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Baby schläft nicht: Das können Eltern tun

Spezial Baby | Autor: Annette Dohrmann | Kategorie: Kinder und Familie | 20.04.2020

Baby schläft nicht: Schlafberatung kann Eltern helfen.
Foto: Nick Fedirko/Shutterstock

Wenn das Baby nicht schlafen will, kommen auch Eltern schnell an ihre Grenzen. Der Schlafmangel setzt ihnen mit der Zeit zu. Was hilft, wenn nichts mehr hilft? Ein Interview mit Schlaf- und Stillberaterin Irina Kaiser. 

Per Video oder Telefon berät Irina Kaiser hilfesuchende Eltern, deren Babys einfach nicht schlafen wollen. Zudem bietet sie Online-Babyschlafkurse an. Im Interview erklärt sie, warum man es hinterfragen sollte, wenn ein Baby intensive Einschlafhilfe braucht, was eine Schlafberatung ausmacht und warum es inakzeptabel ist, Kinder schreien zu lassen.  

ÖKO-TEST: Was heißt eigentlich durchschlafen?

Irina Kaiser: Wenn Babys mit sechs Monaten fünf Stunden am Stück schlafen können, spricht man bereits von Durchschlafen. Diese Zeitspanne verlängert sich mit zunehmendem Alter. So sind viele Kinder mit zwölf Monaten in der Lage, die ganze Nacht – also zehn bis zwölf Stunden – durchzuschlafen.

Welche Rolle spielen die Erwartungen von Eltern?

In unserer Leistungsgesellschaft wird von Kindern oft mehr erwartet, als sie eigentlich in ihrem Alter "leisten" können. So gehen viele Erwachsene davon aus, dass ein Baby immer und überall schlafen kann, wenn es müde ist. Sicherlich gibt es Kinder, bei denen das funktioniert. Die meisten brauchen jedoch optimale Bedingungen wie feste Abläufe, eine vertraute Schlafumgebung oder richtiges Timing.

Können sich werdende Eltern irgendwie auf den Schlafmangel vorbereiten?

Ich kann nur raten, sich frühzeitig zu informieren und bestimmte Fragen vorab zu klären: Wo wird das Kind schlafen – im eigenen oder im Familienbett? Wie oft sollte es hingelegt werden? Wie viel Schlaf braucht ein Baby? Das erleichtert den Einstieg ins Elternleben und hilft dem Baby, ruhig in unserer Welt anzukommen.

Und all die gut gemeinten Ratschläge von Außenstehenden?

Schlafprobleme sind viel zu individuell, als dass Tipps aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis sie lösen könnten. Was bei einem Kind funktioniert, ist bei einem anderen völlig nutzlos. Daher empfehle ich immer, dankbar für jeden Ratschlag zu sein, aber weiterhin auf sich und auf das Kind zu hören. Egal wie viel oder wenig es schläft – die wichtigste Frage sollte sein: Geht es meinem Kind gut damit?

Viele Eltern laufen stundenlang mit dem Baby auf dem Arm durch die Wohnung, um es zum Schlafen zum bringen.
Viele Eltern laufen stundenlang mit dem Baby auf dem Arm durch die Wohnung, um es zum Schlafen zum bringen. (Foto: topperspix/Shutterstock)

Walzer tanzen mit dem Baby auf dem Arm oder stundenlang mit dem Kinderwagen Runden drehen – alles, um das Baby endlich zum Einschlafen zu bringen. Was halten Sie von solchen Methoden?

Bei Schreibabys oder Kindern mit Regulationsstörungen sind solche Methoden manchmal tatsächlich die einzige Möglichkeit, um ein Baby zum Schlafen zu bringen. Diese Eltern machen das nicht aus Spaß, sondern aus Verzweiflung. In allen anderen Fällen würde ich als Erstes hinterfragen, warum ein Baby so intensive Einschlafhilfen braucht. Wenn es daran liegt, dass es überreizt ist, weil es zu lange wach war oder durch eine aufregende Umgebung überfordert ist, dann lohnt es sich, beim nächsten Mal darauf zu achten, sich mehr Zeit zu nehmen und sich mit dem Baby rechtzeitig zurückzuziehen.

Baby schläft nicht: Schlafberatung kann helfen 

Viele Eltern beißen lieber die Zähne zusammen als einen Schlafcoach zu konsultieren. Wann ist der beste Zeitpunkt, besser doch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Auch das ist individuell, und jede Familie hat ihre eigenen Belastungsgrenzen. Eine alleinerziehende Mama ist mit einem schlecht schlafenden Kind viel eher überfordert als eine Familie mit viel Unterstützung aus dem Umfeld. Viele Eltern suchen nach professionellem Rat, weil sie sich Sorgen um das Wohl des Kindes machen. Andere nehmen Lebenssituationen wie die anstehende Geburt eines Geschwisterkindes oder die Rückkehr in den Beruf zum Anlass, um die Schlafsituation endlich in den Griff zu bekommen.

Sie betreiben die Babyschlafschule. Wie sind Sie dazu gekommen?

Über den Leidensweg mit meinen eigenen Kindern: Unser Sohn schlief erst mit fünf Jahren durch, seine Schwester hat ihn sogar noch übertroffen. So hatte ich gleichzeitig zwei schlecht schlafende Kinder und kam irgendwann an meine körperlichen und persönlichen Grenzen. Als es gar nicht mehr ging, habe ich professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Seit dem ist unser Leben in zwei Teile geteilt: eins vor und eins nach der Schlafberatung. Die hat mich persönlich sehr geprägt. Bereits ein halbes Jahr später hatte ich meine erste Ausbildung zum Babyschlafcoach absolviert.

Bitte beschreiben Sie kurz Ihr Konzept!

Eltern erhalten eine persönliche Beratung und einen auf die individuellen Bedürfnisse und Anforderungen ihres Kindes zugeschnittenen Schlafplan. Je nach Beratungspaket begleite ich Eltern telefonisch bei der Umsetzung des Plans über einen längeren Zeitraum. Für die ersten fünf Lebensmonate habe ich außerdem einen Onlinekurs, in dem Eltern alles über Babyschlaf zu lernen und gängige Fehler vermeiden.

Wenn das Baby nicht schläft, können sich Eltern professionelle Hilfe in Form einer Schlafberatung suchen.
Wenn das Baby nicht schläft, können sich Eltern professionelle Hilfe in Form einer Schlafberatung suchen. (Foto: Igor Sokolov (breeze)/Shutterstock )

Welche Unterschiede gibt es zu anderen Konzepten?

Im Gegensatz zur Ferber-Methode beziehungsweise dem kontrollierten Schreien setze ich ausschließlich auf sanftes Schlafcoaching. Das geht weit über das strikte Befolgen einer bestimmten Methode hinaus. Die Eltern lernen vielmehr, die Schlafbedürfnisse ihres Kindes zu erkennen und ihnen altersgerecht nachzukommen. Sie begleiten ihr Kind während der ganzen Umstellungen und unterstützen es liebevoll dabei. Durch Weiterbildungen, etwa zur Stillberaterin, kann ich eine ganzheitliche Lösung anbieten, die alle Aspekte abdeckt, um den Schlaf positiv zu fördern.

Viele Schlaftrainings erfordern hohen Einsatz. Ist das am Ende nicht kräftezehrender als der Schlafmangel selbst?

Schlafcoaching erfordert von den Eltern tatsächlich, umzudenken und ihre Reaktionsweise langfristig zu ändern. Klar, dass das nicht unbedingt über Nacht passiert und sofort alle Schlafprobleme löst. Auf der anderen Seite kommt die Umstellung der ganzen Familie zugute und wirkt nachhaltig. Deshalb zahlt es sich langfristig aus, die Zeit und Mühe zu investieren.

Baby schläft nicht: "Schreien lassen ist inakzeptabel"

Es gibt kritische Stimmen, die sagen, Schlaflernprogramme trainierten Babys die Instinkte ab, um sie unseren Anforderungen anzupassen.

Kontrolliertes Schreienlassen führt dazu, dass Kinder die Hoffnung verlieren, gehört zu werden oder eine Reaktion auf ihre Bedürfnisse zu bekommen. Daher sind diese Ansätze in meinen Augen inakzeptabel. Ich empfehle den Eltern, immer dabei zu bleiben, die Kinder auf ihrem Weg zu begleiten und ihr Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit stets zu erfüllen. Kinder brauchen zum Schlafen vor allem eines: Sicherheit.

Wie lange dauert es im Durchschnitt, bis Kinder nach Ihrem Konzept gute oder zumindest bessere Schläfer sind?

Manchmal geht es sehr schnell, dann fühlt es sich ein wenig nach Zauber an. Dabei war es einfach eine richtig gewählte Strategie. Für nachhaltige Erfolge sind aber je nach Ausgangssituation vier bis acht Wochen realistisch.

Und was hilft Eltern, wenn gar keine Methode hilft?

Oft hilft der Gang zum Osteopathen, der mögliche Blockaden lösen kann, die ein Kind daran hindern, entspannt zu schlafen. Medizinische Ursachen wie Reflux oder Schlafapnoe sollte immer ein Kinderarzt abklären. Am Ende hilft aber tatsächlich nur Geduld und das Verständnis dafür, dass jedes Kind einzigartig ist und sein eigenes Tempo hat.

Mehr zu Schlaf- und Stillberaterin Irina Kaiser lesen sie hier: babyschlafschule.de

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