Startseite

ÖKO-TEST Januar 2014
vom

Papiertaschentücher

Ein rotes Tuch

Wer Papiertaschentücher benutzt, macht sich oft keine Gedanken darüber, dass sie die Umwelt belasten. In puncto Schadstoffe und Gebrauchstest schnitten die untersuchten Marken zwar passabel ab. Wer verantwortungsvoller schnäuzen will, sollte aber zumindest Recyclingprodukte kaufen.

2152 | 49
Zu diesem Thema ist ein neuer Artikel vorhanden.

27.12.2013 | Mein Leben lang schnäuze ich schon in Bäume." Es ist März 2012, als eine junge Bloggerin - "Frau Liebe" - diesen Satz ins World Wide Web sendet. An einem für sie "vortrefflichen Tag für Veränderungen": "Frau Liebe" steigt um aufs gute alte Stofftaschentuch. Auch Sie, lieber Leser, haben heute gegebenenfalls schon in einen Baum geschnäuzt. Sicher nicht in einen ganzen. Aber vielleicht in ein Stückchen Baum, das daraufhin im Restmüll gelandet ist: Ein Papiertaschentuch kann nicht recycelt werden.

Für Almut Reichart, Papierexpertin beim Umweltbundesamt, ist allein das Grund genug, Taschentücher aus Recyclingpapier zu benutzen. Zumal es beträchtliche Ressourcen spart: Um Papier aus frischem Zellstoff zu gewinnen, brauche es je nach Anlage bis zu 70 Prozent mehr Wasser und bis zu 60 Prozent mehr Energie als bei der Verarbeitung von Recyclingfasern. Hinzu kommen der immense Holzverbrauch und eine große Abwasserbelastung. Und doch ist der Marktanteil von Produkten aus Frischfasern riesig. Bei den Taschentüchern machten die Recyclingprodukte nach Angaben des Marktforschungsinstituts GfK von November 2012 bis Oktober 2013 weniger als zwei Prozent des Umsatzes aus. Die Verantwortung sieht Reichart nicht nur bei den Herstellern, sondern auch bei den Verbrauchern. Immerhin bestimmt die Nachfrage das Angebot.

Wenn schon Frischfaser, dann zumindest aus kontrolliert nachhaltiger Waldwirtschaft? Auf vielen Verpackungen sind Gütesiegel angebracht: meist das FSC-Mix- oder das PEFC-Logo. Während PEFC sowohl von ÖKO-TEST als auch von vielen Umweltorganisationen wegen seiner laschen Vorgaben kritisiert wird, gilt das FSC-Zeichen als verlässlichere Orientierung für Verbraucher. Doch im Hygienepapierbereich nutzen Firmen nach FSC-Angaben vor allem das sogenannte Mengenbilanzierungssystem. Das bedeutet: Ein Hersteller, der pro Jahr eine bestimmte Menge zertifizierter Rohstoffe bezieht, darf in diesem Zeitraum eine dieser Menge entsprechende Zahl seiner Produkte mit dem FSC-Mix-Logo versehen - in einer vom Unternehmen festgelegten und im Zertifikat benannten Produktgruppe. Das heißt: Produkte, etwa Papiertaschentücher, die FSC-Mix-gelabelt sind, enthalten gar nicht zwangsläufig FSC-zertifizierte Rohstoffe. Um beim Mengenbilanzierungssystem mitzumachen, ist es egal, wie hoch der Anteil an FSC-zertifizierten Rohstoffen ist. Einzige Bedingung: Rohstoffe, die nicht aus FSC-zertifizierten Quellen stammen, müssen aus sogenannter FSC-kontrollierter Waldwirtschaft bezogen werden. "FSC controlled wood" garantiert nach Angaben der Organisation aber lediglich einen "minimalen Verhaltenskodex" - und wird teilweise nur über Risikoeinschätzung überprüft. Überspitzt gesagt: Im Zweifel entscheidet jemand vom Schreibtisch aus, ob die Kriterien erfüllt sind. "Controlled wood" mag also zwar besser sein als gar keine Kontrolle, aber ein verlässliches System sieht anders aus.

Ob die Hersteller nur so viele Produkte mit dem FSC-Mix-Label versehen, wie es ihrem Einkauf von FSC-zertifizierten Rohstoffen entspricht, prüfen immerhin einmal pro Jahr von FSC International zugelassene Zertifizierer. Woher das Unternehmen Rohstoffe abseits der zertifizierten Sparte bezieht, spielt dabei keine Rolle.

Dr. Uwe Sayer, Geschäftsführer von FSC Deutschland, vergleicht das Mengenbilanzierungssystem mit dem Konzept von Öko-Strom: "Ich zahle 100 Prozent Öko-Strom, bekomme aber möglicherweise 100 Prozent Atomstrom. Doch mein Geld fließt zu 100 Prozent in Öko-Strom." Warum aber ist die Hürde, bei FSC mitzumachen, so niedrig? Sayer nennt mehrere Gründe: Es sei nicht immer gewährleistet, dass für alle Hersteller genug zertifizierte Rohstoffe bereitstünden. Mit diesem System gebe es für Unternehmer aber auch keine Ausreden mehr, dass die Anforderungen zu hoch seien. Je mehr Hersteller mitmachten, desto besser für den Wald.

Dass "ein bisschen Greenwashing-Gefahr" dahinter steckt, sieht Rudolf Fenner, Waldexperte bei Robin Wood, durchaus. Trotzdem findet er das Mengenbilanzierungssystem "ehrlich". Denn es bleibe so viel FSC, wie FSC eingekauft worden sei. Verbrauchertäuschung sieht er nicht, wohl aber Verwirrungsgefahr. ÖKO-TEST kann sich mit dem Mengenbilanzierungssystem jedenfalls nicht anfreunden, zumal - und nur so viel zum Stichwort Verbrauchertäuschung - das Mix-Siegel im Labelguide auf der Webseite von FSC Deutschland zumindest zum Zeitpunkt unserer Recherchen in einem wesentlichen Teil falsch erklärt war. Dort stand - übrigens auch Tage nachdem wir FSC darauf hingewiesen haben - im Zusammenhang mit dem Mengenbilanzierungssystem: "Wichtig: Der FSC-zertifizierte Frischfaseranteil muss mindestens 75 % betragen (...)."

Und das Umweltbundesamt gibt in einer Broschüre über Papier an, das FSC-Mix-Label besage, "dass mindestens 70 % der Fasern aus FSC-Holz und/oder Altpapier stammen". Richtig ist aber: Beim Mengenbilanzierungssystem gibt es keinen vorgeschriebenen Mindestanteil. FSC bietet zwar tatsächlich ein weiteres System an, bei dem 70 Prozent der Rohstoffe FSC-zertifiziert sein müssen, aber in der Papierbranche ist das Mengenbilanzierungssystem das gängige. Die sinnvollste Alternative in diesem ganzen Wirrwarr ist das Recyclingtaschentuch!

Wir haben 20 Produkte - fünf Altpapier- und 15 Frischfasertücher - in verschiedene Labore geschickt, um ihre Inhaltsstoffe und die Praxistauglichkeit testen zu lassen.

Das Testergebnis

Wir wünschen gute Besserung: Vollends überzeugt hat uns kein Produkt - wegen schlechter Noten bei den Inhaltsstoffen kassieren sechs Produkte sogar ein "ausreichend". Im Praxistest haben's immerhin zwei Marken zum "sehr gut" geschafft. Siebenmal gibt's in der Gebrauchsprüfung allerdings nur ein "befriedigend".

ÖKO-TEST Januar 2014

Online lesen?

ÖKO-TEST Januar 2014 für 2.99 € kaufen

Zum ePaper

Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Während es draußen langsam kälter wurde und sich die ersten Erkältungs- und Grippeviren ihren Weg zu uns bahnten, haben wir unsere Einkäufer losgeschickt, in Discountern, Super- und Drogeriemärkten Papiertaschentücher zu besorgen. 20 Produkte, davon fünf aus Altpapier, landeten in den Einkaufskörben.

Die Inhaltsstoffe
Im Labor ließen wir die Tücher auf überflüssige optische Aufheller und umstrittene halogenorganische Verbindungen testen. Papiertaschentücher sind immerhin sehr weiß. Und halogenorganische Verbindungen können beispielsweise aus der Bleiche kommen. Oder sie werden zugesetzt, weil sie die Eigenschaften des Papiertaschentuchs beeinflussen, etwa über Nassfestmittel.

Die Praxisprüfung
Robust und saugfähig sollte ein Taschentuch sein. Am liebsten auch noch weich. Unsere Produkte mussten sich deshalb auch in der Praxis bewähren: Sie wurden strapaziert bis zum Zerreißen - trocken wie nass - und auf Saugfähigkeit getestet. Sie landeten - ausnahmsweise absichtlich - in der Waschtrommel und sollten die Nasen unserer Testpersonen von ihrer Weichheit überzeugen.

Die Bewertung
Nach Gebrauch landen Taschentücher im Restmüll: Wenn das kein Grund ist, sie aus Recyclingpapier herzustellen! Deswegen werten wir Produkte aus Frischfasern ab. Auch halogenorganische Verbindungen finden wir im Taschentuch nicht akzeptabel. Im Praxistest gibt's Minuspunkte für verminderte Reiß- und Nassfestigkeit, schwächere Saugfähigkeit, für zerfledderte Taschentücher in der Wäsche und raues Material. Im Endergebnis zählen die Inhaltsstoffe stärker.

So haben wir getestet

Echte Zerreißprobe: Die Papiertaschentücher mussten in einer speziellen Zugapparatur ihre Stabilität beweisen.