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Schweinehaltung: So unwürdig sind die Lebensbedingungen der Tiere

Magazin Oktober 2020: Endlich gut schlafen | Autor: Dr. Cornelie Jäger | Kategorie: Essen und Trinken | 24.10.2020

Die derzeitige konventionelle Schweinehaltung ist keinesfalls als artgerecht zu bezeichnen.
Foto: picture alliance/AGRAR-PRESS

Der Bundesrat hat im Juli 2020 dafür gestimmt, den Kastenstand abzuschaffen. Doch die beengenden Metallkäfige sind noch lange nicht aus den Ställen verschwunden. Die Übergangsfristen sind lang. Und die Schweinehaltung bleibt in den meisten Betrieben nach wie vor alles andere als tiergerecht.

  • Die Muttertiere der Mastschweine haben häufig viel zu wenig Platz. Sie können sich kaum bewegen, haben nichts zu tun und müssen in ihrem eigenen Kot und Harn liegen.
  • Die Sauen werden für die Fortpflanzung zeitweise alleine in Kastenständen gehalten – und das, obwohl Schweine gesellige Tiere sind.
  • Schon lange ist bekannt, dass in der Schweinehaltung Verbesserungen her müssen. Doch die Politik hat sich darauf verständigt, die bisherigen unzulässigen Verhältnisse für die kommenden acht Jahre zu legalisieren.

Aktualisiert am 28.10.2020 | Schweine sind gesellige, neugierige und reinliche Tiere. Wenn sie sich natürlich verhalten dürfen, verbringen sie viel Zeit damit, Futter zu suchen und zu schlafen. Die industrialisierte Schweinehaltung bietet den cleveren Tieren aber meist nur geschlitzte Beton- oder Kunststoffböden als Lebensraum. Dazu kurze, eilige Mahlzeiten, wenig Platz und kaum Beschäftigung.

Werden Schweine so gehalten, wirkt sich das gravierend auf ihr Wohlbefinden aus. Dennoch ist es rechtlich zulässig. Für öffentliche Diskussionen sorgte jüngst vor allem die Unterbringung der Muttertiere, der Sauen. Sie "produzieren" die Ferkel, die dann als Mastschweine für uns Fleisch liefern sollen. Wie viel Platz und Bewegungsfreiheit stehen den Sauen zu? Die juristische Auseinandersetzung um diese Frage reicht Jahre zurück.

Schweinehaltung: Wie viel Platz steht Sauen zu? 

Kastenstände sind für Sauen häufig zu eng – das entschied bereits 2015 das Oberverwaltungsgericht des Landes Sachsen- Anhalt in Magdeburg. Die üblichen Breiten von 65 und 70 Zentimetern reichen nicht aus, urteilte das Gericht. Denn: Laut der einschlägigen Rechtsgrundlage, der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, müssen Sauen in Kastenständen beim Liegen jederzeit die Beine ausstrecken können.

Da die Muttertiere aber häufig Schulterhöhen von 90 Zentimeter und mehr haben, müssen sie ihre Beine beim Liegen zwangsläufig anwinkeln oder unter den Metallstäben hindurch in den Liegebereich der benachbarten Sau strecken. Diese Praxis – von Behörden jahrelang akzeptiert – ist laut dem Magdeburger Urteil unzulässig.

Schweinehaltung: Das Foto zeigt ein Muttertier in einem Kastenstand.
Schweinehaltung: Das Foto zeigt ein Muttertier in einem Kastenstand. (Foto: PETA Deutschland e.V.)

Darum werden gesellige Sauen einzeln gehalten 

Doch weshalb werden die geselligen Sauen eigentlich einzeln gehalten? Zulässig ist das momentan in zwei Phasen der Fortpflanzung: zunächst während der Besamung und in den anschließenden vier Wochen.

Einzeln gehaltene Tiere lassen sich leichter besamen. Außerdem will man so Rangkämpfe zwischen den Sauen vermeiden, die die frühe Trächtigkeit gefährden könnten. In dieser Phase werden die Tiere üblicherweise nebeneinander aufgereiht in Kastenständen gehalten. Anschließend leben sie in Gruppen.

Eine Woche vor dem Geburtstermin der Ferkel trennen die Tierhalter die Sauen wieder und sperren sie erneut einzeln in einen speziellen Kastenstand innerhalb der Abferkelbuchten, den sogenannten Ferkelschutzkorb. Diese käfigartige Konstruktion soll bewirken, dass die Muttertiere ihre Jungen zwar säugen können, sie beim Hinlegen aber nicht erdrücken.

Nach Geburt in Ferkelschutzkörben eingepfercht 

Meistens bleiben die Sauen ungefähr einen Monat lang in die Ferkelschutzkörbe eingepfercht, bis die Ferkel nach drei bis vier Wochen Säugezeit vom Muttertier getrennt werden. Im Anschluss daran wird die Sau so bald wie möglich wieder besamt.

Hauptsächlich im Bio-Bereich gibt es Ausnahmen von der wochenlangen Fixierung im Ferkelschutzkorb. Dort dürfen die Sauen nur für einige Tage rund um die Geburt eingesperrt werden.

Experten kritisieren Schweinhaltung seit langem 

Beide Formen der Einzelhaltung, Kastenstände und Ferkelschutzkörbe, kritisieren Tierärzte und andere Experten seit Langem aus tierschutzfachlicher Sicht – vor allem weil die Sauen während der monatelangen Einzelhaltung wichtige natürliche Verhaltensweisen nicht ausleben können.

Sie können sich kaum bewegen, nicht drehen, dürfen kein Nest für ihre Ferkel bauen und können sie kaum aktiv unterstützen. Und sie müssen in ihrem eigenen Kot und Harn liegen. Für Schweine ist das belastend, weil sie Exkremente – wenn sie können – an gesonderten Plätzen absetzen, nicht im Liegebereich. Darüber hinaus führt es zu einer ganzen Reihe von hygienischen und gesundheitlichen Problemen bei den Tieren.

Schweine sind gesellige, neugierige und reinliche Tiere.
Schweine sind gesellige, neugierige und reinliche Tiere. (Foto: Julia Lototskaya/Shutterstock)

Ist die Schweinehaltung mit Tierschutz vereinbar? 

Nach dem Urteil von Magdeburg war klar: Verbesserungen müssen her. Der Bundesratsbeschluss vom Juli 2020 verspricht zwar die Abschaffung der Kastenstände. Aber im Klartext hat sich die Politik darauf verständigt, die bisherigen unzulässigen Verhältnisse für die kommenden acht Jahre zu legalisieren.

Ganze 15 Jahre soll es zudem noch dauern, bis die Muttertiere bei den Geburten nur noch für maximal fünf Tage fixiert werden dürfen. Ob eine solche Verschlechterung der rechtlichen Situation mit dem Staatsziel Tierschutz im Grundgesetz in Einklang steht, kann bezweifelt werden.

Nachdem die Rechtsverstöße und der dringende Verbesserungsbedarf bei der Einzelhaltung von Sauen seit Jahren bekannt sind, lässt sich kaum erklären, dass jetzt derart lange Übergangszeiten für den Umbau der Ställe eingeräumt werden.

Auch Mastschweine haben zu wenig Platz 

Und die Mastschweine? Auch ihnen gesteht die konventionelle Haltung kaum Platz zu. Für ein Tier mit bis zu 50 Kilogramm Gewicht sind es nur 0,5 Quadratmeter. Wiegt es 110 Kilogramm, sind es lediglich 0,75 Quadratmeter.

Die Folge: Auch diesen Schweinen ist es nicht möglich zu trennen zwischen ihrem Ruhebereich, ihrer Aktivitätszone und ihrer "Toilette". Hinzu kommt, dass diese intelligenten und lebhaften Tiere nahezu nichts zu tun haben. Und das bisschen Beschäftigungsmaterial, das das Gesetz vorschreibt, wird schnell langweilig.

Kein Wunder, dass sie sich mit dem abgeben, was in ihrer kargen Umgebung reagiert, nämlich die Schwänze, Ohren und Flanken der Artgenossen. Das Schwanzbeißen und andere Verhaltensstörungen bis hin zum Kannibalismus haben viele Auslöser. Die fehlende Möglichkeit, das schweine-typische Erkunden, Suchen und Wühlen auszuleben, gehört dazu. Der Weg zu einer flächendeckenden Haltung mit echtem Wohlbefinden für die Schweine ist also noch sehr weit.

Eine Alternative zur konventionellen Haltung: mehr Bewegungsfreiheit für die Sauen – und ein Boden mit Stroh statt blankem Metall.
Eine Alternative zur konventionellen Haltung: mehr Bewegungsfreiheit für die Sauen – und ein Boden mit Stroh statt blankem Metall. (Foto: Dr. Cornelie Jäger)

So geht es besser: Freies Abferkeln 

Es geht auch anders: Auf dem Hof von Familie Österle in Obermarchtal bei Ulm leben 220 Sauen und es kommen pro Jahr mehr als 6.000 Ferkel zur Welt. Die Muttertiere sind weder bei den Geburten noch beim Säugen fixiert. Rund um das Besamen wird ihre Bewegungsfreiheit nur für wenige Tage eingeschränkt.

Die Österle GbR ist Mitglied im Verband Neuland e. V., der eine besonders artgerechte Tierhaltung verlangt. Jede der circa 9 Quadratmeter großen Abferkelbuchten (siehe Foto oben) ist klar gegliedert und besteht aus dem Liegebereich für das Muttertier, einem beheizbaren, höhlenartigen Ferkelnest und einer abgetrennten Zone, in der die Tiere Kot und Harn absetzen. Die Gestaltung und Aufteilung der Buchten bewirken, dass selten Ferkel erdrückt werden.

Die Jungtiere verkauft Familie Österle an Mäster, die die Marke "Hofglück" der Edeka Südwest beliefern und zum Labelprogramm des Deutschen Tierschutzbundes e. V. oder ebenfalls zu Neuland gehören. Vom Ertrag des Hofs können zwei Familien leben.

Fakten zur Schweinehaltung 

  • In Deutschland werden zeitgleich knapp 26 Millionen Schweine gehalten. Im Verlauf eines Jahres sind es deutlich mehr, weil die meisten Tiere nur wenige Monate leben. 1,8 Millionen Schweine sind Muttertiere (Sauen). Alle anderen sind Ferkel und Mastschweine oder gehören zu den 18.000 Ebern, die zu Zuchtzwecken gehalten werden. Nur knapp 1 Prozent der Schweine lebt auf Bio-Höfen.

  • Aus wirtschaftlichen Gründen sollen Muttersauen pro Jahr mehr als zwei Trächtigkeiten (im Durchschnitt 2,4) durchleben und fast 30 Ferkel aufziehen. Nach etwa fünf bis sechs Geburten werden sie geschlachtet, weil ihre Gesundheit und ihre Fruchtbarkeit nachlassen.

  • Jedes Jahr werden in Deutschland fast 60 Millionen Schweine geschlachtet. Mastschweine werden circa sechs Monate alt und erreichen ein Gewicht von 110 bis 120 kg. Die natürliche Lebenserwartung von Schweinen liegt bei etwa acht bis zehn Jahren.

  • Pro Kopf werden in Deutschland im Jahr rund 35 Kilogramm Schweinefleisch gegessen. Das ist mehr als die Hälfte des jährlichen Fleischwarenverzehrs.

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