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Melamingeschirr für Kinder im Test: Keins ist bedenkenlos zu empfehlen

Magazin Juni 2020: Das beste Wasser aus Ihrer Region | Autor: Jörg Döbereiner | Kategorie: Kinder und Familie | 28.05.2020

Melamingeschirr für Kinder im Test
Foto: ÖKO-TEST; komokvm/Shutterstock

Viele Eltern schätzen die Vorzüge von Kindergeschirr aus Melamin: Es geht nicht so schnell kaputt wie Porzellan. Doch Vorsicht, unser Test zeigt: Einige Melamingeschirre haben Probleme mit Schadstoffen, und manche Produkte tun ökologischer, als sie sind.

  • Wir raten grundsätzlich von Melamingeschirr ab. Falls Sie bereits welches zu Hause haben: Keine heißen Lebensmittel einfüllen und nicht in die Mikrowelle geben!
  • Geschirr aus alternativen Materialien besteht zum Beispiel aus Bio-PE. Aus bildungspädagogischer Sicht ist es sinnvoll, Kinder möglichst früh an Porzellangeschirr heranzuführen.
  • Kritisch sein gegenüber Werbung wie "biologisch abbaubar" oder "umweltfreundlich". Dahinter steckt oft wenig.

Kindergeschirr aus Melamin geht nicht nur weniger schnell kaputt als Porzellan, es ist auch mit bunten Motiven für die Kinder versehen und spülmaschinenfest. Praktisch. Außerdem enthalten manche Geschirre Bambus und werben damit, deshalb besonders ökologisch zu sein. Wir können Melamingeschirr allerdings nicht empfehlen. Zum einen kann es problematische Schadstoffe freisetzen. Zum anderen ist aus unserer Sicht von den Werbeversprechen einiger Bambusprodukte nicht viel zu halten.

Beginnen wir mit den Schadstoffen: Melamingeschirr besteht aus einem Kunststoff basierend auf Melamin und Formaldehyd. Beide Stoffe können sich unter Einwirkung von Hitze aus dem Geschirr lösen und in Nahrungsmittel übergehen. Das ist nicht ungefährlich. Formaldehyd reizt unter anderem die Schleimhäute und kann Allergien auslösen. Und Melamin steht in Verdacht, zur Bildung von Harnwegssteinen zu führen und die Nieren zu schädigen.

Sechs Melamingeschirre waren besonders auffällig

Der Test: Wir ließen zwölf Kindergeschirre aus Melamin darauf untersuchen, wie viel Melamin und Formaldehyd sie freisetzen. Zwei voneinander unabhängige Labore prüften jedes Produkt auf beide Schadstoffe.

Bei sechs Geschirren fand mindestens eines der beiden Labore auffallend hohe Werte von Formaldehyd oder Melamin. Aus allen Produkten lösten sich zumindest geringe Mengen an Formaldehyd. Teils kamen die beiden Labore für das gleiche Produkt zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen, obwohl sie vergleichbar prüften. Zumindest für Produkte mit Bambus könnte eine Erklärung dafür in den eingesetzten Naturmaterialien liegen. Hier ist mit Schwankungen zu rechnen.

Melamingeschirr für Kinder im Test: Wir raten grundsätzlich vom Kauf ab.
Melamingeschirr für Kinder im Test: Wir raten grundsätzlich vom Kauf ab. (Foto: Oksana Kuzmina/Shutterstock)

Schadstoffbelastung kann mit der Zeit zunehmen

Selbst jene Geschirre, aus denen sich nur Spuren von Formaldehyd lösten, können wir nicht guten Gewissens empfehlen. Auch deshalb vergeben wir in diesem Test kein Gesamturteil. Wir raten Eltern stattdessen dazu, besser ganz auf Melamingeschirr zu verzichten.

Ein Grund für unsere Einschätzung: Untersuchungen von Überwachungsbehörden deuten zumindest für Bambus-Melamin-Geschirre darauf hin, dass sie mit längerer Benutzung höhere Schadstoffwerte freisetzen können (mehr dazu im Abschnitt zum Bambusgeschirr). Ein weiterer Grund: Es ist zu erwarten, dass Eltern im Alltag auch mal heißere Flüssigkeiten in das Geschirr gießen und sie dort abkühlen lassen. Oder dass sie das Geschirr in die Mikrowelle geben – auch wenn man beides keinesfalls tun sollte. Mit größerer Hitze steigt das Risiko, dass sich Melamin oder Formaldehyd lösen.

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Kindergeschirr: "Biologisch abbaubar" trotz Kunststoff?

Außerdem raten wir Verbrauchern, sich nicht von fragwürdigen Produktaufmachungen täuschen zu lassen. Das Sterntaler Kindergeschirr-Set mit Bambus Baylee green ist beispielsweise als "Bambusware" ausgelobt, enthält aber Melamin. Diese Info findet sich zwar auf der Homepage des Anbieters, auf der Verpackung aber fehlt sie.

Noch ökologischer gibt sich das Fillikid Bambusgeschirrset Rentier grün/orange. Auf der Verpackung steht, es sei "biologisch abbaubar". Doch ist das wirklich möglich? Es besteht schließlich aus Melamin. Wir haben das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit danach gefragt. "Melaminhaltige Produkte sind nicht kompostierbar", schrieb uns die Behörde dazu.

Wir meinen: Ein Schritt in Richtung mehr Durchblick für Verbraucher wäre getan, wenn die Hersteller angeben müssten, aus welchem Material ihr Kindergeschirr besteht. Bisher sind sie dazu aber nicht verpflichtet.

Essen und Trinken: Viele Eltern kaufen für ihre Kinder Melamingeschirr.
Essen und Trinken: Viele Eltern kaufen für ihre Kinder Melamingeschirr. (Foto: ucchie79/Shutterstock)

Alternativen zu Melamingeschirr für Kinder  

Wer sich nach Kindergeschirr aus alternativem Material umsieht, findet im Handel beispielsweise welches aus Kunststoffen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Zellulose, Mais, Rüben oder Zuckerrohr. Teils findet sich auch die Auslobung Bio-PE (Bio-Polyethylen).

Auch wenn von der Öko-Bilanz solcher Produkte nicht viel zu erwarten ist, verzichten sie doch immerhin auf erdölbasiertes Plastik.

Bambusgeschirr unter der Lupe

Trinkbecher, Schalen und Teller "aus natürlichen Materialien" wie Bambus oder Maismehl locken umweltbewusste Verbraucherinnen und Verbraucher. Das gilt nicht nur für Kindergeschirr, sondern etwa auch für Coffee-to-go- Becher. Dabei enthalten viele dieser vermeintlich ökologischen Gefäße den Kunststoff Melaminharz – mit bekannten Risiken.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat Ergebnisse von Tests an 56 Produkten vorgestellt: Aus jeder vierten Probe löste sich demnach mehr Melamin als erlaubt. Elf Prozent rissen den zulässigen Formaldehydwert. Und die Prüfungen deuten darauf hin, dass die Werte sogar noch steigen können, wenn man das Geschirr häufiger benutzt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schlägt vor, den erlaubten Wert für Formaldehyd zu verschärfen. Und der Verbraucherzentrale-Bundesverband fordert ein Verbot von Bambusbechern mit Kunststoffanteilen.

Kindergeschirr-Test: Ein Frosch, zwei Tests, ein Rückruf

(Foto: ÖKO-TEST )

Neben in der Produktbox aufgeführten Produkten (siehe unten) haben wir auch das Bambooware Bambus-Kindergeschirr Frosch von Jako-O (12,99 Euro) untersucht. Es besteht laut Deklaration aus Bambusfaser, Maisstärke, Melaminharz und Holzfaser. Obwohl es Melamin enthält, ist es als "biologisch abbaubar" ausgelobt, was wir kritisieren. Die erste Prüfung am Becher des Sets zeigte auffällige Werte für Formaldehyd und Melamin.

Wir informierten Jako-O darüber, und das Unternehmen beauftragte nach eigenen Angaben selbst Prüfungen bei zwei verschiedenen unabhängigen Prüflaboren. Die Testergebnisse des einen Labors lagen demnach deutlich unter dem gesetzlichen Grenzwert, die des zweiten knapp darüber. Jako-O rief daraufhin das Produkt zurück und informierte nach eigenen Angaben alle Kunden, die es gekauft hatten. Für uns bestätigt dieser Fall, dass es bei verschiedenen Exemplaren des gleichen Produkts zu unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich der Abgabe von Melamin und Formaldehyd kommen kann.

Einige Zeit später fand unsere Einkäuferin ein optisch nahezu identisches Produkt im Handel – von der Firma Bionatic (15,90 Euro). Es ist ebenfalls als "biologisch abbaubar" ausgelobt. Ein Test dieses Produkts im Rahmen des zweiten Prüfdurchgangs ergab diesmal nur Spuren von Formaldehyd und keine auffälligen Melaminwerte.  

Weiterlesen auf oekotest.de:


Testverfahren

Wir haben zwölf Essgeschirre aus Melamin für Kinder eingekauft: Acht Sets mit Schüssel, Becher und teils auch Teller und Besteck. Außerdem drei einzelne Becher und eine einzelne Schüssel. Für die günstigsten Einzelprodukte haben wir knapp drei Euro bezahlt, für das teuerste Set 26 Euro. Mehrere Anbieter mischen Melamin mit Bambusfasern und Maisstärke.

Wir ließen die Produkte in zwei voneinander unabhängigen Schadstofflaboren darauf untersuchen, ob sich krebsverdächtiges Formaldehyd löst oder Melamin, das die Nieren schädigen kann. Dafür brachten die Labore das Material zwei Stunden lang mit einer 70 Grad Celsius heißen Prüfflüssigkeit in Kontakt. Dann analysierten sie, wie viel Melamin und Formaldehyd sich in dieser Flüssigkeit befindet.

Und wir prüften die Aufmachung der Produkte: Geben sie vor, ökologischer zu sein, als sie wirklich sind? Für die Bewertung der gemessenen Werte orientieren wir uns an den gesetzlichen Grenzwerten für Formaldehyd und Melamin der Kunststoffverordnung (EU) Nr. 10/2011 sowie an einem aktuellen Vorschlag des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Da die Ergebnisse teils stark schwanken und wir Melamingeschirr aus grundsätzlichen Gründen nicht empfehlen können, vergeben wir für diesen Test kein Gesamturteil.

Bewertungslegende

"Nein" in der Tabelle bedeutet: unterhalb der Bestimmungsgrenze der jeweiligen Methode. "Stark erhöht" bei Melamin bedeutet: mehr als 2,5 mg/kg Melamin im Migrat. "Stark erhöht" bei Formaldehyd bedeutet: mehr als 15 mg/kg Formaldehyd im Migrat. "Erhöht" bei Formaldehyd bedeutet: mehr als 6 bis 15 mg/kg Formaldehyd im Migrat. Die Tabellenzeile "Deklaration" bezieht sich auf die Auslobung am Produkt (nicht online). Sie ist "fragwürdig", wenn ein Produkt Melamin enthält und: a) kein Melamin deklariert und/oder b) als "biologisch abbaubar" und "umweltfreundlich" ausgelobt ist und/oder c) die Auslobung "aus biologisch abbaubaren Bambusfasern" trägt, wobei die Bambusfasern im Produkt mit Melamin gebunden vorliegen.  

Testmethoden

Erstellen eines Migrats (3 % Essigsäure, 2 Stunden, 70 °C, 3. Migrat).
Formaldehyd: GC-MS bzw. Fotometrie. Melamin: LC-MS-MS bzw. LC-MS. Bestimmungsgrenzen: 1. Analyse Formaldehyd: 1 mg/kg. 1. Analyse Melamin: 0,5 mg/kg. 2. Analyse Formaldehyd: 0,02 mg/kg.
2. Analyse Melamin: 1 mg/kg

Einkauf der Testprodukte: September 2019 bis Januar 2020

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