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Corona-Krise: Was können Menschen für ihre psychische Gesundheit tun?

Interview mit Psychologin Vera Scheel

Autor: Lena Wenzel | Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 27.05.2020

Corona-Krise: Was können Menschen für ihre psychische Gesundheit tun?
Foto: Marjan Apostolovic/Shutterstock

Die Corona-Krise macht Menschen Angst. Gleichzeitig sind viele derzeit oft mit ihren Gedanken allein und können sich wenig ablenken, weil sie durch die geltenden Regeln im Alltag eingeschränkt sind. Wir haben mit Psychologin Vera Scheel darüber gesprochen, was das für Auswirkungen auf die psychische Gesundheit hat. 

Wie wichtig sind positive Denkmuster für die psychische Gesundheit? Was können Menschen tun, um ihr seelisches Gleichgewicht nicht zu verlieren? Welche Chancen stecken in einer Krise? Das sind Fragen, über die sich ÖKO-TEST mit Psychologin Vera Scheel aus Berlin unterhalten hat. Das Interview:   

ÖKO-TEST: Frau Scheel, das Coronavirus verängstigt viele Menschen. Was macht das mit unserer Psyche?

Vera Scheel: Bei Gefahr – und da reicht schon die wahrgenommene Gefahr, ohne dass sie tatsächlich eintritt – schaltet unser Gehirn in ein Notfallprogramm. Dieses Notfallprogramm bereitet uns optimal auf die evolutionär wichtigen Reaktionen bei Gefahren vor: Flucht und Kampf.

Auf physiologischer Ebene werden dann automatisch alle Prozesse aktiviert, die für Kämpfen oder Fliehen benötigt werden. Gleichzeitig wird unsere Gehirnfunktion auf die Gefahrenabwehr reduziert. Das heißt: Komplexe Analysen der Situation sind dann nicht mehr möglich, man kann auch sagen, das Denkhirn wird ausgeschaltet. Das ist grundsätzlich wunderbar und hilft uns mit Gefahrensituationen erfolgreich umzugehen.

Es hat sich auch evolutionär bewährt, dass Menschen in Krisen zusammenrücken und in der Gemeinschaft die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöht werden kann. Gegenseitige Hilfe ist ein wichtiger Bestandteil. So haben sich konkrete und praktische Nachbarschaftshilfen und Solidaritätsangebote entwickelt bzw. einen Aufschwung erhalten.

Unsicherheit und Ungewissheit verstärkt Angst 

Und inwiefern genau belastet das Coronavirus die psychische Gesundheit? 

Zunächst hat sich bei vielen Angst vor eigener Ansteckung mit Covid-19 gezeigt oder dass Freunde und Familienmitglieder, die zur Risikogruppe gehören, sich anstecken könnten. Auch die Sorge vor der Überlastung des Gesundheitssystems und die Angst vor einer Mangelversorgung an Lebensmitteln hat eine Rolle gespielt. Bei Einigen sind dann noch die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust sowie finanzielle Sorgen hinzugekommen. In all dieser Zeit gab es eine regelrechte Informationsflut – bei gleichzeitigem Mangel an verlässlichen und sicheren Informationen –, die unser Gehirn kaum mehr verarbeiten konnte. Insbesondere die große Ungewissheit und Unsicherheit verstärkte die Angst.

Das Problem dabei: Menschen wollen Dinge verstehen, denn das vermittelt ihnen ein Erleben von Kontrollierbarkeit (nicht Ausgeliefertsein) und das wiederum erleichtert ihnen den Umgang mit Situationen. Sie fühlen sich nicht hilflos oder vor einer Katastrophe stehend.

Kontaktbeschränkungen, Abstand halten und einkaufen mit Maske: Die Corona-Pandemie verändert den Alltag der Menschen.
Kontaktbeschränkungen, Abstand halten und einkaufen mit Maske: Die Corona-Pandemie verändert den Alltag der Menschen. (Foto: Maria Sbytova/Shutterstock)

Glauben Sie, diese Erlebnisse werden Folgen für die psychische Gesundheit vieler Menschen haben? 

Noch kann keine verlässliche Aussage getroffen werden, ob in Folge der Pandemie eine Häufung und/oder Verstärkung psychischer Störungsbilder auftreten wird. Beobachtbar ist, dass bei vielen die Ängste nach ca. vier Wochen nachgelassen haben. Das zeigt sich darin, dass die Menschen mobiler werden und offensichtlich wieder mehr zusammenkommen. Das wahrgenommene Risiko für die Wahrscheinlichkeit einer Infektion hat sich laut einer Studie (EUCLID-Projekt der Universität Konstanz) nach einem Anstieg in dem Zeitraum von Februar bis Anfang April im Folgezeitrum bis Ende April reduziert.

Der Blick in die Zukunft wird den Studienergebnissen hingegen während des Lockdowns pessimistischer gesehen, hier insbesondere die wirtschaftlichen Folgen. Jedoch nehmen dort weiterhin die meisten an, dass sich Deutschland schneller als andere Länder erholen wird.

Grundsätzlich ist unser Körper und unsere Psyche anpassungsfähig und kann schwierige Phasen und Zeiten unbeschadet überstehen. Die Widerstandsfähigkeit gegenüber großen Belastungen hängt von verschiedenen Faktoren ab. Neben inneren Faktoren, zum Beispiel Optimismus, Selbstwirksamkeit, Lösungs- und Zukunftsorientierung, spielen äußere Faktoren wie soziale Unterstützung, Transparenz und Information, Dauer oder die Wohnsituation eine Rolle. Erfreulicherweise sind bisher die großen Befürchtungen in Deutschland nicht eingetroffen und die aktuellen Entwicklungen erlauben eine Lockerung der Maßnahmen. Dies ist nicht nur aus psychologischer Sicht positiv zu begrüßen.

"Gedanken sind wichtig für die psychische Gesundheit" 

Können Sie Verhaltensmuster nennen, wie Menschen erfahrungsgemäß auf Angst und Stress reagieren? Ganz plump gesagt, gibt es Optimisten und Pessimisten. Wie wichtig sind positive Denkmuster für die gesunde Psyche?

Gedanken sind eine der wichtigsten Kräfte und damit äußerst wichtig für die psychische Gesundheit. Wie soll die Zukunft positiv werden, wenn ich nur negative Bilder dazu im Kopf habe? Hoffnung, Zuversicht sowie positive Einstellungen und Erwartungen bilden somit sogar die Basis für eine gesunde Psyche. Es gibt Menschen, die tendieren eher zu einer optimistischen Grundhaltung und andere eher zu einer pessimistischen Grundhaltung, manche sehen das Glas halb voll und andere halb leer.

Interessanterweise beinhaltet das Wort ‚Krise’ im Chinesischen zwei Begriffe: Gefahr und Gelegenheit. In diesem Sinne lohnt es sich zwar durchaus, sich der Gefahren durch Covid-19 bewusst zu sein, aber auch die Gelegenheit darin zu sehen. Gelegenheit für individuellen und gesellschaftlichen Wandel. Denn wer hätte vor kurzem noch gedacht, dass es möglich sei, fast den kompletten Flugverkehr einzustellen? Der Klimaschutz reichte der Politik als Grund nicht aus.

Viele berichten, dass sie in der Zeit des Lockdowns gelernt haben, was ihnen wirklich wichtig im Leben ist, was brauche ich wirklich um glücklich zu sein? Einige haben die Zeit für umfangreiches Ausmisten der Wohnung und somit einer Befreiung von altem Ballast genutzt. Weiterhin haben viele Eltern und Kinder es genossen, mehr Zeit für einander zu haben.

In der Krise etwas Positives sehen: Viele Familien haben es in der Zeit des Lockdowns genossen, mehr Zeit miteinander zu verbringen.
In der Krise etwas Positives sehen: Viele Familien haben es in der Zeit des Lockdowns genossen, mehr Zeit miteinander zu verbringen. (Foto: Halfpoint/Shutterstock)

Das heißt, in der Krise stecken auch Chancen. 

Ja, diese erzwungene "Pause" oder Innehalten von den normalen Abläufen, bietet sehr viel Potential sowohl für die individuelle als auch für die gesellschaftliche Entwicklung. Spannende Fragen hierzu finde ich: Was habe ich seit Beginn der Krise anders gemacht und möchte ich bewahren? Was hat sich in der Gesellschaft positiv verändert und soll beibehalten werden? Wäre es nicht toll, wenn die vielen tollen Nachbarschaftshilfen und -kontakte, die in den vergangenen Wochen gebildet wurden beibehalten oder sogar ausgebaut werden und so das gemeinschaftliche Potenzial wieder mehr in den Fokus und im Alltag einen Platz bekommt? Wäre es nicht auch ein guter Anlass über die Auswirkungen der Globalisierung in vielen Lebensbereichen nachzudenken und nach Veränderungen zu suchen?

Ich möchte hier kein verschönerndes Bild präsentieren und bin mir der verschiedenen negativen Auswirkungen, wie die erhöhte häusliche Gewalt, die Mehrbelastung in Familien, die hauptsächlich zu Lasten der Frauen geht und in verschiedenen weiteren Bereichen sehr wohl bewusst.

Als Psychologin in der Kinder- und Jugendhilfe mache ich mir zum Beispiel große Sorgen um die Kinder, die in überforderten Familien leben und aufgrund von Kita- und Schulschließungen kaum Gehör und Hilfe finden. Sie sind häufig nicht in der Lage aktiv um Hilfe zu bitten. Dennoch möchte ich jeden einzelnen ermuntern auf die Dinge zu schauen, die sich für einen persönlich sowie gesellschaftlich positiv entwickelt haben. Optimismus und Zuversicht sind schließlich sehr wichtige Schutzfaktoren für unsere Gesundheit.

Austausch mit Familie und Freunden kann erleichternd wirken 

Treffen mit Freunden und Familie, körperliche Nähe und Freizeitunternehmungen sind auch bewährte Strategien gegen Stress. Das alles ist derzeit nur eingeschränkt möglich. Was können Menschen tun, um das seelische Gleichgewicht nicht zu verlieren?

In Stresssituationen sind soziale Kontakte eine der wichtigsten Schutzfaktoren vor negativen Folgen. Aufgrund der beschlossenen Kontaktbeschränkungen wurden persönliche Kontakte quasi unmöglich und eine wichtige Ressource ist dadurch weggefallen. Erfreulicherweise haben viele Menschen zu alternativen Methoden wie Telefon und Videochat gegriffen, um mit Freunden und der Familie weiter in Kontakt zu bleiben.

Das kann natürlich den persönlichen Kontakt und auch die körperliche Nähe nicht ersetzen. Eine Umarmung durch eine nahestehende Person, zum Beispiel, kann sehr viel Kraft schenken. Der Austausch mit Freunden/Familie über Gedanken und Gefühlen kann aber sehr wohl über Kommunikationsmedien erfolgen und somit erleichternd wirken. Viele berichten auch, dass sie die gewonnene Zeit nutzten um alte, vielleicht fast in Vergessenheit geratene Kontakte wieder aufleben zu lassen.

Besonders schwierig ist die Situation unter anderem für im Sterben liegende Menschen und deren Angehörige, die aufgrund von Kontaktbeschränkungen nicht zusammen sein durften. Ich hoffe, dass hier zügig Lösungen gefunden werden, dass die Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet werden dürfen und ein Abschied für beide Seiten ermöglicht wird.

Viele Freizeitunternehmungen sind trotz Einschränkungen möglich. Ist es nicht möglich, seinen gewohnten Hobbys nachzugehen, ist Kreativität gefragt. Entweder wandelt man sein Hobby ab oder nutzt die Chance ganz neue Aktivitäten kennenzulernen.

Hilfe in der Krise: Sobald man das Gefühl hat, Hilfe zu benötigen, sollte man sich geeignete Hilfe suchen.
Hilfe in der Krise: Sobald man das Gefühl hat, Hilfe zu benötigen, sollte man sich geeignete Hilfe suchen. (Foto: KieferPix/Shutterstock)

Welche Faktoren spielen neben sozialen Kontakten eine Rolle? 

Direkter sozialer Kontakt ist ein wichtiger Faktor, um seelisch gesund zu bleiben. Es gibt aber auch weitere Faktoren, die zum seelischen Gleichgewicht führen können.

Wichtig ist zu akzeptieren, was geschehen ist oder was gerade passiert, um Türen für Neues zu öffnen, die Energie auf die Zukunft zu richten und optimistisch zu bleiben. Gleichzeitig ist es hilfreich, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen, um nicht das Gefühl zu bekommen, seinem Schicksal aufgeliefert zu sein. Einfacher ausgedrückt: Jeder sollte versuchen, das Beste aus seiner Situation zu machen. In schwierigen Situationen ist es außerdem förderlich, Gleichgesinnte zu finden.

Wann glauben Sie, ist es notwendig, dass sich Menschen professionelle Hilfe suchen?

Sobald ich das Gefühl habe, ich könnte Hilfe benötigen, ist es sinnvoll nach einer geeigneten Hilfe zu suchen. Viele bestehende Initiativen haben in der aktuellen Krise ihre Angebote erweitert oder neue Angebote geschaffen. Der Berufsverband Deutscher Psychologen hat zum Beispiel eine Corona-Hotline mit Hilfe ehrenamtlich tätiger Psychologen eingerichtet und ist in den kommenden Wochen von Montag bis Freitag (8-20 Uhr) unter der kostenlosen Rufnummer 0800 / 777 22 44 erreichbar.

Weiterhin gibt es die regionalen Angebote der Krisendienste, die bei Bedarf auch persönliche Termine anbieten. Kinder und Jugendliche können sich unter der bundesweiten "Nummer gegen Kummer" 116 111 montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr Hilfe holen. Es gibt viele weitere Hilfsangebote, die online leicht zu finden sind.

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