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16 Kindergeschirre im Test

Ratgeber Kleinkinder 2016
vom 08.09.2016

Kindergeschirr

Pseudo-Öko

Die meisten Plastikteller und -tassen für Kinder sind - außer bei großer Hitze - unbedenklich. Hellhörig sollte man bei vermeintlichem Bambusgeschirr werden, denn es ist zumindest nicht so natürlich, wie die Hersteller der Testprodukte behaupten.

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08.09.2016 | Bums, zack, kaboing: Es kann ordentlich scheppern, wenn die Kleinen die Schwerkraft in der Küche erkunden. Das Sonntagsporzellan steht dann besser außer Reichweite. Wie gut, dass es für die ersten Wurf- und Freifallexperimente robustes Plastikgeschirr gibt.

Gefertigt wird die Ware überwiegend aus Melaminkunstharz. Weil der Kunststoff besonders hart und bruchfest ist, steckt er auch in Kaffeebechern, Suppenschüsseln und Pfannenwendern. Problematisch sind seine Grundstoffe: Die EU stuft Formaldehyd als krebsverdächtig ein. Melamin bildet der EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) zufolge Kristalle im Urin, welche die Nieren lebensbedrohlich schädigen können.

Im Kunstharz gebunden, sind die beiden Stoffe unbedenklich. Doch durchs Braten, Kochen und durch heiße Speisen können laut Bundesamt für Risikobewertung gesundheitskritische Mengen in Essen und Getränke übergehen. Deshalb gibt die Kunststoff-Verordnung rigide Höchstwerte dafür vor, wie viel Melamin und Formaldehyd sich unter Hitze aus Produkten lösen darf.

Zudem knüpft die EU die Einfuhr von Melamin- und Polyamidartikeln aus China seit 2011 an strenge Sonderauflagen. Nicht ohne Grund: Das EU-Schnellwarnsystem alarmierte zuvor immer öfter über Plastikküchenartikel aus dem Reich der Mitte. Sie sonderten Formaldehyd und aromatische Amine ab, von denen einige krebserregend sind.

Eine Alternative sind Bio-Kunststoffe. Darunter fallen Materialmixe aus nachwachsenden Rohstoffen, etwa Bambus und Maismehl, die mitunter biologisch abbaubar sind. So gibt es Schüsseln, Teller, Tassen und auch Kindergeschirr aus Pflanzenfasern. Viele Eltern sind angetan und loben das Geschirr. Unter einem Bambustrinkbecher der Marke Biobu schreibt "Mami von Lisa" im Internet: "Da wir vor allem in der Küche Zubehör aus Melamin meiden, bin ich von diesem Material begeistert. Es ist umweltfreundlich kompostierbar und gesundheitlich unbedenklich im Gegensatz zu Kunststoff."

Wie viel Bio im Bio-Kunststoff steckt, schwankt allerdings. Zum einen gelingt bisher nur wenigen Forschern und Firmen der komplette Verzicht auf synthetischen Kunststoff; Hersteller vermischen Bambusfasern und Stärkepulver in der Regel noch mit Anteilen an Melaminharz oder Polylactat, um dem Material beständige Form und Festigkeit zu geben. Zum anderen sind Bio-Kunststoffe laut einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamts, die Verpackungsmaterial untersucht, gesamtökologisch bisher nicht unbedingt besser als reguläre Kunststoffe. Ihre Öko-Bilanz ist zwar bei der Treibhausgasemission und beim Ressourcenverbrauch oft vorteilhafter als die von regulärem Plastik. Doch sorge ihre Produktionskette eher für eine Versauerung und einen Anstieg der Nährstoffzufuhr in Wasser und Böden. Und eine praktikable Kompostierbarkeit erreicht bisher kaum eines der Materialien.

Das bloße Auge erkennt Kunstharze in den oft matten, leicht rauen Oberflächen der Öko-Küchenhelfer nicht. Das wird dann zum Problem, wenn Anbieter die Plastikanteile nicht ausweisen und so mit

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So haben wir getestet

Der Einkauf

Wir haben Kindergeschirr von 16 Anbietern eingekauft. Der Test berücksichtigt zum einen abgepackte Sets. Zum anderen haben wir aus Tassen, Tellern und Schalen handelsüblicher Serien Kombinationen zusammengestellt - so wie es Kunden im Geschäft tun würden. Darunter Geschirr bekannter Spielzeugmarken, Ware aus Möbelhäusern und Öko-Produkte der gehobenen Preisklasse. Das teuerste Geschirrset kostete 29,95 Euro, für die preiswertesten Ess- und Trinkhilfen zahlten unsere Einkäufer 1,99 Euro.

Die Inhaltsstoffe
Die getesteten Kindergeschirrsets bestehen überwiegend aus Kunststoffen wie Melaminharz und Polypropylen. Weil die Plastikprodukte für den mehrfachen Gebrauch mit Lebensmitteln gedacht sind, gelten eine ganze Reihe gesetzlicher Vorgaben und Grenzwerte. So prüften die Labore, ob sich aus den Produkten Melamin, krebsverdächtiges Formaldehyd oder das hormonell wirksame Bisphenol A löst. Öko-Produkte, die vorgeblich aus Bambus bestehen sollen, unterzogen wir einem besonderen Härtetest: Um abzuschätzen, ob sie tatsächlich nur aus natürlichen Rohstoffen bestehen, lösten wir sie in verdünnter Salzsäure auf und wogen den Holzfaserrückstand. Ein Herauslösen von möglichen Kunststoffbestandteilen provozierten wir, in dem wir sie in Essigsäure kochten. Jedes Geschirrset durchlief zudem ein umfangreiches Materialscreening auf Schadstoffe, außerdem auf giftige Schwermetalle, PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen sowie krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe.

Die Bewertung
Kinderprodukte zur Nahrungsaufnahme dürfen die Gesundheit in keiner Weise gefährden. Wir werten deshalb rigoros ab, wenn sich in ihnen kritische Mengen bedenklicher Inhaltsstoffe finden - vor allem dann, wenn ihre Konzentration gesetzliche Vorgaben überschreitet. Notenabzug gibt es zudem, wenn Anbieter ihre Produkte irreführend kennzeichnen und bewerben.

So haben wir getestet

Hitzetest im Trockenschrank: Aus einem Geschirrset sonderte sich zu viel Formaldehyd in heiße Flüssigkeit ab.