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Darum ist Leitungswasser trinken besser als Mineralwasser aus Flaschen

Autor: Anne Jeschke | Kategorie: Essen und Trinken | 04.07.2020

Leitungswasser trinken ist besser als Mineralwasser aus Flaschen. Das zeigt unser Vergleich.
Foto: sonsart/Shutterstock

Leitungswasser trinken oder zum Mineralwasser aus Flaschen greifen – was ist besser? Wir vergleichen beide Produkte miteinander auf Reinheit, Mineralstoffgehalt, Preis, Klimaschutz und Umweltbelastung. Welches Produkt überzeugt in den meisten der fünf Disziplinen?

  • Umweltverschmutzungen belasten das Grundwasser. Dennoch: Mineralwasser lagert gut geschützt – und Trinkwasser wird, wenn nötig, in mehrstufigen Aufbereitungsverfahren von Schadstoffen befreit. Beide Durstlöscher können bis auf wenige Ausnahmen empfohlen werden.
  • Wer beim Durstlöschen Klima, Umwelt und Geldbeutel schonen will, liegt mit Leitungswasser goldrichtig.
  • Wenn sie auf Mineralstoffe setzen, sollten Sie beim Einkauf genau hinschauen. Denn nicht jedes Mineralwasser ist reich an Mineralien. Leitungswasser leistet einen relevanten Beitrag zur Mineralstoffversorgung.

    Mineralwasser oder Leitungswasser trinken?

    1. Welches Produkt ist reiner? 

    Den Titel Mineralwasser dürfen nur Wässer tragen, die aus sehr tiefen und geschützten Quellen stammen und nur sehr wenig behandelt werden. Leitungswasser dagegen besteht vor allem aus oberflächennäherem Grundwasser – aber auch aus dem Wasser von Flüssen und Talsperren etwa. Unbehandelt wäre es nicht immer trinkbar. Deswegen bereiten Wasserwerke es auf, bevor es bei uns zu Hause aus dem Hahn fließt.

    Vor Umwelteinflüssen ist Mineralwasser deswegen zunächst einmal besser geschützt, weil die Quellen sehr tief liegen. Grund- und vor allem Oberflächenwasser hingegen ist häufig belastet – menschengemacht. Die Hauptprobleme: Nitrat, Pestizide, Medikamentenrückstände und Chemikalien. 

      • Nitrat: Nitrat gelangt vor allem über Dünger aus der Landwirtschaft ins Grundwasser. Aus Nitrat kann im Magen-Darm-Trakt das problematische Nitrit entstehen, deswegen gilt: je niedriger die Werte, desto besser. Ein Blick in den aktuellsten Nitratbericht (2016) zeigt allerdings: 28 Prozent der Messstellen im Grundwasser meldeten erhöhte Werte.
      • Pestizide: Auch Abbauprodukte von Spritzgiften werden im Grundwasser nachgewiesen – darunter von Stoffen, die seit 20 Jahren verboten, doch noch immer nicht vollständig abgebaut sind.
      • Arzneimittelrückstände: Schmerzmittel, Betablocker, Röntgenkontrastmittel – über menschliche Ausscheidungen, aus der Massentierhaltung und über falsche Entsorgung gelangen Wirkstoffe von Medikamenten ins Abwasser. Die Kläranlagen können nicht alle Rückstände zurückhalten, weswegen Letztere immer wieder im Grundwasser nachgewiesen werden. Umweltanalytiker Christian Zwiener sieht das Thema mit Blick auf das Trinkwasser (noch) recht gelassen: "Wir können schon sehr kleine Konzentrationen nachweisen. Damit befinden wir uns in einer komfortablen Lage, um frühzeitig gegenzusteuern." Allerdings mahnt der Experte: Mit der älter werdenden Bevölkerung werde die Menge an Wirkstoffen im Abwasser steigen. Es brauche entsprechende Grenzwerte und verpflichtende Kontrollen – da hinke die Gesetzgebung noch hinterher.
      • Chemikalien: Unter anderem über Reinigungsmittel, Pflegeprodukte und Industriechemikalien verunreinigen Stoffe wie per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC), Duftstoffe, Weichmacher oder Flammschutzmittel das Grundwasser.
      (Foto: ÖKO-TEST)

      Das hört sich erst einmal alles unappetitlich an. Allerdings: Das Wasser wird aufbereitet. Die allermeisten der Stoffe sind im Leitungswasser nicht mehr oder nur noch in sehr geringen Spuren nachweisbar. Zuletzt hat die Stiftung Warentest vergangenes Jahr 20 Leitungswasserproben getestet und kam dabei zu dem Schluss, dass Leitungswasser sicher ist. Alle Proben hielten die strenge Trinkwasserverordnung ein.

      Das überwachen auch die Gesundheitsämter regelmäßig. Und das Umweltbundesamt (UBA) ist zufrieden mit der Qualität: Mehr als 99 Prozent der Messwerte genügen den Güteanforderungen der Trinkwasserverordnung oder übertreffen sie deutlich, heißt es von dort.

      Auch Mineralwasser nicht frei von Schadstoffen

      Doch Nitrat, Pestizide und Co. sind nicht nur ein Problem für Leitungswasser: "Auch tiefe Mineralbrunnen sind nicht komplett unberührt", betont Professor Zwiener. Dort weisen Prüfer ebenfalls Stoffe nach, die auf Einträge aus Umweltverschmutzung zurückgehen, wie auch unser Mineralwässer-Test zeigt.

      Das Problem: In der Mineral- und Tafelwasser-Verordnung ist zwar festgelegt, dass es "vor Verunreinigungen geschützt" und "von ursprünglicher Reinheit" sein soll. Die Verordnung erläutert diese Begriffe jedoch nicht näher. Das ist aus Verbrauchersicht ärgerlich, weil konkrete, gesetzlich festgelegte Kriterien zur Beurteilung "ursprünglicher Reinheit" fehlen und die Hersteller ihre Produkte weiterhin "natürliches Mineralwasser" nennen dürfen – selbst wenn Rückstände von Pestiziden nachgewiesen wurden.

      In unseren Tests überzeugt ein Großteil der Produkte mit "natürlicher Reinheit" – doch eben nicht alle. Neben all den menschengemachten Verunreinigungen gibt es auch natürliche wie Uran, Bor oder Arsen. Diese Stoffe werden vom Regenwasser auf dem Weg durch die Gesteinsschichten aufgenommen. Sie betreffen also Leitungs- und Mineralwasser.

      Fazit zur Reinheit: Beide Produkte sind streng kontrolliert und in den allermeisten Fällen sauber. Dass Mineralwasser prinzipiell sauberer ist als Leitungswasser, lässt sich allein deswegen nicht behaupten, weil die Trinkwasserverordnung in Teilen sogar strenger ist als die Mineralwasserverordnung. 

      Leitungswasser trinken: Damit können Sie Klima, Umwelt und Ihren Geldbeutel schonen.
      Leitungswasser trinken: Damit können Sie Klima, Umwelt und Ihren Geldbeutel schonen. (Foto: VGstockstudio/Shutterstock)

      Wasser als Mineralstoffquelle wird überschätzt

      2. In welchem Produkt stecken mehr Mineralien? 

      Mineralstoffe sind lebenswichtig, um Stoffwechselvorgänge zu regulieren. In Wasser finden sich vor allem das besonders für unsere Knochen wichtige Kalzium sowie Magnesium, das am Energiestoffwechsel, der Muskel- und Nervenfunktion beteiligt ist. Aber auch andere nützliche Mineralstoffe können darin enthalten sein, darunter Natrium, Kalium oder Sulfat.

      Seit Oktober 2017 betreibt das Institut für Lebensmittelwissenschaft und Humanernährung der Leibniz-Universität Hannover ein Kompetenzzentrum Mineral- und Heilwasser (KMH). In einer Pilotstudie mit Wasser aus 35 Haushalten im Großraum Hannover haben die Forscher herausgefunden, dass Leitungswasser dort "keinen relevanten Beitrag zur Mineralstoffversorgung leistet".

      Hartes, also kalkhaltigeres Wasser enthält zunächst einmal mehr Kalzium und Magnesium als weiches – und zwar durchaus in "relevanten Mengen", wie Inga Schneider, Ökotrophologin am KMH, betont. Allerdings kamen der Untersuchung zufolge auch bei höheren Härtegraden vergleichsweise wenige Mineralstoffe bei den Verbrauchern an. Das liegt vor allem an deren Entsalzungsanlagen, erklärt die Expertin: "Wenn das Wasser entkalkt wird, geht der Mineralstoffgehalt so weit runter, dass er nicht mehr erwähnenswert ist."

      Mineralwasser ist unterschiedlich mineralisiert

      Die Wissenschaftlerin erklärt allerdings, dass Mineralwasser nicht per se mehr Mineralstoffe enthalte: "Die Produkte sind sehr unterschiedlich mineralisiert." Gesetzlich ist kein Mindestgehalt vorgegeben – und in Tests zeigt sich immer wieder, dass viele Mineralwässer sogar mineralstoffarm sind.

      Wer sich jedoch bewusst für ein Produkt mit hohen Gehalten entscheide, könne damit einen relevanten Beitrag zur täglichen Versorgung leisten, sagt Schneider. "Mit hohem Gehalt an Mineralien" darf auf der Flasche stehen, wenn der Mineralstoffgehalt mehr als 1.500 mg/l beträgt.

      Wissenschaftler der Universität Paderborn haben allerdings schon vor Jahren kritisiert, dass die Bedeutung von Wasser als Mineralstoffquelle deutlich überschätzt werde. "Mineralstoffe werden überwiegend mit festen Nahrungsmitteln aufgenommen", betont Helmut Heseker, Professor am dortigen Institut für Ernährung, Konsum und Gesundheit, auch heute. Doch gerade wer auf Milchprodukte verzichtet, kann von einem kalziumreichen Mineralwasser profitieren.

      Fazit zum Mineralstoffgehalt: Knapper Vorteil für das Mineralwasser – falls man zur entsprechenden Sorte greift.

      Mineralwasser oder Leitungswasser trinken: Günstiger ist es, wenn Sie das Wasser aus dem Hahn trinken.
      Mineralwasser oder Leitungswasser trinken: Günstiger ist es, wenn Sie das Wasser aus dem Hahn trinken. (Foto: BIGANDT.COM/Shutterstock)

      0,2 Cent pro ein Liter Leitungswasser 

      3. Mineralwasser oder Leitungswasser trinken: Was ist günstiger? 

      Die Frage ist schnell beantwortet: Leitungswasser. Das Umweltbundesamt geht landesweit im Schnitt von 0,2 Cent pro Liter aus. Beim Mineralwasser gibt es die günstigsten Varianten im Discounter oder Supermarkt für 13 Cent pro Liter.

      Die Trinkwasserpreise richten sich – das ist gesetzlich so vorgeschrieben – nach den tatsächlichen Kosten, die dem Wasserversorger entstehen: etwa durch Gewinnung, Aufbereitung, Speicherung und Verteilung. Auch weitere Ausgaben, zum Beispiel für die Infrastruktur oder den Gewässerschutz, werden hier eingerechnet.

      Fazit zum Preis: Wenn Sie Leitungswasser trinken, können Sie Ihren Geldbeutel schonen.

      Klimabelastung durch Leitungswasser ist niedriger

      4. Welches Produkt schon das Klima mehr? 

      "Man kann ganz klar sagen, dass Trinkwasser in dieser Disziplin besser abschneidet – und zwar um einiges, sofern wir sie rein in ihrer Funktion als Durstlöscher vergleichen", sagt Mirjam Busch vom Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg. Die Treibhausgasemissionen, die durch einen Liter Leitungswasser entstehen, betragen Busch zufolge weniger als zehn Prozent der Menge, die für eine Ein-Liter-PET-Mehrwegflasche freigesetzt wird. Und das sei noch konservativ berechnet.

      Die Verbraucherzentrale betont sogar, die Klimabelastung durch Mineralwasser sei in Deutschland im Durchschnitt 600-mal höher als durch Leitungswasser. Dieser hohe Wert entsteht auch, weil zusätzlich Mineralwasser importiert wird: Im vergangenen Jahr waren das rund 1,1 Milliarden Liter.

      Trinkwasser muss – anders als Mineralwasser – oft zunächst aufbereitet werden, teilweise über mehrstufige Verfahren. Diese sind bestenfalls chemikalienfrei und naturnah, teilweise muss das Wasser jedoch auch chemisch desinfiziert werden. Nach Untersuchungen des Heidelberger Umweltinstituts ändert aber auch die Aufbereitung von Trinkwasser nichts an der besseren Öko-Bilanz. "Aufbereitung, Speicherung und Verteilung des Leitungswassers bringen insgesamt trotzdem viel weniger Klima- und Umweltbelastungen mit sich als Verpackung, Abfüllung und vor allem der Transport beim Mineralwasser", betont Mirjam Busch.

      Fazit zum Klimaschutz: Leitungswasser ist deutlich weniger schädlich für das Klima.

      Öko-Bilanz: Im Gegensatz zu Mineralwasser braucht Leitungswasser keine Verpackung und hinterlässt keinen Abfall.
      Öko-Bilanz: Im Gegensatz zu Mineralwasser braucht Leitungswasser keine Verpackung und hinterlässt keinen Abfall. (Foto: Shark_749/Shutterstock)

      Leitungswasser trinken ist umweltfreundlicher 

      5. Welches Produkt ist weniger schädlich für die Umwelt? 

      Leitungswasser ist nicht nur mit Blick auf den Klimaschutz die beste Alternative, sondern auch in anderen Fragen des Umweltschutzes: Leitungswasser braucht keine Verpackung, es hinterlässt keinen Abfall, und es muss nicht über Hunderte Kilometer gefahren werden.

      Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe werden in Deutschland insgesamt jährlich 16,4 Milliarden Einwegplastikflaschen verbraucht – das mache 470.000 Tonnen Müll. Ihre Herstellung verschlingt den Angaben nach jährlich etwa 480.000 Tonnen Rohöl und Erdgaskondensate – genug, um fast 400.000 Einfamilienhäuser ein Jahr lang zu beheizen. Das sind natürlich bei Weitem nicht alles Mineralwasserflaschen. Doch ihr Anteil an Mehrwegsystemen liegt bei gerade mal etwa 33 Prozent – viel weniger als bei Bier etwa.

      Öko-Bilanz und die Länge der Transportwege 

      Im Mehrwegsystem werden Glasflaschen bis zu 50-mal wieder befüllt, PET-Mehrwegvarianten bis zu halb so oft. Allerdings spielt bei der Öko-Bilanz auch die Länge der Transportwege eine Rolle, wie Mirjam Busch vom Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung betont: Wasserflaschen werden durch den zentralisierten Vertrieb in Deutschland im Schnitt rund 100 bis 200 Kilometer transportiert, bevor sie im Handel landen.

      Bei Mehrwegflaschen kommt aber zwingend noch der Rücktransport zum Abfüller dazu. "Bei stark regionalen Vertriebsstrukturen können Glas-Mehrwegflaschen einen Vorteil gegenüber den durchschnittlichen Kunststoffsystemen haben", sagt die Ingenieurin für Ökologie und Umweltschutz. Bei längeren Wegen hingegen belaste die Ein-Liter-PET-Mehrwegflasche die Umwelt weniger.

      Fazit zur Umweltbelastung: Wer nicht auf Mineralwasser verzichten möchte, hilft der Umwelt also, indem er ein regionales Produkt im Mehrwegsystem kauft. Der Punkt geht aber zweifelsfrei ans Trinkwasser.

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      Leitungswasser trinken ist im Vergleich besser 

      Das Leitungswasser liegt also klar vorn – vor allem, was Klima-, Umwelt- und Geldbeutelschutz betrifft. Weshalb die Deutschen dann so viel Mineralwasser kaufen? Am Ende entscheidet eben – wie so oft – der ganz persönliche Geschmack.

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