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Echte Naturkosmetik erkennen: So schützen Sie sich vor Greenwashing

Autor: Heike Baier/Lino Wirag | Kategorie: Kosmetik und Mode | 01.07.2020

Naturkosmetik erkennen: Greenwashing vermeiden
Foto: CC0 / Unsplash.com

Ist Kosmetik von Biotherm bio? Schön wär's. Handelt es sich bei der Gesichtscreme mit Aloe Vera zwingend um Naturkosmetik? Leider nein. Viele konventionelle Kosmetikhersteller lassen ihre Produkte absichtlich grüner aussehen, als sie sind. Mit diesen Tricks erkennen Sie Greenwashing im Beauty-Regal.

Frische Früchte auf der grünen Verpackung, der Hinweis, es handle sich um "natürliche Kosmetik" oder gar "Biokosmetik", außerdem gerne ein etwas höherer Preis – und schon könnte man die Bodylotion, das Duschgel oder Deo für ein besonders umweltfreundliches und unbedenkliches Produkt halten.

Das mag durchaus der Fall sein – vielleicht aber auch nicht. Denn Begriffe wie "Pflanzenkosmetik", "natürliche Kosmetik", "Naturkosmetik", "Biokosmetik" und ähnliche sind in Deutschland nicht gesetzlich geschützt. Anders sieht es bei Lebensmitteln aus, wo sich nicht jedes Produkt als "bio" bezeichnen darf. Das bedeutet aber auch, dass Kosmetik-Hersteller solche und vergleichbare Bezeichnungen benutzen dürfen, selbst wenn ihre Produkte problematische, umwelt- oder gesundheitsgefährdende Stoffe enthalten. Ein Einfalltor für Greenwashing, das auch eifrig genutzt wird.

Beliebte Tricks von Pseudo-Produkten

Auch Zusätze wie der, ein Produkt enthalte "natürliche Inhaltsstoffe", sind erlaubt. Entsprechendes Marketing tut ein Übriges, um den Eindruck zu verstärken, es handle sich bei Cremes, Lotions oder silikonfreien Shampoos um echte Naturkosmetik – wo man bestenfalls von naturnaher Kosmetik sprechen könnte. Schon in der Vergangenheit haben wir solche Pseudo-Produkte immer wieder unter die Lupe genommen – oft mit unerfreulichen (Test-)Ergebnissen.

Besonders beliebt bei den grün angestrichenen Präparaten: Der auffällige Hinweis auf einige "natürliche" Bestandteile des Produkts, der davon ablenken soll, wie viel Synthetik sich noch in der Rezeptur verbirgt. Und: Die Deklaration, der Artikel sei "frei von" diesen oder jenen umstrittenen Stoffen (beispielsweise von Silikonen, Formaldehyd, Aluminium, Sulfaten, Konservierungsstoffen u.a.) – obwohl die Kosmetik gleichzeitig andere kritisches Wirkstoffe enthält, auf die aber nicht hingewiesen wird.

Besonders dreist: Auch schlichtes Wasser darf als natürliche Zutat ausgelobt werden. Das hat die sonderbare Konsequenz hat, dass es viele flüssige Kosmetikprodukte spielend leicht auf "über 90 Prozent Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungs" bringen. Ein Wortlaut, der sich dann auch auf der Produktverpackung wiederfinden kann.

Der Naturkosmetikmarkt wächst seit Jahren, wie sich auch durch steigende Besucherzahlen auf Spezialmessen wie der Vivanesse in Nürnberg zeigt – das weckt Begehrlichkeiten bei konventionellen Herstellern.
Der Naturkosmetikmarkt wächst seit Jahren, wie sich auch durch steigende Besucherzahlen auf Spezialmessen wie der Vivanesse in Nürnberg zeigt – das weckt Begehrlichkeiten bei konventionellen Herstellern. (Foto: NürnbergMesse/Erich Malter)

Echte Naturkosmetik? Nur mit seriösen Siegeln

Wie also können Verbraucher echte Naturkosmetik von ihren Pseudovarianten unterscheiden? Ganz einfach ist das leider nicht. Vertrauenswürdig wird Naturkosmetik erst, wenn sie entsprechend zertifiziert ist. Seriöse Naturkosmetik-Siegel und -Zertifikate sind die beste Möglichkeit, um direkt am Regal festzustellen, ob ein Produkt möglicherweise unerwünschte Inhaltsstoffe enthält.

Das Problem mit den Siegeln: Es gibt viel zu viele davon. Rund ein Dutzend sind es europaweit, Fantasielabels nicht mit eingerechnet. Verbraucher können sich hier leicht verirren. Unsere Einschätzungen zu 20 wichtigen Siegeln für Naturkosmetik können Sie hier kostenfrei als PDF abrufen.

Doch ohne gute Siegel keine Sicherheit. Denn Silikone, Mikroplastik, erdölbasierte Inhaltsstoffe, Parabene und viele andere problematische Inhaltsstoffe kommen immer noch in zahlreichen Kosmetika vor. Nicht viel Freude hatten wir beispielsweise mit Produkten von The Body Shop, Rituals und anderen, die teilweise harte Chemie enthalten, obwohl sie als grüne Kosmetik daherkommen – lesen Sie dazu: Lush, Kiehl's & Co.: Wie grün sind diese 15 Kosmetik-Marken?. Auch die Verbraucherzentrale Hamburg fand flüssige Kunststoffe und unnötige Chemie in vermeintlichen Natur-Pflegeprodukten.

Vertrauen schaffen da nur anerkannte Zertifikate. Im Handel werden Sie am häufigsten auf die Siegel von NaTrue, Ecocert, BDIH oder Cosmos stoßen. Alle vier sind verhältnismäßig streng und vertrauenswürdig, das Gleiche gilt für die Kosmetiklabel von Naturland und Demeter sowie für die Siegel NCS und Icada.

Das Natrue-Label im Überblick

Besonders verbreitet ist der Natrue-Standard (seit 2008), der unter anderem auf vielen Produkten der Drogerie-Eigenmarken Alverde (dm), Alterra (Rossmann) und Terra Naturi (Müller) zu finden ist. Werfen Sie dazu auch einen Blick auf unseren großen Drogeriemarken-Test (alle Ergebnisse gratis):

    Kosmetik von dm, Rossmann & Müller: 54 Test-Ergebnisse gratis

    Natrue ist eine internationale Non-Profit-Organisation, der überwiegend Hersteller von Naturkosmetik angehören. Zurzeit sind weltweit über 6.000 Produkte Natrue-zertifiziert und damit echte Naturkosmetik. Ein dazugehöriger, umfangreicher Kriterien-Katalog definiert, welche Inhaltsstoffe erlaubt sind, und wie diese verarbeitet werden dürfen. Dabei gilt unter anderem, dass Stoffe aus der Erdölchemie, Silikonöle und Tierversuche verboten sind.

    Auch gut zu wissen: Natrue zertifiziert in drei unterschiedlich anspruchsvollen Levels. Welchem ein Produkt angehört, steht allerdings nicht auf der Verpackung – erst die Datenbank auf der Natrue-Website verrät, zu welcher Stufe ein Produkt zählt. Es gibt die Stufen "Naturkosmetik", "Naturkosmetik mit Bio-Anteil" und "Bio-Kosmetik", die jeweils aufeinander aufbauen.

    Cosmos (BDIH & Ecocert)

    Der Cosmos-Standard ist seit 2017 am Start und eigentlich ein Versuch, Licht in den europäischen Siegel-Dschungel zu bringen: Von fünf europäischen Organisationen gegründet, sind im hiesigen Handel vor allem die Labels des deutschen Verbands BDIH und des französischen Zertifizierers Ecocert bekannt.

    Kompliziert wird die Sache dadurch, dass derzeit sowohl Kosmetika nach altem als auch nach neuen Standard verkauft werden: Vor 2017 entwickelte Produkte müssen nicht den Cosmos-Kriterien entsprechen und tragen noch das alte Logo von BDIH und Ecocert; ab 2017 lancierte oder in ihrer Rezeptur veränderte Kosmetik hingegen entspricht ausschließlich dem Cosmos-Kriterienkatalog.

    Diese neueren Produkte sind daran zu erkennen, dass jeweils unter dem Logo von BDIH oder Ecocert die Cosmos-Signatur steht. Und auch hier gibt es zwei Ausführungen: Cosmos Natural für Naturkosmetik ohne Bio-Anteil, Cosmos Organic für Bio-Kosmetik, bei der mindestens 95 Prozent der landwirtschaftlich hergestellten Rohstoffe aus Bio-Anbau stammen müssen.

    In manchen Punkten liegen die Cosmos-Kriterien unter dem früheren Anspruch ihrer Gründungsmitglieder, in manchen aber darüber, etwa wenn es um die ökologischen Anforderungen geht. So werden unter Cosmos alle eingesetzten Rohstoffe auf ihre Wassertoxizität abgeprüft; Palmöl oder Palmölderivate müssen ein RSPO-Zertifikat zum Schutz des Regenwalds besitzen.

    Selbstbräuner-Test: Zwei Drittel fallen durch – sogar Naturkosmetik

    Was seriöse Naturkosmetik verbindet

    Was Natrue, BDIH und Ecocert (d.h. Cosmos) gemeinsam haben? Bei allen genannten Zertifizierungen können Sie davon ausgehen, dass die verwendeten Substanzen ursprünglich aus der Natur kommen, also bis auf wenige Ausnahmen pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Ursprungs sind.

    Verwendet werden beispielsweise pflanzliche Öle und Fette, Kräuterauszüge, ätherische Öle, Bienen- und Wollwachs sowie Pflanzen- und Erdfarben. Tabu sind synthetische Duft- und Farbstoffe sowie Rohstoffe aus der Erdölindustrie wie Paraffine oder Silikone. Das betrifft dann auch Mikroplastik in flüssiger oder fester Form, wie es nach wie vor in vielen konventionellen Kosmetika eingesetzt wird und eine erhebliche Belastung für die Gewässer und die Umwelt darstellt.

    Verboten sind außerdem Tierversuche und, bis auf wenige Ausnahmen, Rohstoffe vom toten Tier. Als UV-Schutz zugelassen sind nur mineralische UV-Filter wie Titandioxid und Zinkoxid.

    Weitere Naturkosmetik-Siegel

    Daneben existiert eine Reihe weiterer Auszeichnungen für Kosmetik. Sie setzen jeweils unterschiedliche Schwerpunkte und belegen beispielsweise, dass Produkte aus fair gehandelten Inhaltsstoffen bestehen oder vegan sind. Insgesamt existieren mindestens 30 Siegel; nicht alle sind ausdrücklich zu empfehlen. Das Naturkosmetik-Label Ecogarantie beispielsweise, das wir uns vor zwei Jahren genauer angesehen haben, hatte unserer Einschätzung nach noch Nachholbedarf.

    Wir raten vor allem dann zu Vorsicht, wenn ein Produkt überhaupt keine Zertifizierung aufweist – dann ist es unwahrscheinlich, dass Sie es mit echter Naturkosmetik zu tun haben. Großzügig sollte man nur bei kleineren, jüngeren Labels sein. Möglicherweise kann es sich eine junge Marke schlicht noch nicht leisten, sich nach einem seriösen Naturkosmetik-Standard zertifizieren zu lassen (denn auch die Zertifizierung kostet Geld). In so einem Fall hilft nur, selbst auf die Inhaltsstoffe zu schauen.

    Ein besonderer Fall: Der CSE-Standard

    Aufmerksamkeit ist auch beim CSE-Standard (Certified Sustainable Economics) geboten. Mit dem schmückt sich beispielsweise ein Label wie Annemarie Börlind, deren Slogan immerhin "Pionierin der Naturkosmetik" lautet. Der CSE-Standard schreibt allerdings nur vor, dass mindestens 75 Prozent der Firmenprodukte nach Richtlinien hergestellt werden, die mit denen von Natrue & Co. vergleichbar sind.

    Was bei den Inhaltsstoffen unter Umständen fehlt, macht der ganzheitliche CSE-Standard aber an anderer Stelle wett: Das Siegel schreibt nämlich besondere Anforderungen an die Nachhaltigkeit und Fairness des gesamten Unternehmens vor.

    Rein natürliche Produkte in Naturkosmetik ist nicht selten nur Wunsch, aber nicht Realität.
    Rein natürliche Produkte in Naturkosmetik ist nicht selten nur Wunsch, aber nicht Realität. (Foto: Amax Photo/getty images)

    Tipps: Daran können Sie echte Naturkosmetik erkennen

    • Ignorieren Sie Verpackung und Werbeversprechen eines Produkts. Echte Naturkosmetik erkennen Sie nur an den Inhaltsstoffen.
    • Achten Sie dazu auf vertrauenswürdige Siegel. Wenn Sie sich am Natrue-Label oder einem anderen glaubwürdigen Zertifikat – Cosmos (Ecocert, BDIH), Naturland, Demeter – orientieren, können Sie bedenkenlos zugreifen.
    • Wir geben regelmäßig Labortests in Auftrag, um empfehlenswerte von ungenügender Kosmetik zu unterscheiden. Naturkosmetik-Produkte schneiden dabei häufig besser ab als konventionelle Produkte – das ist aber keineswegs immer der Fall und kann sich von Produkt zu Produkt stark unterscheiden. Hier finden Sie eine Liste unserer Kosmetik-Tests.

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