Startseite
Ratgeber: Die richtige Schule

ÖKO-TEST Dezember 2010
vom 26.11.2010

Die richtige Schule

Auf der Absch(l)ussliste

In der vierten Klasse fällt das Urteil: Gymnasium oder eine andere Schule. Wir helfen Ihnen dabei, die richtige Schule für Ihr Kind zu finden.

91 | 0

Diesen Artikel aus unserem Archiv lesen Sie komplett kostenlos!

26.11.2010 | Vorbei die Zeiten, in denen Kinder wie selbstverständlich in die nächstgelegene Schule geschickt wurden. Für Hausaufgaben fühlten sich Eltern ab Realschule oder Gymnasium kaum noch zuständig und wenn in der Achten mal der Vermerk "Versetzung gefährdet" unter dem Halbjahrszeugnis stand, ja, dann gab es ein paar Wochen Nachhilfe vom älteren Nachbarssohn, bis es wieder lief. Oder man drehte mal eine Ehrenrunde. Nach der Pubertät rappelten sich die, die das Zeug dazu hatten, und machten einen passablen Abschluss. Und wenn nicht, dann waren jedenfalls nicht die Eltern schuld.

Viele Eltern, die heute bei jeder Klassenarbeit bangen, sind selbst noch wie beschrieben durch die Schule gekommen. Bei ihren eigenen Kindern ist alles anders. Schule und besonders der Schulwechsel belastet die Familien. Ist das Kind nicht erfolgreich, werden seine Eltern für das Scheitern verantwortlich gemacht, beklagt der bekannte Pädagoge Wolfgang Bergmann in einem Interview. Was zur Folge hat, dass die Eltern alles tun, um es zu schaffen. Für das Kind. Und für sich selbst.

Das kann nicht gut sein, denn die größten und nachhaltigsten Erfolge, das hat die Psychologie belegt, erreicht der Mensch, wenn er sich selbst motiviert, wenn er etwas aus eigenem Antrieb selbst schaffen will - und kann. Im Grunde wissen Eltern das auch. Aber sie stehen vor einem Dilemma. Am Horizont leuchtet das Abitur wie ein bildungspolitisches Heilsversprechen - und alle rennen darauf zu. Man kann sich diesem Sog nicht so ohne Weiteres entziehen. Wenn "alle" Klassenkameraden schon in der Vierten auf jede Klassenarbeit zwei Wochen lernen und für manche Schüler eine Drei im Diktat zum klassenöffentlichen Heulkrampf führt, dann mischt sich auch in den Blick aufs eigene Kind Skepsis. Schafft der das wirklich von allein oder sollten wir nicht doch in Mathe...?

Die Mittelschicht investiert in die Köpfe ihrer Kinder mit derselben Strategie wie in Wertanlagen. Es werden Pläne gemacht, Zielvereinbarungen getroffen, viel Geld ausgegeben. Die paar Kinder, die man noch hat, sollen bitte optimal gefördert werden. Zu keiner Zeit haben sich Eltern über ihre Kinder mehr Gedanken gemacht, doch zu keiner Zeit waren sie in Fragen der Erziehung auch so unsicher. Zudem haben sie wenig Vertrauen in das öffentliche Bildungssystem, das ist ein Befund einer aktuellen Bertelsmann-Studie. Eltern kritisieren Ausbildung und Engagement der Lehrer, sie bemängeln die materielle Ausstattung der Schulen und starre, wenig innovative Konzepte.

Eltern kümmern sich selbst um Bildung

Deshalb nehmen viele Eltern die Förderung ihrer Kinder früh selbst in die Hand und kaufen privat Bildung ein. Etwa jedes fünfte Grundschulkind bekommt in Deutschland derzeit professionelle Nachhilfe. Es gibt eine Flut von Fachbüchern und Internetdiensten, die den Eltern alle paar Tage mit neuen Lernkonzepten unter die Arme greifen. Alles gegen Geld. Klappt es trotzdem nicht mit der gewünschten Schule, wird der Anwalt eingeschaltet oder der Lehrer verantwortlich gemacht, der auf den Sprössling nicht genügend eingegangen sei. Das eigene Kind kann einfach nicht versagen.

Insbesondere Akademikereltern wollen oft nicht verstehen, dass das eigene Kind intellektuell nicht in die Fußstapfen der Eltern tritt und beispielsweise nur eine sehr mäßige mathematische Begabung hat, obwohl der Vater Informatikprofessor ist. Für Wissenschaftler keine Überraschung, es ist statistisch sogar häufig, dass sich Spitzenbegabungen nicht auf die Kinder durchschlagen, man nennt das Phänomen "Regression zur Mitte".

Es gibt uneinsichtige Eltern, die mit allen Tricks arbeiten. Da werden LRS-Gutachten herangeschleppt, weil man damit bestimmte Zensuren aushebeln kann, ein bisschen ADHS hat der Sprössling doch auch, die Lehrer mögen das berücksichtigen. Dass eine mit viel Mühe und Nachhilfe erreichte Drei andeuten könnte, dass das Gymnasium nicht die beste Wahl ist, das wollen manche Eltern nicht sehen. Es gibt Kinder, die haben professionelle Nachhilfe ab der dritten Klasse, zweimal die Woche 90 Minuten büffeln sie für den Übertritt ins gelobte Gymnasialland. Dort begleitet sie dann ab der fünften Klasse wieder zweimal die Woche ein neuer Nachhilfelehrer, der sie in allen Fächern unterstützt. Bis zum Abitur? Wie viel Selbstvertrauen in das eigene Können kann dieses Kind aufbauen?

Misstrauen ist berechtigt

Allerdings ist das Misstrauen vieler Eltern gegenüber den Empfehlungen der Grundschule auch berechtigt. Da ist zum einen die Sozialauswahl. Obwohl die Zulassungsbedingungen für die weiterführenden Schulen in allen Bundesländern sehr unterschiedlich sind: von Nord nach Süd wird nicht nur nach Leistung, sondern auch nach Herkunft beurteilt, auf welche Schule ein Kind gehen soll. Das kam bereits vor Jahren bei der Auswertung der Iglu-Studie zur Lesekompetenz der Grundschüler heraus, Mainzer Soziologen von der Gutenberg-Universität haben diese Tatsache in einer weiteren Untersuchung bestätigt. Je höher das Bildungsniveau der Eltern, desto wahrscheinlicher die Gymnasialempfehlung. Selbst bei gleichen Noten sei diese Empfehlung für "Bildungsbürgerkinder" häufiger, heißt es darin.

Bewusst benachteiligen die Lehrer Kinder aus weniger gebildeten Elternhäusern natürlich nicht, sagen die Mainzer Forscher. Es sei vielmehr so, dass auch der Elternwunsch eine Rolle für die Empfehlung spiele. In der Untersuchung wollten 81 Prozent der so von den Forschern definierten "Oberschicht", dass das Kind auf das Gymnasium gehe, aber nur 21 Prozent der "Unterschicht".

Tatsächlich können die Prognosen der Grundschulen danebenliegen. Was kann man schon über die intellektuelle Entwicklung eines gerade mal Zehnjährigen sagen? Jede dritte Grundschulempfehlung hält der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos bundesweit für "nicht optimal". Mit einer längeren Grundschulzeit könnte man Bildungsungerechtigkeit verhindern und auch mehr Spätzündern eine Chance geben, argumentieren die Verfechter eines längeren gemeinsamen Lernens. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fordert seit Jahren eine längere gemeinsame Grundschulzeit. Deutschland und Österreich sind die einzigen OECD-Länder, die ihre Kinder noch so früh sortieren.

Doch für eine großflächige Grundschulreform ist bisher kein politischer Wille erkennbar. Obwohl laut einer Emnid-Umfrage die Mehrheit der Deutschen das Bildungssystem für ungerecht hält, wird sich an der frühen Richtungsentscheidung mit all ihren Problemen so schnell nichts ändern. Kein Politiker wird es wagen, das Gymnasium zu schleifen, es wird als bildungspolitische Trutzburg verteidigt. Die Abstimmung in Hamburg hat es gerade wieder gezeigt.

Große Verantwortung

Eltern stehen in der vierten Klasse ihres Kindes vor einer wichtigen und in manchen Fällen schwierigen Entscheidung. Sie übernehmen eine große Verantwortung, davon kann sie keine noch so gut überlegte Empfehlung der Lehrer freisprechen. Folgen sie dem Rat der Pädagogen, vielleicht gegen die eigene Einschätzung, können sie die Folgen für die schulische Zukunft ihres Kindes nicht abschätzen, entscheiden sie dagegen, kann auch das falsch sein.

Die Frage bleibt, was wir uns für das Leben unseres Kindes wünschen - nicht nur für seine spätere Karriere. Eine menschliche Umgebung zum Beispiel, die dem Kind Raum und Zeit lässt, eigene Schwächen zu sehen und Stärken zu entwickeln. Selbstständigkeit, die zu Eigenverantwortung und Eigeninitiative führt. Schule, die Spaß macht und Neugierde weckt auf alles Unbekannte, auch wenn es nicht in der nächsten Klassenarbeit abgefragt wird. Zeit für Entfaltung, Zeit für Hobbys. Engagierte Lehrer auf der Höhe der pädagogischen Forschung, die das Kind leiten und als Persönlichkeit achten. In welcher Schule das eigene Kind all das findet, ist nur so individuell zu beantworten, wie jedes Kind eine einmalige Persönlichkeit ist.

Die Schulformen

Staatliche Schulen

Gymnasium

Das Gymnasium ist zur beliebtesten Schulform überhaupt geworden, weil das Abitur als Eintrittskarte dafür gilt, sich später ein Studium oder einen Beruf aussuchen zu dürfen. In manchen Regionen gehen 40 Prozent eines Jahrgangs auf die "höhere Lehranstalt", wie es früher hieß. Trotzdem ist das Gymnasium selektiv, es will ganz klar die Besten eines Jahrgangs fördern und nur diese machen zum Schluss auch das Abitur. Der Unterricht auf dem Gymnasium ist theoretischer und wissenschaftlicher, die Kinder sollen lernen, selbstständig zu denken und sich Wissen zu erarbeiten. Die Fächerprofile an den Gymnasien haben sich in den vergangenen Jahren sehr entwickelt. Doch noch immer gibt es grundsätzlich naturwissenschaftlich und grundsätzlich sprachlich orientierte Zweige an Gymnasien. Quer durch die Republik hat sich das Zentralabitur durchgesetzt, fast überall außerdem das G8. Trotzdem gibt es noch große Unterschiede in den Anforderungen an die Schüler je nach Bundesland.

Realschule

Dem Realschüler stehen alle Wege offen. Er kann berufliche Gymnasien besuchen, auf eine Berufsfachschule gehen oder auch eine Ausbildung beginnen. Auf den Realschulzweigen der Gesamtschulen können Spätzünder auf die gymnasiale Oberstufe wechseln. So unterschiedlich die Wege nach der mittleren Reife, so unterschiedlich sind auch die Schüler auf den Realschulen, die Schule ist bemüht, diese sehr heterogenen Perspektiven ihrer Schüler zu bedienen. Insgesamt ist die Schule praxisorientierter, schon früh kommen die Schüler in Kontakt zur Berufswelt. Ab der siebten Klasse gibt es (in den Bundesländern unterschiedliche) Wahlpflichtfächer, sodass Schüler zum Beispiel zwischen einem naturwissenschaftlich-technischen oder einem wirtschaftlich-sozialen Profil wählen können. In einigen Bundesländern werden derzeit Real- und Hauptschulen zusammengelegt.

Hauptschule

Die Hauptschule ist das ungeliebte Kind in Deutschlands Bildungslandschaft. Hier landen die, die sonst nirgends unterkommen, heißt es. Insbesondere in den Großstädten haben die Hauptschulen häufig mit sozialen Problemen zu kämpfen, der Anteil an Schülern, die nicht ausreichend gut Deutsch können, ist oftmals hoch. Die Hauptschule hat auch die höchste Abgängerquote ohne Abschluss. Grundsätzlich soll die Hauptschule auf eine praktische Berufsausbildung vorbereiten, sie ist eng verzahnt mit Ausbildungsbetrieben und will viel Förderunterricht für ihre Schüler anbieten. Das Fach Arbeitslehre wird in den meisten Bundesländern als Pflichtfach unterrichtet. Einige Bundesländer stocken den Hauptschulabschluss um ein zehntes Schuljahr mit einem qualifizierten Hauptschulabschluss auf.

Gesamtschule

Die Gesamtschule ist ein Reformprojekt aus den 70er-Jahren, politisch umkämpft bis heute. Sie ist eine Alternative zum traditionellen dreigliedrigen System, Kinder unterschiedlicher Herkunft und von unterschiedlicher Begabung sollten länger miteinander unterrichtet werden. Tatsächlich ist der Anteil der ursprünglich Hauptschul- bzw. Realschulempfohlenen, die an einer Gesamtschule Abitur machen, höher als im Gymnasium. Die Differenzierung nach Leistung wird in die Schule verlegt, es wird nicht vorher sortiert. In vielen Gesamtschulen schließt sich nach der 10. Klasse eine gymnasiale Oberstufe an. Es gibt kooperative Gesamtschulen, in denen alle drei Schultypen getrennt unterrichtet werden, aber unter einem organisatorischen Dach vereint sind. In den Integrativen Gesamtschulen werden alle zusammen unterrichtet, aber in unterschiedliche Leistungskurse geteilt. Weil Lehrer viele unterschiedliche Begabungen auffangen und fördern müssen, haben sich in der Gesamtschule neue Unterrichtsmethoden entwickelt.

Stadtteilschulen

Sie heißen überall anders, im Grunde verfolgen sie dieselbe Idee: ein zweigliedriges Schulsystem. In der Bildungsdiskussion präsent ist Hamburg, ähnliche Pläne gibt und gab es aber auch in anderen Bundesländern. In der Hansestadt ist die Stadtteilschule seit dem Schuljahr 2010/2011 Realität, sie umfasst Hauptschule, Realschule und Gesamtschule. Daneben gibt es weiterhin das Gymnasium. Auf den Stadtteilschulen sollen die Schüler länger gemeinsam lernen und individuell gefördert werden. Schüler können auf eigenständigen Oberstufen auch Abitur machen, und zwar in neun statt acht Jahren wie auf den Gymnasien. In Bremen heißt dieser Schultyp Oberschule. Auch in Brandenburg gibt es bereits seit 2005 eine Oberschule, die Realschule und Gesamtschule zusammenfasst. Berlin hat nur noch zwei weiterführende Schularten: die neue Integrierte Sekundarschule und das Gymnasium.



Privatschulen

Waldorf-Schulen

Die Waldorf-Pädagogik hat einen Lehrplan für zwölf Schuljahre, die ganzheitliche Förderung jedes Kindes steht im Vordergrund. Auf rein intellektuelle Wissensvermittlung wird keinen Wert gelegt, deshalb gibt es wenig Bücher. In Chemie pauken die Schüler bis zur Oberstufe in der Regel keine einzige Formel. Wie chemische Prozesse ablaufen, wird experimentell vermittelt. Auf Musizieren und Arbeiten mit allen möglichen Werkstoffen wird Wert gelegt. Von der ersten bis zur achten Klasse haben die Schüler den gleichen Klassenlehrer. Eltern müssen in der Schule mitarbeiten. Zensuren gibt es nicht. Ob ein Schüler den Hauptabschluss oder die mittlere Reife erlangt oder zum Abitur zugelassen wird, hängt von seiner individuellen Entwicklung ab. Vor allem Spätzünder profitieren von der Steiner-Pädagogik. Schwächen und Begabungen werden besser aufgefangen und die Kinder bekommen mehr Entfaltungsspielraum als in der Regelschule.

Zwischen 35 und 350 Euro kostet die Schule im Monat, manchmal werden Eltern auch gebeten, sich an größeren Anschaffungen oder Projekten der Schule zu beteiligen. Das Einkommen der Eltern und die Zahl der Geschwisterkinder werden berücksichtigt.

Infos unter www.waldorfschule.info

Internationale und bilinguale Schulen

Ursprünglich waren sie für die Kinder von ausländischen Geschäftsleuten und Diplomaten da, die vorübergehend in Deutschland wohnten. Inzwischen erhoffen sich deutsche Eltern bessere Chancen ihrer Kinder auf dem Arbeitsmarkt durch das International Baccalaureate (IB). Soziale und interkulturelle Kompetenz, selbstständiges Lernen und Verantwortungsbewusstsein werden an den Internationalen Schulen hochgehalten. Die Klassen sind klein, die Lehrer hoch motiviert, die pädagogischen Methoden vielfältig. Die Schulen haben ein hohes Leistungsniveau. Die Internationalen vergeben keine deutschen Bildungsabschlüsse. Mit dem International Baccalaureate (IB) nach der 12. Klasse kann man auch in Deutschland und an ausländischen Hochschulen studieren. Die Bilingualen ermöglichen in der Regel mittlere Reife und Abitur. Die Fremdsprache wird von Muttersprachlern in den Schulalltag integriert, in bilingualen Schulen läuft die Hälfte des Unterrichts in der Fremdsprache, an internationalen Schulen ist die Unterrichtssprache Englisch.

Zwischen 200 und 1.500 Euro pro Monat kann ein Platz kosten, meist gestaffelt nach dem Alter des Kindes. Dazu kommen hohe Aufnahmegebühren. Manche bilinguale Schulen staffeln nach Elterneinkommen.

Infos unter www.agis-school.de, www.fmks-online.de, www.phorms.de

Montessori-Schulen

Die Montessori-Schulen gehen davon aus, dass Kinder Phasen haben, in denen sie besonders intensiv lernen können, diese Phasen müssen von der Schule berücksichtigt werden. Zentraler Unterrichtsbestandteil ist die Freiarbeit. Der Lehrer unterstützt, hält sich aber im Hintergrund. Es gibt keine Zensuren. Der pädagogische Aufwand an Montessori-Schulen ist sehr hoch, daher müssen Eltern monatlich zwischen 330 und 500 Euro Schulgeld bezahlen. Oft werden auch noch eine Aufnahmegebühr und/oder ein Elterndarlehen verlangt. Es gibt zwar Stipendien, aber die Schule, die ursprünglich mal für die Armen gedacht war, steht inzwischen mancherorts in dem Ruf, nur etwas für Wohlhabende zu sein.

Infos unter www.montessori-deutschland.de

Konfessionsschulen

Die kirchlichen Schulen orientieren sich an den Lehrplänen der jeweiligen Bundesländer. Allerdings haben sie ihre eigenen Profile. Zum Beispiel finden sich viele reine Mädchen- und einige Jungenschulen. Oft bietet die Schule eine Ganztagesbetreuung oder einen angegliederten Hort. Konfessionelle Schulen nehmen in der Regel auch Ungetaufte oder Kinder einer nicht christlichen Gemeinschaft auf. Allerdings müssen sich diese Kinder (und deren Eltern) mit ihrem Glauben identifizieren und damit auseinandersetzen, denn Religion ist Schwerpunkt an den Schulen. Von den Eltern wird ehrenamtliches Engagement erwartet. Je nach Bundesland kosten diese Schulen zwischen 30 und 120 Euro monatlich plus Geld für Mittagessen usw., die Sätze sind nach sozialen Gesichtspunkten gestaffelt. Kein Kind wird wegen finanzieller Schwierigkeiten der Eltern ausgegrenzt. Infos unter www.evangelische-schulen-in-deutschland.de, www.katholische-schulen.de



Meine Schule

Chantal, 10 Jahre, besucht eine Mädchenschule

Chantal besucht seit drei Monaten die konfessionelle Maria-Ward-Schule in Bad Homburg. Die private Realschule hat nur rund 400 Schülerinnen. Das Schulgeld von 155 Euro ist für Chantals Familie tragbar. Eine Massenschule wie die Gesamtschule, auf die das Mädchen auch hätte gehen können, gefiel Mutter Niki nicht. "Die sind hier behüteter und haben mehr Zeit für die Kinder", ist sie überzeugt. Chantal wollte eigentlich auf die gleiche Schule gehen wie ihre besten (männlichen) Freunde, auf die Maria-Ward-Schule dürfen aber nur Mädchen. Inzwischen hat sie eine Freundin gefunden, ein Mädchen, das sie im Fußballcamp kennengelernt hat. Mit dem Schulstoff kommt Chantal gut klar, findet ihre Mutter. Einmal in der Woche hat sie bis um halb fünf Unterricht, "danach ist sie ziemlich fertig". Chantals Noten sind gut, Sport ist ihr Lieblingsfach und auch Mathe, der zugehörige Lehrer ihr Favorit. Die Schule bietet Mittagsbetreuung bis 15.15 Uhr an, was Chantal und ihre Mutter immer wieder in Anspruch nehmen. Niki fände es gut, wenn ihre Tochter nach der Mittleren Reife das Abitur machen würde, "wenn sie das packt". Chantal soll es mal leichter haben als sie, sagt die Justizangestellte. Niki hatte nach dem Hauptschulabschluss und einem Berufsbildungsjahr eine Lehre gemacht, "aber so was geht heute wohl nicht mehr".

Julia, 11 Jahre, geht aufs Gymnasium

Julia besucht die sechste Klasse des achtjährigen Kaiserin-Friedrich-Gymnasiums in Bad Homburg. Ihre Mutter hat sich in Elternabende des Gymnasiums gesetzt, als Julia noch in der dritten Klasse war. Sie wollte sich den Druck nehmen, nur kurze Zeit nach der letzten Infoveranstaltung eine Entscheidung treffen zu müssen. Nach über einem Jahr in der neuen Schule sind Sabine und Julia mit ihrer Wahl zufrieden - auch wenn Julia, ausgestattet mit einer Gymnasialempfehlung, über ihre Noten nicht glücklich ist. Sie sind weniger gut als in der Grundschule, was Mutter und Tochter aber normal finden, so ein Schulwechsel sei schließlich nicht einfach und der Lernstoff riesig. Julia kann mit dem Fahrrad zur Schule fahren, ihre besten Freundinnen aus der Grundschule hat sie in die neue Klasse mitgenommen. Das war ihr sehr wichtig, sagt die Elfjährige, die Schule sei sehr anstrengend, da brauche sie die Unterstützung ihrer Freunde. Für Sabine war das Fächerangebot und die gute Ausstattung der Schule ein gewichtiges Argument. Julia findet vor allem ihre Lehrer nett, die hätten immer ein offenes Ohr für Probleme aller Art. Sabine schätzt die gute Lernatmosphäre an Julias Schule, die werde ihr sicher helfen, an den Schwachstellen zu arbeiten, die die Mutter bei ihrer Tochter noch sieht: Konzentration und konsequentes Arbeiten.



Checkliste Schulwechsel

Die Noten: Den Klassenlehrer schon frühzeitig nach seiner Einschätzung Ihres Kindes fragen, vielleicht sogar schon in der dritten Klasse. Gibt es Fächer, in denen es klemmt? Wo sind seine Stärken? Wie ist die Arbeitshaltung? Ist Ihr Kind ein Wackelkandidat, hilft regelmäßiger Kontakt zum Klassenlehrer Wenn Sie kein Vertrauen in ihn haben, können Sie sich (allerdings mit einer guten Begründung) an einen Beratungslehrer oder den Rektor der Schule wenden.

Bedingungen: In jedem Bundesland gibt es andere Übertrittsbedingungen: Entscheidet die Schule oder haben Sie als Eltern das letzte Wort? Wenn es eine Empfehlung nicht aufgrund eines festgelegten Notenschnitts, sondern einer persönlichen Einschätzung des Pädagogen gibt, müssen die Grundlagen dieser Entscheidung offengelegt werden.

Voraussetzungen: Hat Ihr Kind Freude am Lernen? Wie gut kann es sich organisieren? Strengt es sich gerne an? Wie steht es mit der Frusttoleranz bei Rückschlägen? Kann es sich selbst motivieren? Woher kommen seine Noten, schafft es sie durch eigene Leistung oder nur mit Ihrer Unterstützung?

Information: Es ist sehr hilfreich, die Elternabende der weiterführenden Schulen zu besuchen und mit dem Kind zum Tag der offenen Tür zu gehen. Bei den Elternabenden werden in der Regel Struktur und Schwerpunkte der Schule erläutert und allgemeine Fragen zu Ausstattung und Organisation beantwortet. Infos zum Konzept der Schule bekommt man meist im Internet. Eine gute Orientierung ist, ältere Kinder und deren Eltern, die die Schule von innen kennen, nach ihren Erfahrungen zu fragen.

Die Meinung des Kindes: An welcher besuchten Schule hat sich ihr Kind wohlgefühlt? Warum? Traut es sich das Gymnasium überhaupt selbst zu? Die Meinung des Kindes ist wichtig, aber die Entscheidung treffen letzten Endes Sie.

Die Freunde: Sie sind wichtig für Ihr Kind, denn sie geben Halt in einer neuen Umgebung. Trotzdem sollten sie für die Wahl nicht ausschlaggebend sein, denn Freunde ändern sich im Laufe eines Kinderlebens.

Leistungsdruck: Wirkt Ihr Kind oft verunsichert, ist es häufig richtig wütend auf die Schule, reagiert es bockig, wenn es lernen soll oder klagt es gehäuft über Bauch- oder Kopfweh? Hat es genug Zeit zum Spielen? Den meisten Kindern ist bewusst, worum es geht, sie sind angespannt genug, zusätzlicher Druck von den Eltern ist da nicht hilfreich. Wichtig ist, dass das Kind weiß, Sie stehen hinter ihm und haben es - ganz unabhängig von seinen Noten - lieb.

Lernunterstützung: Bei längerer Krankheit, Problemen in der Familie oder Umzug kann Nachhilfe sinnvoll sein. Ist es nur das eine Fach, wo's ein bisschen klemmt, ist Unterstützung vernünftig. Braucht ein Schüler über lange Zeit in mehreren Bereichen Hilfe, damit er die richtigen Noten für eine Schulempfehlung abliefert, dann ist er mit dem angestrebten Schultyp unter Umständen zurzeit überfordert.

Das Elternhaus: Wie binden Sie die neue Schule in das Familienleben ein? Ist der Schulweg machbar? Haben Sie in der anstrengenden Zeit des Übergangs genug Zeit für das Kind?



Zehn Fragen für die Schulentscheidung

1. Wie wird Leistung gemessen? Bekommt das Kind eine differenzierte Rückmeldung? Wie viele machen einen Abschluss?

2. Wo steht die Schule bei Leistungsvergleichen? Macht sie bei Wettbewerben mit?

3. Wie werden Schwächere unterstützt? Organisiert die Schule Nachhilfe von älteren Schülern oder eine qualifizierte Hausaufgabenbetreuung? Gibt es Hilfe, zum Beispiel bei Legasthenie? Oder müssen das allein die Eltern regeln?

4. Wie fördert die Schule besondere Begabungen?

5. Dürfen die Kinder regelmäßig zeigen, was sie geleistet haben, zum Beispiel mit Präsentationen ihrer Projekte?

6. Bietet die Schule spannende Ags? Gibt es Kooperationen mit Sportvereinen oder Musikschulen?

7. Hat die Schule ein Leitbild und wo zeigt sich das im Alltag?

8. Arbeitet die Schule mit neuen innovativen Methoden?

9. Welche Mitspracherechte haben Eltern und Schüler? Gibt es eine Schülermitverwaltung, die auch wirklich gefragt wird?

10. Macht das Gebäude einen freundlichen und ordentlichen Eindruck? Gibt es gutes Essen, Rückzugsräume, eine für alle offene Bibliothek?

Weiterlesen?