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Ratgeber Postpartale Depression

Mutterseele allein

Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 12.09.2018

CC0 / Unsplash.com / Echo Grid
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Ein paar Tage Gefühlschaos, das kennen viele frischgebackene Mütter. Bei den meisten gehen die Heultage zum Glück bald vorüber. Manchmal aber entwickeln Frauen eine ernst zu nehmende Depression.

Die Schwangerschaft verlief problemlos, die Eltern freuten sich beide auf ihr erstes Kind. Kein Wunder, dass Gesa dachte, sie würde nach der Entbindung ihr neues Leben glücklich angehen. Stattdessen: Tränen beim kleinsten Anlass. "Es haben ein paar Takte eines bestimmten Liedes gereicht oder ein Seufzer meines schlafenden Kindes, und schon habe ich furchtbar geweint." Nach einer guten Woche hatte sich das emotionale Chaos zum Glück wieder beruhigt. Bei ihren zwei weiteren Söhnen fielen die Heultage nach der Geburt weit weniger heftig aus.

Nach Schätzungen von Ärzten und Hebammen kennen bis zu 70 Prozent aller Frauen diese Phase, die die Amerikaner Babyblues nennen. Bei den meisten tritt sie am dritten bis fünften Tag nach der Entbindung auf. Hormonveränderungen spielen dabei eine Rolle. Auch der Geburtsstress und Schlafmangel begünstigen das Stimmungstief. Zum Glück geht die Traurigkeit meist nach ein paar Tagen vorbei. Bei etwa 10 bis 15 Prozent aller Mütter entwickelt sich jedoch eine ernst zu nehmende Erkrankung, die peri- oder postpartale Depression (PPD). Sie kann auch erst Wochen, Monate oder gar ein Jahr nach der Entbindung ausbrechen. Viele Frauen schweigen aus Scham, weil sie dem Bild einer glücklichen Mutter nicht entsprechen. Typische Kennzeichen sind Erschöpfung und Traurigkeit, Schuldgefühle, allgemeines Desinteresse und eine innere Leere, Ängste und Reizbarkeit.

Welche Frau so eine schwere Krise durchmacht, ist nur schwer vorherzusehen. Alter, Familienstand, Schulbildung, Beruf, Entbindungsmethode und auch das Geschlecht des Kindes spielen dabei keine Rolle. Ein erhöhtes Risiko lässt sich für Mütter nachweisen, die bereits vor der Geburt psychische Störungen hatten oder erblich vorbelastet sind. Auch Beziehungsprobleme und eine fehlende Unterstützung können das Stimmungstief verstärken.

Und die Hormone, denn tatsächlich findet im Körper einer Frau nach der Geburt eine drastische Umstellung statt: Östrogen- und Progesteronspiegel stürzen innerhalb einer Woche rapide ab, vier Schwangerschaftshormone verschwinden völlig. Der Körper stellt aufs Stillen um; alle Funktionen, die er für das Austragen des Babys aufgebaut hatte, brechen ab. Jetzt wird das milchbildende Prolaktin produziert, was Östrogene und Progesteron zusätzlich hemmt. Bis sich der Hormonhaushalt wieder eingependelt hat, kann es ein Jahr dauern.

Obwohl alle Frauen nach der Geburt eine solche Hormonumstellung mitmachen, erleidet nur ein geringer Teil eine schwere Depression. Manche Ärzte haben auch die Erfahrung gemacht, dass stillende Mütter seltener an einer perinatalen Depression erkranken. Andere dagegen halten eher die Bedingungen in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt für einen großen Risikofaktor: Denn wenn die Frauen nach der Entbindung aus der Klinik nach Hause kommen, sind sie oft genug schnell auf sich allein gestellt. Der Vater geht in vielen Fällen nach ein, zwei Wochen wieder zur Arbeit. Eltern und Geschwister, die mit Rat und Tag zur Seite stehen könnten, wohnen meist weiter weg. In ihre neue Mutterrolle langsam und behutsam hineinzuwachsen, ist nur wenigen Frauen vergönnt.

Doch das Muttersein muss eine Frau erst lernen, meint auch die Psychiaterin Professor Anke Rohde, Leiterin des Bereichs Gynäkologische Psychosomatik an der Universitätsfrauenklinik Bonn: "Es kann nicht pures Glück sein, wenn man 24 Stunden am Tag den knochenharten Job einer Mutter hat. Und auch die Bindung zum Kind ist nicht einfach so da, sondern muss sich entwickeln können. Doch darüber wird in unserer Gesellschaft zu wenig gesprochen." Das Muttersein werde verklärt; dass es auch Schattenseiten hat, dagegen in der Öffentlichkeit weitgehend ausgeklammert. Rohde spricht sich dafür aus, das Thema in Geburtsvorbereitungskursen anzusprechen, damit die werdenden Eltern wissen, dass solche Probleme normal sind. Und sich nicht zu scheuen, bei Bedarf auch Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Rat und Hilfe

Gynäkologen und Kinderärzte sind inzwischen deutlich besser als früher mit der perinatalen Depression vertraut. Wer aber das Gefühl hat, von den Ärzten nicht ernst genommen zu werden, findet auch im Internet Hilfe.

Der Verein Schatten und Licht wurde von betroffenen Frauen vor über 20 Jahren als Selbsthilfeorganisation gegründet. Er vermittelt nicht nur grundsätzliche Informationen über die Erkrankung, sondern auch Kontakte zu Beraterinnen, Fachleuten und anderen Betroffenen: schatten-und-licht.de

Das Deutsche Bündnis gegen Depressionen ist ebenfalls eine gute Anlaufstelle und bietet Adressen von Krisendiensten, Beratungsstellen, Onlineforen, Selbsthilfegruppen und Kliniken: deutsche-depressionshilfe.de

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