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Vierte Corona-Impfung: Für wen wird der zweite Booster nötig?

Autor: Lena Pritzl (mit Material von dpa) | Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 31.03.2022

Eine Impfung schützt vor dem Coronavirus. Ist bald eine zweite Auffrischung und damit eine vierte Impfung nötig?
Foto: Shutterstock / Michael Bihlmayer

Während die Omikron-Variante die Infektionszahlen mit dem Coronavirus weiter in Rekordhöhen treibt und millionenfach Booster-Impfungen verabreicht werden, sprechen Politiker und Virologen schon von der vierten Corona-Impfung. Bundesgesundheitsminister Lauterbach wirbt für die vierte Impfung, auch die STIKO hat eine Empfehlung herausgegeben. Doch Wissenschaftlicher sind sich nicht einig. Wir geben einen Überblick, was dazu bisher bekannt ist und wer die vierte Impfdosis wann erhalten soll.

Vergangenes Jahr hatten viele Menschen noch gehofft, dass die Corona-Pandemie durch die Impfung zügig besiegt werden kann. Schnell war aber klar: Eine Grundimmunisierung reicht nicht aus, es braucht eine Auffrischimpfung gegen Corona. Die dritte Impfung oder Booster-Impfung haben inzwischen 48,8 Millionen Menschen in Deutschland erhalten, das entspricht einem Bevölkerungsanteil von knapp 58,7 Prozent (Stand 02. Februar 2022).

Mitten in der Omikron-Welle und vielen Lockerungen diskutieren Experten bereits die Notwendigkeit einer vierten Impfung gegen Corona. Booster-Booster heißt diese Impfung bei einigen. Auch die Stiko hat eine Empfehlung herausgegeben. Wir klären, was Sie zur vierten Impfung wissen sollten.

4. Impfung gegen Corona: Wer braucht den Booster-Booster?

Die Auffrischimpfung – in der Regel die dritte Impfung – wird in Deutschland inzwischen für alle Erwachsenen sowie Jugendliche über zwölf Jahren ab drei Monaten nach der Grundimmunisierung empfohlen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt den Impfbooster für einen verbesserten Schutz vor schweren, durch Omikron hervorgerufenen Erkrankungen und für eine verminderte Übertragung der Virusvariante.

Wie die STIKO erklärte, nehme der Impfschutz gegen Corona nach drei bis vier Monaten signifikant ab. Nach einer Auffrischimpfung steige die Schutzwirkung vor einer symptomatischen Infektion mit der Omikron-Variante jedoch wieder deutlich an. Das Gremium geht davon aus, dass auch der Schutz vor schweren Verläufen zunehme.

Doch wie lange hält der Impfschutz mit drei Impfungen an? Ist nach einiger Zeit ein Booster-Booster und damit eine vierte Impfdosis notwendig?

Die STIKO hat am 03. Februar 2022 eine Empfehlung für die zweite Auffrischimpfung, also für die vierte Corona-Impfung veröffentlicht. Demnach spricht sich die Ständige Impfkommissionfür eine zweite Corona-Auffrischimpfung für gesundheitlich besonders gefährdete und exponierte Gruppen aus.

Die zweite Booster-Impfung sollen nach Empfehlung der STIKO Menschen ab 70 Jahren, Menschen in Pflegeeinrichtungen, Menschen mit Immunschwäche sowie Beschäftigte in medizinischen und Pflegeeinrichtungen bekommen, um das Immunsystem nochmals gegen das Coronavirus zu stärken. Bei gesundheitlicher Gefährdung rät die Stiko, die zweite Auffrischung frühestens drei Monate nach der ersten vorzunehmen. Bei Gesundheits- und Pflegepersonal soll es mindestens ein halbes Jahr Abstand sein.

Karl Lauterbach wirbt für 4. Impfung ab 60 Jahren

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) wirbt seit einigen Tagen für eine vierte Corona-Impfung schon für ab 60-Jährige. Er beruft sich auf neue israelische Daten. 

Eine Auffrischimpfung gegen das Coronavirus wird empfohlen, ob auch eine vierte Impfung sinnvoll ist, ist noch nicht abschließend geklärt.
Eine Auffrischimpfung gegen das Coronavirus wird empfohlen, ob auch eine vierte Impfung sinnvoll ist, ist noch nicht abschließend geklärt. (Foto: Shutterstock / Lookerstudio)

Israelische Studie: Vierte Impfung ausreichend gegen Omikron?

Vor einigen Tagen erschienen Daten zu mehr als 560.000 Menschen zwischen 60 und 100 Jahren, die teils nur dreimal, teils bereits ein viertes Mal geimpft wurden. Bislang liegen die Daten als Preprint vor – also noch ohne die bei Studien übliche externe Begutachtung. Das vorläufige Ergebnis: Die Sterblichkeit durch Covid-19 sei in der vierfach geimpften Gruppe um 78 Prozent verringert gewesen, verglichen mit der Gruppe der nur Geboosterten

Der Bundesgesundheitsminister berief sich bei seiner Impfempfehlung auf diese Daten. Ein genauerer Blick in die Daten zeigt jedoch: Die Unterschiede zwischen den verglichenen zwei Gruppen aus drei- beziehungsweise vierfach Geimpften seien minimal, wie der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Reinhold Förster, sagte: "Beide Gruppen haben bei Omikron ein sehr geringes Sterberisiko durch Covid-19."

Die Angaben zur verringerten Sterblichkeit basierten daher auf relativ kleinen absoluten Zahlen. Bei den 60- bis 69-Jährigen zum Beispiel starben laut Preprint fünf der rund 111.800 vierfach Geimpften und 32 der rund 123.800 dreifach Geimpften.

Der Experte gab zudem zu bedenken: "Es ist ja die Frage, inwieweit die beiden Gruppen vergleichbar sind. Manche dreifach geimpfte Vorerkrankte dürften sich nicht zur Viertimpfung aufgerafft haben, was die Unterschiede bei der Sterblichkeit zum Teil erklärten könnte", sagte Förster.

Darüber hinaus weist das Autorenteam selbst darauf hin, dass sie nur auf eine relativ kurze Zeitspanne von 40 Tagen blicken. Bei der erfassten Todesursache Covid-19 in Krankenhäusern könnten zudem auch Fälle enthalten sei, in denen ein positiver Test ein Nebenbefund ist.

Stiko-Chef Thomas Mertens sagte im Hinblick auf eine mögliche neue STIKO-Empfehlung: Die Frage der vierten Dosis lasse sich nicht ausschließlich am Alter der Impflinge festmachen. Vielmehr spielten auch Vorerkrankungen und Überlegungen zum Impfschutz auf längere Sicht eine Rolle. "Anhand bisher verfügbarer Daten kann man aber sagen, dass der zweite Booster offenbar nur bedingt vor Infektion schützt, aber schwere Verläufe in Risikogruppen reduzieren kann," so Mertens.

Impfstudie aus Israel zu vierter Impfung

In Israel wurde die vierte Impfdosis frühzeitig an Menschen verimpft, die besonders von Corona gefährdet sind. Sie bewirkt zwar einen erneuten Anstieg der Antikörper. Kurz nach der vierten Impfung sei man aber wieder auf demselben Stand wie kurz nach der dritten, ergaben die ersten israelischen Daten.

Im Zuge einer Studie hatten rund 150 Teilnehmer in Israel eine vierte Dosis des Vakzins von Biontech-Pfizer erhalten. Vor einer Woche erhielten dann 120 weitere Teilnehmer nach drei Dosen Biontech/Pfizer eine vierte Impfung mit Moderna. Es war weltweit der erste Versuch mit einer vierten Impfung mit kombinierten Vakzinen, sagte Professor Gili Regev vom Schiba-Krankenhaus bei Tel Aviv.

Die Ergebnisse beider Gruppen nach einer Woche seien sehr ähnlich. "Wir sehen keinen erheblichen Unterschied." Zwei Wochen nach einer vierten Dosis sei zwar ein "schöner Anstieg" der Antikörper zu beobachten. Deren Zahl liege sogar etwas über dem Wert nach der dritten Impfung.

"Aber für Omikron ist dieser schöne Wert nicht genug." Man beobachte auch bei vierfach Geimpften Ansteckungen. Regev betonte aber, dass es sich dabei um Zwischenergebnisse der Studie handle.

Was bedeuten die Studienergebnisse aus Israel für die 4. Impfung in Deutschland?

Heißt das, dass wir uns etwa alle drei bis vier Monate erneut gegen das Coronavirus impfen lassen müssen?

Sebastian Ulbert, Impfstoff-Forscher vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie, unterschied bei dieser Frage vor einigen Wochen zwischen immungesunden und immunschwachen Menschen. Das bedeutet: Die Gabe einer vierten Dosis kommt für Ulbert vorerst nicht für alle infrage, sondern wie in Israel primär für Ältere und Risikogruppen.

Auch Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI), sah im Februar eine vierte Dosis eher für Hochbetagte. Derzeit gehe es auch darum, besonders Altenheime vor Omikron zu schützen. Einige Menschen aus bestimmten Gruppen, beispielsweise Transplantierte, hätten sich auch schon viermal impfen lassen, berichtet die Immunologin.

Für den größten Teil der Bevölkerung spiele der Booster-Booster aber vorerst keine Rolle. "Die vierte Impfung braucht die Normalbevölkerung mit gesundem Immunsystem nicht", sagt Falk. Für Ulbert ist es noch unklar, ob und wie die Wirkung der dritten Impfung bei Immungesunden nachlässt. Es könne auch sein, so der Impfstoffexperte, dass man "wesentlich länger" vor schweren Corona-Erkrankungen geschützt ist. Für DGfI-Präsidentin Falk steht derzeit im Vordergrund, die breite Bevölkerung mit einer dritten Impfung zu boostern, um damit "aus dem Winter rauszukommen".

Vierte Impfung nach dem Winter?

Für den Zeitraum danach überwiegt bei den Experten die Zuversicht – zumindest für die Immungesunden, wenn sich das Virus nicht dramatisch verändert. Bei sogenannten "inaktiven Impfstoffen" wie bei der Corona-Impfung bleibe der Impfschutz in der Regel spätestens nach der dritten Impfung "relativ lange relativ hoch", sagt Ulbert.

Die zirkulierenden Antikörper könnten – wie in Israel beobachtet – zwar abfallen, aber es gehe hier auch um das immunologische Gedächtnis, das weiterhin vor einer schweren Erkrankung schütze, so der Experte. Deshalb müsse man bei Immungesunden – im Gegensatz zu den Immunschwachen – erst abwarten, ob diese überhaupt den Booster nach dem Booster benötigen, erklärt Ulbert.

Vor dem Hintergrund der neuen Studiendaten aus Israel äußern Wissenschaftler auch Bedenken zur vierten Impfung. Noch sei nicht klar, welche Virusvarianten in einigen Monaten vorherrschen, welche Impfstoffe es dann gibt und was das wiederum für die Impfempfehlungen zum Winter hin bedeutet. Für den Immunologen Andreas Radbruch vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin sprechen etwa die derzeit "relativ harmlose Virusvariante" und eine "exzellente" Grundimmunisierung momentan gegen Viertimpfungen für weitere Gruppen: "Durch eine vierte Impfung jetzt nehmen wir uns die Möglichkeit, im Herbst durch angepasste Impfstoffe auf eine vielleicht gefährlichere Virusvariante noch zu reagieren, weil das Immunsystem dann eventuell gar nicht mehr oder nur noch sehr schwach reagiert."

Wie lautet die Prognose für den nächsten Winter?

Die Hoffnung bei Immunologen wie DGfI-Präsidentin Falk ist, dass bei Corona nach dem Winter ein "schrittweiser Übergang in eine endemische Situation" erfolgt. Das würde bedeuten, dass das Virus regional regelmäßig auftaucht und die meisten Menschen durch Impfung oder Infektion eine gewisse Immunität besitzen.

Doch bleiben die Infektionszahlen hoch, könnte die Mehrheit der Immungesunden im Herbst 2022 eine vierte Corona-Impfung benötigen. Dann werde hoffentlich eine Auffrischung mit einem angepassten Impfstoff zum Einsatz kommen, sagt Falk. Im Idealfall sei diese Impfung mit einer Grippe-Impfung gekoppelt. Das würde heißen: Ein Arztbesuch, zwei Spritzen.

Welcher Impfstoff für die zweite Auffrischimpfung?

Derzeit wird bereits an einem Corona-Impfstoff geforscht, der gegen eine Vielzahl von Varianten wirken soll. Der Mainzer Impfstoffhersteller Biontech hatte im November bekanntgegeben, dass er an der Entwicklung eines an die Omikronvariante angepassten Impfstoffs arbeite. Die EU-Staaten wollen sich 180 Millionen Dosen davon liefern lassen.

"Es wäre toll, einen Impfstoff zu haben, der andere Varianten von Sars-CoV-2, aber auch andere Coronaviren mit abdeckt", sagt Sebastian Ulbert. Damit wäre man auch für eventuelle künftige Pandemien besser gewappnet.

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