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Alternative Haarfarben: Harte Chemie statt rein pflanzliche Zutaten entdeckt

Magazin September 2021: Schönes Haar | Autor: Dimitrij Rudenko/Heike Baier/Ann-Cathrin Witte | Kategorie: Kosmetik und Mode | 26.08.2021

Alternative Haarfarben im Test: Wir haben zwölf Produkte überprüft.
Foto: ÖKO-TEST

Pflanzenzusätze machen aus einer Haarfarbe noch lange keine Pflanzenhaarfarbe. Das zeigt unser Test. Denn viele der braunen Haarfarben werben mit pflanzlichen Zutaten und färben doch mit harter Chemie – zum Beispiel mit extrem sensibilisierenden aromatischen Aminen. 

  • Im Test: Zwölf alternative Haarfarben. Insgesamt sieben Produkte sind mit "sehr gut" empfehlenswert.
  • Weil sie mit "ungenügend" durchfallen, raten wir von fünf Haarfarben im Test ab. 
  • Ärgerlich: Einige der überprüften Haarfarben enthalten neben natürlichen Inhaltsstoffen auf pflanzlicher Basis auch potenziell allergieauslösende und hautreizende Stoffe. 

2020 war das Jahr des Selber-Färbens: Viele Frauen experimentierten das erste Mal mit Färbepasten im heimischen Badezimmer, häufig nicht ganz freiwillig. Kein Wunder, dass sich der Markt für Haarfarben dynamisch entwickelte. Doch wer sich derzeit auf die Suche macht nach Farben mit natürlichen Inhaltsstoffen, der trifft auf ein unübersichtliches Angebot.

Große Kosmetikkonzerne sind mit echten Pflanzenhaarfarben in Drogeriemärkten präsent, während Reformhäuser immer mehr chemische Oxidationsfarben neben die Naturkosmetik stellen. Schwer für Kundinnen, da noch durchzublicken: Irgendwas mit Natur und Pflanzen machen sie scheinbar alle. Doch wo liegt überhaupt der Unterschied?

Woraus bestehen Pflanzenhaarfarben im Test?

Pflanzenhaarfarben färben – wie der Name schon sagt – mit zermahlenen Blättern, Blüten oder Wurzeln: Die Farbstoffe aus Henna, Indigo, Färberkrapp oder Kamille legen sich wie eine Lasur um den Haarschaft und verbinden sich vorwiegend mit dessen äußerer Schuppenschicht.

Ganz anders funktioniert das Prinzip der chemischen Oxidationshaarfarben: Die zunächst farblosen Mittel dringen tief ins Haarinnere ein, wo Wasserstoffperoxid zunächst die natürlichen Melanin-Pigmente zerstört. Erst dann reagieren die verschiedenen Färbekomponenten im Haarinneren miteinander, bilden die gewünschte Farbpigmente aus und lagern diese zwischen den Keratinsträngen ein.

Pflanzenhaarfarben setzen auf Farbstoffe aus zermahlenen Blättern, Blüten oder Wurzeln.
Pflanzenhaarfarben setzen auf Farbstoffe aus zermahlenen Blättern, Blüten oder Wurzeln. (Foto: Momot Inna/Shutterstock)

Natürliche Haarfarben nicht einfach zu erkennen 

Wir haben zwölf alternative Haarfarben eingekauft und getestet. Dabei zeigt sich: Natürliche Haarfarben sind für Verbraucherinnen und Verbraucher gar nicht so einfach zu erkennen. Im Handel gibt es echte Pflanzenhaarfarben ebenso wie synthetische Permanentfarben, die auf pflanzlich machen.

In einigen Fällen enthalten die getesteten Produkte neben natürlichen Inhaltsstoffen auf pflanzlicher Basis auch potenziell allergieauslösende und hautreizende Problemstoffe. Das hat Folgen: Insgesamt fünf Mal vergeben wir das Gesamturteil "ungenügend". 

Starke und extreme Kontaktallergene in Haarfarben

Es gibt Haarfarben im Handel, die für Verbraucherinnen und Verbraucher aufgrund ihrer Aufmachung rein pflanzlich daher kommen, es allerdings nicht sind. Das ist beispielsweise bei Produkten der Fall, die aromatische Amine beinhalten. 

Diese gehören zu synthetischen Farbstoffvorstufen. Einige dieser Stoffe werden vom EU-Beratergremium für Verbrauchersicherheit (SCCS) als starke oder sogar extrem starke Kontaktallergene einstuft.

Haben solche Stoffe erst eine Kontaktallergie mit schmerzhaften Rötungen, Schwellungen und Juckreiz ausgelöst, besteht die Allergie ein Leben lang. Bei jedem weiteren Kontakt mit den Stoffen reagiert die Haut aufs Neue.

In unserem Test haben wir aromatische Amine in insgesamt fünf alternativen Haarfarben nachgewiesen. Besonders ärgerlich: Meist enthalten sie gleich einen ganzen Cocktail aus verschiedenen Vertretern dieser Stoffgruppe.

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Problematische Inhaltsstoffe in alternativen Haarfarben im Test

Im Test von alternativen Haarfarben sind wir nicht nur auf aromatische Amine gestoßen, sondern auch auf allseits bekannte Problemstoffe der Kosmetik: 

  • Halogenorganische Verbindungen (AOX): Viele Vertreter dieser Stoffgruppe, zum Beispiel 4-Chlororesorcinol, gelten als allergieauslösend, manche von ihnen sind krebserzeugend. 
  • PEG-Verbindungen: Dabei handelt es sich um Stoffe, die die Kopfhaut durchlässiger machen können für Fremdstoffe. 
  • Problematische Duftstoffe: In zwei Haarfarben kritisieren wir künstliche Moschusdüfte, die sich im menschlichen Fettgewebe anreichern, über das Abwasser in die Umwelt gelangen und dort die Gewässer bedrohen. 
  • Synthetische Polymere: Sie können über das Abwasser in die Umwelt gelangen. Was genau sie dort anrichten, ist noch nicht gut genug erforscht.
In der Corona-Pandemie griffen viele Frauen und Männer zu Haarfärbemitteln für zu Hause
In der Corona-Pandemie griffen viele Frauen und Männer zu Haarfärbemitteln für zu Hause (Foto: ANATOLY Foto/Shutterstock)

Was können Pflanzenhaarfarben leisten? 

Das Farbspektrum für Pflanzenfarben ist inzwischen riesig und bietet zahlreiche Nuancen zwischen Blond, Rot, Braun und Schwarz. Regel dabei: Dunkler geht immer. Eine Aufhellung des Haarschopfes um mehr als eine Nuance funktioniert dagegen nur nach vorheriger chemischer Blondierung.

Wichtig zu wissen: Weil Pflanzenhaarfarben die ursprüngliche Haarfarbe wie eine Lasur überziehen, leisten sie keine hundertprozentige Abdeckung. Einzelne graue Haare zu Beispiel schimmern immer eine Nuance heller durch.

Bleibt eine Frage: Hält das? Pflanzenpigmente haben aufgeholt, was ihre Dauerhaftigkeit angeht, und einige zählen sich inzwischen zu den permanenten Haarfarben: Ayluna schreibt uns, dass die Farbe etwa 15 bis 25 Haarwäschen überdauert. Die Marke Radico in unserem Test dagegen tritt mit dem Anspruch einer temporären Tönung an und hält laut eigenen Angaben 3 bis 6 Wochen.

Pflanzenhaarfarben richtig anwenden

Mit unseren Tipps holen Sie das Beste aus Pflanzenhaarfarben zum Selber-Färben heraus.

  1. Gute Vorbereitung ist wichtig. Vor dem Färben Reste von silikonhaltigen Shampoos oder Spülungen mit einer Tiefenreinigung auswaschen. Denn sie umhüllen die Schuppenschicht des Haares mit ihrem dünnen Kunststoff-Film und die Pflanzenpigmente haften dann schlechter.

  2. Ganz entscheidend ist die richtige und konstante Temperatur des Färbebreis: Richten Sie sich dabei akribisch nach den jeweiligen Angaben. Während des Auftragens die Farbe konstant auf Temperatur halten, am besten in einem Wasserbad. Solange sie einwirkt, die Haare mit Folie oder Handtuch warm und am besten auch feucht halten. Profis tasten sich übrigens in mehreren Färbeschritten an den Zielton heran.

  3. Die Haare sind trocken und haben einen Grünstich? Probieren sie es mit heiß föhnen. Im Laufe der ersten beiden Tage können sich die Farben auch noch entwickeln oder nachdunkeln und sollten deshalb nicht mit Shampoo gewaschen werden. Sind Sie noch unsicher, lassen Sie sich beim ersten Mal von einem Naturfriseur in Ihrer Nähe einweisen.

Die Testsieger, die Testtabelle sowie das gesamte Ergebnis im Detail lesen Sie im ePaper.

Weiterlesen auf oekotest.de:


Wir haben diese Produkte für Sie getestet

Testverfahren

Wir haben 12 Pflanzen- und alternative Haarfarben in Brauntönen eingekauft: Kaffebraun, Aschbraun, Naturbraun, Maronenbraun und Kastanienbraun sowie Kakao und Chocolate brown. Darunter Marken und Produkte, die auf den Verpackungen Auslobungen tragen wie "100 % vegetal", "Wirkstoffe aus Bio-Anbau" oder "bis zu 80 % der Inhaltsstoffe sind natürlichen Ursprungs". Die von uns getesteten Farben kosten zwischen 3,99 und 19,90 Euro.

In den von uns beauftragten Laboren ließen wir nach bedenklichen oder umstrittenen Inhaltsstoffen fahnden. Darunter verschiedene aromatische Amine. Bei der Prüfung orientierten wir uns an der aktuellen EU-Kosmetikverordnung sowie dem wissenschaftlichen Beratergremium der EU-Kommission (SCCS).

Zudem suchten die Labore nach allergieauslösendem Resorcin und bedenklichen Duftstoffen wie etwa polyzyklischen Moschus-Verbindungen. Im Fokus standen zudem weitere problematische Substanzen wie halogenorganische Verbindungen und Diethylphthalat (DEP). Per Deklaration checkten wir, ob die Produkte PEG/PEG-Derivate oder synthetische Polymere enthalten.

Bewertungslegende

Bewertung Testergebnis Inhaltsstoffe: Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führt zur Abwertung um vier Noten: aromatische Amine, die nach CLP-Verordnung als CMR-Stoff eingestuft sind (hier: p-Aminophenol). Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führen: a) ein oder mehrere aromatische  Amine, die laut SCCS-Einstufung ein extremes und/oder starkes Sensibilisierungspotenzial haben (hier: Toluene-2,5-Diamine Sulfate, m-Aminophenol, 4-Amino-m-cresol, 4-Amino-2-hydroxytoluene, 2-Amino-6-chloro-4-nitrophenol, p-Phenylendiamin, HC Red No. 3, HC Red No. 13, N,N-Bis(2-Hydroxyethyl)-p-phenylendiamin Sulfat), wenn nicht bereits wegen eines CMR-Stoffes (hier: p-Aminophenol) um vier Noten abgewertet wurde; b) PEG/ PEG-Derivate in einem Bestandteil des Produktes, der länger als 20 Minuten auf der Kopfhaut verbleibt; c) halogenorganische Verbindungen, wenn nicht bereits als stark sensibilisierendes  Amin (hier: 2-Amino-6-chloro-4-nitrophenol) abgewertet wurde; d) mehr als 10 mg/kg polyzyklische Moschus-Verbindungen (in Tabelle: künstlicher Moschusduft); e) deklarationspflichtige Duftstoffe, die Allergien auslösen können (hier: Isoeugenol). Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) aromatische Amine, die laut SCCS-Einstufung ein moderates Sensibilisierungspotenzial  haben (hier: 2,4-Diaminophenoxyethanol HCl, HC Blue No. 2, 4-Chlororesorcinol), wenn nicht bereits als halogenorganische Verbindung und/oder wegen eines Stoffs mit extremem und/oder starkem Sensibilisierungspotenzial um zwei Noten und/oder wegen eines CMR-Stoffs um vier Noten abgewertet wurde. b) deklarationspflichtige Duftstoffe, die Allergien auslösen können (hier: Hydroxycitronellal), wenn nicht bereits wegen deklarationspflichtiger Duftstoffe um zwei Noten abgewertet wurde.

Bewertung Testergebnis Weitere Mängel: Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führen zur Abwertung um jeweils zwei Noten: a) synthetische Polymere (hier: Polyquaternium-4, -6, -37, -47 ); b) aromatisches Amin nicht deklariert, aber im Labor nachgewiesen.

Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "befriedigend" ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "mangelhaft" ist, verschlechtert das Gesamturteil um zwei Noten.

Testmethoden

Testmethoden (je nach Zusammensetzung der Produkte): Aromatische Amine: Laut Deklaration und/oder Bestimmung von Aminen in Haarfärbemitteln. Methode mit Reduktion nach § 64 LFGB B 82.02: 2013-01, § 64 LFGB B 82.02-9: 2014-02. Methode ohne Reduktion: Lösen der Färbemittel in Methanol, anschließende Analyse der Lösung mit GC/MS; Quantifizierung mit externem Standard. Halogenorganische Verbindungen: a) Wasserdampfdestillation, Binden der organischen Halogene an Aktivkohle, Verbrennung der Aktivkohle im Sauerstoffstrom, microcoulometrische Bestimmung des Halogengehalts. b) Reinigung der Proben mit Kieselgel, Extraktion mit Essigester, Verbrennung des Extrakts im Sauerstoffstrom, microcoulometrische Bestimmung des Halogengehalts. Formaldehyd/-abspalter: Saure Wasserdampfdestillation, Derivatisierung mit Acetylaceton, Ausschütteln mit n-Butanol, Bestimmung mittels Photometrie. Pflanzliche Färbemittel: Qualitative Prüfung. Deklarationspflichtige Duftstoffe, Moschus-Verbindungen, Diethylphthalat: Extraktion mit TBME, GC-MS. MOSH/MOSH-Analoge, MOAH (in Produkten mit Paraffinen): LC-GC/FID. PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung: Röntgenfluoreszenzanalyse.

Einkauf der Testprodukte: Mai 2021

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