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Wie öko sind die Discounter?

Kann man hier wirklich guten Gewissens einkaufen?

Kategorie: Essen und Trinken | 25.12.2018

Wie öko sind die Discounter?
(Foto: Aldi Süd)

Ob Tofu, Bio-Gemüse oder Fairtrade-Kakao: Die Discounter haben die Themen fleischlose Ernährung, Ökologie und Nachhaltigkeit entdeckt. Aldi, Lidl und Co. stocken ihr Sortiment entsprechend auf, schließen sich Initiativen an und reduzieren die Emissionen ihrer Filialen. Ist das echtes Engagement oder nur vordergründiger Schein?

Rosen und Schokolade aus fairem Handel bietet die Lidl-Filiale in Duisburg-Neudorf gleich im Eingangsbereich an. Wer also noch ein Mitbringsel für die Einladung am Abend oder das Rendezvous sucht, kann ohne schlechtes Gewissen zugreifen. Bei der Filiale von Aldi Süd ein paar Hundert Meter weiter haben Kunden sogar die Möglichkeit, den Einkauf doppelt zu nutzen: Während sie fairen Kaffee und Bio-Müsli in den Einkaufswagen packen, können sie draußen ihr E-Bike oder Elektroauto gratis für die Heimfahrt aufladen.

Duisburg-Neudorf ist kein Einzelfall. Die Discounter haben das Thema Nachhaltigkeit für sich entdeckt. Lidl hat in diesem Jahr ein Artenschutzprogramm gestartet und will sich den Titel des nachhaltigsten Discounters erarbeiten. Die Konkurrenten Aldi Süd und Aldi Nord arbeiten ebenfalls am ökologischen Image: In den vergangenen Jahren sind die bei den Unternehmen mit immer neuen Meldungen an die Öffentlichkeit gegangen. Sie fordern zum Beispiel von ihren Lieferanten genaue Aufklärung über den Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat und wollen in Zukunft für ihre holzbasierten Artikel nur noch auf recycelte oder nachhaltig zertifizierte Materialien setzen. Und auch die kleineren Mitbewerber ziehen mit: Der Branchendritte Netto-Marken-Discount will das Thema Nachhaltigkeit über eine Partnerschaft mit der Naturschutzorganisation WWF voranbringen. Die Nürnberger Kette Norma führt vom fairen Umgang mit Mitarbeitern über gesteigerte Energieeffizienz bis hin zu Produkten aus nachhaltiger Fischerei eine lange Liste von Maßnahmen auf. Und die Rewe-Tochter Penny wirbt mit der Janosch-Figur Günter Kastenfrosch für grüne Themen – zum Beispiel für den Verzicht auf Plastiktüten.

Wer bei den Unternehmen nach den Gründen für diesen Boom fragt, bekommt stets dasselbe Wort zu hören: Verantwortung. Der gesellschaftlichen Verantwortung sei man sich vollständig bewusst, heißt es. Entsprechend versuche man nachhaltig zu handeln: beim Einkauf, beim Produktangebot, bei Geschäftsprozessen und so weiter. 

Immer mehr Bio-Produkte beim Discounter

Natürlich spielen aber auch wirtschaftliche Abwägungen eine Rolle. Das ist für Unternehmen, die Geld verdienen wollen, nicht verwunderlich und auch legitim. Wer sich für Nachhaltigkeitsthemen nicht interessiert, steht im Kampf um Kunden schlecht da. Das gilt auch für Discounter. Die Zahl der Menschen, die diese Aspekte beim eigenen Konsum beachten, wachse kontinuierlich, sagt Wolfgang Adlwarth, Handelsexperte beim Marktforschungsinstitut GfK. Es entspreche deshalb letztlich einer pragmatischen Haltung, Nachhaltigkeitsberichte zu veröffentlichen oder Bio-Produkte anzubieten. „Wenn die Kunden auf diese Themen achten, muss man ihnen auch ein entsprechendes Angebot machen“, so Adlwarth. „Die Unternehmen zielen damit auf die Gruppe der kaufkräftigen, jüngeren Familien mit kleinen und mittleren Kindern.“

Besonders gut ist die Entwicklung bei Bio-Lebensmitteln zu beobachten. Vor 20 Jahren waren entsprechende Angebote noch ein Fall für Fachmärkte. Inzwischen verkauft keiner mehr Bio-Produkte als die Discounter. Bio-Lebensmittel machen zwar nach wie vor nur einen eher überschaubaren Anteil von 5,7 Prozent am gesamten Lebensmittelhandel aus. Aber das Segment ist attraktiv und verspricht weiteres Wachstum. Aldi bezeichnet sich inzwischen stolz als Bio-Marktführer – mit Anteilen von derzeit 12 Prozent (Aldi Süd) beziehungsweise 14 Prozent (Aldi Nord). Die Kunden, so das Ziel, sollen dort einen kompletten Wocheneinkauf aus ökologischen Artikeln zu erschwinglichen Preisen bestreiten können. Aldi Süd will die Zahl seiner Bio-Produkte bis zum Ende des Jahres auf 310 aufstocken, Aldi Nord auf 350. Dazu gehören sowohl Standard- als auch Test- und Aktionsartikel. Ein Angebot aus 280 Produkten hat auch die Edeka-Tochter Netto-Marken- Discount. 220 davon gehören zu ihrer Eigenmarke BioBio. 120 Artikel umfasst das Bio-Sortiment von Lidl. Auch hier lautet das Ziel, diese Gruppe weiter auszubauen.

Aber ist Billigbio auch richtiges Bio?

Die rechtlichen Vorgaben der EU müssen alle Produzenten erfüllen, die ihre Lebensmittel mit dem europäischen Bio-Siegel versehen, das auf der Discounter-Bio-Ware zu finden ist. Dazu gehören zum Beispiel der Verzicht auf Gentechnik und synthetische Pflanzenschutzmittel sowie artgerechte Tierhaltung. Die Betriebe werden entsprechend kontrolliert. Auch wenn es natürlich immer wieder schwarze Schafe geben kann: Diese Bestimmungen sind für alle Anbieter gleich. „Die Kunden können darauf vertrauen, dass Bio drin ist, wo Bio draufsteht“, betont Peter Röhrig, der Geschäftsführer des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Unangenehme Folgen hat der Bio-Boom in den Discountern trotzdem. Und zwar in erster Linie für Fachhändler, die im Wettbewerb um niedrige Preise schwerlich mithalten können. Der BOLW wirbt deshalb für Reformhäuser und den Naturkostfachhandel. Nur dort gebe es ein breites Sortiment und kompetente Beratung. Allerdings sieht auch die Bio-Branche im erweiterten Angebot durch die Discounter durchaus Vorteile. „Generell ist es gut, wenn viele Bio-Lebensmittel produziert werden und möglichst viele Menschen Zugang zu diesen Produkten haben. Dazu braucht man den konventionellen Handel“, sagt Alexander Beck, geschäftsführender Vorstand der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL). Die Discounter haben den Vorteil, dass sie Produkte in großem Umfang und damit günstiger als kleine Fachhändler beschaffen und transportieren können. Damit ergibt sich Spielraum für niedrigere Verkaufspreise, die dann wiederum dem Käufer zugutekommen.

Und was ist mit dem Tierwohl?

Bei den Unmengen an billigem Fleisch aus der Massentierhaltung, die in den Discounterkühltheken liegen, kann einem als Vegetarier oder Veganer aber durchaus der Appetit und auch die Lust auf einen Einkauf vor Ort vergehen, auch wenn die Handelsunternehmen in diesem Zusammenhang gern auf die „Initiative Tierwohl“ verweisen, die sie gemeinsam mit der Land- und Fleischwirtschaft ins Leben gerufen haben. Deren Kriterien gehen über die gesetzlichen Vorschriften hinaus und sehen zum Beispiel ein Antibiotika-Monitoring, mehr Platz und Beschäftigungsmaterial in den Ställen vor. Es gehe darum, die Bedingungen der Tierhaltung in der Breite in kleinen Schritten zu verbessern, so betont die Initiative Tierwohl.

Es ist allerdings befremdlich, worauf das Logo der Initiative überall prangt. Das Vorgehen mit den Logos der Initiative grenzt nach Einschätzung von Greenpeace an Verbrauchertäuschung: Lidl drucke zum Beispiel auf alle Packungen Schweinefleisch den Verweis „Lidl unterstützt die Initiative Tierwohl“. Dabei wird für Schweinefleisch gar kein derartiges Siegel vergeben. Dünner gedruckt steht dann auch darunter, dass das Fleisch in der Packung nicht zwingend aus einem Betrieb stammen müsse, in dem die Maßnahmen der Initiative vollständig umgesetzt werden. Trotz der Kritik findet es Greenpeace gut, dass das Thema Tierwohl bei den Discountern angekommen ist. „Mittlerweile ist da eine Dynamik reingekommen, die wir sehr begrüßen“, sagt Dirk Zimmermann, Experte für nachhaltige Landwirtschaft bei Greenpeace. Doch stünden Lidl und die anderen Discounter mit ihrer Marktmacht „in der Verantwortung, etwas an den katastrophalen Folgen der schlechten Haltung für Tiere und Umwelt zu verbessern“.

Fairtrade-Kakao: Auch bei den Discountern

Beim Thema Kakao sind die Discounter schon ein ganzes Stück weiter. Die Organisation Transfair, die in Deutschland das Fairtrade-Siegel vergibt, fordert von Produzenten und Handelsunternehmen, ihre Ressourcenbeschaffung grundlegend umzustellen. In den Herkunftsländern schwinden die Anbauflächen, herrschen zum Teil schwierige politische Rahmenbedingungen, auch Bürgerkriege, auf den Plantagen werden die Arbeiter ausgebeutet. Gleichzeitig hat die Konzentration auf wenige große Unternehmen zu einem Preisverfall geführt. „Diejenigen, die Kakao anbauen, können davon kaum noch leben“, sagt Claudia Brück, Vorstandsmitglied bei Transfair. Seit 2014 besteht deshalb das Fairtrade-Kakaoprogramm: Es soll Kakaobauern stabile Einkommen und Investitionen in ihre Betriebe ermöglichen. Zu den Transfair-Partnern gehören auch Aldi, Lidl, Penny und Norma. Lidl hat seit Anfang 2017 bei seinen Eigenmarken komplett auf fairtradezertifizierten Kakao umgestellt, Aldi Süd und Aldi Nord ziehen bei vielen Produkten nach. „Wir nehmen in der Branche durchaus den Willen wahr, auf nachhaltige Ressourcenbeschaffung umzustellen. Die Unternehmen merken, dass sie sonst in zehn Jahren keinen Kakao mehr bekommen“, sagt Brück. Sie lobt auch, dass die Discounter ihre Nachhaltigkeitsabteilungen vor allem da angesiedelt hätten, wo man sie brauche: beim Management der Lieferketten.

Arbeitsbedingungen auf Plantagen bessern sich langsam

In die Kritik waren gerade Aldi und Lidl vor zwei Jahren bei einem anderen Thema geraten. Damals prangerte die Organisation Oxfam die Arbeitsbedingungen auf Bananen- und Ananasplantagen an, von denen auch deutsche Handelsunternehmen wie Aldi, Lidl, Edeka und Rewe Ware beziehen. Die Studie habe einiges angestoßen, berichtet Franziska Humbert, Referentin für Wirtschaft und Menschenrechte bei Oxfam. Auf mehreren Plantagen hätten sich die Arbeitsbedingungen verbessert. Die Regierung in Costa Rica hat das möglicherweise krebserregende Herbizid Bromacil verboten. Trotzdem kritisiert Oxfam, dass die Discounter „in erster Linie Schadensbegrenzung“ betrieben. „Sie verweisen gerne auf Zertifizierungen ihrer Früchte, kümmern sich aber zu wenig darum, ob diese Zertifizierungen auch funktionieren“, sagt Humbert. „Sie müssten ihre Geschäftsmodelle überprüfen und sicherstellen, ob die Zulieferer sich auch wirklich an Vorgaben halten.“ Aldi ist inzwischen dem World Banana Forum beigetreten. Produzenten, Gewerkschaften, Lieferanten und Händler wollen sich dort für faire Arbeitsbedingungen und nachhaltige Umweltstandards einsetzen. Franziska Humbert sieht darin allerdings nur ein „lockeres Forum, wo man sich eher auf kooperativer Basis austauscht“.

Bei anderen Themen lässt sich nachhaltiges Handeln einfacher umsetzen – etwa im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung. Netto hat 2013 die Initiative „Keiner ist perfekt“ auf den Weg gebracht: Dort landet bei regelmäßigen Aktionen auch Obst und Gemüse mit Schönheitsmakeln in den Regalen. 2016 brachte Penny die „Bio-Helden“, ebenfalls Obst und Gemüse mit äußerlichen Fehlern, die aber den Geschmack und die Qualität nicht beeinträchtigen. 2017 zog Aldi Süd mit den „Krummen Dingern“ nach.

Nachholbedarf beim Thema Verpackung

Netto-Marken-Discount verkauft Bio-Ingwer, bei dem das Produktlabel per Laser direkt auf die Knolle aufgebracht wird, und testet regional auch bei Melonen ein entsprechendes Vorgehen. Insgesamt aber prägen Folien weiterhin das Bild in den Obst- und Gemüseabteilungen vieler Filialen: Zwar finden die Kunden überall inzwischen zunehmend unverpackte Früchte. Aber der bunte Paprikamix im Plastikschlauch oder die in Folie eingeschlagene Bio-Bananen gehören weiterhin zum Angebot; wohlgemerkt gilt das auch für die Vollsortimenterketten. Aldi und Norma versichern, nach nachhaltigeren Lösungen zu suchen und zum Beispiel die Recyclingfähigkeit ihrer Verpackungen zu erhöhen. Lidl nennt auch eine konkrete Zahl: Bis zum Jahr 2025 wolle man den Plastikverbrauch bei Eigenmarken um mindestens 20 Prozent reduzieren. Die Neckarsulmer verweisen darauf, dass sie bereits die Standardplastiktüte verbannt und die Foliendicke einiger Verpackungen reduziert hätten.

Beim Thema Getränke-Mehrwegverpackungen geben sich die Unternehmen dagegen eher zurückhaltend. Aldi weist darauf hin, dass sich PET-Einwegflaschen besser transportieren lassen und in allen Filialen zurückgegeben werden können. Lidl erklärt, der Wertstoffkreislauf seiner PET-Flaschen werde fortlaufend optimiert. Als Vorreiter bei dem Thema sieht sich Netto: Dort gibt es etwa die Hälfte der Getränke in Mehrweggebinden.

Recht eifrig sind die Discounter, wenn es um die Energieeffizienz ihrer Standorte geht. Die neuen Lidl-Filialen produzieren nach Angaben des Unternehmens rund 30 Prozent weniger CO2 im Vergleich zu einem herkömmlichen Lebensmittelmarkt. Bis Ende dieses Jahres soll das gesamte Filialnetz auf sparsame LED-Beleuchtung umgestellt sein. Damit will das Unternehmen seinen CO2-Ausstoß um jährlich 31.000 Tonnen senken. Die Berliner Filialen lässt Lidl zudem mit elektrisch angetriebenen Lkws beliefern. Netto hat 2014 in Hannover einen Umweltmarkt eröffnet, der erstmals die Standards des Passivhaus-Instituts erfüllt. Norma hat mit dem Bayerischen Landwirtschaftsministerium und der Hochschule Deggendorf ein Verfahren entwickelt, das ein besonders sinnvolles Verhältnis von Vorratshaltung und Kundennachfrage gewährleisten soll.

Die Liste mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Maßnahmen zum Wohl der Nachhaltigkeit ließe sich fortsetzen. Die Aldi-Gruppe hat zum Beispiel Ende vergangenen Jahres angekündigt, auch ihr Sortiment an Blumen und Zimmerpflanzen bis Ende 2019 umzustellen. Von diesem Zeitpunkt an sollen nur noch Produkte mit einer nachhaltigen Zertifzierung Global G. A. P. Chain of Custody verkauft werden.

Handeln aus eigenem Antrieb oder reine Schadensbegrenzung?

Doch sind die Nachhaltigkeitsbemühungen in erster Linie Schadensbegrenzung, oder können die Discounter wirklich etwas bewirken? Unter dem Strich lässt sich die Frage nach Meinung vieler Experten nicht pauschal beantworten. Die Anstrengungen sind von Unternehmen zu Unternehmen, von Thema zu Thema, von Produkt zu Produkt sehr unterschiedlich. Teils weil Discounter aus eigenem Antrieb handeln, etwa wenn Aldi einen Glyphosatverzicht anstrebt, zu dem sich die Politik bisher nicht durchringen konnte. Teils aber auch, weil sie auf Missstände reagieren müssen.

2014 zum Beispiel prangerte Greenpeace die Produktionsbedingungen von Supermarkttextilien an. Die Bemühungen der Discounter und Vollsortimenter kämen nur im Schneckentempo voran, schrieb die Organisation in ihrem Einkaufsratgeber. An der Aldi-Gruppe und Lidl, aber auch an anderen Unternehmen kritisierte Greenpeace zum Beispiel, dass sie sich dessen Detoxkampagne nicht angeschlossen hatten, um giftige Chemikalien aus der Produktion zu verbannen. Ab Ende 2014 unterstützte Lidl dann die Detoxkampagne, veröffentlichte im März 2017 einen Detox­-Zwischenbericht, legte Informationen über seine Hauptproduktionsstätten offen und bezeichnete sich selbst als „Vorreiter unter den Lebensmitteleinzelhändlern“ zu dem Thema. Im Februar 2017 hatten schon die Konkurrenten der Aldi-Gruppe einen Detox-Fortschrittsbericht vorgelegt. Und auch Aldi unterstützt inzwischen die Greenpeace-­Kampagne. Beide Detoxberichte wurden von den Unternehmen übrigens als „Meilensteine“ verkauft.

Klar ist jedenfalls: Es bewegt sich etwas, ob nun wegen eigenem Voranschreitens oder als Reaktion auf Druck von außen. Und die Discounter hätten die Mittel und die Marktmacht, beim Thema Nachhaltigkeit noch mehr zu bewegen.

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