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Wie gefährlich sind Affenpocken und wer sollte sich impfen lassen?

Fragen & Antworten im Überblick

Autor: dpa / Redaktion (bw, lp) | Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 15.06.2022

Affenpocken ist eine Viruserkrankung, die sich oft durch Hautausschlag äußert.
Foto: CDC/Brian W.J. Mahy/dpa

Nach den ersten bestätigten Affenpocken-Fällen in Deutschland rechnet das Bundesgesundheitsministerium mit einer Zunahme der Infektionen. Erste Länder beginnen mit Impfungen und setzen Quarantänezeiten fest, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beruft einen Notfallausschuss ein. Hier erfahren Sie, was über Affenpocken bislang bekannt ist.

Zunächst war es wohl ein aus Nigeria eingeschleppter Fall in Großbritannien, inzwischen werden aus immer mehr Ländern Nachweise und Verdachtsfälle von Affenpocken gemeldet. Dem Robert Koch-Institut (RKI) sind bis Dienstag, 14. Juni 229 Affenpocken-Fälle aus elf Bundesländern bekannt.

Das Ausmaß der Affenpocken-Infektionen überrascht und lässt Experten aufmerken werden. Was ist das für ein Erreger und wie besorgniserregend ist der Ausbruch? Antworten zu den wichtigsten Fragen:

Was sind die Affenpocken?

Affenpocken sind eine auf ein Virus zurückgehende Erkrankung. Der Erreger wurde erstmals 1958 in einem dänischen Labor bei Affen nachgewiesen – daher der Name Affenpocken. Fachleute vermuten allerdings, dass der Erreger eigentlich in Hörnchen und Nagetieren zirkuliert, Affen gelten als sogenannte Fehlwirte. Das Affenpockenvirus ist auch auf den Menschen übertragbar.

Großen Schrecken verbreitete früher die Pockenkrankheit, verursacht von einem Virus aus der gleichen Gruppe. An der Infektion starb ein großer Teil der Betroffenen. Die Pockenkrankheit gilt nach Impfkampagnen seit 1980 als ausgerottet. Der letzte Fall in Deutschland wurde 1972 erfasst.

Was sind die Symptome von Affenpocken?

Zu den Affenpocken-Symptomen zählen:

  • plötzlich einsetzendes Fieber
  • starke Kopfschmerzen
  • Rückenschmerzen
  • Halsschmerzen
  • Husten
  • häufig auch Lymphknotenschwellungen

Typisch ist zudem ein vom Gesicht auf den Körper übergreifender, pockentypischer Ausschlag. Selten treten Erblindung und entstellende Narben als Dauerschäden auf.

Wie gefährlich sind die Affenpocken?

Die kursierende Variante des Affenpocken-Virus ruft nach Angaben von Gesundheitsbehörden meist nur milde Symptome hervor, kann aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen. Es sind zwei Varianten des Erregers bekannt: Die mildere, westafrikanische Variante führt nach Angaben von Clemens Wendtner Chefarzt der Infektiologie der München Klinik Schwabing zu einer Sterblichkeit von etwa einem Prozent, vor allem Kinder unter 16 Jahren.

"Man muss aber bedenken, dass diese Daten aus Afrika nicht zwingend übertragbar auf das Gesundheitswesen in Europa oder den USA sind, bei uns wäre die Sterblichkeit eher niedriger anzusetzen. Das ist eine Erkrankung, die meines Erachtens nicht das Potenzial hat, die Bevölkerung massiv zu gefährden." Die Sterblichkeit für die zweite, zentralafrikanische Variante wird mit etwa zehn Prozent angegeben.

Bei allen bisher genetisch analysierten Proben handelte es sich um die westafrikanische Erreger-Variante, auch bei dem Patient in München. Alle Altersgruppen und Geschlechter gelten dem RKI zufolge als gleichermaßen empfänglich.

Ist der aktuelle globale Ausbruch außerhalb Afrikas ungewöhnlich?

Ja, da sind sich die Experten einig. "In der Vergangenheit waren die Affenpocken-Ausbrüche begrenzt in der Ausbreitung", sagt der Virologe Stephan Becker von der Uni Marburg der Deutschen Presse-Agentur. Infektionsketten zwischen Menschen seien ungewöhnlich und müssten eng überwacht werden.

Die kürzlich nachgewiesenen Infektionen seien unter anderem deshalb atypisch, weil die meisten Betroffenen nicht nach West- oder Zentralafrika gereist seien, heißt es auch in einem Mitte Mai veröffentlichten Statement von Hans Kluge, Regionaldirektor für Europa bei der WHO. Auffällig sei auch, dass die meisten zunächst entdeckten Infektionen bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten nachgewiesen wurden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief zu einer Verfolgung aller Kontakte von Betroffenen auf. Kliniken und Bevölkerung müssten dafür sensibilisiert werden, einen ungewöhnlichen Hautausschlag von Fachpersonal begutachten zu lassen. Erhärte sich der Verdacht auf Affenpocken, sollten Patienten isoliert werden.

NEU: Die WHO hat aufgrund der zunehmenden Nachweise von Affenpocken in aller Welt zudem für kommende Woche einen Notfallausschuss einberufen. Das Gremium soll entscheiden, ob es sich - wie bei Corona - um eine "gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite" handelt.

Der WHO wurden bis Dienstag weltweit mehr als 1.600 Fälle von Affenpocken und fast 1.500 Verdachtsfälle aus 39 Ländern gemeldet. In 32 dieser Länder gab es vor Mai keine bekannten Fälle. In den anderen sieben Ländern in Afrika grassiert das Virus seit Jahrzehnten. Bislang wurden 72 Todesfälle aus den afrikanischen Ländern gemeldet. Die WHO prüft einen möglichen Todesfall durch Affenpocken aus Brasilien.

Dem RKI bereiten Affenpocken bislang weniger Sorge: Das RKI schätzt das Risiko für die Gefährdung der Gesundheit der breiten Bevölkerung in Deutschland weiterhin als gering ein.

Insgesamt gewännen die Affenpocken allmählich an globaler Bedeutung, so die Forscher. Ob das Virus die Nische besetzt, die durch die Ausrottung der Pockenkrankheit freigeworden ist, sei momentan noch nicht abschätzbar, erklärte der Marburger Virologe Becker.

Wie wird das Virus übertragen?

Bei den aktuell erfassten Fällen sind in der Mehrheit, wenn auch nicht ausschließlich, Männer betroffen, die Sexualkontakte zu anderen Männern hatten. Das Virus scheine sich derzeit vor allem zwischen homo- oder bisexuellen Männern auszubreiten, sagte Becker. Intimkontakt ist aber nur eine Möglichkeit der Übertragung - es ist womöglich Zufall, dass das Virus zunächst in diesen Personenkreis getragen wurde.

Dem RKI zufolge geschieht eine Übertragung auf den Menschen allgemein häufig durch:

  • Kontakt mit infizierten Tieren oder tierischem Blut und Sekreten
  • über das Essen infizierten Affenfleischs sowie
  • Tröpfcheninfektion

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch sei grundsätzlich selten und nur bei engem Kontakt möglich, könne aber etwa auch durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten oder Schorf Infizierter vorkommen.

Bei der aktuellen Infektionshäufung sind die detaillierten Infektionsketten noch weitgehend unklar. Aktuell scheine die Übertragung bei Affenpocken dabei aber zumindest nicht durch Aerosole zu erfolgen, schätzt der Marburger Virologe Becker. "Dann wäre das Ausbreitungsmuster anders."

Wie wird eine Infektion nachgewiesen?

Der Nachweis erfolgt wie beim Coronavirus und anderen Erregern mit einer Probe des Betroffenen über einen sogenannten PCR-Test. Sind Affenpocken-Viren enthalten, wird gezielt deren Erbgut in einem speziellen Gerät vermehrt und kann danach leicht nachgewiesen werden.

Mit welchen anderen Infektionskrankheiten können die Affenpocken verwechselt werden?

Nach Angaben der britischen Behörde UKHSA kann der Ausschlag in bestimmten Phasen der Erkrankung Windpocken oder Syphilis ähneln. Das RKI sensibilisierte Ärzte in Deutschland: Affenpocken sollten auch dann bei unklaren pockenähnlichen Hautveränderungen als mögliche Ursache in Betracht gezogen werden, wenn die Betroffenen nicht in bestimmte Gebiete gereist seien.

Männer, die Sex mit Männern haben, sollten laut RKI bei ungewöhnlichen Hautveränderungen «unverzüglich eine medizinische Versorgung aufsuchen».

Gibt es eine schützende Impfung gegen Affenpocken?

In der EU gibt es keine speziell gegen Affenpocken zugelassene Impfung. Historischen Daten zufolge schützt aber eine Pockenimpfung gut vor Affenpocken – und das wohl lebenslang. Die früher übliche Pockenschutzimpfung ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu 85 Prozent wirksam gegen eine Infektion mit Affenpocken. Ältere Menschen, die die Impfung noch bekommen haben, dürften also auch vor den Affenpocken geschützt sein.

Das Bundesgesundheitsministerium rechnet für Mittwoch mit einer Lieferung von 40.000 Dosen Pockenimpfstoff, der gegen Affenpocken eingesetzt werden kann. Der Bund stelle den Bundesländern das Vakzin zur Verfügung, teilte ein Ministeriumssprecher mit.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hatte vorige Woche bekanntgegeben, dass das Mittel für bestimmte Gruppen wie Kontaktpersonen von Infizierten empfohlen werde. Demnach empfiehlt die Stiko eine Impfung gegen Affenpocken für:

  • Männer, die gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte mit wechselnden Partnern haben
  • Personal in Speziallaboratorien mit gezielten Tätigkeiten mit infektiösen Laborproben, die Orthopockenmaterial enthalten (Hier soll eine individuelle Risikobewertung durch Sicherheitsbeauftragte erfolgen).

Die Grundimmunisierung sollte laut Stiko mit zwei Impfstoffdosen in einem Abstand von mindestens 28 Tagen erfolgen. Bei Personen, die in der Vergangenheit bereits gegen Pocken geimpft wurden, reicht eine einmalige Impfdosis aus.

Wie wird die Infektion behandelt?

Behandelt werden in der Regel die Symptome sowie mögliche bakterielle Sekundärinfektionen. Mit dem Wirkstoff Tecovirimat gibt es zudem eine in der EU zugelassene Therapiemöglichkeit für die Affenpocken-Erkrankung.

Gab es schon einmal Ausbrüche von Affenpocken?

Außerhalb von Afrika wurden Affenpocken-Infektionen beim Menschen bisher überhaupt erst wenige Male nachgewiesen. Die Häufigkeit scheint allerdings zuzunehmen. Im Jahr 2021 gab es der WHO-Statistik zufolge fünf erfasste Infektionen im Vereinigten Königreich und in den USA. Dreimal waren Menschen betroffen, die sich in Nigeria aufgehalten hatten, bei einem dieser Patienten steckten sich in Großbritannien zwei Familienmitglieder an.

Wo kursieren Affenpocken üblicherweise?

Affenpocken-Infektionen beim Menschen waren bislang vor allem aus Regionen West- und Zentralafrikas bekannt. Der erste Fall einer Affenpocken-Infektion beim Menschen sei 1970 in der Demokratischen Republik Kongo registriert worden, schreibt ein internationales Forscherteam im Fachmagazin 'Plos Neglected Tropical Diseases'. Danach habe sich das Virus in andere Länder Afrikas ausgebreitet, 2003 sei es erstmals außerhalb des Kontinents nachgewiesen worden. 

Im westafrikanischen Nigeria wurden in diesem Jahr nach Angaben der dortigen Gesundheitsbehörde zwischen Januar und Ende April 15 Fälle von Affenpocken erfasst. In Nigeria, Kamerun und der Demokratischen Republik Kongo kam es laut WHO in den vergangenen fünf Jahren immer wieder zu Ausbrüchen. 

Über das Infektionsgeschehen in der Tierwelt ist kaum etwas bekannt. Größere Ausbrüche in Afrika bei Tieren seien schlecht dokumentiert, deshalb habe man da keine Übersicht, sagt Elke Reinking, Pressesprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI).

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