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10 Torffreie Blumenerden im Test

Handbuch Bauen, Wohnen, Renovieren
vom 02.11.2012

Blumenerde, torffrei

Der Mörder ist immer der Gärtner

Wer die Umwelt schützen will, sollte auf Torf verzichten. ÖKO-TEST hat zehn Blumenerden in die Labore geschickt, die laut Deklaration ohne den Stoff auskommen, aus dem die Moore sind. Die gute Nachricht: Für Hobbygärtner gibt es echte Alternativen. Die schlechte: Die ökologisch bedeutsamen Moore sind mehr gefährdet denn je.

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02.11.2012 | Teile einer Leiche liegen in deutschen Gärten. Sie liegen in Beeten, Blumentöpfen, in Terrakottakübeln und Balkonpflanzkästen. Wenn Torf in Beet oder Topf steckt und nicht im Moor, wo er Bestandteil eines der faszinierendsten Öko-Systeme der Welt ist, dann ist er Teil einer Leiche - dem Moor. Denn um Torf abzu­bauen und daraus Substrate für Tomaten, Tulpen oder Thymian zu mischen, muss ein Moor entwässert werden. Und damit hört es auf, ein ­intaktes, ein lebendes Moor zu sein.

Moore speichern mehr Kohlenstoff als Wälder

In den zurückliegenden drei Jahrhunderten hat sich darüber kaum jemand den Kopf zerbrochen. Wenige sahen Moore als schützens­werte ­Naturgebiete und Lebensräume von Sonnentau, Hochmoorgelbling, Wollgras und Kreuzotter an. Zudem sind ­intakte ­Moore gewaltige Kohlenstoffspeicher. Ein natürliches funktionierendes Moor ist mit Wasser gesättigt wie ein vollgesogener Schwamm. Oben wachsen die grünen Triebe der Torfmoose, unten sterben sie ab, werden aber nicht zersetzt, da im sauerstoffarmen Untergrund Bakterien und ­Pilze nicht überleben. Da die abgestorbenen Pflanzen unter Luftabschluss als Torf konserviert bleiben und nicht abgebaut werden, entweicht kein Kohlendioxid in die Atmosphäre. Solange im Moor ausreichend Wasser vorhanden ist und der Torf nicht mit Sauerstoff in Kontakt kommt, bleibt der Kohlenstoff gespeichert. Auch wenn Mikroorganismen in intakten Mooren beim Abbau organischer Substanz unter Ausschluss von Sauerstoff klimawirksames Methan freisetzen, heben sich die Klimawirksamkeit des zurückgehaltenen Kohlendioxides und des freigesetzten Methans meist gegen­seitig auf. Naturnahe Moore sind also klimaneutral oder sogar Stoffsenken, wenn mehr gespeichert als emittiert wird.

Laut dem Bundesministe­rium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit werden in Deutschland pro Jahr rund zwölf Millionen Kubikmeter Torf eingesetzt, davon etwa zwei Millionen Kubikmeter in Freizeitgärten. Dabei ist vielen Konsumenten der Zusammenhang von Moorsterben, Kohlendioxidemission und Torfab­bau nicht bewusst.

Wir haben zehn torffreie Blumenerden eingekauft und auf Schad- und Inhaltsstoffe untersuchen lassen. Das war aber nur ein Teil unserer großen Untersuchung. Denn darüber hinaus haben wir den Anbietern auch einen Fragebogen zugeschickt.

Das Testergebnis Inhaltsstoffe

Drei Produkte sind "gut", zweimal haben wir "befriedigend" vergeben, vier Blumenerden erhielten ein "ausreichend". Und einmal gab es ein "mangelhaft". Neun von zehn untersuchten torffreien Blumenerden kann man als "torffrei" bezeichnen. Zwar hat das beauftragte Labor auch darin Spuren von Torf gefunden, aber in einer so geringen Menge, dass man sie als Verunreinigungen durch eine Mischanlage werten muss, in der vermutlich nicht nur torffreie Erden, sondern auch Torf und Komposte als Substratzuschlagsstoff gefahren werden. In drei getesteten Blumenerden steckt das Schwermetall Cadmium in nicht unerheblicher Menge.

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So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir kauften zehn torffreie Blumenerden und Universalerden in Baumärkten, Gartencentern und im Internet ein. Entscheidend war, dass die Produkte eindeutig als "torffrei" und nicht etwa nur als "torfreduziert" deklariert waren. Denn in solchen Erden kann immerhin noch gut 60 Prozent Torf enthalten sein.

Inhaltsstoffe
Wir wollten die Alternativen zu torfhaltigen Blumenerden testen. Hier war die Hauptfrage: Steckt - trotz der Deklaration "torffrei" - vielleicht doch Torf in der Blumenerde? Deshalb hat ein Labor eine botanische Analyse der Erden durchgeführt und so alle verwendeten Ausgangsstoffe ermittelt. Damit Pflanzen wachsen, benötigen sie Nährstoffe. Ein weiteres Labor untersuchte, wie viel Stickstoff, Phosphat und Kalium in den Erden steckt. Die Chemiker prüften auch, ob Spurenelemente enthalten sind und der Salzgehalt akzeptabel ist. Wie alle Produkte sollen auch Blumenerden schadstofffrei sein. Daher haben wir die Blumenerden auch auf Schadstoffe untersuchen lassen, auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) etwa. Einige dieser Verbindungen sind krebserregend. PAKs entstehen bei der unvollständigen Verbrennung von Kohle, Heizöl, Kraftstoff, Holz und Tabak und gelangen so in die Luft. Dadurch können sie auch an Erdenbestandteilen wie Rinde, Holzfasern und Grünkompost anhaften. Einige Schwermetalle können von Pflanzen aufgenommen werden, deshalb testete ein Labor auch den Gehalt von Blei, Cadmium, Chrom, Kupfer, Nickel, Quecksilber und Zink in den Erdenmischungen. Ob man sich mit den Blumenerden auch gleich Kunststoff-, Metallteile oder Glasstücke mit ins Beet schüttet, klärte das Siebverfahren zur Bestimmung der sogenannten artfremden Bestandteile der Produkte. Aber auch "zu viel Leben" in Form von Unkrautsamen oder keimfähigen Pflanzenresten sind in Topf und Kübel unerwünscht. Darum ließen wir nachschauen, ob in der Erde Unkraut oder Gräser wachsen.

Weitere Mängel
Alle Anbieter verwenden einigen Platz auf den Blumenerdentüten dafür, um die Ausgangsstoffe, Nähr- und weitere Inhaltsstoffe aufzuführen. Da ist es natürlich interessant für den Verbraucher zu wissen, wie stark die deklarierten Angaben mit den im Labor analysierten Werten übereinstimmen.

Herstellung und Transparenz
Die Anbieter der torffreien Blumenerden erhielten von uns einen Fragebogen. Wir wollten wissen, wie die Anbieter sicherstellen, dass in ihren torffrei deklarierten Produkten kein Torf enthalten ist. Auch interessierte uns, wo der Torf abgebaut wird, der in ihren torfhaltigen Produkten steckt, die immerhin neun von zehn Anbietern auch im Sortiment führen. Wir fragten auch nach Dokumenten, die die gemachten Angaben belegen können. Um etwas zu den Themen "Verantwortung für die Umwelt" und "Nachhaltigkeit" von den Erdenanbietern zu erfahren, wollten wir außerdem wissen, warum sie angesichts der ökologischen Folgen des Torfabbaus für das Öko-System Moor nicht auf torfhaltige Produkte im Sortiment verzichten. Schließlich interessierte uns auch, ob die Firmen bereit sind, in das nachhaltige Projekt "Anbau von Torfmoosfrischmasse" zu investieren.

Bewertung
Wer eine Alternative zum umweltzerstörenden Torfabbau anbietet, nämlich torffreie Blumenerden, sollte natürlich ein Produkt anbieten, das nicht nur torffrei ist, sondern auch frei von Schadstoffen und voll mit Nährstoffen in nützlichen Konzentrationen. Aber er sollte auch den Nachweis erbringen können, dass seine Produkte wirklich torffrei sind, und woher der Torf stammt, der in seinen Produkten steckt, die Torf enthalten. Inhaltsstoffe und Transparenz - beides ist ÖKO-TEST wichtig. Da aber die torffreien Produkte und ihre Qualität bei diesem Test im Vordergrund stehen, geht das Testergebnis Inhaltsstoffe zu 60 Prozent, das Testergebnis Herstellung und Transparenz zu 40 Prozent in das Gesamturteil ein. Deklarationsmängel führen zur Verschlechterung des Testergebnisses Inhaltsstoffe.

So haben wir getestet

Ohne Unkrautsamen sollten Blumenerden sein, damit nur wächst, was gepflanzt wurde.