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22 Körperpeelings im Test

ÖKO-TEST Februar 2017
vom 26.01.2017

Körperpeelings

Weniger ist Meer

Über Mikroplastik wird viel geredet. Doch an der genauen Definition der Kunststoffteilchen scheiden sich die Geister. Lässt sich die Umweltschädlichkeit überhaupt an der Partikelgröße festmachen? Unser Test von 22 Körperpeelings zeigt: Die meisten Hersteller machen es sich viel zu einfach.

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26.01.2017 | Ein toter Schwarzfußalbatros, aus dessen halb verwestem Leib zahllose bunte Plastikteile hervorquellen. Eine Meeresschildkröte, deren deformierter Körper jahrelang um den Ring eines Getränkedosenhalters herumwachsen musste. Bilder wie diese führen uns vor Augen, welche unmittelbaren Auswirkungen unsere Wegwerfgesellschaft auf die Umwelt hat. Vor allem unser Plastikmüll ist es, der auf vielen Wegen in die Gewässer der Erde gelangt und dort Jahrhunderte braucht, um abgebaut zu werden.

Über das Offensichtliche hinaus machen jedoch wenige Mikro- oder gar Nanometer kleine Partikel, mit bloßem Auge kaum zu erkennen, einen nicht zu unterschätzenden Teil der Kunststoffbelastung in den Gewässern aus. Sie entstehen entweder aus größeren Plastikteilen, die sich unter dem Einfluss der Elemente nach und nach zerreiben, oder sie gelangen direkt als sogenannte Primärpartikel in Miniaturform in die Umwelt - zum Beispiel als Inhaltsstoffe in Kosmetikprodukten und Reinigungsmitteln oder als Kleidungsfasern, die sich beim Waschen lösen. Im Ozean und in Flüssen werden sie von Tieren aufgenommen oder lagern sich unter anderem im Sediment und auf Pflanzen an. Darüber, welche Auswirkungen diese Belastung auf lange Sicht hat, ist noch wenig bekannt. Untersuchungen haben gezeigt, dass einige Lebewesen die Partikel fressen - mit zum Teil gravierenden Auswirkungen auf das Verdauungssystem. Neue Erkenntnisse des Alfred-Wegener-Instituts deuten zudem darauf hin, dass sich mit steigender Wassertemperatur in Nord- und Ostsee krankheitserregende Bakterien verbreiten könnten, die sich als "blinde Passagiere" auf kleinen Plastikpartikeln ansiedeln.

Das Reizwort der Debatte um die Kleinstteilchen ist "Mikroplastik". Und so schwammig es für den Laien klingt, so schwer lässt es sich auch nach tiefergehender Recherche definieren. In den Vergabegrundlagen des Umweltzeichens "Blauer Engel" werden 100 Nanometer bis fünf Millimeter als Rahmenmaße genannt. Andere Quellen lassen eine Untergrenze offen: Im internationalen Meeresschutz etwa wird alles, was weniger als fünf Millimeter misst, als Mikroplastik definiert.

Vor allem die Kosmetikindustrie versteckt sich jedoch gerne hinter einem eng gefassten Begriff, der nur "feste Kunststoffpartikel" wie Polyethylen (PE) in Peelings als Mikroplastik definiert und ihre Umweltschädlichkeit nur in Produkten anerkennt, die direkt wieder abgewaschen werden und so ins Abwasser gelangen. Entsprechend wenige Inhaltsstoffe werden von der freiwilligen Selbstverpflichtung der Hersteller zur Vermeidung von Mikroplastik tatsächlich abgedeckt, die im Oktober 2013 mit dem Bundesumweltministerium vereinbart wurde. Nicht in die Definition eingeschlossen sind synthetische Polymere, die zum Beispiel als Bindemittel dienen und die die Industrie weiterhin munter einsetzt. Dabei macht die Naturkosmetik längst vor, dass es problemlos möglich ist, gute Produkte ohne erdölbasierte Inhaltsstoffe herzustellen.

Wenn L'Oreal also schreibt, man habe sich "dazu entschlossen, Mikroplastikkügelchen schrittweise nicht mehr zu verwenden", oder Colgate-Palmolive konstatiert, "in Anbetracht von Konsumentenfragen verwenden wir seit Ende 2014 keine Mikroplastik mehr", beziehen sich diese Hoffnung weckenden Aussagen nicht auf alle Kunststoffverbindungen in den Produkten. Sie beschreiben lediglich solche, die wie PE in Peelings für den Hautabrieb eingesetzt werden. Doch lösliche und nanogroße Kunststoffpartikel, die damit ausgeklammert sind, hat die Wissenschaft nicht etwa als unschädlich bewertet - es mangelt bislang schlicht an verlässlichen Untersuchungen. Die Hersteller definieren das Problem also einfach weg.

Rossmann geht einen Schritt weiter und verspricht, sich auch mit flüssigem Mikroplastik auseinanderzusetzen und Alternativen für betroffene Produkte zu erarbeiten, "um auch hier unserer Philosophie, die Umwelt nicht weiter zu beeinträchtigen, nachzukommen". Konkrete Substanzen und einen Zeitplan nennt die Drogeriekette allerdings nicht. Konkurrent Dm gibt sich erst einmal problembewusst: "Aktuell werden von einigen Umweltorganisationen allerdings auch synthetische Polymere kritisiert." Um sich dann doch, wie die meisten Hersteller, vor einer umfassenden Auseinandersetzung zu drücken: "Es handelt sich hier um wasserlösliche Stoffe, die nicht die Beständigkeit der PE-Teilchen aufweisen und daher nicht unter die [...] Kategorisierung der Kunststoff-Mikropartikel fallen."

Wenn die Industrie also nicht reagiert, muss die Politik tätig werden, sollte man meinen. Inzwischen haben einige Länder angekündigt, Mikroplastik in Kosmetikprodukten verbieten zu wollen. Neben Kanada, den USA oder Südkorea haben sich mit Großbritannien und Frankreich auch europäische Staaten zu diesem Schritt durchgerungen. Die Frage nach einer eindeutigen Definition von Mikroplastik steht allerdings auch hier im Raum. Auf gesamteuropäischer Ebene ist man von einem Verbot weit entfernt. In diesem Jahr solle eine "Plastic Strategy" vorgestellt werden, in der man sich eingehend mit diesen Themen befasse, teilte ein Sprecher der EU-Kommission auf unsere Nachfrage mit. Über die Kosmetikverordnung sei ein Verbot derzeit nicht möglich, da hier nur Substanzen reguliert werden könnten, die ein Gesundheitsrisiko darstellen. Dem Tenor der Kosmetikindustrie folgt die Kommission bei ihrer Beschreibung von Mikroplastik dennoch nicht: "Mikroplastik findet man häufig in Reinigungs- und Kosmetikprodukten, in denen sie unter anderem als Peelingsubstanzen eingesetzt werden, um tote Haut zu entfernen, wobei ihre Anwendung darüber hinaus gehen kann: Sie können auch viskositätsregulierende, emulgierende, filmbildende, bindende oder auffüllende Funktionen haben." Dies schließt demnach auch synthetische Polymere ein, die die Industrie bislang nicht als Mikroplastik bezeichnet.

Die Bundestagsfraktion der Grünen forderte erst vor Kurzem mittels einer Kleinen Anfrage Aufklärung über das weitere Vorgehen der Bundesregierung in Sachen Mikroplastik. In ihrer Antwort betont diese, dass der Eintrag an Mikroplastik aus kosmetischen Mitteln mit 4,1 Prozent "mengenmäßig nur eine untergeordnete Rolle gegenüber anderen Eintragsquellen" spiele. Das ist richtig - ein großer Teil der Partikel im Meer entsteht bei der Plastikproduktion selbst, weitere Quellen sind zum Beispiel Reifenabrieb und Lacke von Schiffsanstrichen. Dass der Anteil aus Kosmetik zwar vergleichsweise gering ist, wohl aber leicht vermeidbar wäre, kommt in der Regierungsantwort jedoch nicht zur Sprache. Auf die Frage, welche Vereinbarungen mit den Herstellern getroffen wurden und welche Definitionen des Begriffs Mikroplastik diesen zugrunde liegen, bestätigt die Bundesregierung, dass die Absprachen sich nur auf Mikrokunststoffpartikel in abwaschbarer Kosmetik beziehen. Partikel im Nanobereich, flüssige Kunststoffe und solche in Pulverform seien nicht erfasst.

Auf der Internetseite des Umweltbundesamts heißt es dagegen: "Ungeachtet dieser Unterscheidung in der Definition, sollten kosmetische Mittel aus Umweltsicht keine schwer abbaubaren synthetischen Polymere wie zum Beispiel Styrene/Acrylates Copolymer enthalten. [...] Aus Sicht des Umweltbundesamtes sollten die Verbraucherinnen und Verbraucher daher bevorzugt zu Produkten greifen, die solche Stoffe nicht enthalten." Mit anderen Worten: Wenn der Industrie vom Gesetzgeber keine Grenzen gesetzt werden, können nur Verbraucher selbst mit ihrem Kaufverhalten Einfluss nehmen. Die Bundesregierung verweist auf die Frage der Grünen, wie Verbraucher Mikroplastik in Kosmetika erkennen könnten, recht lapidar auf die Kennzeichnungspflicht der Inhaltsstoffe auf der Verpackung: "Bei der Verwendung von Kunststoffpartikeln ist in der Liste der Bestandteile der Name des verwendeten Polymers anzugeben."

Dass jeder Verbraucher die Kunststoffe anhand ihres INCI-Namens erkennen kann, halten wir jedoch für wenig realistisch. Um Ihnen die Auswahl zumindest zu erleichtern, wird sich eine neue Bewertung für synthetische Polymere ab sofort in den Kosmetiktests von ÖKO-TEST niederschlagen. Den Anfang machen 22 Körperpeelings, die wir im Labor unter anderem auf Kunststoffpartikel haben untersuchen lassen.

Das Testergebnis

Natürlich konsequent. In der zertifizierten Naturkosmetik sind erdölbasierte Substanzen wie Kunststoffe per se verboten - hier schrubben zerkleinerte Nussschalen, Fruchtkerne oder Vulkangestein abgestorbene Hautschuppen vom Körper. Und auch sonst sind die acht zertifizierten Peelings sauber. Bei den konventionellen Produkten sieht es da schon anders aus. Eines schafft es immerhin auf ein "gutes" Gesamturteil - es ist das einzige, das ganz ohne synthetische Polymere auskommt.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Abgestorbene Hautzellen ganz einfach unter der Dusche wegschrubben, das soll mit Körperpeelings kein Problem sein. Wir haben 22 Produkte ausgewählt, die wir in Drogerien, Parfümerien und im Internet gefunden haben. Acht davon sind zertifizierte Naturkosmetik. Die Preisspannen sind beachtlich: Für 200 Milliliter bezahlten wir zwischen 95 Cent und 32,99 Euro.

Die Inhaltsstoffe
Experten des Instituts für Umwelt- und Verfahrenstechnik der Hochschule Rhein-Main in Rüsselsheim haben bestimmt, welche und wie viele Peelingpartikel die Hersteller einsetzen, wie groß diese sind und ob es sich um Mikroplastik handelt. Auch andere synthetische Polymere, die von den Herstellern nicht als Mikroplastik betrachtet werden, wurden erfasst. Enthalten die Peelings außerdem Substanzen, die schlecht für die Gesundheit der Anwender sind, zum Beispiel problematische Konservierungsstoffe oder Duftkomponenten? Auch auf diese und andere Parameter ließen wir die Produkte im Labor überprüfen.

Die Weiteren Mängel
PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung oder unnötige Umkartons? All das belastet die Umwelt, weshalb wir die Produkte darauf ebenfalls unter die Lupe genommen haben.

Die Bewertung
Für gesundheitlich bedenkliche Inhaltsstoffe wie das im Tierversuch reproduktionstoxische Lilial oder andere problematische Duftstoffe wie Lyral und künstlichen Moschusduft gab es Minuspunkte. Ebenso für das allergisierende Methylisothiazolinon und PEG/PEG-Derivate, die die Haut durchlässiger für Fremdstoffe machen können. Da Plastik ein immer größer werdendes Umweltproblem ist, werten wir schwer abbaubare synthetische Polymere als Inhaltsstoff per se um zwei Noten ab. Naturkosmetikhersteller zeigen, dass Kosmetika ohne Plastik problemlos herzustellen sind.

So haben wir getestet

Im Labor wurden die leichten Polyethylenpartikel (weiß/weiß-rosa) abgetrennt.

So haben wir getestet

Um sie anschließend bestimmen und vermessen zu können.

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Video zum Thema

Video

ÖKO-TEST-Magazin 2/2017:

Körperpeelings

Ein Peeling macht die Haut rosig und zart. Steckt aber Mikroplastik als Reibekörper in der Tube, leidet die Umwelt. Denn die kleinen Kunststoffpartikel gelangen mit der Körperwäsche in den Abfluss. Die Plastikteilchen sind dabei so klein, dass sie die Kläranlagen kaum filtern können. Im Ozean und in Flüssen werden sie von Tieren aufgenommen oder lagern sich im Sediment an. Da Kunststoff sehr beständig ist, kann er die Gewässer über Hunderte von Jahren belasten. Zahlreiche Kosmetikhersteller haben deshalb versprochen, die Kügelchen in ihren Produkten nicht mehr zu verwenden. Das hat ÖKO-TEST überprüft.