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Babynahrung: Viele Produkte sind zu süß, zu salzig und völlig unnötig

Magazin August: Tofu | Autor: Sarah Weik | Kategorie: Kinder und Familie | 21.08.2022

Babynahrung: Viele Produkte sind zu süß, zu salzig und völlig unnötig
Foto: Tatevosian Yana/Shutterstock

Das Angebot an Babynahrung ist riesig. Doch viele Produkte gehen am Bedarf von Babys und kleinen Kindern komplett vorbei. Wir haben uns die Deklarationen der Produkte angesehen und zeigen, welche nicht ideal sind – und wie man ihnen auf die Schliche kommt.

Die Regale sind prall gefüllt – mit Gläschen und Pulverbreien, Riegeln, Quetschies und Knabberzeug. Es gibt Tees, Säfte und sogar Wasser ganz speziell für Babys. Per Gesetz ist streng geregelt, was in diese Produkte darf und was nicht.

Doch das lässt durchaus Spielraum, den die Hersteller von Babynahrung oft genug ausreizen. "Sie orientieren sich dabei auch am Geschmack der Eltern und setzen Salz oder Aromen zu, wo es gar nicht sein müsste", sagt Maria Flothkötter vom Netzwerk Gesund ins Leben.

So kommen Gläschen mit "Babylasagne" oder "Schinkennudeln" zustande. "Das klingt lecker – als Beikost sind diese Produkte jedoch alles andere als ideal."

Frisches Obst kann durch keine Fertigprodukte ersetzt werden.
Frisches Obst kann durch keine Fertigprodukte ersetzt werden. (Foto: beeboys/Shutterstock)

Babynahrung steckt oft voller Fruchtzucker

Von der hübschen Vorderseite mit ihren Werbesprüchen sollten Eltern sich also nicht blenden lassen. "Ich kann Eltern nur empfehlen, die Zutatenliste und Nährwerttabelle auf der Rückseite der Produkte genau zu lesen", sagt Berthold Koletzko, Professor für Kindermedizin am Klinikum der Ludwig- Maximilian-Universität in München und Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderund Jugendmedizin (DGKJ).

Denn hier zeigt sich, dass auch Produkte "ohne Zuckerzusatz" oder mit einer "Süße nur aus Früchten" einen enorm hohen Zuckergehalt haben können. Und Fruchtzucker ist keineswegs besser.

"Eine sehr hohe Zufuhr ist für Kinder sogar noch ungesünder als Haushaltszucker, weil sie stark die Lipidablagerung in der Leber fördert", sagt Koletzko. Zudem fördert er Übergewicht sowie Diabetes und schädigt die Zähne.

Wasser ist für Babys der beste Durstlöscher

Auch in Getränken hat Zucker nichts verloren. Selbst verdünnte Fruchtsaftschorlen sollten eine Ausnahme bleiben. Wasser ist immer noch der beste Durstlöscher – wobei kein Baby hier in Deutschland spezielles Babywasser braucht.

Immerhin: Seit 2020 ist es Herstellern verboten, Tees für Babys mit Zucker oder anderen Zutaten zu süßen. "Ein positiver Schritt", sagt Koletzko dazu, "aber noch lange nicht ausreichend."

Ginge es nach ihm, sollten noch viel mehr Produkte aus den Regalen für Babynahrung verschwinden. Wir haben uns in Drogerien und Supermärkten umgeschaut und einige Produkte gefunden, die am Bedarf von Babys im Beikostalter völlig vorbeigehen.

Achtung Zuckerschock: Im Fruchtbar-Quetschie stecken mehr als sechs Würfelzucker. Die Fruchtschnitte von dm besteht zu mehr als der Hälfte aus Zucker.
Achtung Zuckerschock: Im Fruchtbar-Quetschie stecken mehr als sechs Würfelzucker. Die Fruchtschnitte von dm besteht zu mehr als der Hälfte aus Zucker. (Foto: ÖKO-TEST)

Quetschies sind weder gesund noch nachhaltig

Fröhliche Früchte auf der Verpackung, ganz "ohne Zuckerzusatz": Quetschies wollen sich als gesunde Zwischenmahlzeit verkaufen. Oft werden besonders süße Früchte verwendet, um das Quetschobst extra zuckrig zu machen.

So kommt der Quetschie Fruchtbar Kirsche Banane auf 16 Gramm Zucker pro 100 Gramm. In dem Plastikbeutel verstecken sich also umgerechnet über sechs Würfelzucker. Und die werden dann genüsslich leer genuckelt, denn der Hinweis, den Inhalt besser löffelweise zu verfüttern, fehlt bei den meisten Produkten.

Manche nennen ihr Produkt auch gleich "Trink-Obst". So umspült der süßsaure Brei direkt die Zähne und greift sie an. Das vernichtende Urteil von Ernährungsexperte Berthold Koletzko: "Viel zu süß, schrecklich zusammengesetzt, ernährungsphysiologisch unsinnig und überhaupt nicht nachhaltig. Ich kann allen Eltern nur raten, keine Quetschies zu kaufen."

>>Weiterlesen: Obstbrei gegen Quetschie: Warum Babygläschen die bessere Wahl sind.

Besser auf frisches Obst setzen 

Mit den Vitaminen und Ballaststoffen von frischem Obst können die Quetschies nicht mithalten. Zudem trainiert Obst den Geschmack, die Sprech- und Kaumuskulatur. Mit ihm können Kinder Konsistenzen entdecken, sabbern und matschen.

All diese Sinneserfahrungen fehlen bei Quetschies. Dafür sind sie teurer und verursachen enorm viel Müll. Da hilft auch die "Upcycling- Garantie" von Fruchtbar nichts. Wer 50 leere Beutel zurückschickt, bekommt hier eine Quetschbeuteltasche. 50! Die Zuckermenge, die darin steckt, rechnen wir lieber gar nicht erst aus.

Auch Obstriegel sind Zuckerbomben

Würden Sie Ihrem Einjährigen einen Kinderriegel geben? So als idealen "kleinen Snack für unterwegs und zwischendurch"? Nein? Dann sollten Sie auch einen großen Bogen um Obstriegel machen. Denn diese sind nicht unbedingt weniger süß.

So enthält die Fruchtschnitte Apfel Banane von Dm Bio 53 (!) Gramm Zucker pro 100 Gramm. Mehr als die Hälfte des Riegels besteht also daraus. Mit der "Süße nur aus Früchten" hat er also fast genauso viel Zucker wie ein Kinderriegel. Eine "Zuckerfalle", urteilte die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein deshalb auch 2018. Viele Babykekse, die deutlich verdächtiger wirken, haben oft sogar nur die Hälfte an Zucker.

Von anderen Herstellern gibt es durchaus auch Obstriegel, die weniger süß sind. Hier ist dann oft der Getreide- und Gemüseanteil deutlich höher. Das macht aus ihnen zwar keinen "gesunden" Snack – aber immerhin gibt es hier noch Ballaststoffe dazu.

Weitere Zuckerfallen: Die Alete-Früchtedrops und der Milchreis von Bebivita.
Weitere Zuckerfallen: Die Alete-Früchtedrops und der Milchreis von Bebivita. (Foto: ÖKO-TEST)

Mehr Zucker in Früchtedrops als in Gummibärchen

Alete bewusst – so heißt Alete seit 2020. Weil sich der Hersteller laut Website für bewusste Ernährung einsetzt – und für natürliche Snacks. Mit "wahren Zucker-Bomben" will Alete Schluss machen und stattdessen auf Snacks setzen, bei denen es "vollkommen in Ordnung" sei, "wenn Dein Kind beherzt zugreift."

Ob sie damit auch die Alete bewusst Obsties, kleine Früchtedrops mit Erdbeere, Banane und Joghurt, meinen? Sie bestehen unter anderem aus Apfelpüreekonzentrat und Apfelsaftkonzentrat, Schwarzkarottensaftkonzentrat und Erdbeerpüree – und einem Zuckeranteil von 71,8 Prozent. Selbst Gummibärchen haben deutlich weniger!

Der Hersteller rechnet den Zuckeranteil dann noch schön, indem er ihn pro Portion angibt und so auf 4,3 Gramm kommt. Eine Portion sind demnach sechs Gramm, etwa eine halbe Erdbeere.

Viele Babybreie sind extrem zuckerhaltig

Selbst wer fruchtige Snacks meidet, ist vor Zuckerfallen nicht sicher. "Es gibt eine Vielzahl an Babybreien, die extrem reich an Zucker sind", betont Berthold Koletzko. Besonders auffällig dabei: der Milchbrei, der oft als "Gute-Nacht-Brei" gelabelt wird.

Klar ist: Durch das Milchpulver kommt auch Milchzucker in das Pulver. "Das erklärt aber nicht die hohen Gesamtmengen", sagt Koletzko. So kommt der Abendbrei Milchreis Apfel von Bebivita auf 39,2 Gramm Zucker pro 100 Gramm Pulver. Selbst wenn man bedenkt, dass das Produkt nur noch mit Wasser zubereitet wird, bleibt das eine Menge. Milchbrei, der fertig zubereitet im Gläschen wartet, hat oft weniger Zucker.

Kinder möglichst spät an Schokolade gewöhnen

Ganz abgesehen vom Zucker: Einen Milchbrei Schoko oder Stracciatella "mit feinen Schokostückchen", wie ihn etwa Milupa anbietet, braucht ein Baby sicher nicht. Im Gegenteil. "Je später Kinder bei Schokolade auf den Geschmack kommen, desto besser", sagt die Ökotrophologin Maria Flothkötter.

Der Abendbrei von Alete enthält nur wenig Getreide, in den Babydream-Schinkennudeln steckt wiederum zu viel Salz.
Der Abendbrei von Alete enthält nur wenig Getreide, in den Babydream-Schinkennudeln steckt wiederum zu viel Salz. (Foto: ÖKO-TEST)

Wo ist das Getreide im Getreidebrei?

In einem Getreidebrei ist Getreide drin. Klingt logisch. Bei den Produkten in unserem Getreidebrei-Test trifft das auch zu. Kein Zucker, keine Zusatzstoffe außer dem gesetzlich vorgeschriebenen Vitamin B1 – reines Getreide eben. Beim Fertigbrei im Gläschen ist das allerdings nicht selbstverständlich. Der Abendbrei Getreidebrei Banane-Kakao von Alete bewusst enthält gerade einmal fünf Prozent Hartweizen gries.

Freche Freunde etwa bleibt da bei seinen Produkten lieber im Ungefähren und weist eher dezent darauf hin, dass der Abendbrei Apfel, Blaubeere "mit Hafer" ist. Aber auch er wird als Abendbrei bezeichnet und als vollwertige Mahlzeit verkauft. Dabei enthält er gerade einmal 2,5 Prozent Hafer und sonst nur Fruchtpüree. "Eine vollwertige Mahlzeit ist das auf keinen Fall", sagt Flothkötter.

Zur Orientierung: Das klassische Rezept für einen Milch-Getreide-Brei geht von zehn Prozent Getreide aus – am besten Vollkorn.

Experten raten von zugesetztem Salz in Babynahrung ab

"Kinder im Beikostalter brauchen kein zusätzliches Salz", sagt der Kindermediziner Koletzko. Bereits über die Muttermilch oder Ersatznahrung nehmen sie eine ausreichende Menge auf. Zudem enthalten viele Lebensmittel von Natur aus Salz.

Die Ernährungskommission der DGKJ empfiehlt: "Bei der Herstellung von Beikost sollte auf den Zusatz von Salz und Zucker verzichtet werden, um eine entsprechende Prägung des kindlichen Geschmacks zu vermeiden."

Zu viel Salz kann die Nieren belasten

Viele Hersteller folgen dieser Empfehlung. Einige, wie Alnatura, Dm Bio oder Babylove, verzichten auch nach dem zwölften Monat auf Salz in ihren Gemüsegläschen. Andere geben bereits in Produkte "ab dem achten Monat" Salz hinzu. So ist bei den Schinkennudeln mit Gemüse von Babydream 0,35 Gramm Salz pro 100 Gramm enthalten – 0,77 Gramm pro Gläschen.

Das klingt erst mal nicht viel. Wenn man bedenkt, dass der Referenzwert der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für Kinder unter einem Jahr bei umgerechnet 0,5 Gramm Kochsalz am Tag liegt, ist das doch eine ordentliche Menge. "Das prägt die Kinder früh auf Salziges und kann die Nieren belasten", gibt Flothkötter zu bedenken. 

Tipps für den Kauf von Babynahrung 

Überfordert von übervollen Regalen? Hier die wichtigsten Tipps für den Kauf von Babynahrung:

  • Umdrehen: Mit der Vorderseite werden Produkte verkauft, die wichtigen Infos stehen hinten in der Zutatenliste und in der Nährwerttabelle.
  • Vergleichen: Wer die klassischen Rezepte für die drei empfohlenen Breimahlzeiten kennt, kann vergleichen: Sind alle drei Komponenten vorhanden, so etwa in den gleichen Mengenangaben?
  • Weniger ist mehr: Je weniger Zutaten ein Produkt auflistet, desto besser. Das gilt auch für den Gemüsebrei: Lieber mehrmals wöchentlich wechseln, als zig Gemüse sorten auf einmal füttern.
  • Auf versteckten Zucker achten: "Süße nur aus Früchten" klingt zwar gesund. Doch auch bei Fruchtzucker gilt: Ein Zuviel ist schädlich.
  • Snacks vermeiden: Kinder im Beikostalter brauchen weder Quetschies noch Kekse und sollten sowieso nicht ständig irgendetwas snacken. Wenn, dann lieber zu purem Obst greifen mit all den Vitaminen und Ballaststoffen oder mal zu einer Dinkelstange.

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