Studie: Viele Deutsche haben Antikörper gegen PEG im Blut

Autor: Ann-Cathrin Witte | Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 03.01.2024

Viele Deutsche haben Antikörper gegen PEG in ihrem Blut. Das zeigt eine Studie des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung.
Foto: Likoper/Shutterstock

Viele Menschen in Deutschland haben Antikörper gegen den Stoff Polyethylenglykol, kurz PEG. Das zeigt eine Studie des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung. Das ist bedenklich, denn der Stoff wird auch in Medikamenten eingesetzt.

  • Der Stoff Polyethylenglykol (PEG) wird unter anderem in Kosmetik, Lebensmitteln und Medikamenten eingesetzt.
  • Unterschiedliche Studien haben gezeigt, dass der menschliche Körper Antikörper gegen PEG bilden kann.
  • Eine neue Studie des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung bestätigt diese Forschungsergebnisse jetzt auch für Deutschland und zeigt, dass sich die Antikörper an mit PEG modifizierten Oberflächen anlagern können. Was bedeutet das für die Medikamententherapie?

"Unser Ziel ist es Nano-Wirkstoffträger für den Medikamententransport im Körper herzustellen, damit Medikamente, zum Beispiel für Krebstherapien, zukünftig effektiver wirken können", fasst Svenja Morsbach, Gruppenleiterin im Arbeitskreis von Katharina Landfester am Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz, ihre Arbeit zusammen.

Für diese Arbeit setzen sie und ihr Forschungsteam bisher oft auf eine Beschichtung der Nanoträger mit dem Polymer Polyethylenglykol, kurz PEG. Diese Beschichtung, auch als PEGylierung bekannt, soll dafür sorgen, dass die Nanoträger und somit auch die Medikamente länger im Blut zirkulieren und so ihre Wirkung besser entfalten können.

PEG: Körper kann Antikörper bilden

Verschiedene Studien, unter anderem aus den USA und Taiwan, haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass der menschliche Körper in der Lage ist Antikörper gegen PEG auszubilden und, dass diese Antikörper die Wirksamkeit von mit PEG beschichteten Medikamenten beschränken können.

Dabei passiert im Körper folgendes: Die gebildeten Antikörper gegen PEG lagern sich an den beschichteten Nanoträgern an und machen diese für das Immunsystem sichtbar. Dieses reagiert und entfernt das Medikament bevor es seine Wirkung entfalten kann. "Das ist das Gegenteil dessen, was man sich von der PEGylierung von Medikamenten erhofft hat", kommentiert Gruppenleiterin Morsbach.

Insgesamt 500 Blutproben wurden für die Studie untersucht.
Insgesamt 500 Blutproben wurden für die Studie untersucht. (Foto: Parilov/Shutterstock )

Eine aktuelle Studie ihrer Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Polymerforschung zeigt: Auch in Deutschland hat ein Großteil der Bevölkerung bereits solche Antikörper im Blut. Dafür analysierte das Forschungsteam rund 500 Blutproben, die von Probanden im Alter von 18 bis 71 Jahren stammten. Ergebnis: In knapp 83 Prozent der Proben stieß das Team auf Antikörper gegen PEG.

Jüngere Personen sind stärker betroffen 

"Vor allem in den Blutproben jüngerer Studienteilnehmer sind wir verstärkt auf PEG-Antikörper gestoßen", erläutert Svenja Morsbach. "Je älter dagegen die Person war, desto weniger Antikörper waren im Schnitt vorhanden." Warum das so ist? Dafür hat das Forschungsteam bisher nur Vermutungen. "Mögliche Gründe für die Ergebnisse können eine verringerte Reaktion des Immunsystems im Alter sowie der zunehmende Einsatz von PEG in verschiedenen Lebensbereichen sein", erklärt Morsbach.

Denn, PEGs werden nicht nur in der Medizinforschung eingesetzt, sondern kommen auch in Kosmetikprodukten und als Trägerstoff in Lebensmitteln, wie Süßstoff oder Nahrungsergänzungsmitteln, vor. Auch ÖKO-TEST kritisiert immer wieder PEG-Verbindungen in Kosmetika, beispielsweise in Badezusätzen, Flüssigseifen oder Babyfeuchttüchern. Der Grund: Diese Stoffe können die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen.  

Ob der Körper aber durch den Kontakt mit PEG-haltigen Kosmetika und Lebensmitteln verstärkt Antikörper bildet, ist bisher noch nicht geklärt. "Uns stellt sich aktuell die Frage, ob die Exposition oder die Stärke des Immunsystems der entscheidende Faktor bei der Bildung von PEG-Antikörpern ist", sagt auch Svenja Morsbach. 

PEG-Antikörper: Konsequenzen für die Medizintherapie

Welche Schlüsse also zieht das Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung aus den Ergebnissen ihrer Studie? "Das Standardverfahren, kurzkettige PEGs für den Medikamententransport im Körper zu verwenden, muss möglicherweise an der einen oder anderen Stelle angepasst werden", formuliert die Gruppenleiterin vorsichtig. Verlässlich könne man das aber erst nach weiteren Untersuchungen sagen. 

"Eine Idee wären zum Beispiel, ob man PEG ersetzen kann oder evtl. ganz darauf verzichtet", so Morsbach. Aber auch da stelle sich die Frage, ob der Körper nicht auch gegen diese Alternativen Antikörper bilden könnte. Als weitere Möglichkeiten nennt sie darüber hinaus die Bestimmung der PEG-Antikörper-Konzentration im Blut eines Patienten und eine individuellen Anpassung des Wirkstoffs. "Es bleibt in jedem Fall spannend."

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