Pestizide in Nektarinen: In vielen Früchten im Test stecken gleich mehrere Spritzgifte

Magazin Juli 2024: Naturjoghurt | Autor: Vanessa Christa/Heike Baier/Hannah Pompalla | Kategorie: Essen und Trinken | 11.07.2024

Wir haben zwölfmal Nektarinen im Labor auf Pestizide untersuchen lassen.
Foto: Joaquin Traverso Traverso/Shutterstock

Viele Obstsorten haben im Sommer Saison, darunter auch Nektarinen. Doch Obst ist häufig mit Pestiziden belastet. Aus diesem Grund haben wir Nektarinen im Labor auf Pestizidrückstände untersuchen lassen. Das Ergebnis: Spritzgifte bleiben ein Problem. Aber es gibt auch Produkte im Test, die überzeugen. 

  • Wir haben zwölfmal Nektarinen getestet, davon ein Produkt in Bio-Qualität. Die Früchte wurden auschließlich auf Pestizide überprüft. 
  • Das Fazit: Sieben Produkte schneiden mit "sehr gut" oder "gut" ab. 
  • Bedenklich: In vielen Nektarinen sind wir auf gleich mehrere Spritzgifte gestoßen – teilweise auch auf solche, die wir als besonders bedenklich einstufen. 

Aktualisiert am 11.7.2024 | Endlich ist Nektarinenzeit! Kaum ein anderes Obst schmeckt so sehr nach Hochsommer wie die Nektarine oder der ihr verwandte Pfirsich. Doch worin unterscheiden sich die beiden Früchte eigentlich?

Wie unterscheiden sich Pfirsiche und Nektarinen?

Die Nektarine ist eine unbeflaumte Variante des Pfirsichs und einst durch natürliche Mutation aus diesem entstanden. Wegen ihres festeren Fruchtfleischs tropfen Nektarinen weniger. 

Bei den Marktanteilen hat sie ihrem älteren Bruder längst den Rang abgelaufen: Die Deutschen konsumieren inzwischen etwa dreimal so viele Nektarinen wie Pfirsiche. Im Juli und August erreichen die Früchte den Höhepunkt ihrer Saison und liegen bergeweise im Handel. 

Können Nektarinen bedenkenlos gegessen werden? 

Stellt sich die Frage: Kann man sich an den Vitaminbomben bedenkenlos satt essen, ohne gleich einen ganzen Pestizidcocktail mitzuschlucken? Immerhin sind bei Nektarinen und Pfirsichen "sehr häufig Pestizidrückstände nachweisbar", wie das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) 2021 nach der letzten Untersuchungsreihe der Früchte feststellte.

Im Verlauf von vier Jahren hatte das Laves sogar eine Verschlechterung der Rückstandssituation gemessen. Deshalb wollten wir in diesem Test wissen, wie stark Nektarinen inzwischen mit Spritzgiften belastet sind. Hierfür ließen wir zwölf Produkte ausschließlich auf Pestizide analysieren – auf nichts anderes.

Nektarinen im Test: Wie steht es um die Pestizidbelastung?

Das Ergebnis unseres Tests Pestizide in Nektarinen: Sieben der zwölf Proben schneiden mit "gut" oder "sehr gut" ab. Insgesamt also gute Nachrichten für Fans der Nektarine. Aber: Eine komplette Entwarnung in puncto Spritzgifte geben die Ergebnisse leider nicht her.

Denn wir haben in unserem Test nur eine einzige Nektarinenprobe, in der das Labor kein überprüftes Pestizid nachweisen konnte.

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Oft gleich mehrere Pestizide nachgewiesen

Immerhin: Auch zwei weitere Nektarinen-Packungen kamen ohne Abzug durch den Test. Der Grund: In den geprüften Früchten war nur ein Spritzgift nachweisbar, in einem Gehalt, den wir als "Spur" werten. In vielen Fällen im Test listete der Laborbericht dagegen Mehrfachbelastungen von zwei bis fünf Pestiziden oder Wirkverstärkern auf.

Das ist nicht exorbitant viel. Wir sehen die Kombination verschiedener Wirkstoffe in einer Frucht jedoch grundsätzlich kritisch: Denn diese summieren sich, und mögliche Wechselwirkungen untereinander sind in unseren Augen noch nicht ausreichend erforscht

Nektarinen haben derzeit Saison. Doch wie steht es um ihre Pestizidbelastung? Wir haben zwölf Produkte geprüft.
Nektarinen haben derzeit Saison. Doch wie steht es um ihre Pestizidbelastung? Wir haben zwölf Produkte geprüft. (Foto: Pack-Shot/Shutterstock)

Besonders bedenkliche Spritzgifte in Nektarinen 

Hinzu kommt: Einige der nachgewiesenen Pestizide ordnen wir in ihrer Wirkung auf Mensch oder Natur als "besonders bedenklich" ein. Das Fungizid Tebuconazol etwa oder das Insektizid Acetamiprid, die in der CLP-Verordnung als "vermutlich reproduktionstoxisch" eingestuft sind, also die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen und das Kind im Mutterleib schädigen können.

Acetamiprid gehört außerdem zu den bienentoxischen Neonikotinoiden – einer Klasse von Insektiziden, die das Nervensystem und den Orientierungssinn von Honigbienen schädigen können.

Zur Einordnung: Alle gefundenen Rückstände bewegen sich unterhalb der geltenden Grenzwerte und dürften beim Nektarinengenuss nicht akut bedenklich sein. 

Für die Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Obstplantagen, die den Spritzgiften in ganz anderem Ausmaß ausgesetzt sind, kann das aber ganz anders aussehen. Für die von uns als bedenklich eingestuften Pestizide ziehen wir für einen gemessen Gehalt von mehr als 0,01 mg/kg eine Note ab.

In der EU verbotenes Pestizid im Labor gefunden

Ein Produkt fiel besonders negativ auf: Darin sind die Laborexperten auf Spirodiclofen gestoßen. Das Spritzen von Spirodiclofen ist auf europäischen Obstplantagen gar nicht mehr zugelassen, und das aus gutem Grund: Laut CLP-Verordnung ist das Insektizid "wahrscheinlich krebserregend" und zusätzlich "vermutlich reproduktionstoxisch".

Die betroffenen Nektarinen kommen allerdings aus Chile, und dort ist Spirodiclofen weiterhin erlaubt. Ein Unding, finden wir, und ziehen eine Extranote ab. 

Mehr Eigenkontrollen durch Anbieter notwendig

Der Test zeigt: Die mit "sehr gut" bewerteten Nektarinen stammen aus Spanien. Lässt sich daraus schließen, dass europäische Ware grundsätzlich weniger mit Pestiziden belastet ist? Eher nicht. Wir haben auch spanische Nektarinen mit Mehrfachrückständen im Test.

Wichtiger als das Anbauland dürfte sein, wie ernst es die vorgelagerten Handelsstufen mit Maßnahmen zur Pestizidreduktion nehmen und wie engmaschig sie Eigenkontrollen beauftragen. Einige Anbieter legten uns auf Nachfrage dar, dass sie Pestizidrückstände auf allen Handelsstufen kontrollieren.

Eine spanische Produzentengruppe geht noch darüber hinaus und schickt wöchentlich ein eigenes technisches Team auf jede Farm, das den Schädlingsbefall kontrolliert und über nötige Maßnahmen entscheidet. Das finden wir begrüßenswert. 

Nektarinen im Test: Tipps zu Einkauf und Lagerung

  • Wenn Sie Pestizide vermeiden wollen, sollten Sie Bio-Produkte bevorzugen: Im Bio-Anbau sind chemisch-synthetische Spritzgifte verboten.
  • Kaufen Sie Nektarinen möglichst in der Hauptsaison von Mai bis September. Dann kommen die Früchte, die es im Anbau warm und trocken mögen, vorwiegend aus Spanien und Italien nach Deutschland. Während der Wintermonate kommen die Früchte hingegen von noch weiter her und haben somit lange Transportwege und -zeiten mit dem Schiff hinter sich.
  • Gut zu wissen: Nektarinen reifen zu Hause recht schnell nach. Bereits reife Früchte lassen sich im Kühlschrank noch einige Tage lagern.

Dieser Test ist online erstmals am 12.6.2024 erschienen. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben für das ÖKO-TEST Magazin 7/24 sofern die Anbieter Produktänderungen mitgeteilt haben oder sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder wir neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt haben.

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Wir haben diese Produkte für Sie getestet

Testverfahren

In Supermärkten, beim Discounter und im Bio-Markt haben wir zwölfmal Nektarinen eingekauft, davon ein Produkt in Bio-Qualität. Im Einkaufskorb landeten sieben weißfleischige Sorten wie Viowhite oder Arctic Wolf, aber auch gelbfleischige Sorten wie September Bright oder August Red. Für ein Kilo Nektarinen haben wir zwischen 3,98 und 9,90 Euro bezahlt.

Nektarinen gehören zu den Früchten, bei denen in der Vergangenheit während behördlicher Kontrollprogramme sehr häufig Pestizidrückstände nachgewiesen werden konnten. Wir wollten wissen, wie sich die Rückstandssituation entwickelt hat und ließen die Früchte deshalb ausschließlich auf Pestizide analysieren: Ein spezialisiertes Labor überprüfte jedes Produkt auf einen Umfang von rund 700 Wirkstoffen.

Bewertungslegende

Soweit nicht abweichend angegeben, handelt es sich bei den hier genannten Abwertungsgrenzen nicht um gesetzliche Grenzwerte, sondern um solche, die von ÖKO-TEST festgesetzt wurden. Die Abwertungsgrenzen wurden von ÖKO-TEST eingedenk der sich aus spezifischen Untersuchungen ergebenden Messunsicherheiten und methodenimmanenter Varianzen festgelegt, zugrunde gelegt werden die gemessenen Gehalte. Steht bei konkret benannten Analyseergebnissen "nein", bedeutet das "unterhalb der Bestimmungsgrenze" der jeweiligen Testmethode.

Bewertung Testergebnis Pestizide: Unter dem Testergebnis Pestizide führen zur Abwertung um jeweils eine Note: a) ein Mehrfachrückstand von zwei bis sechs Pestiziden und/oder Wirkverstärkern; b) ein bis zwei besonders bedenkliche Pestizide in gemessenen Gehalten von mehr als 0,01 mg/kg. Dabei orientieren wir uns an der Liste der hochgefährlichen Pestizide des Pestizid-Aktions-Netzwerks (PAN), Stand: 3/2021, insbesondere der in Gruppe 2 oder Gruppe 3 als sehr bienentoxisch oder sehr bioakkummulierend und sehr persistent in Wasser, Böden oder Sedimenten genannten Stoffe sowie an Einstufungen von Pestiziden in der EU-Datenbank oder CLP-Verordnung (ECHA) als kanzerogen oder reproduktionstoxisch (hier: Acetamiprid, Chlorantraniliprol, Tebuconazol, Spirodiclofen); c) ein bis zwei von der EU im Anbau verbotene oder nicht mehr zugelassene Pestizide in gemessenen Gehalten von mehr als 0,01 mg/kg (hier: Spirodiclofen).

Testmethoden

Pestizid-Screening: GC-MS/MS und LC-MS/MS (Bestimmung in 1 kg Probenmaterial).

Fosetyl-Al, Fosetyl und Phosphonsäure: QuPPe-Method (Bestimmung in 1 kg Probenmaterial).

Anbieterverzeichnis

Bio-Nektarinen

Alnatura Produktions- und Handels GmbH, Mahatma-Gandhi-Straße 7, 64295 Darmstadt, Tel. 06151/356-6000;

Nektarinen

Cececla S.l., Avenida Cami d'Onda, 40, 12530 Borriana/Burriana, Castellon, Tel. +34 964571814;

Europe Retail Packing Poeldijk B.V., ABC Westland 315, 2685 DD  Poeldijk, Tel. +31 (0)174 28 25 10;

Fresh Royal/Hacienda La Jarilla, Hacienda La Jarilla / Apd. 47, 41300  San José de la Rinconada. Sevilla, Tel. 0034/954-791511;

Greenyard Fresh Germany GmbH, Universitätsallee 16, 28359 Bremen, Tel. 0421/30921;

La Coma Fruits SM S.L., Ctra. Seròs s/n, 25181  Soses (Lleida), Tel. +34 973 797 492;

La Vega de Cieza S.C.A., Ctra. N301, km:347, , 30530 Cieza (Murcia), Tel. 0034/968-455779;

Landgard Overseas GmbH / Landgard Nord Obst & Gemüse, Bei der Lehmkuhle 6, 21629  Neu Wulmstorf, Tel. 04851/9580-0;

Roveg Fruit BV, Nijverheidsweg 20, 2742 RG Waddinxveen, Tel. +31(0)180 635 700;

SAT PLUS BERRIES, Parque Científico y Tecnológico de Huelva, Edificio 2000, C/ Caucho 1, 21110  Aljaraque, Huelva, Tel. +34 959 041 907.

Einkauf der Testprodukte: April bis Mai 2024

Dieser Test ist online erstmals am 12.6.2024 erschienen. Aktualisierung der Testergebnisse/Angaben für das ÖKO-TEST Magazin 7/24 sofern die Anbieter Produktänderungen mitgeteilt haben oder sich aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Bewertung von Mängeln geändert oder wir neue/zusätzliche Untersuchungen durchgeführt haben.

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