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Kontaktallergien

ÖKO-TEST März 2016 | Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 31.03.2016

Kontaktallergien

Wenn die Haut verrückt spielt, steckt oft eine Kontaktallergie dahinter. Die einzige Therapie besteht darin, den Auslöser zu meiden. Doch die Spurensuche kann mühsam sein, da die Symptome oft zeitverzögert auftreten. Um Allergiker besser zu schützen, hat die EU einige Regelungen verschärft.

Wenn man das Gefühl hat, schier aus der Haut fahren zu müssen, sind nicht immer Wut oder Ärger die Ursachen dafür. Häufig sind es vielmehr Gegenstände oder Stoffe, mit denen wir im Alltag (mehr oder weniger bewusst) in Berührung kommen: Modeschmuck, Reinigungsmittel, Kosmetik oder Baumaterialien. Der Kontakt mit ihnen kann entzündliche Prozesse in der Haut auslösen, die als allergisches, stark juckendes Ekzem vor allem an jenen Stellen auftreten, die mit dem Allergen in Berührung gekommen sind. Eine Kontaktallergie tritt meist nicht unmittelbar, sondern mit einer Verzögerung von ein bis drei Tagen auf. Das macht die Suche nach dem Auslöser bisweilen sehr schwierig.

Zumal mehr als 3.000 Substanzen - sowohl Naturstoffe als auch zahlreiche Chemikalien - infrage kommen können. Zu den häufigsten Auslösern von Kontaktallergien zählen Metallsalze, Farb- und Duftstoffe sowie Konservierungsmittel (siehe Seite 77). Nach Angaben des Informationsverbundes Dermatologischer Kliniken (IVDK) sind zwischen 15 und 20 Prozent der Menschen gegen mindestens eines der wichtigen Kontaktallergene sensibilisiert. Professor Axel Schnuch, Leiter des IDVK, und seine Kollegin Professor Vera Mahler sprechen in einem Fachaufsatz gar von der "Volkskrankheit Kontaktallergie". Nach Untersuchungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) erkranken pro Jahr etwa drei Prozent der Bevölkerung an einem allergischen Kontaktekzem. Frauen leiden danach viermal häufiger an Kontaktekzemen als Männer - und zwar in allen Altersgruppen. Mögliche Gründe dafür sind nach Ansicht der RKI-Experten geschlechtsbedingte Unterschiede bei der Berufswahl wie auch unterschiedlich häufiger Kontakt zu Modeschmuck und Duftstoffen.

Dem Ekzem voraus geht - unbemerkt - die Phase der Sensibilisierung. Das Immunsystem bewertet aufgrund einer Fehlschaltung die Substanz neu. Der bis dahin unwichtige Fremdstoff wird plötzlich als Gefahr identifiziert, die es mit einer Entzündungsreaktion zu bekämpfen gilt. Deshalb können Kontaktallergien auch durch Stoffe auftreten, die über Jahre hinweg scheinbar problemlos vertragen wurden. Die Gründe für diese Fehlsteuerung sind wie bei Heuschnupfen und anderen Allergien vielfältig und teilweise unbekannt. Klar ist, dass die Sensibilisierung entscheidend von der Art und Dauer des Kontaktes mit dem Allergen abhängt. Die beste Vorbeugung besteht folglich darin, bekannte und potente Kontaktallergene möglichst von seiner Haut fernzuhalten.

Denn Heilung gibt es keine. Wohl aber Medikamente und Hilfen, die den Umgang mit der Krankheit erleichtern. Doch Kontaktallergien können schwere Folgen haben, ja sogar den Arbeitsplatz kosten. Denn bei wiederholtem Kontakt mit dem Allergen wird das Ekzem chronisch, und die einzige Therapie besteht darin, den auslösenden Stoff diagnostisch zu identifizieren und dann konsequent zu meiden.

Oft ist es jedoch nicht eindeutig, ob und wenn ja welches der Kontaktallergene das Ekzem verursacht hat. Deshalb geht dem Test eine ausführliche Befragung durch einen Arzt voraus. Endgültige Klarheit bringt nur der Epikutantest. Für bekannte Allergene gibt es Testsets, die mehrere Chemikalien abdecken, etwa den Duftstoffmix 1 und 2. Auch für Berufsgruppen gibt es Epikutantestsets.

1. Duftstoffe

Wenn Verbraucher zu Cremes, Duschgel oder auch Reinigungsmitteln greifen, lassen sie sich meist von ihrer Nase leiten. Um ihr Produkt gut riechen zu lassen, können die Hersteller aus rund 2.500 verschiedenen Duftstoffen auswählen. Doch bis zu drei Prozent der Europäer leiden an allergischen Hautreaktionen auf Duftstoffe. Die wichtigsten Duftstoffallergene finden sich auf den Standardtestpflastern - als Duftstoffmix 1 und 2 bezeichnet.

Der für Kosmetik zuständige wissenschaftliche Ausschuss der EU (SCCS) hat viele Duftstoffe, darunter zahlreiche ätherische Öle, auf ihre allergische Wirkung hin betrachtet. Und der EU-Kommission Vorschläge zur Änderung der bisherigen Regelungen gemacht, um Allergiker noch besser zu schützen.

Die hat daraufhin beschlossen, drei als hochallergen geltende Duftstoffe - Lyral sowie Atranol und Chloratranol, beide Bestandteile von Eichen- und Baummoos - in Kosmetikprodukten zu verbieten. Wenn alle Mitgliedsstaaten zustimmen, könnte eine entsprechende Gesetzesänderung in der ersten Hälfte 2016 in Kraft treten - mit Übergangsfristen von zwei bis fünf Jahren.

Darüber hinaus schlägt die EU-Kommission vor, künftig etliche weitere Duftstoffe in Kosmetika auf der Packung zu kennzeichnen, sofern sie eine bestimmte Konzentration überschreiten. In Produkten, die auf der Haut bleiben, gilt das, wenn mehr als zehn Milligramm pro Kilogramm (mg/kg) enthalten sind. Bei Kosmetika wie Shampoos, die abgewaschen werden, liegt der Wert bei 100 mg/kg, ebenso für Wasch- und Reinigungsmittel. Doch in diesem Punkt ist eine Gesetzesänderung noch nicht in Sicht - derzeit ermittelt ein EU-eigenes Projekt namens IDEA das tatsächliche allergische Risiko der einzelnen Duftstoffe. "Diese Frage benötigt höchstwahrscheinlich weitere Diskussionen, vor allem in Bezug auf den Vorschlag einer elektronischen Kennzeichnung", heißt es in einem Schreiben der EU-Kommission an ÖKO-TEST.

Bislang gilt die Kennzeichnungspflicht in Kosmetika für 26 als Allergene bekannte Duftstoffe - darunter auch Lyral, Baum- und Eichenmoos, die ÖKO-TEST schon lange abwertet.

2. Kosmetik als Allergen

Auf zu viel Pflege oder ständiges Make-up kann die Haut mit Rötungen, Ausschlägen oder Jucken reagieren. Doch neben diesen Irritationen der Haut gibt es auch echte allergische Reaktionen auf Bestandteile von Kosmetik: Am bekanntesten ist der schwarze Farbstoff p-Phenylendiamin (PPD), der sich in Haarfarben und schwarzen Hennatattoos findet und als starkes Kontaktallergen gilt. Doch auch zahlreiche andere Oxidationshaarfarben dürfen nur mit dem Zusatz "können schwere allergische Reaktionen hervorrufen" verkauft werden.

Bei den Konservierungsmitteln hat Methylisothiazolinon (MIT) in den vergangenen Jahren für viele neue Sensibilisierungen oder allergische Reaktionen gesorgt. Laut den Erfassungen des Informationsverbunds Dermatologischer Kliniken (IVDK) liegen die Sensibilisierungsraten für das Gemisch aus Chlormethylisothiazolinon/Methylisothiazolinon (MCI/MI) bei 4,5 Prozent sowie für Methylisothiazolinon (MI) alleine bei 6,8 Prozent. ÖKO-TEST kritisiert sowohl die Mischung als auch die Einzelverbindungen schon länger. Zumindest für Kosmetik, die auf der Haut bleibt, hat die Europäische Kommission das Gemisch MCI und MI verboten. Entsprechende Produkte dürfen seit Mitte Juli 2015 nicht mehr auf den Markt gebracht und ab Mitte April 2016 nicht mehr verkauft werden. Methylisothiazolinon allein bleibt aber vorerst erlaubt.

Auch bei Parabenen hat sich EU-weit einiges getan: So sind fünf Vertreter aus der Gruppe der Konservierungsmittel, darunter Isopropyl- und Isobutylparaben, seit Oktober 2014 in kosmetischen Mitteln verboten. Darüber hinaus wurde die erlaubte Menge an Butyl- und Propylparabenen eingeschränkt. Seit April 2015 sind in Kosmetika nur noch 0,14 Prozent zugelassen. Gar nicht mehr erlaubt sind sie für Cremes und Salben, die für die Verwendung im Windelbereich von Kindern unter drei Jahren vorgesehen sind.

Seit Anfang 2016 ist auch Formaldehyd, das schon in geringen Mengen die Schleimhäute reizt, Allergien auslösen kann und krebsverdächtig ist, in Kosmetika verboten. Im Rahmen des EU-Chemikaliengesetzes wurde die Substanz als Gefahrenstoff eingestuft und ist nun offiziell klassifiziert als "beim Menschen vermutlich krebserzeugend". Laut Kosmetikverordnung sind solche Gefahrenstoffe in Kosmetika nicht erlaubt. ÖKO-TEST begrüßt diese Entwicklung, kritisiert aber, dass das Verbot nicht automatisch für Formaldehydabspalter gilt, die nach und nach Formaldehyd freisetzen können. Solche Substanzen findet ÖKO-TEST immer wieder in verschiedenen Kosmetika und wertet sie um vier Stufen ab.

3. Latexallergie

Latex wird aus dem Milchsaft des Kautschukbaumes hergestellt. Aus Latex werden Schutzhandschuhe und verschiedene Dinge des täglichen Bedarfs produziert, von Badematten über Fahrradschläuche bis zu Kondomen. In diesen Gummiprodukten gibt es zwei Sorten von Allergenen: Bei der Herstellung werden Chemikalien zugesetzt, damit sich die Kautschukmoleküle besser vernetzen und der Gummi schneller vulkanisiert. Diese Vulkanisationsbeschleuniger können etwa beim Tragen von Gummihandschuhen Kontaktekzeme, vor allem am Handrücken, auslösen.

Weitaus gefährlicher sind jedoch Eiweißbestandteile der Kautschukmilch, die als Rückstände aus der Herstellung im fertigen Produkt bleiben. Sie können bei Sensibilisierten allergische Reaktionen vom Soforttyp auslösen - darunter Nesselsucht, Asthmaanfälle oder einen allergischen Schock.

Menschen, die sensibilisiert sind, müssen Latex konsequent meiden. Denn die Schwere der Reaktionen nimmt im Laufe der Zeit zu. Außerdem treten bei Latexallergikern zahlreiche Kreuzallergien, etwa auf Bananen, Kiwis oder Avocados, auf. Die größte Gefahr besteht jedoch bei medizinischen Eingriffen wie Operationen, Zahnarztbehandlungen und gynäkologischen Untersuchungen. Stark sensibilisierte Patienten sollten deshalb ein Notfallarmband mit der Aufschrift "Schwere Allergie auf natürlichen Latex" tragen. Alternativen zu Latexprodukten bestehen aus synthetisch hergestelltem Gummi oder Kunststoffen. Doch Vorsicht: Die Auslobung "hypoallergen" auf Gummihandschuhen heißt häufig nur, dass sie keine oder kaum problematische Vulkanisationsbeschleuniger enthalten. Sie können aber sehr wohl Latexproteine abgeben.

4. Lichtallergie

Bei einer Lichtallergie reichen manchmal schon wenige Minuten an der Sonne aus, um Ausschlag oder schmerzhafte Entzündungen hervorzurufen. Auslöser ist das ultraviolette Licht der Sonne. Doch die Ursachen können unterschiedlich sein. Bevorzugt hellhäutige Frauen können beim Sonnenbaden eine Lichtdermatose entwickeln, vor allem an Hautpartien wie Dekolleté, Oberarmen und Schultern. Dort bilden sich Stunden bis Tage nach dem Sonnen juckende Blasen und Knötchen, die nach einigen Tagen wieder abheilen. Besonders häufig tritt die Lichtdermatose beim ersten Sonnenbaden oder im Urlaub auf, wenn die Haut an die UV-Strahlung noch nicht gewöhnt ist. Über den genauen Entzündungsmechanismus rätseln die Mediziner noch. Sie machen vor allem die UV-A-Strahlung verantwortlich und empfehlen einen entsprechenden Sonnenschutz. Vorbeugen kann man mit einer Lichttherapie, bei der die Haut in steigender Dosierung mit UV-Licht bestrahlt wird.

Weit seltener als Lichtdermatosen sind fototoxische oder fotoallergische Reaktionen der Haut. Dabei brauchen die UV-A-Strahlen des Sonnenlichts einen Partner. Das können Substanzen sein, die den Körper empfindlicher auf die UV-Strahlung reagieren lassen. Dazu gehören Antibiotika, entzündungshemmende Arzneimittel, Entwässerungsmittel und Psychopharmaka, darunter auch Johanniskraut. In anderen Fällen bilden Stoffe auf der Haut durch die Sonnenbestrahlung irritierend oder allergisch wirkende Abbauprodukte. Das können chemische UV-Filter in Sonnenschutzmitteln sein, Duft- und Farbstoffe in Cremes oder Desinfektionsmitteln. Auch der Kontakt mit bestimmten Pflanzen wie Riesenbärenklau, Schafgarbe oder Engelwurz kann fototoxische Reaktionen hervorrufen.

5. Nickel

Seit Jahrzehnten führt das Metall Nickel die Liste der allergieauslösenden Substanzen an. Man kann dem Stoff kaum entkommen, denn Nickel ist allgegenwärtig: Es steckt in Geldmünzen, Modeschmuck wie Ohrringen und Piercings, Schlüsseln, Lederwaren, Farben oder Spielzeug wie Metall- oder Modellbaukästen. Nach neueren Auswertungen von Epikutantestreihen sind mehr als 15 Prozent der Bevölkerung sensibilisiert und können allergisch auf das Schwermetall reagieren. Entscheidend dafür ist nicht der Nickelgehalt, sondern wie viele Nickelionen etwa durch Schweiß freigesetzt werden und mit der Haut in Berührung kommen. Dafür gelten innerhalb der EU seit 1994 Grenzwerte, die 2004 deutlich verschärft wurden. In der Folge nahmen Neusensibilisierungen insbesondere unter jungen Frauen, aber auch unter jungen Männern ab. Doch nach Ansicht der Spezialisten ist das nicht ausreichend, zumal Kinder zunehmend an Kontaktallergien erkranken - auf Nickel sind derzeit zehn Prozent von ihnen sensibilisiert: Da viele importierte Produkte aus Ländern außerhalb der EU stammen, kommt es immer wieder zu Überschreitungen der Grenzwerte.

Potente Kontaktallergene

Metalle und Duftstoffe gehören zu den potentesten Kontaktallergenen. Doch auch Konservierungsmittel, Pflanzen oder Kunstharze sind in der Liste vertreten, ebenso wie Basiszutaten für Salben, lokal wirksame Arzneimittel und Vulkanisationsbeschleuniger für die Gummiproduktion

METALL

  • Nickelsulfat
  • Kobaltchlorid
  • Kaliumdichromat

DUFTSTOFFE

  • Duftstoffmix 1 bzw. 2
  • Perubalsam
  • Lyral

PFLANZEN

  • Kompositenmix (Mix aus Korbblütlern, z. B. Arnika- und Kamillenblüten)
  • Propolis
  • Terpentin

GUMMI-ADDITIVA

  • Thiurammix (Vulkanisationsbeschleuniger in der Gummiproduktion)

EXTERNA-INHALTSSTOFFE

  • Wollwachsalkohole (Grundlagenkomponenten für Lösungen, Gele, Lotionen, Cremes, Pasten oder Salben)

KUNSTHARZE/KLEBSTOFFE

  • Kolophonium
  • Epoxidharz

TOPISCHE ARZNEIMITTEL

  • Bufexamac

KONSERVIERUNGSMITTEL

  • Bronopol
  • Dibromdicyanobutan (MDBGN)
  • Formaldehyd
  • (Chlor-)Methylisothiazolinon (MCI/MI)
  • Parabenmix

Quelle: Axel Trautmann/Jörg Kleine-Tebbe: Allergologie in Klinik und Praxis. Allergene-Diagnostik-Therapie; Georg Thieme Verlag 2013.

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