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Bodenbeläge, PVC

Keine Alternative

PVC-Bodenbeläge gelten als billig und pflegeleicht. Die bittere Wahrheit: Sie stecken voller Schadstoffe, egal wie sie optisch daherkommen. Von den getesteten Produkten ist keines zu empfehlen.

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02.11.2012 | Glänzender Carrara-Marmor, gediegene Eichenholzdielen, Ahorn-Parkett, weiß wie Schnee: Es gibt nichts, was PVC-Boden­beläge nicht imitieren können. Im Prospekt heißt das dann: "PVC-Böden in verschiedenen Optiken". Die "Optiken", also die Oberflächen auf der Trägerschicht, reichen dank moderner Druck- und Präge­techniken von Edelholz-, Stein- und Fliesenimitationen bis hin zu Wiesen-, Sandkorn- und dem guten alten "Schachbrettlook".

Nach Einschätzung von Branchenexperten spielen die widerstandsfähigen PVC-­Böden im Vergleich zu Holz- und holzhaltigen Böden sowie textilen Bodenbelägen auf dem Markt nur die dritte Geige. Die Vorteile von PVC-Belägen neben ihrem niedrigen Preis: In Küche und Bad erleichtern die dichten, verschweißten Fugen die Reinigung. Und: Die elastischen Beläge im Bad fühlen sich im Gegensatz zu Keramik- und Steinfliese auch ohne Fußbodenheizung nicht eiskalt an.

Doch was so oft im Leben gilt, trifft auch auf PVC-Bodenbeläge zu: außen hui, innen pfui. Der Kunststoff PVC ­(Polyvinylchlorid) ist ein harter, spröder Stoff. Erst wenn man Weichmacher dazugibt, wird er weicher, formbar und lässt sich etwa zu Fußböden verarbeiten. Dafür haben die Hersteller in der Vergangenheit Phthalate benutzt. Die sind in Weich-PVC-Böden nicht fest gebunden. Sie können aus Produkten ausdünsten, auswaschen oder sich durch Abrieb im Raum verteilen. Der Mensch kann Phthalate durch die Luft, über die Nahrung und die Haut aufnehmen.

Während einige Hersteller von den in Babyartikeln und Kinderspielzeug ab bestimmten Gehalten verbotenen Phthalaten wie DEHP auf aus ihrer Sicht unproblematische Phthalate gewechselt sind, kündigte das Unternehmen Debolon aus Dessau einen größeren Schritt an. Zum ­1. Januar 2012 wollte sie die gesamte Produktion auf Weichmachersysteme auf Basis nachwachsender Rohstoffe umstellen, die über eine Lebensmittelzulassung verfügen und für Kinderspielzeug unter drei Jahren freigegeben sind.

Was aktuell alles in PVC-Böden drinsteckt und wie viel Oberflächenspannung sie aufbauen können, haben wir getestet und zwölf PVC-­Bodenbeläge in die Labore geschickt.

Das Testergebnis

Die aktuellen Modelle sind nicht besser als frühere: Bis auf einen phthalatfreien und nur "mangelhaften" schneiden alle Produkte mit "ungenügend" ab.

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So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben 12 PVC-Bodenbeläge in Baumärkten, beim Fachhändler und bei einem Internethändler für Bodenbeläge gekauft. Im Einkaufswagen landeten günstige Produkte für weniger als acht Euro pro Quadratmeter, aber auch Beläge, die mit rund 65 Euro pro Quadratmeter teurer sind als so manches Parkett. Mit dabei sind natürlich Produkte der großen Anbieter wie Tarkett, Gerflor, IVC und Forbo. Bei den Baumärkten sucht man echte Eigenmarken oft vergebens. Häufig vertreiben die Läden günstige Produkte der Marktführer unter anderen Namen. Erkennen kann man die Herkunft der Beläge nicht. Deshalb haben wir auch gleich drei Produkte des belgischen Unternehmens IVC und zwei der Firma Gerflor im Test. Die Verkäufer in Baumärkten und im Fachhandel erklärten übereinstimmend, dass Kunden PVC-Böden mit Holz- und Steinoptik bevorzugen. Und so entsprechen die meisten Produkte im Test diesen Motiven. Wir wählten zwölfmal Bahnenware, da das nach wie vor das nachgefragteste Format ist und auch Anfänger beim Verlegen nicht überfordert. Mit dabei: ein PVC-Bodenbelag im Fliesenformat.

Die Inhaltsstoffe
Die Probleme beginnen mit der Grundsubstanz: dem PVC. Wer daraus Fußböden herstellen will, ist auf einige bedenkliche Hilfsstoffe angewiesen. Nach denen ließen wir die Labore suchen. Etwa nach Weichmachern, die den Boden geschmeidig machen. Die Hersteller setzen dafür vor allem Phthalate ein. Einige Phthalate wirken wie Hormone und können die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. Da in Weichmacherölen auch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe stecken können - einige dieser Substanzen sind krebserregend -, bestimmten die Labore ebenso deren Konzentrationen im Produkt. Mit dem Weichmacheranteil im Belag steigt auch dessen Brennbarkeit. Dieses zieht den Einsatz von sogenannten Flammschutzmitteln nach sich. Das sind zum Beispiel phosphororganische Verbindungen. Einige können die Haut reizen. Schließlich setzen die Firmen Stabilisatoren, etwa giftige Schwermetalle und gefährliche zinnorganische Verbindungen ein, um PVC-Böden vor Vergilbung und Zersetzung zu schützen. Deshalb ließen wir die Labore auch nach diesen Stoffen suchen.

Die Oberflächenspannung
Wir wollten wissen, ob die PVC-Bodenbeläge durch alltagstypische Kontakte elektrostatisch aufladbar sind. Das kann negative Folgen für das Raumklima haben. Die Luftelektrizität erhöht sich wie bei Föhn in Bayern oder kurz vor einem Gewitter. Staub wird so angezogen und in Bewegung versetzt. Mit dem Staub können Allergene, Pilze und Schadstoffe in die Luft und an den Menschen geraten. Um zu überprüfen, ob, wie stark und wie anhaltend die Böden elektrostatisch aufladbar sind, haben die Experten die Böden Reibungen durch Leder- und Kunststoffsohlen sowie mit der Handfläche und verschiedenen Textilien ausgesetzt. So lassen sich unterschiedliche Nutzungen wie das Barfußlaufen, das Gehen mit Socken und Schuhen und das Krabbeln eines Babys simulieren. Anschließend haben die Prüfer die Oberflächenspannung und die Widerstandseigenschaften der PVC-Böden gemessen. Letztere geben Auskunft darüber, wie schnell sich die Böden wieder entladen. Entscheidend dafür sind Durchgangswiderstand und Oberflächenwiderstand des Materials.

Die Bewertung
Bodenbeläge nehmen große Flächen in Wohnungen und Häusern ein. Dementsprechend stark sind Menschen den in Böden enthaltenen Schadstoffen ausgesetzt. Man läuft barfuß über die Böden, man liegt, spielt und Babys krabbeln darauf. Und da widerstandsfähige PVC-Böden gut 20 Jahre nutzbar sind, ist man Schadstoffen auch noch sehr lange ausgesetzt. Daher kann es für belastete Böden nur ein "ungenügend" geben. Notenabzug gibt es ebenso für solche Beläge, die sich stark aufladen lassen und in denen die Spannung auch noch lange besteht.

So haben wir getestet

Der Oberflächenspannung auf der Spur: Das Labor hat geprüft, ob sich die Bodenbeläge elektrostatisch aufladen ließen.