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Vermeintliches Bambusgeschirr: Oft ein Gesundheitsrisiko – und ohne EU-Zulassung

Autor: Benita Wintermantel; Lino Wirag | Kategorie: Essen und Trinken | 23.08.2021

Bambusbecher dürften eigentlich gar nicht verkauft werden.
Foto: Shutterstock/Oksana Shufrych

Coffee-to-go-Becher oder Schüsseln werden gerne mit dem Hinweis beworben, sie bestünden aus Bambus und seien deshalb besonders umweltfreundlich. Aber: Viele sind gesundheitsschädlich und in der EU nicht zugelassen.

  • Was unter dem Begriff Bambusgeschirr beworben wird, besteht oft vor allem aus Kunstharz.
  • Das belastet die Umwelt. Zudem warnen zahlreiche Institutionen – darunter ÖKO-TEST – vor gesundheitlichen Bedenken: Das Material kann bei Kontakt mit heißen Flüssigkeiten die Schadstoffe Formaldehyd und Melamin freisetzen.
  • Außerdem haben entsprechende Bambus-Kunststoff-Gemische in der EU nie eine Zulassung für den Lebensmittelkontakt erhalten.
  • Es gibt aber auch Produkte aus reinem Bambus, die ihren Namen verdienen. Sie erkennen sie an der typischen Maserung und hellbraunen Farbe.

In trendigen Läden und Onlineshops sind sie seit ein paar Jahren immer häufiger zu finden: bunt bedrucktes Kindergeschirr und stylishe Kaffeebecher, die laut Aufdruck "aus Bambus" bestehen. Beworben wird das Geschirr als besonders nachhaltig, teilweise sogar als "biologisch abbaubar".

In Wirklichkeit handelt es sich bei diesen Produkten fast immer um Artikel, die vor allem aus Kunstharz bestehen, das nur einen geringen Anteil an zermahlenem Bambus enthält. Was aussieht wie Kunststoff und sich anfühlt wie Kunststoff, ist vor allem Kunststoff.

Das Süßgras Bambus dient lediglich als Füllmaterial – und als Marketing-Gag. "Biologisch abbaubar" sind solche Mischungen aus Naturmaterial und Kunstharz nicht, entsprechende Aussagen führen Verbraucher an der Nase herum. Ein sinnvolles Recycling ist ebenfalls nicht möglich, die Artikel werden nach ihrem Lebensende in aller Regel verbrannt.

Vermeintliches Bambusgeschirr im Schadstoff-Test

Dabei sind entsprechende Kunststoff-Produkte nicht nur wenig umweltfreundlich, sondern können richtiggehend bedenklich werden. Denn: Das Geschirr mit dem grünen Image kann unter Umständen krebsverdächtiges Formaldehyd sowie nierenschädigendes Melamin freisetzen.

Zahlreiche Institutionen haben inzwischen entsprechenden Alarm geschlagen: die Verbraucherzentralen, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sowie die Stiftung Warentest ließen Produkte aus Kunstharz-Gemischen teilweise gezielt untersuchen und äußerten ihnen gegenüber Bedenken.

Vermeintliches Bambusgeschirr enthält oft bedenkliche Harze

Auch ÖKO-TEST hat immer wieder auf die problematischen Produkte hingewiesen, zuletzt prominent in unserem Kindergeschirr-Test, bei dem wir zahlreiche Produkte, die das Kunstharz Melamin enthalten, auf Schadstoffe prüfen ließen. Den vollständigen Test finden Sie unserem großen "Ratgeber Kinder und Familie 2020":

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    Das wichtigste Ergebnis: Wir raten grundsätzlich von Melamingeschirren ab – und damit auch von allen Trinkbechern, Schalen und Tellern, die unter der eigentlichen falschen Bezeichnung Bambusgeschirr vermarktet werden. Denn diese bestehen fast immer aus dem fragwürdigen Kunstharz Melamin, gemischt mit Bambusmehl.

    "Melamin- oder Harnstoff-Formaldehyd-Harze dienen als formgebende Bestandteile – zerkleinerte Bambus-, Mais- oder Speisestärke wird vielfach nur als Füllstoff zugesetzt", ergänzt Dr. Janina Willers, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Niedersachsen.

    Besonders für Kindergeschirr werden Kunstharz-Mischungen verwendet.
    Besonders für Kindergeschirr werden Kunstharz-Mischungen verwendet. (Foto: Shutterstock/Africa Studio)

    Hinzukommt, dass entsprechende Produkte nicht immer korrekt ausgezeichnet sind. Denn: Eine Kennzeichnungspflicht fehlt leider. Ob bedenkliche Stoffe enthalten sind, und wie hoch der tatsächliche Bambusanteil an den Produkten ist, können Verbraucher deshalb meist nicht erkennen. Manchmal lässt sich Geschirr aus Melamin-Formaldehydharz jedoch an dem Kürzel MF identifizieren.

    Gefahr durch Melamin und Formaldehyd

    Untersuchungen der von ÖKO-TEST beauftragten Labore sowie von Überwachungsbehörden und anderen Einrichtungen zeigen, was an den genannten Produkten so bedenklich ist: Unter ungünstigen Bedingungen geben viele der Gefäße Melamin oder Formaldehyd an die enthaltenen Lebensmittel ab. Formaldehyd stuft die EU als krebsverdächtig ein, außerdem kann es Allergien auslösen. Melamin kann zu Nierenschäden führen.

    Entsprechend warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vor dem Gebrauch: "Häufig löst sich aus 'Bambusware' sogar mehr gesundheitsschädliches Formaldehyd und Melamin als aus 'herkömmlichen' Melaminharz-Bechern", so BfR-Präsident Andreas Hensel. Gesundheitliche Richtwerte wurden so im Einzelfall um das 120-fache überschritten.

    Melaminharze können sich unter Hitzeeinwirkung zersetzen, sodass sich Melamin und Formaldehyd aus dem Geschirr lösen und auf Nahrungsmittel übergehen. Bedenklich wird es ab 70 Grad – was bei frischgebrühtem Kaffee durchaus der Fall ist. Entwarnung ist nur bei richtigem Umgang gegeben: Werden melaminhaltige Produkte nicht erhitzt, gelten sie als sicher. 

    Bambus-Kunststoff-Gemische in der EU nicht einmal zugelassen

    Erst vor Kurzem machten die Verbraucherzentralen darauf aufmerksam, dass eine Expertengruppe der Europäischen Kommission schon im vergangenen Jahr zu dem Schluss gekommen war, dass Produkte aus Mischungen von Kunststoffen und Bambusmehl in der EU gar nicht verkauft werden dürfen.

    Der Grund: Für Kunststoffprodukte, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, müssen beigemischte Stoffe gesondert zugelassen werden. Bambusmehl, aber auch Weizenstroh, Reishülsen oder Maisstärke, haben in der EU aber nie eine entsprechende Zulassung erhalten.

    Das heißt nach derzeitigem Stand, dass entsprechende Produkte hierzulande gar nicht verkauft werden dürfen – dennoch sind sie, beispielsweise im Onlinehandel, problemlos erhältlich.

    Tipps, falls man die Bambus-Kunststoff-Produkte doch nutzen will

    • Nicht mit Flüssigkeiten befüllen, die heißer sind als 70 Grad, bzw. generell den Kontakt mit heißen Lebensmitteln vermeiden.
    • Das Geschirr darf in die Spülmaschine, sollte aber nicht in den Backofen oder die Mikrowelle gestellt werden.
    • Wenn die Oberfläche mit der Zeit aufraut, sollten Sie das Produkt nicht mehr verwenden, auch dann nicht, wenn das Material seinen Glanz verloren hat. Dann ist die Oberflächenstruktur des Artikels – beispielsweise durch den Kontakt mit säurehaltigen Lebensmitteln – bereits beschädigt, sodass Melamin und Formaldehyd leichter freigesetzt werden können.
    • Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) rät sogar dazu, bereits erworbenes Geschirr "in keinem Fall" weiterzunutzen und spricht von einer "Gesundheitsgefahr". Die Verbraucherzentralen fordern stattdessen bundesweite Rückrufe von Kunststoffgeschirr mit Bambus-, Reis- oder Weizenfasern.
    Dieses Besteck besteht tatsächlich aus Bambus und nicht aus einem Kunstharz-Gemisch. Dagegen gibt es keine bekannten Bedenken.
    Dieses Besteck besteht tatsächlich aus Bambus und nicht aus einem Kunstharz-Gemisch. Dagegen gibt es keine bekannten Bedenken. (Foto: Shutterstock/DMegias)

    Echtes, unbedenkliches Bambusgeschirr erkennen

    Glücklicherweise ist nicht alles, was als "Bambus" beworben wird, eine Mogelpackung mit bedenklichen gesundheitlichen Auswirkungen. Es gibt sehr wohl Produkte aus reinem Bambus, die ohne Bedenken verwendet werden können.

    Echtes Bambusholz erkennt man an der typischen Maserung, der hell- bis dunkelbraunen Farbe und einem vergleichsweise geringen Gewicht. Produkte mit Bambus­bei­mischung sind meist gefärbt oder bedruckt, haben glatte und matte Oberflächen und sind in Formen (wie Becher oder Kannen) gegossen, die man aus echtem Holz kaum herstellen würde.

    Dennoch müssen Verbraucher genau hinsehen: Die typische Bambusmaserung lässt sich auch imitieren und einfach auf ein anderes Material aufdrucken, Beispiele finden sich in Onlineshops zuhauf, gerne mit falscher Deklaration. Hier haben Sie es leider doch wieder mit Kunststoffen zu tun – samt der genannten Risiken.

    Auch echtem Bambus lassen sich beispielsweise Schneidebretter herstellen, für die Bambusstäbe verleimt werden. Auch der Stiel von Bambus-Zahnbürsten besteht tatsächlich aus dem schnellwachsenden Süßgras. Zur Herstellung von Besteck ist Bambus übrigens nur mit Einschränkungen geeignet, weil Messer und Gabeln (wie oben zu sehen) nicht besonders filigran gearbeitet werden können.

    Gute Alternativen zu den Bambus-Kunststoff-Produkten

    Glücklicherweise werden Mehrweg-Produkte auch aus zahlreichen anderen Materialien hergestellt: Umweltfreundlichere und gesundheitlich unbedenkliche Mehrweg-Alternativen sind beispielsweise Geschirr und Gefäße aus Edelstahl, Glas oder Porzellan. Auch möglich: schadstoffarme Kunststoffe wie Polypropylen oder Tritan.

    Weitere Informationen:

    Weiterlesen auf oekotest.de: