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Vierte Corona-Impfung: Wer braucht den zweiten Booster und wann?

Autor: Lena Pritzl (mit Material von dpa) | Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 17.06.2022

Eine Impfung schützt vor schweren Erkrankungen durch das Coronavirus. Ist bald eine zweite Auffrischung und damit eine vierte Impfung nötig?
Foto: Shutterstock / Michael Bihlmayer

Die Omikron-Variante BA.5 treibt die Infektionszahlen wieder nach oben, längst wird die vierte Corona-Impfung angeboten. Bundesgesundheitsminister Lauterbach wirbt für die vierte Impfung, auch die STIKO hat eine Empfehlung herausgegeben. Ändert die neue Omikron-Variante daran etwas? Wir geben einen Überblick, was zur zweiten Booster-Impfung bekannt ist und wer die vierte Impfdosis wann erhalten soll.

Vergangenes Jahr hatten viele Menschen noch gehofft, dass die Corona-Pandemie durch die Impfung zügig besiegt werden kann. Schnell war klar: Eine Grundimmunisierung reicht nicht aus, es braucht eine Auffrischimpfung gegen Corona. Die dritte Impfung oder Booster-Impfung haben inzwischen 49,8 Millionen Menschen in Deutschland erhalten, das entspricht einem Bevölkerungsanteil von knapp 59,8 Prozent (Stand 17. Juni 2022).

Während die Infektionszahlen im Frühjahr zunächst sanken, treibt die neue Omikron-Variante BA.5 die Corona-Infektionen nun wieder in die Höhe. Ist die Booster-Booster-Impfung, also eine vierte Impfung gegen Corona die Lösung? Die Stiko hat ihre Empfehlung bislang nicht angepasst. Wir klären, was Sie zur vierten Impfung wissen sollten.

4. Impfung gegen Corona: Wer braucht den Booster-Booster?

Die Auffrischimpfung – in der Regel die dritte Impfung – wird in Deutschland für alle Erwachsenen sowie Jugendliche über zwölf Jahren ab drei Monaten nach der Grundimmunisierung empfohlen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt den Impfbooster für einen verbesserten Schutz vor schweren, durch Omikron hervorgerufenen Erkrankungen und für eine verminderte Übertragung der Virusvariante.

Wie die STIKO erklärte, nehme der Impfschutz gegen Corona nach drei bis vier Monaten signifikant ab. Nach einer Auffrischimpfung steige die Schutzwirkung vor einer symptomatischen Infektion mit der Omikron-Variante jedoch wieder deutlich an. Das Gremium geht davon aus, dass auch der Schutz vor schweren Verläufen zunehme.

Doch wie lange hält der Impfschutz mit drei Impfungen an? Ist nach einiger Zeit ein Booster-Booster und damit eine vierte Impfdosis notwendig?

Die STIKO hat am 03. Februar 2022 eine Empfehlung für die zweite Auffrischimpfung, also für die vierte Corona-Impfung, veröffentlicht und zuletzt am 24. Mai aktualisiert. Demnach spricht sich die Ständige Impfkommissionfür eine zweite Corona-Auffrischimpfung für gesundheitlich besonders gefährdete und exponierte Gruppen aus.

Die zweite Booster-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff sollen nach Empfehlung der STIKO Menschen ab 70 Jahren, Menschen in Pflegeeinrichtungen, Menschen mit Immunschwäche (bereits alle Personen ab 5 Jahren) sowie Beschäftigte in medizinischen und Pflegeeinrichtungen bekommen, um das Immunsystem nochmals gegen das Coronavirus zu stärken.

Bei gesundheitlicher Gefährdung rät die Stiko, die zweite Auffrischung frühestens drei Monate nach der ersten vorzunehmen. Bei Gesundheits- und Pflegepersonal soll es mindestens ein halbes Jahr Abstand sein. In begründeten Einzelfällen kann die zweite Auffrischimpfung laut Stiko auch bereits nach frühestens drei Monaten erwogen werden.

Bislang hat nur etwa sechs Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine vierte Impfung bekommen.

Eine Auffrischimpfung gegen das Coronavirus wird empfohlen, ob auch eine vierte Impfung sinnvoll ist, ist noch nicht abschließend geklärt.
Eine Auffrischimpfung gegen das Coronavirus wird empfohlen, ob auch eine vierte Impfung sinnvoll ist, ist noch nicht abschließend geklärt. (Foto: Shutterstock / Lookerstudio)

Karl Lauterbach wirbt für 4. Impfung für alle

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) schätzt die Lage anders ein und wirbt für die erneute Auffrischimpfung für alle. Dem ZDF sagte er: "Diejenigen, die den Sommer für sich selbst absichern wollen - da ist eine vierte Impfung auf jeden Fall eine gute Investition, weil sie wird für einige Monate das Risiko, sich zu infizieren reduzieren und vor schweren Verläufen schützen."

Lauterbach kam bereits im März zu einer anderen Einschätzung als die Stiko und warb für eine vierte Corona-Impfung schon für ab 60-Jährige. Er berief sich auf israelische Daten. 

Israelische Studie: Vierte Impfung ausreichend gegen Omikron?

Mitte März erschienen Daten zu mehr als 560.000 Menschen zwischen 60 und 100 Jahren, die teils nur dreimal, teils bereits ein viertes Mal geimpft wurden. Bislang liegen die Daten als Preprint vor – also noch ohne die bei Studien übliche externe Begutachtung. Das vorläufige Ergebnis: Die Sterblichkeit durch Covid-19 sei in der vierfach geimpften Gruppe um 78 Prozent verringert gewesen, verglichen mit der Gruppe der nur Geboosterten

Der Bundesgesundheitsminister berief sich bei seiner Impfempfehlung auf diese Daten. Ein genauerer Blick in die Daten zeigt jedoch: Die Unterschiede zwischen den verglichenen zwei Gruppen aus drei- beziehungsweise vierfach Geimpften seien minimal, wie der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Reinhold Förster, sagte: "Beide Gruppen haben bei Omikron ein sehr geringes Sterberisiko durch Covid-19."

Die Angaben zur verringerten Sterblichkeit basierten daher auf relativ kleinen absoluten Zahlen. Bei den 60- bis 69-Jährigen zum Beispiel starben laut Preprint fünf der rund 111.800 vierfach Geimpften und 32 der rund 123.800 dreifach Geimpften.

Der Experte gab zudem zu bedenken: "Es ist ja die Frage, inwieweit die beiden Gruppen vergleichbar sind. Manche dreifach geimpfte Vorerkrankte dürften sich nicht zur Viertimpfung aufgerafft haben, was die Unterschiede bei der Sterblichkeit zum Teil erklärten könnte", sagte Förster.

Darüber hinaus weist das Autorenteam selbst darauf hin, dass sie nur auf eine relativ kurze Zeitspanne von 40 Tagen blicken. Bei der erfassten Todesursache Covid-19 in Krankenhäusern könnten zudem auch Fälle enthalten sei, in denen ein positiver Test ein Nebenbefund ist.

Stiko-Chef Thomas Mertens sagte im Hinblick auf eine mögliche neue STIKO-Empfehlung: Die Frage der vierten Dosis lasse sich nicht ausschließlich am Alter der Impflinge festmachen. Vielmehr spielten auch Vorerkrankungen und Überlegungen zum Impfschutz auf längere Sicht eine Rolle. "Anhand bisher verfügbarer Daten kann man aber sagen, dass der zweite Booster offenbar nur bedingt vor Infektion schützt, aber schwere Verläufe in Risikogruppen reduzieren kann," so Mertens.

Impfstudie aus Israel zu vierter Impfung

In Israel wurde die vierte Impfdosis frühzeitig an Menschen verimpft, die besonders von Corona gefährdet sind. Sie bewirkt zwar einen erneuten Anstieg der Antikörper. Kurz nach der vierten Impfung sei man aber wieder auf demselben Stand wie kurz nach der dritten, ergaben die ersten israelischen Daten.

Im Zuge einer Studie hatten rund 150 Teilnehmer in Israel eine vierte Dosis des Vakzins von Biontech-Pfizer erhalten. Vor einer Woche erhielten dann 120 weitere Teilnehmer nach drei Dosen Biontech/Pfizer eine vierte Impfung mit Moderna. Es war weltweit der erste Versuch mit einer vierten Impfung mit kombinierten Vakzinen, sagte Professor Gili Regev vom Schiba-Krankenhaus bei Tel Aviv.

Die Ergebnisse beider Gruppen nach einer Woche seien sehr ähnlich. "Wir sehen keinen erheblichen Unterschied." Zwei Wochen nach einer vierten Dosis sei zwar ein "schöner Anstieg" der Antikörper zu beobachten. Deren Zahl liege sogar etwas über dem Wert nach der dritten Impfung.

"Aber für Omikron ist dieser schöne Wert nicht genug." Man beobachte auch bei vierfach Geimpften Ansteckungen. Regev betonte aber, dass es sich dabei um Zwischenergebnisse der Studie handle.

Was bedeuten die Studienergebnisse aus Israel und die Omikron-Variante BA.5 für die 4. Impfung in Deutschland?

Heißt das, dass wir uns etwa alle drei bis vier Monate erneut gegen das Coronavirus impfen lassen müssen?

Klar ist: Mit der Zeit nimmt die Immunität gegen Covid-19 ab. "Es gibt nicht den vollständigen oder gar keinen Schutz, sondern der Schutz liegt abgestuft dazwischen", sagt Christoph Spinner, Oberarzt und Infektiologe am Universitätsklinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

Nach seiner Aussage besteht der beste Impfschutz ein bis drei Monate nach der dritten Impfung. Danach baut er ab – aber nicht bei jedem Menschen im gleichen Maße und Tempo.

"Bei Älteren lässt der Schutz schneller nach, weil ihr Immunsystem nicht mehr so gut durch Impfungen trainierbar ist wie das jüngerer Menschen", erklärt Spinner, der auch zu Corona-Impfstoffen forscht.

Chronisch Kranke und immungeschwächte Menschen sprechen generell schlechter auf die Impfung an und verlieren auch den Schutz schneller, so der Infektiologe. Für sie ist eine vierte Impfung oder gar fünfte Impfung somit eher sinnvoll.

Laut Prof. Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover kann es auch vom Geschlecht abhängen, wie sich der Impfschutz im Laufe der Zeit verhält: Bei Männern nimmt er im Durchschnitt schneller ab als bei Frauen.

Der Direktor der Klinik für Pneumologie rät dazu, nicht mit falschen Erwartungen auf eine vierte Impfung zu blicken. "Die Impfung schützt vor schwerer Erkrankung zwar immer noch sehr, sehr zuverlässig", sagt Welte.

Aber die derzeit zirkulierenden Omikron-Varianten sind leicht übertragbar. "Bei BA.5 liegt beispielsweise auch nach drei Impfungen die Schutzwirkung vor einer Infektion inzwischen bei unter 20 Prozent", sagt Welte.

Man sollte an den zweiten Booster besser nicht die Erwartung heften, so eine Infektion komplett vermeiden zu können.

Kann es von Nachteil sein, sich noch einmal boostern zu lassen?

"Eine zweite Booster-Impfung ist auf keinen Fall ein Fehler, wenn die erste mindestens drei Monate zurückliegt", sagt Christoph Spinner. Allerdings: Wie groß der Nutzen ist, hängt vor allem davon ab, ob man einer Risikogruppe angehört und wie lange die letzte Impfung her ist.

Folgen die dritte und vierte Impfung zu schnell aufeinander, bringt das wenig Nutzen. "Darauf kann das Immunsystem aufgrund seiner begrenzten Kapazitäten gar nicht reagieren. Stimulieren Sie es weiter, kommt es zu keiner Reaktion mehr", erklärt Tobias Welte.

Er rät dazu, einen Abstand von sechs Monaten zwischen dritter und vierter Impfung einzuhalten.

Was, wenn ich mich nach der dritten Impfung bereits mit Omikron infiziert habe?

"Dann ist die Erkrankung quasi auch eine Art Booster", sagt Welte. Wie lange die dadurch gebildeten Antikörper jedoch schützen, ist unklar. Aus seiner Sicht kann man in diesem Fall mit der vierten Impfung möglicherweise auch länger als sechs Monate warten. Doch auch hier gilt: Es fehlen Daten, um handfeste Empfehlungen zu geben.

"Allgemein lässt sich sagen: Jeder Kontakt mit den Virus – sei es durch Impfung oder Infektion – steigert die Immunität", fasst Spinner zusammen.

Vierte Impfung erst vor dem Winter?

Bei der Veröffentlichung der Studiendaten aus Israel äußerten Wissenschaftler auch Bedenken zur vierten Impfung. Noch sei nicht klar, welche Virusvarianten in einigen Monaten vorherrschen, welche Impfstoffe es dann gibt und was das wiederum für die Impfempfehlungen zum Winter hin bedeutet.

Für den Immunologen Andreas Radbruch vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin sprechen etwa die derzeit "relativ harmlose Virusvariante" und eine "exzellente" Grundimmunisierung momentan gegen Viertimpfungen für weitere Gruppen: "Durch eine vierte Impfung jetzt nehmen wir uns die Möglichkeit, im Herbst durch angepasste Impfstoffe auf eine vielleicht gefährlichere Virusvariante noch zu reagieren, weil das Immunsystem dann eventuell gar nicht mehr oder nur noch sehr schwach reagiert."

Ist es im Umkehrschluss sinnvoll, die vierte Impfung aufzuschieben – und auf die Omikron-Impfstoffe zu warten, die im Herbst kommen sollen?

Eine schwierige Frage, findet Infektiologe Spinner: "Man müsste ja das Risiko des Abwartens bis zur nächsten Impfung mit den möglichen Vorteilen des neuen Impfstoffs abwägen."

Für die Experten sind zu viele Fragen noch offen: Wie gut wirken die spezifischen Omikron-Impfstoffe – auch gegen andere, neue Varianten? Wann werden sie zugelassen? Im Zweifel ist also besser, mit dem zu arbeiten, was bereits da ist – den derzeit zugelassenen Impfstoffen.

Vor lauter Abwägen mit Blick auf den Herbst sollte man auch die Grippeschutzimpfung nicht vergessen. Im Idealfall kann man die Corona-Impfung dann mit einer Grippe-Impfung koppeln. Das bedeutet: Ein Arztbesuch, zwei Spritzen.

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