. Sie hemmen ein Enzym, das den Penis wieder abschwellen lässt. Menschen, die gleichzeitig nitrathaltige Arzneimittel zur Vorbeugung von Brustenge (Angina pectoris) einnehmen, dürfen die Präparate nicht einnehmen, da die Kombination zu einem lebensbedrohlichen Blutdruckabfall führen kann.

Bei dem Wirkstoff Alprostadil handelt es sich um ein körpereigenes Prostaglandin. Dieser Botenstoff wirkt stark entspannend auf die glatte Muskulatur der Schwellkörper im Penis. In der Folge steigt dessen Durchblutung, er schwillt an und die Erektion nimmt ihren Lauf. Die Wirksamkeit gilt als belegt. Alprostadil muss allerdings vor Ort verabreicht werden: entweder per Spritze in die Schwellkörper oder per Applikator in die Harnröhre. Die Präparate bleiben daher für Männer reserviert, bei denen Tabletten unwirksam oder wegen Nebenwirkungen nicht angezeigt sind.

Yohimbin ist ein natürlicherweise in der Rinde des Yohimbebaumes vorkommendes Alkaloid, das in der Vergangenheit häufig als Aphrodisiakum verwendet wurde. In Tablettenform kommt Yohimbin in erster Linie bei Patienten mit leichten Erektionsstörungen zur Anwendung. Allerdings ist die Studienlage widersprüchlich, weshalb wir die Wirksamkeit der Präparate nur als teilweise belegt einstufen.

Rinderhoden essen für die Potenz ist wie Hirn essen, um schlauer zu werden - es funktioniert nicht

Die ergänzend bilanzierten Diäten eignen sich laut Anbieter zur Behandlung von Gefäßverengungen und Errektionsstörungen. Beide Produkte enthalten als maßgeblichen Inhaltsstoff die Aminosäure Arginin. Der Körper setzt aus Arginin Stickstoffmonoxid (NO) frei, das eine wesentliche Rolle bei der Blutdruckregulation spielt, indem es die Gefäße erweitert. Bislang liegen jedoch nur kleinere Studien vor, die zwar tendenziell positive Effekte bei leichten Erektionsstörungen zeigen, aber nach Auffassung unseres wissenschaftlichen Beraters die Wirksamkeit noch nicht belegen.

Die Nahrungsergänzungsmittel setzen auf anregendes Koffein aus Guarana und Colanüssen, verschiedene Pflanzenextrakte, Vitamine und Mineralstoffe und Rinderhodenextrakt. Die Versprechungen sind überaus blumig und reichen vom "Elixier zur Entfaltung Eurer Leidenschaft" (Sexotic, Tropfen) über die "belebende Unterstützung der Erotik" (Libovit Magnat Silver, Dragees) bis zum "Geheimnis des Spanischen Feuers: Gebratene Stierhoden" (Eumel-Bull-Kraft NE, Dragees). Nur: Nutzenbelege gibt es für all diese Aussagen nicht. Zudem ist fraglich, warum man seine Nahrung mit Rinderhoden ergänzen sollte - Hirn zu essen macht schließlich auch nicht schlauer.

Unter dem Ladentisch gab es Zweifelhaftes aus Estland: aphrodisierend wirkende Pflanzenauszüge

Wie so häufig wurden den Produkten Vitamine und Mineralstoffe mal wieder nach dem Gießkannenprinzip beigegeben. Bei drei Präparaten ist zudem die Deklaration zu bemängeln. Die Okasa NE, Dragees enthalten laut Zutatenliste Nicotinamid und Kupfersulfat, allerdings sind die Mengen in der Nährwertliste nicht angegeben. Eumel-Bull-Kraft NE, Dragees nennt einige Zusatzstoffe nicht mit ihrer Verkehrsbezeichnung, sondern mit unverständlichen Handelsnamen: So verbirgt sich hinter "Epikuron 100 P" die Zutat "Emulgator Sojalecithin", hinter "Aerosil 200 V" als Füllstoff oder Trennmittel verwendetes Siliciumdioxid. Ganz und gar zweifelhaft sind schließlich die viagrablau gefärbten Power Tabs Kapseln, die für unseren Einkäufer unterm Ladentisch hervorgeholt wurden. Das Präparat eines Anbieters aus Estland - so zumindest der Aufdruck auf der Verpackung - soll eine Reihe von Pflanzenextrakten enthalten, die im weitesten Sinne als Aphrodisiaka aus Ostasien bekannt sind.

So reagierten die Hersteller

Die Firma Joydivision/Eropharm distanzierte sich von unserem Test: "Unsere Produkte sind keine Potenzmittel!" Es handele sich lediglich um Nahrungsergänzungsmittel, welche fehlende Nahrungsbestandteile ergänzen, denen man aber keine potenzfördernden Eigenschaften zuspreche. Nur: Warum sollte man sonst ein "Elixier zur Entfaltung Eurer Leidenschaft" (Sexotic) oder "Liebes-Tropfen für Eure leidenschaftlichen Nächte" (Obsession Impulse) kaufen?



Spanische Fliege

Der Markt der Potenzmittel hat sich in den vergangenen Jahren gelichtet. Die Zulassungen für Präparate mit homöopathischen Extrakten aus Cantharis (Spanische Fliege), Potenzholz oder Damianablättern sind erloschen. Diese waren aus der Volksmedizin als Aphrodisiaka bekannt. Die Wirksamkeit war aber in klinischen Studien nicht nachgewiesen worden.

Hilfreiches Internet

Wer sich als Mann wegen seiner Erektionsstörungen nicht gleich an einen Arzt wenden will, kann beispielsweise unter www.impotenz-selbsthilfe.de hilfreiche Informationen einholen. Die übersichtlich gestaltete Seite erläutert Ursachen, Behandlung sowie Kosten und beschreibt Erfahrungen, wie Betroffene mit dem Problem umgehen können. www.urologenportal.de bietet einen Überblick über verschiedenste urologische Erkrankungen und ermöglicht die Schnellsuche eines Urologen nach Postleitzahlen.

Und für Frauen?

Das Pharmaunternehmen Boehringer-Ingelheim hat ein Präparat bis kurz vor die Zulassung gebracht, das gegen vermindertes sexuelles Verlangen der Frau vor den Wechseljahren helfen soll. Der ursprünglich als Antidepressivum entwickelte Wirkstoff Flibanserin scheint die Libido zu steigern, indem er verschiedene Botenstoffe im Gehirn beeinflusst. Hingegen wurde die Entwicklung des vor wenigen Jahren heiß diskutierten Stoffes PT-141 inzwischen ohne Angabe von Gründen eingestellt. Als Aphrodisiakum sollte die Substanz das sexuelle Verlangen im Gehirn stimulieren - sowohl bei Männern als auch bei Frauen.

Potent, aber schwerhörig

Die Einnahme von Potenzmitteln kann Schwerhörigkeit nach sich ziehen. Eine kürzlich veröffentlichte US-amerikanische Studie fand diesen Zusammenhang mit Viagra, nicht aber mit Levitra oder Cialis. In der Gebrauchsinformation von Viagra werden plötzliche Schwerhörigkeit oder Taubheit als seltene Nebenwirkung aufgeführt.



So haben wir getestet

Der Einkauf

Beim Einkauf sind wir den seriösen Weg gegangen, um von vornherein Produkte von zweifelhafter Herkunft auszuschließen. Daher haben wir auf den Versandhandel via Internet verzichtet. Die Arzneimittel und ergänzend bilanzierten Diäten stammen aus einer Apotheke vor Ort. Dann haben wir in Erotikshops geschaut, was hier zur Bereicherung des Liebeslebens angeboten wird. Heraus kam eine überschaubare Reihe von Nahrungsergänzungsmitteln in mehr oder weniger ansprechender wie anregender Aufmachung.

Die Begutachtung

Zur pharmakologischen Begutachtung der Arzneimittel hat unser wissenschaftlicher Berater, Professor Manfred Schubert-Zsilavecz, in medizinischen Datenbanken nach Studien gesucht, die für die Beurteilung der Wirksamkeit und Sicherheit relevant sind. Während Arzneimittel ein Zulassungsverfahren durchlaufen, müssen ergänzend bilanzierte Diäten und Nahrungsergänzungsmittel beim ersten Inverkehrbringen lediglich bei den zuständigen Behörden gemeldet werden. Um trotzdem prüfen zu können, auf welchem Fundament die ausgelobten Ansprüche stehen, haben wir die Anbieter gebeten, uns Nutzenbelege für ihre Produkte zuzuschicken. Für die Nahrungsergänzungsmittel war die Ausbeute null.

Inhaltsstoffe und Deklaration

Auf aufwendige - und teure - chemische Untersuchungen, beispielsweise auf Pestizide oder Schimmelpilzgifte in Produkten mit Zutaten pflanzlicher Herkunft, haben wir bewusst verzichtet. Denn Hilfe für das Liebesleben ist von solchen Produkten ohnehin nicht zu erwarten. Sie können in unserem Test also nicht besser als mit "mangelhaft" abschneiden. Daher erachten wir weitergehende Analysen für überflüssig. Per Deklaration haben wir bei Nahrungsergänzungsmitteln überprüft, ob die Mengen an zugesetzten Vitaminen und Mineralstoffen den Höchstmengenempfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung entsprechen - was oft genug nicht der Fall war.

Die Bewertung

Das vergebene Gesamturteil beruht bei den Arzneimitteln im Wesentlichen auf der pharmakologischen Begutachtung, da es an den Hilfsstoffen nichts zu kritisieren gibt. Bei den beiden anderen Produktkategorien tragen vor allem Nutzenbelege und Deklarationsmängel zum Testergebnis maßgebliche Inhaltsstoffe bei. Fehlende Nutzenbelege führen hier bereits zu einem "mangelhaft", Deklarationsmängel und erhöhte Mengen an Vitaminen und Mineralstoffen gar zu einem "ungenügend". Da fällt das Testergebnis Weitere Inhaltsstoffe, unter dem hier zugesetzter Alkohol oder ein problematischer Farbstoff zu Notenabzug führen, fast nicht ins Gewicht.