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Suchtgefahr: E-Zigaretten sind Einstiegsmittel für Jugendliche

Zigarettenforscher der Uni Mainz im Interview

Autor: Kerstin Scheidecker | Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 09.01.2020

Suchtgefahr: E-Zigaretten sind Einstiegsmittel für Jugendliche
(Foto: rolandmey/Pixabay)

Helfen E-Zigaretten beim Rauchen aufhören? Zigarettenforscher Thomas Münzel von der Universität Mainz erklärt im Interview, wie schädlich das Rauchen der elektronischen Dampfer wirklich ist. Er meint zudem, E-Zigaretten sind eher Einstiegsdroge als Ausstiegshilfe.   

Professor Thomas Münzel von der Universitätsklinik Mainz hat mit Forschern aus Mainz und Boston gezeigt, wie E-Zigarettendampf Gefäße, Herz und Lunge und Gehirn schädigen kann. Wir haben mit ihm über die umstrittenen elektronischen Zigaretten gesprochen. Ein Interview. 

ÖKO-TEST: Herr Professor Münzel, Rauchen gefährdet die Gesundheit, Dampfen auch – kann man das so sagen?

Thomas Münzel: In Deutschland rauchen noch etwa 23 Prozent der Bevölkerung, das sind ungefähr zwölf Millionen Menschen. Die Zahlen haben deutlich abgenommen. Aber gleichzeitig beobachten wir eine Zunahme des E-Zigarettengebrauchs, und der wird natürlich von der Zigarettenindustrie heftig als gesunde Alternative vermarktet und die E-Zigarettenshops schießen wie Pilze aus dem Boden.

Richtig ist: Die Beimischungen, durch die die Todesfälle in den USA hervorgerufen wurden, sind in Deutschland nicht erlaubt. Aber ich denke, die bisher vorliegenden Untersuchungsergebnisse zeigen, dass E-Zigaretten auch in der Lage sind, im Kurzzeitgebrauch deutliche Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen zu erzeugen. In Bezug auf den Langzeitgebrauch von E-Zigaretten und gesundheitliche Nebenwirkungen ist so gut wie nichts bekannt.

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Akuter Gefäßschaden durch E-Zigaretten rauchen 

Was haben Sie genau untersucht?

Wir haben zum einen die akuten Auswirkungen von E-Zigaretten auf die Gefäßfunktion untersucht. E-Zigarettenrauchen für 20 Minuten hat die Gefäße steifer gemacht. Weiterhin haben wir eine Stressaktivierung der Gefäße durch das E-Zigarettendampfen festgestellt und eine Erhöhung der Herzfrequenz. Wir wollten wissen, woher diese Nebenwirkungen kommen.

Die Ergebnisse zeigen, dass der akute Gefäßschaden durch freie Radikale verursacht wird. Verantwortlich hierfür waren wohl giftige Aldehyde, die durch das Verdampfen entstehen. Auch in der Lunge und im Gehirn bilden sich mehr Radikale, was langfristig hier zu Schäden führen kann.

E-Zigaretten wurden eine zeitlang als Ausstiegshilfe für Raucher hochgehalten – taugen die E-Zigaretten zur Entwöhnung?

Untersuchungen zeigen, dass nach sechs bis zwölf Monaten Entwöhnungsphase noch 80 Prozent E-Zigarette rauchen. Das heißt: Die wenigsten schaffen es, komplett auszusteigen. Keine Frage, E-Zigaretten sind natürlich weniger schädlich als die normalen Tabakzigaretten. Aber meiner Meinung nach sind aktuell andere Methoden zur Rauchentwöhnung den E-Zigaretten vorzuziehen. Zahlen aus den USA belegen, dass Kinder oder Jugendliche, die E-Zigaretten geraucht haben, später bis zu dreimal häufiger Tabakzigaretten geraucht haben. Die E-Zigarette ist also eher Einstiegs- als Ausstiegsmittel.

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E-Zigaretten sind etwas weniger schädlich als die normalen Tabakzigaretten, eignen sich aber laut Professor Thomas Münzel eher nicht zur Raucherentwöhnung.
E-Zigaretten sind etwas weniger schädlich als die normalen Tabakzigaretten, eignen sich aber laut Professor Thomas Münzel eher nicht zur Raucherentwöhnung. (Foto: Andrey_Popov/Shutterstock )

Was ist Ihrer Ansicht nach die beste Methode mit dem Rauchen endgültig aufzuhören?

Ich habe 30 Jahre lang Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen behandelt und darunter waren natürlich auch viele Raucher, die versucht haben, mit dem Rauchen aufzuhören. Es gab Patienten, die bis zu 80 Zigaretten pro Tag geraucht haben und die es dennoch geschafft haben, von jetzt auf gleich mit dem Rauchen aufzuhören. Einfach weil sie es wollten.

Geeignete Methoden aus dem Rauchen auszusteigen sind Verhaltenstherapie und Nikotinpflaster und Nikotinkaugummis. Die im Internet angegebenen Hilfen zum Rauchstopp durch das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg sind extrem hilfreich. 

Kritik an öffentlicher Raucherwerbung 

Haben Sie schon einmal mit dem Rauchen aufgehört?

Meine Eltern sind beide im Alter von 55 Jahren an den Folgen des Rauchens gestorben, mein Vater am Herzinfarkt und meine Mutter an Lungenkrebs. Wir Kinder waren alle drei damit auch starke Passivraucher. Für mich ist es ein Skandal, dass Deutschland das einzige Land ist, in dem öffentliche Raucherwerbung noch erlaubt ist. Das zeigt, wie stark die Raucherlobby in Deutschland ist.

Warum muss Deutschland noch 300.000 Zigarettenautomaten haben, wo das Deutsche Krebsforschungszentrum belegt hat, dass diese Automaten für Kinder und Jugendliche eine wichtige Bezugsquelle für Zigaretten sind? Warum hängt man sie in Deutschland nicht einfach ab? Was den Einfluss der Zigarettenindustrie auf die Politik angeht, gibt es in Deutschland noch ziemlich viel zu tun.

Test im Überblick: Was Nikotinpflaster und Co. taugen

Zehn Nikotinersatzpräparate überprüft 

Nikotinersatzpräparate sollen dabei helfen, mit dem Rauchen aufzuhören. Im Handel gibt es Nikotinkaugummis, Nikotionpflaster, Lutschtabletten und Inhalatoren. Wir haben zehn solcher rezeptfreien Mittel überprüft. Sind Sie empfehlenswert? Hier geht es zum Test: Mittel zur Raucherentwöhnung im Test: Was Nikotinpflaster und Co. taugen.

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