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Alnatura: Bio-Großhändler unter der Lupe

Autor: Christoph Lützenkirchen | Kategorie: Essen und Trinken | 03.01.2020

Alnatura
Foto: Alnatura

Alnatura ist Platzhirsch im Naturkostfachhandel. Die Bio-Supermarktkette kam aber auch wegen schlechter Arbeitsbedingungen ins Gerede – und hat schnell reagiert.

Vor der Tür der Alnatura-Filiale im Bremer Szeneviertel Steintor rollt alle paar Minuten eine Straßenbahn vorbei. Ein buntes Vielvölkergemisch füllt die Gehsteige. Nebenan gibt es "Gutes von gestern", gegenüber lockt das Indian Curry House. Im klimatisierten Alnatura-Laden ist es ruhig, das Gewusel bleibt draußen. Emsig füllen Mitarbeiter in Firmenkluft die Regale auf. Keine supermarkttypische Zwangsbeschallung aus der Konserve ist zu hören. An einer Wand reiht sich Glastür an Glastür, dahinter Molkereiprodukte, Sojadrinks, Fleischersatz-Produkte. Fast überall stehen Verpackungen mit dem hauseigenen Alnatura-Siegel neben den bekannten Bio-Marken im Regal. Schilder mit der Aufschrift "Aus der Region" weisen auf lokale Spezialitäten wie den Münchhausen Kaffee hin.

Das ist nicht selbstverständlich, denn Alnatura mit mittlerweile über 130 Filialen (Stand September 2020) gibt es bundesweit. Der Naturkosthändler hat seinen Sitz im hessischen Bickenbach, südlich von Frankfurt. Auf dem Hof der Firmenzentrale stapeln sich mausgraue Container. Sie haben Fenster mit Sonnenrollos, an der Außenwand hängen Kästen von Klimaanlagen. Drinnen sitzen Menschen vor Bildschirmen – sehr viele junge Menschen. "Wir sind kräftig gewachsen und wollen bald umziehen", sagt Pressesprecherin Stefanie Neumann. An einem neuen Standort baue Alnatura derzeit ein eigenes Gebäude nach neuesten ökologischen Standards.

Auf einer Grundfläche von 9.000 Quadratmetern baute Alnatura in Lorsch das größte Hochregallager der Welt aus Holz. Es bietet Platz für 32.000 Paletten mit Produkten aus dem Trockensortiment.
Auf einer Grundfläche von 9.000 Quadratmetern baute Alnatura in Lorsch das größte Hochregallager der Welt aus Holz. Es bietet Platz für 32.000 Paletten mit Produkten aus dem Trockensortiment. (Foto: Alnatura)

Alnatura gibt es bereits sei 1984

Das Unternehmen wurde 1984 gegründet. Bereits 1986 standen die ersten Alnatura-Produkte in Märkten von dm und Tegut als Shop-in-Shop-Angebot. 1987 öffnete der erste eigene Markt in Mannheim. Innerhalb von 20 Jahren kamen 35 Filialen hinzu, heute (Stand 2019) umfasst das Filialnetz stolze 134 Geschäfte - Alnatura nennt sie "Super Natur Märkte". Von 185 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2006/07 hat sich der Netto-Umsatz bis 2019 vervielfacht – auf mittlerweile 901 Millionen Euro. Seit Jahren wächst Alnatura schneller als der Gesamtmarkt für Bio-Lebensmittel. 

Von Anfang an verkaufte Alnatura eigene Produkte. Zum Verständnis: Dabei handelt es sich nicht um Produkte, die das Unternehmen selbst herstellt. "Wir haben keine eigene Produktion", sagt Dr. Manon Haccius: "Jeder soll das tun, was er am besten kann. Wir können Einzelhandel, andere können Verarbeitung, wieder andere können Anbau." Die Agrarwissenschaftlerin leitet den Bereich Qualität, Recht und Nachhaltigkeit bei Alnatura. Insgesamt 1.100 Produkte führt das Unternehmen im Sortiment: Säfte, Baby- und Kleinkindnahrung, Müslis, Brot, Getreide- und Getreideprodukte, süße und pikante Knabberartikel, Brotaufstriche, Teigwaren, Tiefkühlkost, Molkereierzeugnisse.

Alnatura lässt alle eigene Produkte herstellen

Sie werden von 135 Herstellerpartnern produziert. Dabei handelt es sich den Angaben zufolge zu 96 % um kleine und mittlere Unternehmen. Vier Fünftel von ihnen arbeiten in Deutschland. "Wenn sie durch den Bio-Laden gehen und die bekannten Marken sehen, dann sind das die Hersteller unserer Eigenmarken, auch wenn wir sie auf der Verpackung nicht nennen", erklärt Alnatura-Sprecherin Neumann. Dass die Namen nicht genannt werden, habe man vertraglich mit den Partnern vereinbart.

Dennoch: Die 'eigenen' Produkte wurden bei Alnatura selbst entwickelt. Im Produktmanagement arbeiten 45 Spezialisten. Woher kommen die Ideen? Ein Beispiel: Während eines Londonurlaubs entdeckte Produktmanagerin Christiane Höpfer den typisch englischen Haferbrei Porridge in einem Whole-Foods-Supermarkt.

"Ich dachte gleich daran, dass das was für unser Cerealiensortiment sein könnte", erinnert sich Höpfer. Fast zeitgleich brachte ihre Kollegin Tanja Zimmer die Idee aus ihrem Schottlandurlaub mit. Einige Herstellerpartner von Alnatura boten Porridgeprodukte an. "Wir haben uns das angeschaut, probiert und verkostet", berichtet Zimmer: "Dann haben wir beobachtet, wie die Resonanz bei den Kunden war." Das Porridge schmeckte, es kam gut bei den Kunden an.

Professor Götz E. Rehn gründete Alnatura und ist Geschäftsführer. Er arbeitete früher unter anderem für den Nahrungsmittelkonzern Nestlé.
Professor Götz E. Rehn gründete Alnatura und ist Geschäftsführer. Er arbeitete früher unter anderem für den Nahrungsmittelkonzern Nestlé. (Foto: Alnatura)

Alnatura entwickelt einen Frühstücksbrei

Nun begann die Suche nach dem richtigen Hersteller. Zwei Produktvarianten sollten es sein, einmal mit und einmal ohne Früchte. Die Herstellerpartner arbeiteten einige Wochen an Vorschlägen für entsprechende Mischungen. Vorgegeben war nur Hafer als Basis. Es folgten Verkostungsrunden mit den Mustern. "In unserem Team sind wir alle sensorisch geschult", so Zimmer.

Die Hersteller erhielten ein Feedback, etwa dass mehr Früchte hineinsollten, die Süße zu dominant sei oder die Konsistenz nicht sämig genug. Für die nächste Runde veränderten sie daraufhin ihr Muster. "Nach zwei bis drei Durchgängen merkt man dann, welcher Hersteller infrage kommt", sagt die Produktmanagerin.

Die Haferfrühstücksbreie Basis und Früchte wurden Ende 2013 eingeführt. Die Anforderungen an die Qualität sind hoch, alle Zutaten müssen aus kontrolliert biologischem Anbau kommen. "Als gewünschte Qualität der Rohstoffe steht immer Demeter an erster Stelle", erklärt Neumann, "wenn nicht verfügbar, Bioland, dann Naturland und schließlich EU-Bio." Ziel sind möglichst einfache Rezepturen.

Alnatura: Platzhirsch im Naturkosthandel

Wie schützt sich Alnatura vor Betrug durch Anbauer und Verarbeiter? Neumann verweist auf langfristige Lieferbeziehungen, die man zu den Partnern auf allen Ebenen aufbaue. Über die Jahre wachse so ein Vertrauensverhältnis, das den besten Schutz gewährleiste. Außerdem würden Bio-Produkte besonders umfassend und mehrstufig kontrolliert.

Dennoch könne auch dieses System nicht vollständig vor Betrug schützen, so Haccius: "Wer Bio will, der entscheidet sich trotzdem dafür. Wer Bio gar nicht möchte, sucht Gründe. Für den ist dann jeder Skandal in der Bio-Branche eine Bestätigung dafür, dass er sich nicht umstellen muss."

Mit fast 600 Mio. Euro Umsatz ist Alnatura der unbestrittene Platzhirsch im Naturkostfachhandel. Verglichen mit konventionellen Konkurrenten schrumpft allerdings auch der Marktführer zum Hirschlein. Zwar gaben Haushalte in Deutschland 2019 insgesamt 11,97 Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel und -Getränke aus (2009: 5,8 Mrd. €). Dies entspricht jedoch nur 5,68 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes.

Alnatura-Märkte gibt es bundesweit – derzeit sind es über 130 Filialen. Die Bio-Supermarktkette führt insgesamt 1.100 Produkte im Sortiment.
Alnatura-Märkte gibt es bundesweit – derzeit sind es über 130 Filialen. Die Bio-Supermarktkette führt insgesamt 1.100 Produkte im Sortiment. (Foto: CC BY-SA 2.0 DE / Wikimedia Commons / Alnatura)

Alnaturas setzt auf Handelspartner

Der wichtigste Vertriebsweg sind für Alnatura aber nicht die eigenen Märkte, sondern die Filialen der Handelspartner in insgesamt 14 europäischen Ländern. Dazu gehören neben Rossmann, Edeka und Tegut auch die Handelsketten Budnikowsky, Hit, Globus, AEZ, Cactus und Migros.

Trotz des geringeren Volumens hat der Bio-Sektor komplett eigene Handelsstrukturen aufgebaut. "Unsere Großhandelspartner arbeiten mit lokalen Lieferanten zusammen", sagt Manon Maccius. Regionalität ist für Alnatura ein wichtiges Thema. Die Läden sind dezentral organisiert. Frische Backwaren beziehen sie von zertifizierten Bäckern vor Ort. Auch bei Obst und Gemüse arbeiten sie mit Bauern aus der jeweiligen Region zusammen. Allerdings sucht die Bickenbacher Zentrale die Landwirte aus.

Ein Beispiel von Co-Branding bei Alnatura

Das Öko-Dorf Brodowin im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin nordöstlich von Berlin ist seit vielen Jahren regionaler Lieferant von Alnatura. Es versorgt die Berliner Filialen mit Gemüse, aber auch mit Molkereiprodukten sowie Fleisch- und Wurstwaren. Mit rund 1.200 Hektar Land gehört Brodowin zu den größten biodynamisch wirtschaftenden Betrieben Europas.

"Alnatura kümmert sich um seine regionalen Partner", sagt Ludolf von Maltzan, Geschäftsführer des Öko-Dorfs. Der Kontakt zu den Gesprächspartnern in der Bickenbacher Alnatura-Zentrale sei gut, deren Fachkompetenz hoch. Seit Mitte März arbeiten das Öko-Dorf und Alnatura auch bei Eiern zusammen. "Wir wollten, dass die Eier erkennbar von uns stammen", erzählt Maltzan.

Daraus ist ein Co-Branding entstanden. Die Eier tragen die Namen beider Unternehmen. Ein externer Berater kalkulierte Kosten und Preise. Alnatura akzeptierte den Vorschlag. "Sonst wird so etwas über Angebot und Nachfrage geregelt", sagt der Landwirt.

Graffiti von Tom Brane in Freiburg für Alnatura (Logo links oben zu erkennen)
Graffiti von Tom Brane in Freiburg für Alnatura (Logo links oben zu erkennen) (Foto: CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Commons / Andreas Schwarzkopf)

Hat Alnatura nicht nach Tarif bezahlt?

Bei den Preisen fährt Alnatura zweigleisig. Über die Konditionen für das Trockensortiment entscheidet die Zentrale. Die Filialen verhandeln mit den regionalen Lieferanten. Dabei fühle man sich verpflichtet, faire Preise zu zahlen. Alnatura-Managerin Haccius glaubt, dass ihr Unternehmen ein interessanter Partner für Landwirte und Hersteller ist, weil es wächst und auf langfristige Kooperation setzt. "Und im Unterschied zu den großen Discountern schreiben wir die Produkte nicht jedes Jahr neu aus", so Haccius: "Deren Lieferanten geraten durch diese Politik stark unter Druck."

Fairness hat Alnatura sich auch im innerbetrieblichen Umgang auf die Fahnen geschrieben. Dennoch sah sich das Unternehmen 2009 heftiger öffentlicher Kritik ausgesetzt. Verschiedene Medien warfen Alnatura vor, dass die Mitarbeiter in den Filialen nicht nach Tarif bezahlt wurden.

Die Hessen reagierten schnell und zahlen eigenen Angaben zufolge seitdem Gehälter gemäß den Einzelhandelstarifen der jeweiligen Bundesländer. Unternehmenssprecherin Stefanie Neumann erklärt zudem, dass Alnatura den Manteltarifvertrag gemäß den Bedingungen der verschiedenen Bundesländer berücksichtigt. "Selbstverständlich werden auch Sonderzahlungen und Zuschläge gezahlt", so Neumann. "Hinzu kommen eine Wertschöpfungsbeteiligung, die betriebliche Altersvorsorge und vermögenswirksame Leistungen." Alnatura beschäftigt zurzeit rund 3.200 Mitarbeiter.

Alnatura-Betriebsräte sind zufrieden

Bemängelt hatten die Kritiker auch das Fehlen von Betriebsräten. Doch nur in der Freiburger Filiale wurde auf Wunsch der Mitarbeiter seitdem ein Betriebsrat eingerichtet. Wollen die Beschäftigten denn im Unternehmen nicht mitbestimmen?

Neumann verweist auf eine andere Unternehmenskultur bei Alnatura: "Bei uns gibt es nicht diese Hierarchien." Doch in Freiburg ist man sehr zufrieden mit dem zusätzlichen Instrument für die innerbetriebliche Kommunikation. "Unsere Erfahrung ist: Manches wird einfacher", sagt Michael Kaus, Betriebsrat und Mitarbeiter in der Obst- und Gemüseabteilung. "Zwar haben wir bei Alnatura eine flache Hierarchie, doch nicht jeder Mitarbeiter ist in der Lage, sich da einzubringen. Der Betriebsrat will für diese Kollegen ein Vermittler sein. Und wir wollen aktiv mitbestimmen." Kaus betont, das Arbeitsklima bei Alnatura sei kollegial und teamorientiert. Er ist seit zehn Jahren beim Naturkosthändler beschäftigt.

Alnatura braucht laufend qualifizierte neue Mitarbeiter und bietet neben verschiedenen kaufmännischen Ausbildungen auch duale Studiengänge an. Speziell für Einzelhandelskaufleute entwickelte Alnatura gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Darmstadt die Zusatzqualifikation Naturkosthandel. Sie wird mittlerweile von einigen IHKs angeboten. Verschiedene Bausteine im Ausbildungsprogramm sollen den Lehrlingen zudem dabei helfen, "Bio zu lernen". Sie nehmen an mehrtägigen Praktika in der Landwirtschaft und in der Produktion teil. In Seminaren zur Warenkunde lernen sie Besonderheiten von Bio-Obst und -Gemüse, Käse, Getreide, Fleisch, Fisch und Eiern kennen. Außerdem geht es um alternative Ernährungsformen, Allergien und Naturkosmetik.

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Alnatura: Zusammenarbeit mit Hochschulen

Für zwei duale Studiengänge in den Bereichen Handel und Food-Management arbeitet Alnatura mit den Dualen Hochschulen Mannheim und Heilbronn sowie der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin zusammen. Die Studenten wechseln während des Studiums alle drei Monate von der Hochschule ins Unternehmen. Sie sind für die gesamte dreijährige Studienzeit bei Alnatura angestellt. Auch Studenten des BWL-Studiengangs "Wirtschaft neu denken" der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn profitieren von einer Kooperation mit Alnatura. Jährlich 20 Wochen Praxiszeiten in Partnerunternehmen sind Teil des Studiums. Sie werden von Alnatura vergütet.

Darüber hinaus unterstützt das Unternehmen den Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft mit einer eigenen Saatgutaktion. Seit 2003 wurden demnach über 250.000 Euro Spenden für die Zukunftsstiftung gesammelt. Gefördert werden ferner der Bienenverein Mellifera, der sich für wesensgemäße Bienenhaltung einsetzt, und die Initiative "Vielfalt erleben". Sie ist Teil einer Bewegung gegen Gen-Technik. Mit Terre des Hommes arbeitet Alnatura zur Unterstützung von Kinderhilfsprojekten zusammen. Mitarbeiter des Unternehmens gründeten 2004 den gemeinnützigen Verein "Alnatura hilft!" Er sammelt Spenden der Hersteller von Alnatura-Produkten, der Lieferanten, der Kunden, Geschäftspartner und Mitarbeiter. Der Verein unterstützt Projekte aus den Bereichen Soziales, Pädagogik, Medizin oder Ökologie.

Alnatura: Datenschützer warnen vor Payback

Auch Payback-Punkte können über Alnatura für gemeinnützige Projekte gespendet werden. Seit Mitte 2012 beteiligt sich das Unternehmen an dem Bonussystem, das bei Verbraucherschützern allerdings umstritten ist. Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein, bezweifelt, dass Payback für den Kunden große Preisvorteile biete; er müsse sich dafür aber "nackt ausziehen". Die Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen sprach von einer "Schnäppchenfalle". Und das Verbrauchermagazin Quintessenz des Westdeutschen Rundfunks warnte: "Mit der Nutzung einer Kundenkarte gibt der Verbraucher seine Anonymität auf."

Demgegenüber betont Christoph Hosseus, Leiter Kundendialog bei Alnatura, die Akzeptanz durch die Kunden. "Die Nutzungszahlen bestätigen unsere Entscheidung", so Hosseus. Aus Sicht des Unternehmens ist Payback ein "Dialogprogramm". Man könne den Kunden direkt ansprechen und Themen an ihn herantragen, sagt Hosseus: "Beispielsweise machen wir auf unsere Initiativen für Bio-Saatgut aufmerksam."

Der Payback-Rabatt bei Alnatura beträgt ein Prozent. Durch spezielle Coupons lässt sich die Quote auf bis zu fünf Prozent steigern. Die Rabattpunkte kann sich der Kunde auch als Einkaufsgutschein auszahlen lassen. Hosseus versichert, dass die Daten zum Kaufverhalten des Kunden und seine Adresse getrennt voneinander gelagert werden. Sie dürften nicht an Dritte weiter verkauft werden.

Der Umgang mit Payback zeigt exemplarisch ein Charakteristikum von Alnatura: Das Unternehmen hat sich zwar hohen Idealen verpflichtet, leitet daraus aber keine ideologischen Handlungsmaximen ab. In der Praxis gibt es einen nüchtern-pragmatischen Blick auf die Dinge.

Ranzig und schadstoff-belastet – Alnatura-Olivenöl enttäuscht

Alnatura: Die Krux mit dem Palmöl

Auf seiner Website informiert Alnatura ausführlich über seine Bezugsquellen für Palmfett. Demnach verwenden die Alnatura-Herstellerpartner ausschließlich Palmfett von Bio-Palmölproduzenten. Den größten Teil liefert Daabon Organic aus Kolumbien. Das Familienunternehmen wird seit 1992 durch Ecocert biozertifiziert. Die Bio-Ölpalmen wachsen auf Flächen, die zuvor landwirtschaftlich genutzt wurden. Urwald oder Primärwald wird nicht zerstört. Gedüngt wird organisch. Chemische Spritzmittel gegen Krankheiten, Insekten und Beikräuter sind tabu. Die Bezahlung der Mitarbeiter liegt über dem Mindestlohn. Daabon kooperiert mit lokalen Alianzas – das sind Gemeinschaften von Kleinbauern.

Teil der Palmöl-Dokumentation auf der Alnatura-Website ist auch die Aufarbeitung des Streits um eine Plantage von Daboon im Süden Kolumbiens aus dem Jahr 2010. Umfangreiche Recherchen verschiedener Stellen hätten gezeigt, dass die zentralen Vorwürfe haltlos gewesen seien, so Alnatura. Der Partner Daboon hat die Plantage 2011 verkauft.

Tipp: Schimmelpilzgifte – Vollkornspaghetti von Alnatura "mangelhaft"

Wie Alnatura mit Kritik umgeht – Beispiel 1

Alles ganz transparent: Alnatura veröffentlicht auf seiner Homepage alle Ergebnisse von Produkttests – die vielen guten, auch die wenigen schlechten. Doch mit seiner Reaktion auf negative Resultate fällt das Unternehmen hinter die selbstgesteckten Ansprüche zurück. Deutlich wird das ausgerechnet an zwei Produkten für Babys und stillende Mütter.

Im April 2014 nahm ÖKO-TEST Milchbreie für Babys unter die Lupe. Der Alnatura Dinkel Milchbrei schnitt mit "mangelhaft" ab. Wir fanden erhöhte Mengen an Fettschadstoffen in dem Produkt, sogenannte 3-MCPD- und Glycidylester; außerdem Rückstände von Desinfektions- und Reinigungsmitteln (DDAC).

Die Menge an Fettschadstoffen sei gering, erklärt Alnatura dazu. Die Reiniger brauche man, um "besonders hygienisch" zu arbeiten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) habe innerhalb der gefundenen Größenordnung keine gesundheitlichen Bedenken. Außerdem habe ÖKO-TEST sämtliche Milchbreie im Test negativ bewertet.

Was Alnatura nicht erwähnt: Andere Hersteller setzen bereits DDAC-freie Reinigungsmittel ein. 3-MCPD- und Glycidylester stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Und nur zwei von zwölf Produkten im Test enthielten erhöhte Mengen an Fettschadstoffen. Alnatura versucht offenbar, die Kundschaft zu beschwichtigen. Auch die Haltung des Naturkosthändlers in Sachen DDAC ist alles andere als überzeugend. Von einem Bio-Anbieter erwarten wir mehr Engagement!

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Wie Alnatura mit Kritik umgeht – Beispiel 2

Zweites Beispiel: Unser Test Milchbildungstees. Den Alnatura Stilltee bewerteten wir mit "mangelhaft" (ÖKO-TEST Jahrbuch 2014). Der Tee war massiv mit giftigen Pyrrolizidinalkaloiden (PA) belastet und überschritt den von BfR-Experten empfohlenen Höchstwert um das 15-Fache.

Und wieder redete Alnatura das Problem klein. PA seien natürliche Pflanzeninhaltsstoffe. Das BfR gehe nicht von einer akuten Gefahr durch Teekonsum aus. Verbraucher sollten "bei der Auswahl von Lebensmitteln und Getränken auf Abwechslung und Vielfalt achten".

Die PA-Stellungnahme des BfR liest sich indes nicht so harmlos. Die Behörde warnt vor einem "möglicherweise erhöhten Krebsrisiko insbesondere für Kinder". Die Belastung von Kräutertees und Tees müsse gesenkt werden, zumal PA auch in anderen Lebensmitteln wie Honig enthalten sein könne. Gegenüber ÖKO-TEST bestätigte Alnatura Gehalte von bis zu 68 µg/kg PA in dem untersuchten Stilltee. Dabei handele es sich aber um "sehr punktuell vorhandene Einträge". Der Herstellerpartner habe für die aktuelle Anbausaison Maßnahmen entwickelt, um PA im Tee zu minimieren.

Für diese Haltung haben wir ebenfalls kein Verständnis. Bei einem PA-Gehalt von 68 µg/kg würde man mit sechs Tassen Stilltee pro Tag immer noch über dem BfR-Richtwert liegen. Alnatura bemüht sich zwar um eine Verbesserung der Situation, sollte angesichts eines so sensiblen Produkts aber auch darüber nachdenken, es vorübergehend aus dem Programm zu nehmen. Das wäre eine angemessene Reaktion und ein überzeugendes Beispiel für vorbeugenden Verbraucherschutz.

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