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209 Krankentagegeldversicherungen im Test

Gesetzlich oder privat

ÖKO-TEST Januar 2009 | Kategorie: Geld und Recht | 02.01.2009

209 Krankentagegeldversicherungen im Test

Die Gesundheitsreform bringt für freiwillig gesetzlich krankenversicherte Selbstständige eine wichtige Änderung: Ab 2009 haben sie keinen Anspruch mehr auf Krankengeld. Wer den wichtigen Schutz erhalten möchte, hat die Qual der Wahl zwischen den Angeboten der Kassen und den privaten Versicherern. Beide Angebote haben Macken, wie unser Test zeigt.

Schätzungsweise 1,5 Millionen Freiberufler und sonstige Unternehmer sind Kassenpatienten - freiwillig. Für sie gelten Besonderheiten. Bisher hatten sie, wenn der allgemeine Beitragssatz gezahlt wurde, ab dem 43. Krankheitstag Anspruch auf Krankengeld. Der konnte mit erhöhtem Satz bei vielen Kassen auch vorgezogen werden, meist auf den 22. Tag. Möglich war es aber auch, Krankengeld ganz abzuwählen. Dann wurde nur noch ein ermäßigter Beitragssatz gezahlt.

Um Krankentagegeld müssen sich Selbstständige mit dem Start des Gesundheitsfonds nun selbst kümmern. Sie haben die Wahl zwischen Privatpolicen oder den neuen Wahltarifen, die die Krankenkassen anbieten müssen.

Von dieser Pflicht sind viele Kassen aber scheinbar hoffnungslos überfordert. Mitte Dezember 2008 teilten uns immer noch viele Kassen mit, dass der Tarif "erst in Arbeit" sei. Kaum ein Produkt war zum Testende schon von der Aufsicht genehmigt. Leichte Änderungen an den von uns getesteten Tarifen sind daher nicht ausgeschlossen.

Bei der Konstruktion der Tarife haben die Kassen einen hohen Freiheitsgrad. Vor Überraschungen ist da niemand gefeit. So will die Hamburger HEK ihre Kunden ganz trickreich bei der Stange halten. Wer dort den Wahltarif Krankengeld abschließt, wird nach drei Jahren - das ist die übliche Bindungsfrist für den Erstabschluss eines Wahltarifes - weitere drei Jahre gebunden, wenn er nicht rechtzeitig kündigt. Alle anderen uns bekannten Satzungen sehen nach drei Jahren nur noch Jahresverträge vor.

Muss die Krankenkasse im nächsten Jahr einen Zusatzbeitrag von bis zu einem Prozent des Einkommens einfordern, weil sie mit dem Geld aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommt, können Versicherte mit Wahltarifen die Kasse nicht kündigen. Noch doller treibt es die BKK der Hypovereinsbank. Sie hat festgeschrieben, dass die Kunden nicht kündigen dürfen, selbst wenn die Beiträge des Wahltarifes Krankengeld um satte zehn Prozent steigen. Die HEK gibt sich hier bescheidener und hat nur eine Fünfprozentschwelle eingebaut. Die meisten Kassen behandeln ihre Mitglieder aber fairer und lassen ein Sonderkündigungsrecht gelten, wenn die Beiträge für Krankengeldwahltarife erhöht werden. Problematisch ist zudem, dass einige Kassen steif und fest behaupten, es gäbe weiterhin eine Höchstversicherungssumme von aktuell 85,75 Euro pro Tag. "Beim Krankengeld gibt es innerhalb der Wahltarife keine gesetzlich vorgeschriebene Höchstsumme. Die Grenze stellt allein der Nettoverdienst dar", stellt hingegen Theo Eberenz, Sprecher des Bundesversicherungsaufsichtsamts (BVA), klar. Theoretisch kann somit ein Selbstständiger seinen Nettoverdienst voll absichern. Aber eben nicht bei allen Kassen. Wer als Selbstständiger also netto mehr als 2.600 Euro im Monat verdient, muss bei der Wahl seiner Krankenkasse gut aufpassen.

Neukunden müssen außerdem nach Abschluss des Wahltarifs mit einer Wartezeit rechnen, wenn sie bisher noch keinen Krankentagegeldanspruch bei einer anderen Kasse hatten. Wer innerhalb seiner Kasse umsteigt, kann den Antrag in aller Regel noch bis Ende Januar stellen, teilweise auch noch länger. Dann entfallen Karenzzeiten.

Geklärt ist übrigens eine wichtige Besonderheit des Kassenschutzes: Wer krank wird, bekommt nicht nur das vereinbarte Krankentagegeld, er muss auch keine Beiträge mehr an seine Kasse zahlen. Experte Eberenz: "Das war zunächst umstritten, wurde aber kürzlich so zwischen den Aufsichtsbehörden und dem Bundesgesundheitsministerium abgesprochen." Ob während der Krankheit die Prämie für den Wahltarif weiter gezahlt werden muss, können die Kassen in ihren Satzungen übrigens selbst entscheiden. Die meisten Kassen kassieren wohl weiter.

Positiv für die kranke Versicherte ist, dass es bei den gesetzlichen Kassen keine Gesundheitsprüfung gibt. Das heißt: Jeder der will, bekommt den Versicherungsschutz. Gleichzeitig bedeutet das aber auch stark steigende Preise, weil die Kassen keine Durchmischung von Kranken und Gesunden erreichen können. Denn tendenziell schließen bei den Kassen nur diejenigen Krankengeldtarife ab, die schon Vorerkrankungen haben. Oder Kunden, die nach einer Krankheit von den Privaten gekündigt wurden. "Sind Tarife nicht ausreichend finanziert, müssen sie angehoben werden", erläutert Martina Stamm von der BKK Pfalz aus Ludwigshafen.

Letztes Problem: Viele Kassen haben Wahltarife auf den Markt gebracht, die nicht wie früher 1,5 Jahre leisten, sondern im Extremfall nur 13 Wochen. Demgegenüber gilt bei privaten Anbietern eine unbegrenzte Leistungsdauer.

In der Praxis wird die Dauer in beiden Welten aber von der Invalidität begrenzt. "Schon bei Ablehnung eines Kurantrags wegen voraussichtlich mangelnder Erfolgsaussichten oder nach einer erfolglosen Kur sind die Kassen aus dem Schneider, weil dann dauerhafte Arbeitsunfähigkeit angenommen wird", warnt Peter Sammer, Versicherungsberater aus Großostheim bei Augsburg.

Doch auch die privaten Krankenversicherer versuchen mit allerlei Tricks, sich aus der Leistungspflicht zu befreien. "Mich besucht fast jeden zweiten Tag ein Mitarbeiter der Versicherung und erkundigt sich, ob ich bald wieder arbeiten kann", klagt ein Betroffener.

Für die Wahl des richtigen Anbieters für Krankentagegeld hat ÖKO-TEST die Preise von 105 privaten Tarifvarianten von 29 Gesellschaften untersucht. Bei den Krankenkassen wurden insgesamt 104 Wahltarife in jeweils drei Modellfällen von rund 50 Kassen hinsichtlich Preis und Leistung analysiert. Aufgrund der Größe der Kassen und eines Gruppenvertrages der Betriebskrankenkassen dürfte der Test rund 90 Prozent der freiwilligen gesetzlich versicherten Selbstständigen erfassen.

Das Testergebnis

Insgesamt konnten sich acht Kassen mit elf Krankengeldtarifen auf Rang 1 platzieren. Untersucht wurde, wie stark die Tarife in vier Modellfällen - einer Erkrankung von zwölf, 24, 48 und 96 Wochen - leisten. Außerdem ging der Preis mit 20 Prozent in die Bewertung ein. 73 Angebote kommen auf den 2. Rang (gut), weitere acht auf den 3. (befriedigend).

Elf Tarife können nur noch ein "ausreichend" erzielen und der Tarif IKKbusiness plus der IKK Thüringen muss in einer Konstellation den 5. Gesamtrang (mangelhaft) hinnehmen. Grund: Er leistet erst ab dem 183. Tag und dann nur 13 Wochen. Selbst wenn der Selbstständige es schafft, die lange Karenzzeit vom Ersparten zu bestreiten, dürfte er bei einer schweren Krankheit mit diesem Tarif vollkommen ungenügend abgesichert sein. Denn kurz nach dem Start hört die Leistung wieder auf.

Preislich haben die Kassen die Nase gegenüber den Privatversicherern vorne. So zahlt eine 45-jährige Selbstständige beim günstigsten Anbieter, der Halleschen, im Tarif KT43 pro Monat rund 32 Euro, wenn der Schutz ab dem 43. Tag der Arbeitsunfähigkeit beginnen soll und 85 Euro pro Tag beträgt. Ein Mann zahlt für den gleichen Schutz bei der HUK-Coburg 27 Euro. Wer sich bei einer Krankenkasse versichert, zahlt - höchste Laufzeit von 78 Wochen vorausgesetzt - im günstigsten Fall 16,90 Euro. Egal ob Mann oder Frau, denn bei gesetzlichen Kassen gibt es nur Unisextarife.

Fängt der gleiche Schutz schon ab dem 22. Tag an, zahlt ein 45-jähriger Mann bei der Alten Oldenburger im Tarif KTS3 rund 63 Euro pro Monat, eine Frau rund 68 Euro bei der HUK-Coburg im Tarif KT3. Die günstigsten Kassenangebote für diesen Schutz bieten die Barmer im Tarif KGS22 und HEK im Tarif HEK plus S22 mit rund 47 Euro pro Monat.

Wie höllisch Versicherte aufpassen müssen in der schönen neuen Wahlfreiheit, zeigt ein Blick auf die Preisspanne der Tarife. 85 Euro Tagegeld können 6,46 Euro im Monat kosten. Dafür gibt es allerdings nur einen Minimalschutz: 13 Wochen lang ab dem 183. Krankheitstag. An der Spitze der Leistungsskala stehen 78 Wochen ab dem 15. Krankheitstag für fast unbezahlbare 150,79 Euro - jeden Monat.

Auch die Angebote der privaten Assekuranzen schwanken extrem. Für den 85-Euro-Schutz verlangt der teuerste Anbieter, die Central, beim Start 43. Tag für eine Frau 91 Euro und für einen Mann 75 Euro. In beiden Fällen rund drei Mal so viel wie die günstigsten Versicherer.

Beachten müssen die Kunden aber, dass sie sich drei Jahre an die Kasse binden. Beitragserhöhungen im Kerngeschäft - es ist ein Zusatzbeitrag von derzeit knapp 37 Euro pro Monat möglich - können die Vorteile beim Krankengeldwahltarif schnell zunichtemachen. Gesunde sollten daher erst einmal ihren Schutz privat versichern. Bleiben sie Kassenmitglied, haben sie die Option, später einmal das Krankengeld über die Kasse abzusichern.

Manche Kassen orientieren ihre Höchstabsicherung weiter an der Beitragsbemessungsgrenze. Sie liegt 2009 bei 3.675 Euro. Davon können 70 Prozent als Nettoeinkommen versichert werden. Macht pro Tag eine Höchstsumme von nur 85,75 Euro. Kassen mit solchen Höchstgrenzen sind für Besserverdiener oder Selbstständige mit extrem schwankendem Einkommen kaum der richtige Partner. Andere Kassen, wie viele AOKs oder die Techniker Krankenkasse bieten ein Tagegeld von bis zu 200 Euro, die BKK Essanelle und Sports direkt ermöglichen sogar einen Schutz von 376 Euro pro Tag - damit lässt sich ein Nettomonatsgehalt von über 10.000 Euro absichern.

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