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Irrglaube „Vitamin D hilft gegen alles Mögliche“ weit verbreitet

Autor: Kai Thomas | Kategorie: Gesundheit und Medikamente | 29.11.2018

Irrglaube „Vitamin D hilft gegen alles Mögliche“ weit verbreitet
(Foto: ÖKO-TEST; nicoletaionescu/getty images)

Keine Frage: Vitamin D ist wichtig für Knochen und Muskeln. Doch dem Stoff werden noch ganz andere Fähigkeiten angedichtet. Und so greifen viele Menschen, besorgt um ihre Gesundheit, vor allem im Winter zur Vitamin-D-Tablette.

Kaum eine Erkrankung existiert, die noch nicht auf zu wenig Vitamin D im Blut zurückgeführt worden ist. Die einen nehmen es, weil sie meinen, dann seltener erkältet zu sein. Die anderen glauben, es tue dem Gemüt in der dunklen Jahreszeit gut. Wieder andere denken, es helfe gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder gar Krebs. Nahezu jeder hat in seinem Bekannten- und Freundeskreis jemanden, der Vitamin-D-Pillen schluckt. 

„Vitamin D hilft gegen alle möglichen Krankheiten“ nicht belegbar

Dabei wird oft den offiziellen Empfehlungen misstraut. Anders lassen sich die hohen Umsätze mit den Mitteln aus Apotheken und Drogerien kaum erklären. Doch die meisten ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Studien geben kaum etwas her, was für die Einnahme von Vitamin D spricht.

Dies verdeutlicht eine große systematische Übersichtsarbeit, für die Forscher 35 Metaanalysen und 202 randomisierte Studien auswerteten. Fazit: Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine Vitamin-D-Zufuhr einen Effekt auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Gemütsstörungen oder andere nicht skelettale Krankheiten besitzt. Neu war lediglich der Hinweis, dass Vitamin D helfen könnte, akute Atemwegsinfekte zu reduzieren.

Vitamin D: Fachleute raten in der Regel ab

Die Fachgesellschaften in Deutschland äußern sich klar: „Bei gesunden Menschen, die sich regelmäßig draußen aufhalten und keinen extremen Lichtschutz verwenden, ist eine Vitamin-D-Einnahme in aller Regel unnötig und ohne nachweisbaren Nutzen“, erklärt Professor Erika Baum, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin.

Ab an die frische Luft und Sonne tanken, empfiehlt auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Abgesehen von den ersten 12 bis 18 Lebensmonaten, in denen eine Vitamin-D-Gabe von 400 bis 500 Internationalen Einheiten (IE) täglich zur Rachitisprophylaxe notwendig sei, gebe es keinen Bedarf für Kinder, solche Pillen zu schlucken.

Auch Fachinstitute des Bundes raten gesunden Menschen von der Einnahme von Vitamin D ab. Grundsätzlich sind Vitamin-D-Tabletten ihnen zufolge nur empfehlenswert, wenn ein Mangel im Blut nachgewiesen ist. Zudem sind viele Mittel auf dem Markt zu hoch dosiert, wie unser aktueller Test zeigt.

Studie: Nur etwa jeder Dritte unzureichend mit Vitamin D versorgt

Hierzulande weist nur knapp ein Drittel der Erwachsenen eine unzureichende Vitamin-D-Versorgung im Blut auf. Das zeigt eine umfassende Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) von 2016, für die das Blut von 7045 Erwachsenen überprüft wurde. 30 Prozent der Bevölkerung sind demnach „suboptimal“ und rund 40 Prozent ausreichend versorgt.

Ein niedriger Blutserumwert an Vitamin D gibt allerdings nur einen Hinweis auf ein Mangelrisiko. Ob tatsächlich aufgrund der Blutwerte ein behandlungsbedürftiger und gesundheitsgefährdender Mangel vorliegt, muss ein Arzt im Einzelfall entscheiden.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) spricht, wie auch etwa die Deutsche Gesellschaft für Ernährung oder das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, von einer ausreichenden Versorgung ab einer Blutkonzentration von 50 Nanomol pro Liter (nmol/l). Auch geringere Mengen sind demnach noch akzeptabel. Werte zwischen 30 bis 50 nmol/l gelten als „suboptimale Versorgung“.

Auf einen schweren Vitamin-D-Mangel, der mit einer Osteomalazie oder Rachitis einhergeht, weisen laut Robert-Koch-Institut erst Werte von unter 12,5  nmol/l hin. Bei Werten zwischen 12,5 bis unter 25 nmol /l spricht man von einem moderaten Vitamin-D-Mangel mit wissenschaftlich gut belegter Auswirkung auf den Knochenstoffwechsel.

Vitamin D: Mangelrisiko bei älteren Menschen

Grundsätzlich gilt: Der Mensch kann Vitamin D alleine erzeugen. Dazu braucht es nur die Frühlings- oder Sommersonne mit UVB-Strahlung, freie Arme und Beine ohne Sonnencreme und 5 bis 25 Minuten Zeit. Wenn die Sonne auf die Haut trifft, entsteht Vitamin D3, das dann über Leber und Nieren in eine aktive Form umgewandelt wird. So entstehen 80 bis 90 Prozent des körpereigenen Stoffes. Der Restbedarf kann über Lebensmittel gedeckt werden. In der dunklen Jahreszeit profitiert der Körper dann von angelegten Reserven, die im Fett- und Muskelgewebe zeitlich begrenzt gespeichert sind.

Vitamin D regelt im Körper den Calcium- und Phosphatstoffwechsel und fördert dadurch die Härtung des Knochens. Unzureichend versorgt sind vor allem Menschen, bei denen die körpereigene Vitamin-D-Produktion nicht mehr funktioniert. Dazu zählen vor allem ältere Menschen ab etwa 65 Jahren. Ein Risiko besitzen aber etwa auch Menschen mit dunkler Hautfarbe, chronisch Kranke und Pflegebedürftige sowie Menschen, die sich selten oder nur mit bedeckter Haut im Freien aufhalten. Ein anhaltender, schwerer Vitamin-D-Mangel kann zu Knochenerweichung und Skelettverformungen führen. Im höheren Alter kann er zu Osteoporose beitragen.

Vitamin D nur nach Bluttest einnehmen

Das BfR, das RKI und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfehlen die Einnahme von Vitamin-D-Mitteln nur, wenn eine unzureichende Versorgung per Bluttest nachgewiesen ist, die nicht durch Ernährung oder kurze Sonnenbäder verbessert werden kann.

Laut dem BfR sollte immer ein Arzt entscheiden, ob tatsächlich eine eventuell festgestellte Unterversorgung zu behandeln ist und wie. Dies ist auch die allgemeine Lehrmeinung unter Experten

Der Hausarzt kann die Vitamin-D-Versorgung über eine Blutmessung feststellen. Sie sollte laut BfR nur in begründeten Einzelfällen sowie bei den genannten Risikopersonen erfolgen. Die Krankenkassen zahlen die Laborkosten, wenn ein konkreter Mangelverdacht besteht. Ein Test auf eigene Rechnung kostet derzeit ab 26,43 Euro aufwärts. 

Vitamin D im Test: Präparate oft zu hoch dosiert

In unserem aktuellen Test haben wir 21 Vitamin-D-Präparate unabhängig überprüfen lassen. Unser Gutachter: Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt. Im Test: Fünf rezeptfreie Arzneimittel und 16 Nahrungsergänzungsmittel. Interessiert haben uns vor allem die Wirksamkeit und der Nutzen der Produkte.

Das Ergebnis: Die Arzneimittel können wir grundsätzlich empfehlen – jedoch nur nach Abklärung des Vitamin-D-Blutspiegels durch einen Arzt. Vier Arzneimittel schneiden „sehr gut“ ab, eines nur „gut“. Sechs Nahrungsergänzungsmittel gehen mit „befriedigend“ aus dem Test, zehn Mittel fallen durch.

Die Testsieger, das Ergebnis im Detail und jede Menge Tipps, wie Sie ihren Vitamin-D-Bedarf auf natürliche Weise ganzjährig decken können: im ePaper.