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Fair-Trade-Kaffee: Die Hintergründe zur Erfolgsgeschichte

Autor: Lino Wirag & Redaktion | Kategorie: Essen und Trinken | 31.08.2020

Fair-Trade-Kaffee: Kaffeeernte bei Cenfrocafè in Peru
Foto: TransFair e.V./Christoph Köstlin

Ob zum Frühstück, nach dem Mittagessen oder zum Kuchen: Auf die Tasse Kaffee möchten die wenigsten Menschen verzichten. Aromatisch soll die Bohne sein, nicht überteuert und am liebsten fair gehandelt. Fair-Trade-Kaffee ist ein Erfolgsmodell – auch wenn er erst in jeder zwanzigsten Tasse schwimmt.

"Brüderschaft trinken!" Mit diesem Slogan bewarb die Gepa – heute das größte Unternehmen in Europa, das mit fairen Produkten handelt – in den 70er Jahren ihren ersten "Solidaritätskaffee" aus Nicaragua. Er schmeckte gewöhnungsbedürftig, war aber der Renner in den Kommunen und WGs. Glücklicherweise ist die Zeit der bitteren Sandino-Dröhnung vorbei.

Statt mit sozialistischer Solidarität wirbt die Gepa heute lieber mit Qualität: Über 50 Kaffeevarianten umfasst das Angebot heute, zeitgemäß trägt die Mehrheit davon inzwischen zusätzlich das EU-Bio-Siegel. Auch die einzelnen Produkten zeigen sich modernen Verhältnissen gewachsen: Neben klassischen Kaffeemischungen gibt es Espressi, Bio-Kaffee-Pads und sogar die verrufenen Kaffee-Kapseln – die hier natürlich nicht aus Plastik oder Aluminium bestehen, sondern aus biobasierten Rohstoffen.

Fair-Trade-Kaffee: Oft günstiger als konventioneller

Und der Preis? Eine Tasse fair gehandelter Kaffee kostet nur ein paar Cent mehr als seine "unfaire" Alternative. Oder auch mal deutlich weniger: Für ein Kilo faire Bio-Bohnen werden bei Discounter Aldi rund 9,50 Euro aufgerufen, bei Platzhirsch Tchibo kostet das Kilo Crema-Bohnen dagegen mindestens 12 Euro – und das ohne Bio- oder Fairhandels-Siegel.

Nach der Ernte werden die Kaffeekirschen in warmen Ländern wie hier in Honduras im Freien getrocknet, um die Bohne aus dem Fruchtfleisch lösen zu können.
Nach der Ernte werden die Kaffeekirschen in warmen Ländern wie hier in Honduras im Freien getrocknet, um die Bohne aus dem Fruchtfleisch lösen zu können. (Foto: TransFair e.V. / Monika Högen; CC0 / Unsplash.com / Rodrigo Flores)

Kein Wunder, dass die Deutschen da gerne mit gutem Gewissen zugreifen: Mit einem Anteil von 32 Prozent am Gesamtumsatz ist Kaffee laut dem Forum Fairer Handel nach wie vor das wichtigste Zugpferd auf dem Markt für faire Produkte; Tee erreicht dagegen nur magere 2,3 Prozent.

Kaffee – der zweitwichtigste Rohstoff der Welt

Im Rohstoffhandel ist die Bedeutung von Kaffee ohnehin seit jeher immens: Nur Rohöl wird in noch größerem Umfang nach Wert gehandelt. "Robusta und Arabica sind das wahre schwarze Gold", schreibt die Welt treffend. Weltweit sind über 25 Millionen Menschen mit dem Anbau von Kaffee beschäftigt, drei Viertel davon leben und arbeiten in kleinbäuerlichen Strukturen. Rechnet man die Jahresernten aller Anbauländer zusammen, dann ergeben sich laut Deutschem Kaffeeverband rund 167 Millionen Sack Rohkaffee à 60 Kilogramm, umgerechnet rund 10 Millionen Tonnen Kaffee-Bohnen. 70 Prozent davon werden aus den Anbauländern exportiert. 1,1 Millionen Tonnen roher Kaffee gingen 2019 allein nach Deutschland, das seinerseits wieder größter Exporteur von verarbeiteten Kaffeeprodukten ist.

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Größter Kaffeeproduzent weltweit ist Brasilien mit rund 37 Prozent der jährlichen Rohkaffeeproduktion, gefolgt von Vietnam mit 18 Prozent und Kolumbien mit 8 Prozent. Typische Kaffeeländer wie Nicaragua, Guatemala oder Äthiopien steuern hingegen jeweils unter 5 Prozent bei.

Fairtrade-Kaffee garantiert Mindestpreise

Wichtige Importeure für fair gehandelten Kaffee sind die Organisationen Gepa, El Puente und Weltpartner. Sie stehen wenigen multinationalen Konzerne gegenüber, darunter Nestlé, die einen Großteil des Kaffeemarkts beherrschen. Gepa und Co. pflegen hingegen langjährige Geschäftsbeziehungen zu ihren Produzenten und unterstützen ausschließlich Kleinbauern. Neben Transparenz und Überprüfbarkeit gehören dazu natürlich Mindestpreise sowie besondere Fairtrade-Zuschläge, die die Landwirte für ihren Kaffee erhalten.

Außerdem können Ernten, wenn nötig, von den Fairhandels-Organisationen vorfinanziert werden. Steigt der Weltmarktpreis über den festgelegten Mindestpreis, wird den Produzenten der höhere Preis gezahlt. Damit, so die Kalkulation, ist gewährleistet, dass die Kaffeebauern gegen mögliche Preiseinbrüche abgesichert sind, aber auch nicht leer ausgehen, wenn die Weltmarktpreise plötzlich steigen.

Kaffee mit Fairtrade-Siegel

Einen anderen, produktbezogenen Ansatz verfolgt dagegen der Verein TransFair, der in Deutschland das bekannte blau-grün-schwarze Fairtrade-Siegel vergibt. Auf diesem Weg können auch Produkte konventioneller Unternehmen als fair ausgezeichnet werden, sofern sie bestimmte Standards einhalten. Um das Fairtrade-Siegel zu erhalten, muss den Produzenten beispielsweise ein Mindestpreis plus Prämie zugesichert werden, für biologisch angebauten Kaffee erhalten die Bauern einen zusätzlichen Aufschlag.

Festgelegt werden die zu erfüllenden Standards von Fairtrade International, einer Dachorganisation für fairen Handel mit Sitz in Bonn. Rund 350 Kaffeeprodukte mit dem etablierten Siegel finden sich heute in Supermärkten, Bio- und Weltläden, aber auch bei Discountern und Drogerie.

Natürlich wird auch das System mit den Fairtrade-Siegeln kritisiert. So kamen Studien vor einigen Jahren zu dem Ergebnis, die wirtschaftlichen Vorteile für die Bauern würden durch die hohen Zertifizierungskosten wieder aufgefressen. Fairtrade wehrte sich, indem es auf eigene Belege verwies.

Fairtrade-Kaffee mit dem bekannten Siegel von TransFair e.V. – die bekannteste, aber nicht die einzige Organisation, die für fairen Kaffee steht.
Fairtrade-Kaffee mit dem bekannten Siegel von TransFair e.V. – die bekannteste, aber nicht die einzige Organisation, die für fairen Kaffee steht. (Foto: TransFair e.V./Ilkay Karakurt)

Fair-Trade-Kaffee ist ein Erfolg

Trotz kritischer Stimmen bestreitet niemand, dass fairer Handel im Kaffee-Segment eine Erfolgsgeschichte ist – wenn auch nicht immer ganz klar sein mag, wer davon am meisten profitiert. Die Bauern, die bessere Löhne erhalten? Der Hersteller, der den Preis höher ansetzen kann? Die Zertifizierer? Oder gar der Konsument, der sich für wenig Geld ein gutes Gewissen kauft? Im besten Fall gewinnen alle.

Die Gepa zumindest hat mit ihren Vertragspartnern Preise ausgehandelt, die im Schnitt noch über dem Mindestpreis liegen, den Fairtrade International als Bedingung voraussetzt, um ein Fairtrade-Siegel zu erhalten. Die Gepa zahlt in vielen Fällen zusätzlich eigene Qualitäts- und Länderzuschläge – eine öffentlich zugängliche Musterkalkulation aus dem Jahr 2017 veranschaulicht, wie sich der Gepa-Preis für Kaffee (im Unterschied zu anderen Kalkulationen) zusammensetzt.

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Fair gehandelter Kaffee: Diese Siegel geben Sicherheit

Die Siegel von El Puente, Fairtrade, Gepa, Naturland Fair und Weltpartner geben Verbrauchern die Sicherheit, ihren Kaffee mit gutem Gewissen trinken zu können. Es sind jedoch nicht die einzigen Label am Markt. Es lohnt sich, informiert zu bleiben, denn: Der Begriff "fair" ist – im Gegensatz zum Ausdruck "bio" – nicht rechtlich geschützt.

Dennoch: Laut "Forum Fairer Handel" ist heute jede zwanzigste Tasse Kaffee, die in Deutschland getrunken wird, bereits ein Fairhandels-Produkt. Wenige Bereiche stehen besser da: Der Anteil fairer Bananen liegt in Deutschland beispielsweise bereits bei 14 Prozent.

Wer im Supermarkt die Pakete mit Bohnenkaffee vergleicht, wird auch die Label von Rainforest Alliance Certified und UTZ Certified entdecken. Letzteres ist ein Nachhaltigkeitsprogramm für Kaffee, Kakao und Tee, das insbesondere von Unternehmen genutzt wird, die große Mengen an Rohstoffen benötigen.

Sowohl Rainforest Alliance als auch UTZ machen Vorgaben für soziale und ökologische Kriterien, die zum Teil über gesetzliche Mindestanforderungen hinausgehen. Sie garantieren aber keine Mindestpreise, und auch eine Vorfinanzierung – ein elementares Instrument für fairen Handel – ist nicht Teil der Vergabebedingungen.

Kaffee ist das erfolgreichste Fairhandels-Produkt
Kaffee ist das erfolgreichste Fairhandels-Produkt (Foto: Shutterstock/nullplus)

Der Verhaltenskodex 4C für Kaffee

Einige Kaffeeprodukte sind zudem mit dem Verhaltenskodex 4C (Common Code of the Coffee Community) ausgezeichnet. Hinter diesem Instrument steht die 4C Association, ein Netzwerk aus Kaffeeproduzenten und -händlern, aber auch zivilgesellschaftlichen Einrichtungen. Die Organisation vergibt kein eigenes Zertifikat, sondern versucht nach eigenen Aussagen, bessere Arbeits- und Umweltstandards in der Kaffeeindustrie zu etablieren. Für Produzenten ist eine 4C-Verifizierung kostenlos.

Die Einführung blieb allerdings nicht unkritisiert, vor allem Fairtrade- und Umweltorganisationen nahmen Anstoß. Sie sahen nicht nur ihr Geschäftsmodell in Gefahr, sondern witterten auch Greenwashing vonseiten großer Hersteller. In einer Stellungnahme zur Einführung des neuen Kaffeekodex im Jahr 2007 kritisierten die fairen Handelshäuser Gepa, Weltpartner (damals: dwp) und El Puente, der Kodex werde als "die nachhaltige Lösung für Mainstreamkaffee gepriesen". In Wirklichkeit sei der Standard aber "auf niedrigem Niveau" und diene als "Marketinginstrument der Kaffeekonzerne".

Es bestehe die "Gefahr der Irreführung", weil Kunden den Unterschied zwischen 4C-Kaffee und "tatsächlich fair gehandeltem" Kaffee nicht mehr nachvollziehen könnten. Tatsächlich stellt sich zumindest dieses Problem für Verbraucher gar nicht. Denn: 4C-Produkte werden nicht mit einem Label auf der Packung beworben. Mit den Prinzipien des fairen Handels darf man die Initiative trotzdem nicht in einen Topf werfen.

Weiterführende Dokumente:

Literatur:

  • Ruben Quaas: Fair Trade. Eine global-lokale Geschichte am Beispiel des Kaffees. Böhlau Verlag 2015.

Lesen Sie hier weiter:

  1. Fair Trade: Warum fairer Handel so wichtig ist
  2. Fairtrade-Kaffee (dieser Inhalt)
  3. Faire Milch
  4. Fair-Trade-Schokolade
  5. Fairtrade-Siegel

Mehr zu fairem Handel auf oekotest.de: