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Langzeitfolgen durch Corona-Infektion: Genesen, aber nicht gesund

Autor: Benita Wintermantel | Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 09.11.2020

Die Langzeitfolgen durch Corona-Infektionen können teilweise schwerwiegend sein.
Foto: Shutterstock / fizkes

Wer jung und gesund ist, dem kann das Coronavirus nicht viel anhaben? Weit gefehlt. Eine Vielzahl von Untersuchungen zeigt: Auch leichte Verläufe einer Covid-19-Erkrankung können zu schwerwiegenden, bleibenden Hirn- und Lungenschäden führen.

  • Covid-19 kann schwerwiegende Langzeitfolgen haben – auch bei jungen Menschen ohne Vorerkrankung.
  • Als Spätfolgen können laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) Erschöpfung, Kurzatmigkeit, Verlust des Geruchs- oder Geschmacksinns, Herzrasen und neurologische Beschwerden auftreten.
  • Die Forschung zu den Langzeitfolgen durch Corona steht noch am Anfang. Die Universitätskliniken in Deutschland haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, um sich zu Ursachen und Therapiemöglichkeiten auszutauschen. Seit kurzem gibt es Post-Covid-Ambulanzen für Patienten mit Corona-Spätfolgen.

Für viele Menschen ist eine Corona-Infektion nach wie vor nicht mehr als eine harmlose Erkältung. Doch auch wer nur einen leichten Verlauf hat, kann langfristig mit erheblichen Spätschäden zu kämpfen haben. Zahlreiche Mediziner und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnen vor einer Verharmlosung der Langzeitfolgen. Nach einer Studie des King’s College London leiden fast zehn Prozent der 3,9 Millionen Menschen, die zur Covid Symptom Study App beigetragen haben, an den Langzeitfolgen ihrer Corona-Erkrankung.

Corona-Langzeitfolgen: "Long Covid" und "Post-Covid-Syndrom"

Vorweg: Die Langzeitfolgen sind noch nicht ausreichend erforscht – dazu ist das Coronavirus zu neu. Einen Namen haben die Spätfolgen aber schon: In der Medizin ist von "Long Covid" oder vom "Post-Covid-Syndrom" die Rede.

"Wir erleben es immer wieder, dass sich Patienten besonders nach der stationären Entlassung nicht wieder so gesund fühlen wie vor der Covid-19-Erkrankung", beschreibt Prof. Dr. Andreas Stallmach, Direktor der Klinik für Innere Medizin IV am Universitätsklinikum Jena (UKJ), die besondere Situation. Die Liste der möglichen Langzeitfolgen ist lang, es gibt kein einheitliches Krankheitsbild. "Manche klagen über Lungen-, Herz- oder auch Darmbeschwerden, berichtet wird uns aber auch von Schlafstörungen, Konzentrationsmangel, Vergesslichkeit oder Depressionen. Viele Menschen fühlen sich allgemein krank, teils auch ohne klare Symptome", erläutert der Mediziner.

"Wir nehmen an, dass COVID-19 das Immunsystem nachhaltig verändert", erklärt Professor Professor Dr. Marius Hoeper, kommissarischer Direktor der Klinik für Pneumologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Wer entwickelt Spätfolgen?

Welche Patientengruppen auch Wochen und Monate nach ihrer Genesung mit Spätfolgen zu kämpfen haben, ist noch unklar. Wer auf einer Intensivstation lag, braucht in den meisten Fällen länger, um sich zu erholen. Über 80 Prozent der Schwerkranken haben auch nach drei Monaten noch Probleme, beobachtet Prof. Clemens Wendtner, Chefarzt Immunologie am Klinikum Schwabing in München: "Sie können sich weniger stark belasten, haben Konzentrationsschwächen und auch so etwas wie ein 'Foggy Brain'. Das heißt, man kann Dinge nicht so wahrnehmen, wie man sich das wünscht", so der Immunologe gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Eine Beatmung kann zu Folgeschäden wie beispielsweise einem verminderten Lungenvolumen oder bakteriellen Infektionen über die Schläuche im Körper führen.

>> Zum Weiterlesen: Coronavirus erkennen: Das sind die typischen Anzeichen

Das neuartige Coronavirus greift nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz, die Nerven und das Hirn an.
Das neuartige Coronavirus greift nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz, die Nerven und das Hirn an. (Foto: Shutterstock / Mongkolchon Akesin)

Langzeitfolgen nicht nur bei schweren Verläufen

Aber unter den Patienten, die über Symptome des Post-Covid-Syndroms klagen, sind auch viele Patienten ohne schweren Verlauf. "Diese Spätfolgen zeigen sich nicht nur bei Patientinnen und Patienten, die schwer betroffen waren und stationär behandelt wurden, sondern auch bei solchen mit mittlerem oder mildem Krankheitsverlauf", erklärt Marius Hoeper. Häufig sind auch junge Patienten ohne Vorerkrankungen und Risikofaktoren betroffen.

Covid-19 ist eine Systemerkrankung

Rund um das Coronavirus wird weltweit geforscht; das Wissen über das neue Virus nimmt stetig zu. Inzwischen weiß man: Das Virus greift nicht nur die Lunge an, sondern kann sämtliche Organe befallen und schädigen. Das Virus kommt über den Rachenraum in den Körper und verbreitet sich von dort aus.

Mediziner gehen davon aus, dass sich die Coronaviren über das Blut und über Nervenbahnen im gesamten Körper verteilen. In Untersuchungen konnten die Viren nicht nur in der Lunge, sondern auch im Darm, im Herz und im Gehirn nachgewiesen werden.

Welche Organe können bei Covid-19 betroffen sein?

Die WHO hat eine Liste der Organe veröffentlicht, die von Langzeitschäden betroffen sein können, sowie die Symptome der Langzeitschäden erfasst:

  • Schädigung des Herzmuskels / Herzinsuffizienz
  • Schädigung des Lungengewebes und restriktives Lungenversagen
  • Verlust des Geruchssinns
  • Herzinfarkt / Schlaganfall
  • Beeinträchtigung des Gedächtnisses und der Konzentration
  • Depression / Schlafstörungen
  • Muskelschmerzen
  • Müdigkeit

Hinweis: Da das Corona-Virus neuartig ist, gibt es bislang lediglich erste Studien zu den Langzeitschäden. Bei vielen der Untersuchungen handelt es sich derzeit noch um kleine, zum Teil nicht repräsentative Untersuchungen. Wir beziehen uns in diesem Beitrag ausschließlich auf Forschungsergebnisse, die wir als seriös einstufen.

Das Coronavirus führt auch bei milden Covid-19-Verläufen zu erheblichen Folgeschäden.
Das Coronavirus führt auch bei milden Covid-19-Verläufen zu erheblichen Folgeschäden. (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay / geralt)

Atemnot durch Corona

Viele Patienten klagen nach ihrer Covid-19-Genesung über Probleme beim Atmen, über Kurzatmigkeit und Atemnot. Eine Langzeitstudie der Innsbrucker Universitäts-Klinik bestätigt nun jedoch, dass sich die Lungenschäden zumindest teilweise wieder zurückbilden.

Hirnschäden durch Corona-Infektion 

Eine Studie der Regensburger Kuno Klinik St. Hedwig zeigt bei Patienten mit leichten bis mittelschweren Verläufen, "dass Covid-19 nicht nur die Lunge angreift, sondern auch neurologische Schäden verursacht", so Prof. Dr. Sven Wellmann, Chefarzt für Neonatologie in Regensburg.

Das neuartige Corona-Virus kann das Gehirn erreichen – jedoch ist nicht das Virus selbst, sondern die Immunantwort des Körpers für den Großteil der Veränderungen im Gehirn verantwortlich. Das geht aus einer Studie unter Leitung von Prof. Dr. Markus Glatzel, Direktor des Instituts für Neuropathologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), hervor.

"Neben Komplikationen in Lunge, Herz und Nieren kann es bei COVID-19 auch zu neurologischen Symptomen kommen. Diese weisen ein breites Spektrum auf und reichen von diffusen Beschwerden milder Ausprägung bis hin zu schweren Schlaganfällen. Bislang war aber noch unklar, ob und wie der Erreger ins Gehirn gelangt und sich dort auch vermehren kann. Wir konnten nun zeigen, dass nicht das neuartige Corona-Virus selbst das Gehirn schädigt, sondern die neurologischen Symptome vermutlich eine indirekte Folge der Virusinfektion sind", sagt Glatzel.

Chronische Müdigkeit nach Covid-19-Genesung

Immer mehr Menschen klagen nach einer Corona-Infektion zudem, sich nicht wirklich zu erholen und dauerhaft erschöpft zu sein. Mediziner sprechen hier von "Fatigue" oder "Chronic Fatigue-Syndrom", einer starken und krankhaften Erschöpfung, die über die normale Müdigkeit nach einer durchgemachten Erkrankung hinausgeht. Das Erschöpfungssyndrom ist wahrscheinlich eine Multisystemerkrankung, die das Nervensystem, das Immunsystem und den Energiestoffwechsel betrifft.

Die Erkrankung ist bislang noch wenig erforscht, möglicherweise wird sie durch eine Viren-Infektion ausgelöst. Mediziner forschen derzeit zu den Fragen, was beim Erschöpfungssyndrom im Körper passiert und welche Rolle Covid-19 spielt. 

Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns durch Corona

Schon vor Monaten wurde der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns als Folge einer Corona-Infektion genannt. Mediziner gehen mittlerweile davon aus, dass diese Symptome mit dem Befall der Hirnzellen durch das Virus zusammenhängen.

Aus Befragungen von genesenen Covid-19-Erkrankten geht hevor, dass sich die Symptome bei den meisten Patienten nach der Heilung vollständig aufgelöst oder mindestens gebessert haben.

Herzprobleme nach Corona-Infektion

Eine Covid-19-Erkrankung kann auch zu einer Herzmuskelentzündung führen – "auch in Fällen mit leichten Symptomen und bei Menschen, bei denen keine Symptome auftraten", berichtet ein Beitrag auf Sciencemag.org. Bleibt eine Herzmuskelentzündung unerkannt, kann sie Auslöser lebensgefährlicher Herzrhythmusstörungen sein.

Psychische Probleme als Langzeitfolge von Corona

Nach einer Studie, die im Fachmagazin Lancet Psychiatry veröffentlicht wurde, hat knapp ein Drittel der untersuchten Patienten psychische Auffälligkeiten wie Psychosen, demenzähnliche oder depressive Störungen. Ob es sich bei den beobachteten Auffälligkeiten um Dauerschäden handelt oder ob sie wieder ausheilen, ist noch unklar.

Was können Patienten mit Post-Covid-Syndrom tun?

Die gute Nachricht lautet: Die meisten Patienten werden wieder ganz gesund. Für die Patienten, die nicht mehr an Covid-19 erkrankt sind, sich aber noch nicht wieder gesund fühlen, gibt es immer mehr neue Anlaufstellen. So gibt es beispielsweise an der Medizinischen Hochschule Hannover und am Universitätsklinikum Jena mittlerweile Post-Covid-Ambulanzen. Da es sich bei den Langzeitfolgen um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren handelt, betreut in den neu eingerichteten Ambulanzen ein Team aus Neurologen, Kardiologen, Pneumologen, Psychiatern, Gastroenterologen und Arbeitsmedizinern die Patienten.

Medikamentös können die Mediziner den Long-Covid-Patienten in den meisten Fällen jedoch nicht viel anbieten, erklärt Dr. Isabell Pink, Leiterin der Covid-Ambulanz für Genesene an der Medizinischen Hochschule Hannover. In den Ambulanzen werden die Patienten mit ihren zahlreichen Beschwerden in jedem Fall ernst genommen. "Wir können ihnen nur raten, auf ihren Körper zu hören, insgesamt einen Gang runterzuschalten und gegebenenfalls eine ambulante Reha zu beantragen."

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