Anfangsmilch 1 im Test: Nur zwei von 14 bekommen Bestnote

Magazin Januar 2023: Alkoholfreier Sekt | Autor: Hanh Friedrich/Meike Rix/Lena Wenzel | Kategorie: Kinder und Familie | 27.12.2022

Eltern sollten die Dosiervorgaben der jeweiligen Nahrung genau befolgen und die Nahrung immer frisch anrühren.
Foto: 279photo Studio/Shutterstock

Anfangsmilch 1 ist wie Pre-Nahrung schon ab Geburt verträglich. Der einzige Unterschied ist in der Regel die enthaltene Stärke. Wir haben 14 Produkte untersucht. Auffällig: Mineralöl bleibt ein Problem in Säuglingsnahrung – auch wenn die Ergebnisse darauf hindeuten, dass die Hersteller es nun besser im Griff haben.

  • Im Test: 14-mal Anfangsmilch 1, darunter fünf Bio-Produkte.
  • Zwei Muttermilchersatzprodukte schneiden mit "sehr gut" ab, vier mit "gut".
  • In zehn Produkten hat das Labor Mineralölbestandteile in Gehalten entdeckt, die wir beanstanden.

Wer nicht oder nicht mehr (voll) stillt, kann seinem Kind im ersten Lebensjahr Anfangsmilch mit dem Zusatz "Pre" oder "1" geben. Beide sind so zusammengesetzt, dass Säuglinge sie ab Geburt vertragen und alle nötigen Nährstoffe damit bekommen.

Der Unterschied: Pre-Nahrung enthält wie Muttermilch als einziges verdauliches Kohlenhydrat Milchzucker. In Anfangsmilch 1 stecken in der Regel zusätzlich geringe Mengen an Stärke. Diese führt dazu, dass die 1-Nahrung etwas dickflüssiger ist. Am Ende ist der Unterschied aber minimal.

Anfangsmilch 1 im Test: Labor stößt auf Mineralölbestandteile

2021 haben wir Pre-Nahrungen getestet: Die Ergebnisse waren enttäuschend, Mineralöl ein großes Problem. Immerhin folgten Reaktionen von ein paar Herstellern. Sie verbesserten ihre Produkte. In diesem Test geht's nun um Anfangsmilch 1. Wie steht's um die Produkte auf dem Markt? Wir haben 14 getestet. 

Das von uns beauftragte Labor hat in der Anfangsmilch 1 insgesamt weniger Belastungen gefunden als 2021 in den Pre-Nahrungen. Erfreulich ist auch, dass in keiner der 1er-Milchen die besonders problematischen Mineralölbestandteile MOAH zu finden waren – denn darunter können sich auch Verbindungen befinden, die krebserregend sind.

Aber: Einige Pulver kritisieren wir wegen Verunreinigungen mit gesättigten Mineralölkohlenwasserstoffen (MOSH). MOSH sammeln sich im Laufe des Lebens in Organen wie der Leber an. Was das für Folgen hat, ist bisher noch völlig unklar.

Wer die Anfangsmilch wechseln möchte, sollte am besten Flasche für Flasche umsteigen.
Wer die Anfangsmilch wechseln möchte, sollte am besten Flasche für Flasche umsteigen. (Foto: ivan_kislitsin/Shutterstock)

Mineralöl ist seit Jahren ein bekanntes Problem 

Seit mehr als zehn Jahren ist das Problem der Mineralölverunreinigungen in Lebensmitteln bekannt. Und viele Untersuchungen zeigten seitdem, dass ausgerechnet auch Muttermilchersatznahrung häufig mit besonders problematischen MOAH belastet war. Weil zu dieser Stoffgruppe auch krebserregende Verbindungen gehören, haben MOAH rein gar nichts in Säuglingsnahrung zu suchen.

Immerhin hat die EU-Kommission im Jahr 2022 Richtwerte für MOAH veröffentlicht, ab deren Überschreitung Lebensmittel vom Markt genommen werden sollen. Das wurde auch Zeit!

>> Die detaillierten Testergebnisse finden Sie in der Produktbox am Ende des Artikels.

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Anfangsmilch 1 enthält keine bedenklichen MOAH

Dies ist der erste größere Test von Anfangsmilch, in dem das beauftragte Labor in keinem einzigen der Pulver MOAH gefunden hat. Dafür haben wir hart gekämpft. Wo wir in der Vergangenheit MOAH kritisierten, versuchten betroffene Hersteller teilweise, unsere Ergebnisse und die vom Labor verwendete Methode, ein akkreditiertes Verfahren, zu diskreditieren.

Die Tatsache, dass manche Produkte in Folge- oder Nachtests dann MOAH-frei waren, lässt jedoch den Schluss zu, dass die Firmen die Quelle der Verunreinigung in ihren Produktionsprozessen ausfindig gemacht und beseitigt haben. Hier haben unsere Tests also direkte Wirkung gezeigt.

Öle an Produktionsanlagen sind mögliche Quelle

Zurück zu unserem aktuellen Test der Anfangsmilch 1: In sechs Produkten hat das von uns beauftragte Labor noch MOSH in Gehalten gefunden, die wir als "erhöht" bewerten. In vier waren sie "leicht erhöht". Vier weitere Säuglingsnahrungen, in denen das Labor nur geringe Spuren nachgewiesen hat, zeigen, dass es besser geht.

Zu Erinnerung: MOSH reichern sich im Körper an, mögliche gesundheitliche Folgen sind noch nicht geklärt. Deshalb raten wir Eltern dazu, besser zu den Produkten mit den geringsten MOSH-Gehalten zu greifen.

Doch wie kommt es überhaupt zu diesen Verunreinigungen? Vor zehn Jahren galten Druckfarben in Verpackungen als die häufigste Quelle von Verunreinigungen mit Mineralöl. Hier hat die Industrie mit mineralölfreien Druckfarben und dichten Innenbeuteln unter den Pappkartons gegengesteuert. Eine wahrscheinlichere Quelle für die heute noch vorkommenden Belastungen sind technische Öle an Produktionsanlagen.  

Wichtige Fettsäure fehlt in einigen Produkten

Und die weiteren Laborergebnisse? Hier ist erfreulich, dass sowohl die Fettschadstoffe 3-MCPD- und Glycidyl-Fettsäureester als auch Perchlorat und Chlorat allenfalls in geringen Spuren zu finden waren. Letztere können als Rückstände von Desinfektionsmitteln ins Pulver gelangen. Auch krank machende Keime wie Salmonellen hat das Labor nicht gefunden.  

Unzufrieden dagegen sind wir mit dem Verhältnis der Fettsäuren Arachidonsäure (ARA) zu Docosahexaensäure (DHA) in fünf Produkten. Nach den Messwerten des von uns beauftragten Labors ist dieses nicht so ausgeglichen, wie es Kinderernährungsexperten empfehlen. Teils war ARA überhaupt nicht nachweisbar und auch keine Quelle dafür in der Zutatenliste zu finden.

Verhältnisse von ARA zu DHA in Anfangsmilch 

Zum Hintergrund: Einige, aber nicht alle Studien zeigten für den Zusatz der beiden Fettsäuren zu Ersatznahrung unter anderem eine positive Wirkung auf die Gehirnentwicklung. Seit 2020 sind Hersteller verpflichtet, der Anfangsmilch einen relativ hohen Mindestgehalt an DHA zuzusetzen. Freiwillig konnten sie das vorher schon tun, aber nur in Kombination mit mindestens genauso viel ARA.

Der Einsatz von ARA steht den Herstellern nach der aktuellen Verordnung nun frei – zum Unverständnis von Experten. Die Sicherheit des hohen DHA-Zusatzes ohne ARA sei nicht geprüft und weiche sehr stark sowohl von der typischen Zusammensetzung von Muttermilch als auch der meisten seit Jahrzehnten verabreichten und in vielen klinischen Studien geprüften Säuglingsnahrungen ab, bemängelte die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) 2020 in einer Stellungnahme.

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Wir haben diese Produkte für Sie getestet

Testverfahren

Wir haben 14-mal Anfangsmilch 1 eingekauft, darunter fünf Bio-Produkte. Das Angebot an Anfangsmilch 1 ist etwas kleiner als das der ebenfalls ab Geburt fütterbaren Pre-Nahrung, zu der wir zuletzt im Spezial Baby 2022 Testergebnisse veröffentlicht haben. Einige Marken wie Löwenzahn und Nestlé Ministeps haben keine Anfangsmilch 1 im Angebot und sind deshalb in diesem Test nicht vertreten.

Wir ließen die 14 Anfangsnahrungen in einem spezialisierten Labor umfänglich untersuchen: auf Verunreinigungen mit verschiedenen Mineralölbestandteilen, die etwa aus technischen Ölen in Produktionsanlagen oder auch aus Verpackungen ins Pulver gelangen können; auf Perchlorat und Chlorat als Rückstände aus Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, welche auf Dauer die Funktion der Schilddrüse stören können. Außerdem standen die in früheren Säuglingsmilch-Tests häufig gefundenen Fettschadstoffe auf dem Prüfprogramm, 3-MCPD- und Glycidylfettsäureester, von denen aus Letzteren das wahrscheinlich krebserregende Glycidol entstehen kann.

Das Labor untersuchte die Pulver außerdem auf ihren Gesamtkeimgehalt und auf konkrete krankmachende Keime wie Salmonellen. Zu guter Letzt ließen wir die in den Pulvern enthaltenen Fettsäuren messen. Anhand der Ergebnisse konnten wir Probleme mit gesundheitsschädlichen Transfettsäuren ausschließen und außerdem prüfen, ob die Hersteller zusätzlich zum vorgeschriebenen Zusatz der Fettsäure Docosahexaensäure (DHA) auch entsprechend Arachidonsäure (ARA) zusetzen, wie es Kinderernährungsexperten nach dem aktuellen Stand der Forschung empfehlen.  

Bewertungslegende 

Soweit nicht abweichend angegeben, handelt es sich bei den hier genannten Abwertungsgrenzen nicht um gesetzliche Grenzwerte, sondern um solche, die von ÖKO-TEST festgesetzt wurden. Die Abwertungsgrenzen wurden von ÖKO-TEST eingedenk der sich aus spezifischen Untersuchungen ergebenden Messunsicherheiten und methodenimmanenter Varianzen festgelegt.

Bewertung Testergebnis Inhaltsstoffe: Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führt zur Abwertung um zwei Noten: ein gemessener Gehalt an Mineralölbestandteilen (MOSH/MOSH-Analoge der Kettenlänge C17 bis C35) von mehr als 2 bis 4 mg/kg (in Tabelle: "erhöht"). Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) ein gemessener Gehalt an Mineralölbestandteilen (MOSH/MOSH-Analoge der Kettenlänge C17 bis C35) von mehr als 1 bis 2 mg/kg (in Tabelle: "leicht erhöht"); b) gemessene Gehalte der Omega-3-Fettsäuren ARA und DHA, die einem Verhältnis von ARA und DHA von kleiner 0,9 entsprechen. Gemäß der VO (EU) 2016/127 müssen seit Februar 2020 alle Säuglings- und Folgenahrungen den Zusatz von DHA enthalten. Für einen gleichzeitigen Zusatz der ARA besteht dagegen keine Pflicht mehr.

Bewertung Testergebnis Weitere Mängel: Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um eine Note: Werbung mit Selbstverständlichkeiten.

Steht bei konkret benannten Analyseergebnissen "nein", bedeutet das "unterhalb der Bestimmungsgrenze" der jeweiligen Testmethode.

Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "gut" ist, verschlechtert das Gesamturteil nicht.

Testmethoden 

Mineralölbestandteile: nach DIN EN 16995:2017 mod.; die Modifikation betrifft die Verseifung und eine andere Matrix; Messung mittels LC-GC/FID.
Gesamtkeimzahl, aerob: nach DIN EN ISO 4833-2:2014-05.
Enterobacteriaceae: nach ASU L 00.00-133/1:2018-03.
Cronobacter spp.: nach DIN EN ISO 22964:2017-08, ASU L 00.00-166:2019-03.
Salmonellen: nach ASU L 00.00-20:2021-07.
Präsumtive Bacillus cereus: nach ASU L 00.00-33:2021.03.
Chlorat: LC-MS/MS.
Perchlorat: LC-MS/MS.
3-MCPD-Ester/Glycidylester: nach DGF C-VI 18:2010 mod.; die Modifikation betrifft die teils automatisierte Aufarbeitung.
Gesamtfett: nach ASU L 2.00-11:2013-08. Durchführung nach ASU L 01.00-20:2013-08.
Fettsäureverteilung: nach Fettextraktion mittels DGF C-VI 10a (00) und 11d (19).
PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung: Röntgenfluoreszenzanalyse.

Einkauf der Testprodukte: August – Oktober 2022

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