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iPhone im Mixer – ein blutiger, giftiger Cocktail

Autor: Lino Wirag | Kategorie: Freizeit und Technik | 22.08.2019

iPhone im Mixer – ein blutiger, giftiger Cocktail
(Foto: Foto: University of Plymouth)

Britische Forscher haben ein Smartphone geschreddert und analysiert, welche Metalle darin enthalten sind. Das Ergebnis: In unseren Geräten stecken zahlreiche problematische Rohstoffe. Wir erklären, was sie so zerstörerisch macht – und was Verbraucher tun können.

Ein schmerzhafter Anblick: Ein fabrikneues iPhone wird in einen Hochleistungsmixer gelegt. Ein Finger nähert sich dem Anschaltknopf. Ein Krachen und Knacken ertönt. Nach fünfzehn Sekunden hat sich das begehrte Smartphone in Brösel, Splitter und Staub verwandelt.

Zwei Geowissenschaftler der britischen Universität in Plymouth haben genau das getan – und den Anblick in Zeitlupe auf einem Video gebannt, das seit März auf der Website der Universität zu sehen ist. Schmerzhafter als der Anblick des explodierenden Telefons ist nur, was der Schredder an den Tag bringt: Das Telefon steckt voller problematischer Metalle, die mit Menschenrechtsverletzungen, bewaffneten Konflikten und Umweltzerstörung in Verbindung stehen.

Kein Smartphone, in dem keine Konfliktmetalle stecken

Es gibt längst Milliarden von Smartphones und Handys auf der Welt: Die Zahl der Handynutzer auf dem Globus wird auf bald fünf Milliarden geschätzt. Wenn man davon ausgeht, dass viele davon mehrere Geräte gleichzeitig verwenden (oder, wie die meisten von uns, Altgeräte in den Schubladen haben), dürfte es längst deutlich mehr Mobiltelefone auf der Erde geben als Menschen.

Und keines davon kommt ohne Konfliktmetalle aus. Die chemische Analyse der britischen Forscher bestätigte, was die Elektronikindustrie ungern zugibt: In unseren Handys sind Elemente wie Wolfram und Kobalt, Edelmetalle wie Gold und Silber sowie Seltene Erden wie Neodym, Praseodym oder Dysprosium verbaut.

Warum genau sind die Rohstoffe so problematisch?

Nachdem die Wissenschaftler aus Plymouth das iPulver aus dem Mixer einer chemischen Analyse unterzogen hatten, fanden sie nicht nur Eisen, Silizium und Chrom. Sondern auch 900 mg Wolfram, 160 mg Neodym, 90 mg Silber, 70 mg Kobalt und Molybdän, 36 mg Gold sowie 30 mg Praseodym. Die britischen Geo-Experten schätzen, dass man, um diese Rohstoffe zu gewinnen, allein 10 bis 15 kg verschiedener Erze abbauen müsste, darunter 7 kg hochkonzentriertes Golderz sowie 1 kg Kupfererz.

Dabei besteht das eigentliche Problem weniger in der Abbaumenge als in den Umständen, unter denen dieser Abbau stattfindet. Kobalt beispielsweise kommt vor allem aus dem Kongo, wo sich bewaffnete Milizen und Regierungstruppen Gefechte liefern. Das Metall wird dort im Kleinbergbau gewonnen, in diesem Zusammenhang sind Kinderarbeit, unmenschliche Arbeitsbedingungen und Korruption dokumentiert. Für Gold gilt Ähnliches: Die für den Abbau verwendeten Chemikalien wie Quecksilber vergiften Mensch und Umwelt. Kinderarbeit und illegaler Abbau sind keine Seltenheit, ebensowenig Schmuggel, Gewalt und Landraub.

Vergifteter Schlamm und radioaktive Substanzen

Wolfram und die Seltenen Erden hingegen stammen fast alle aus China. Das Öko-Institut schreibt, dass "bei der Förderung von Seltenen Erden heute vielfach Altlasten mit gravierenden Umwelt- und Gesundheitsrisiken entstehen". Im Klartext bedeutet das: Die Metalle werden in China mit Säure aus den Bohrlöchern gewaschen – zurück bleiben vergifteter Schlamm und Schwermetalle. Da viele Vorkommen Seltener Erden radioaktive Substanzen enthalten, gehört oft auch Uran zu den giftigen Rückständen – und die damit verbundene Strahlungsgefahr.

Davon weiß der Verbraucher normalerweise nichts. Auch die großen Tech-Firmen haben wenig Interesse daran, die wahren Kosten der Metalle auszuweisen, die inzwischen in Milliarden von Geräten stecken. Apple, Samsung & Co. beziehen ihre Rohstoffe zu möglichst günstigen Preisen auf dem Weltmarkt, seriöse Herkunftsnachweise oder kontrollierte Lieferketten gibt es bei den wenigsten Rohstoffanbietern.

Konfliktmetalle stecken auch im eigenen Handy

Dass Konfliktmetalle auch im eigenen Handy stecken, ist deshalb so gut wie sicher. Lediglich der kleine niederländische Anbieter Fairphone kann nachweisen, dass er Metallerze für Zinn, Tantal und Wolfram konfliktfrei fördert und Fairtrade-Gold bezieht.

In den Geräten aller anderen Hersteller dürfte sich mit großer Wahrscheinlichkeit derselbe blutige, giftige Cocktail befinden, der auch im Mixer der britischen Forscher angerührt wurde. Übrigens sind nicht nur Handys, sondern auch die meisten anderen Elektronikprodukte betroffen.

Was Verbraucher tun können

Verbraucher haben zahlreiche Möglichkeiten, darauf hinzuwirken, dass ausbeuterische und umweltschädliche Praktiken aufhören:

  • Geräte sollten so lange wie möglich verwendet und nach Möglichkeit repariert werden, wenn sie beschädigt sind. So werden Rohstoffe geschont.
  • Korrektes Recycling sorgt dafür, dass Metalle wiederverwertet werden können und nicht neu gewonnen werden müssen. Der Anbieter handysfuerdieumwelt.de, der Altgeräte annimmt, arbeitet beispielsweise mit der Deutschen Umwelthilfe zusammen.
  • Altgeräte können auch weiterverkauft werden und bleiben so länger in Gebrauch.
  • Wer ein neues Gerät benötigt, sollte überlegen, ein gebrauchtes Smartphone zu erwerben. Das spart nicht nur Geld, sondern schont auch Ressourcen.
  • Der Anbieter Fairphone versucht, Mobiltelefone so nachhaltig und so fair wie möglich herzustellen, und dokumentiert seine Bemühungen ausführlich.

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