Bertolli Olivenöl: Warum Sie das Testergebnis hier schnell lesen sollten

Autor: Katja Tölle/Lisa-Marie Karl | Kategorie: Essen und Trinken | 21.04.2022

Bertolli Olivenöl fällt im Test durch
Foto: ÖKO-TEST

Sie können diese Zeilen hier noch lesen? Und wollen wissen, wie das Bertolli Natives Olivenöl Extra Originale in unserem Test von 20 Olivenölen abgeschnitten hat? Dann schnell! Oder, warten Sie, wir machen es aus Zeitgründen kurz: Das Gesamturteil lautet "mangelhaft".

Warum wir es bei dem Bertolli Olivenöl so eilig haben? Nun, der Anbieter des Bertolli-Öls, die Deoleo Deutschland GmbH, war not amused, als er die Ergebnisse der von uns beauftragten Labore gelesen hat. Wir informieren die Hersteller grundsätzlich vorab über die Laborergebnisse – nicht unsere Bewertung – damit sie Stellung nehmen können.

Wir bekamen daraufhin Post von einer Anwaltskanzlei, die uns darüber informierte, dass man möglicherweise – sollten wir die Ergebnisse veröffentlichen – "einstweilige Maßnahmen gegen die Veröffentlichung" ergreifen werde. Das könnte also heißen, dass uns ein Gericht per einstweiliger Verfügung sehr schnell untersagt, diesen Artikel hier weiterhin zu veröffentlichen – bis zur endgültigen gerichtlichen Klärung, ob wir die Behauptungen hier aufstellen dürfen oder nicht.

Neben den Unterlassungsforderungen könne eine solche Veröffentlichung allerdings auch erhebliche Schadensersatzansprüche zur Folge haben, stellt die Kanzlei fest – "erhebliche" und "Schadensersatzansprüche" ist gefettet, damit wir es nicht überlesen.

Olivenöl kann prima ein Teil einer gesunden Ernährung sein, wenn es frei von Schadstoffen ist.
Olivenöl kann prima ein Teil einer gesunden Ernährung sein, wenn es frei von Schadstoffen ist. (Foto: Pixel-Shot/Shutterstock)

Bertolli Olivenöl im Test "mangelhaft": Die Gründe

Doch warum bekommt das Bertolli Olivenöl die Gesamtnote "mangelhaft"? Die Antwort hat einen einzigen Grund: Mineralölbestandteile. Das von uns beauftragte Labor hat in der untersuchten Charge die gesättigten Kohlenwasserstoffe MOSH/MOSH-Analoge in einer Höhe gemessen, die wir als "stark erhöht" bewerten.

Zudem hat das Labor die besonders bedenklichen aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffe MOAH im Bertolli Olivenöl nachgewiesen. MOSH können sich im Körper anreichern – was das für die menschliche Gesundheit bedeutet, ist noch völlig ungeklärt. MOAH sind noch bedenklicher, darunter können sich Stoffe befinden, die krebserregend sind.

Olivenöl im Test: Jetzt alle Ergebnisse im ePaper kaufen

Deswegen sagt auch das Bundesinstitut für Risikobewertung ganz klar: MOAH haben in Lebensmitteln nichts zu suchen. Wir ziehen hier für die Belastung mit Mineralölbestandteilen vier Noten ab, womit das Bertolli Natives Olivenöl Extra Originale bei einem Gesamturteil "mangelhaft" landet.

Die Mineralölbelastung im Test ist übrigens nichts Bertolli-spezifisches: Nur ein einziges Produkt ist komplett frei davon. In allen anderen stecken zumindest MOSH/MOSH-Analoge und in sieben Ölen hat das Labor auch die besonders bedenklichen MOAH nachgewiesen.

(Foto: ÖKO-TEST)

Weshalb Deoleo die Veröffentlichung verbieten will

Zwei Gründe:

  1. der Fund von Mineralölbestandteilen
  2. die Ergebnisse der sensorischen Prüfung

Zu Punkt Nr. 1: Mineralölbestandteile

Das von uns beauftragte Labor hat in der untersuchten Charge des Bertolli Olivenöls MOSH/MOSH-Analoge und MOAH nachgewiesen. Die Anwaltskanzlei weist uns darauf hin, "dass nach wie vor wissenschaftlich völlig ungeklärt ist, ob MOSH/POSH bzw. MOAH negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit hat."

Nun ja, erst einmal: Dass MOAH in Lebensmitteln absolut nichts zu suchen haben, da sich darunter krebserregende Verbindungen finden können – darüber müssen wir wohl nicht ernsthaft diskutieren. Und dass MOSH sich im Körper anreichern, ist auch klar.

Es stimmt tatsächlich, dass völlig unklar ist, was sie dort anrichten. Da kann man natürlich sagen: Passt schon, wird schon. Wir sagen hingegen: Aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes sollten die MOSH-Gehalte so weit wie irgend möglich reduziert werden. Und dass das geht, zeigt ein Anbieter in unserem Test, in dessen Olivenöl weder MOSH/MOSH-Analoge, noch MOAH nachweisbar waren.

Labor wendet offizielle Normmethode für Analyse an 

Das Labor, das wir beauftragt haben, ist eins der führenden Labore der Welt in dieser Analytik, selbstverständlich dafür akkreditiert, und testet nach einem etablierten europäischen Normverfahren. Sicherer und besser geht es also nicht.

Die Anwaltskanzlei der Deoleo Deutschland GmbH zweifelt die Ergebnisse dennoch an. Denn: Ihres Wissens existiere derzeit "keine zuverlässige Methode, um natürlich auftretende Kohlenwasserstoffe von auf Mineralöl basierenden Kohlenwasserstoffen zu unterscheiden", zudem sei die Methode ohnehin "umstritten". Nur: Unser Labor kann das, zweifelsfrei. Und die Methode ist nicht "umstritten", sie ist eine offizielle Normmethode für die Analyse von Ölen und Fetten.

(Foto: ÖKO-TEST)

Wie sieht es mit der Messunsicherheit aus? 

Die Anwaltskanzlei geht zudem von einer Messunsicherheit der Labormethode von bis zu 70 Prozent aus, womit überhaupt keine belastbaren Ergebnisse möglich seien. Erst einmal: Willkommen im Laboralltag, liebe Anwaltskanzlei. Jede Messmethode hat eine teils erhebliche Messunsicherheit – es gibt keine "wahren" Werte, es gibt grundsätzlich nur Annäherungen.

Unser Labor misst so genau, dass es nicht 70, sondern 40 Prozent sind – noch genauer geht es aktuell nicht. Das ist übrigens keine ungewöhnlich hohe "Messunsicherheit", auch wenn sich das für Laien vielleicht erst einmal so anhört.

Und selbst wenn wir zu Deoleos Gunsten 40 Prozent abziehen würden: Die gemessene Belastung mit MOSH/MOSH-Analoga ist im Bertolli Olivenöl derart hoch, dass wir sie selbst dann noch mit "stark erhöht" und somit "mangelhaft" bewerten würden. Nur was, wenn dieser ominöse "wahre" Wert 40 Prozent über dem gemessenen liegt?

Jetzt kaufen: Das neue ÖKO-TEST Magazin 5/2022

Bertolli Olivenöl im Test: Ergebnisse der Sensorikprüfung 

Zu Punkt Nr. 2: sensorische Prüfung

Die untersuchte Charge des Bertolli Olivenöls hat unseren geschulten Sensorik-Prüferinnen und -Prüfern nicht ganz so gut geschmeckt, wie die Deoleo Deutschland GmbH das gern gehabt hätte. So richtig relevant ist das nicht, weil wir nur wirkliche Fehler im Geschmack abgewertet haben – also etwa, wenn ein Olivenöl "ranzig" schmeckte.

Das konnte die Deoleo Deutschland GmbH zu dem Zeitpunkt aber nicht wissen, weil wir den Herstellern wie gesagt vorab zur Stellungnahme grundsätzlich nur die Laborergebnisse, nicht unsere Bewertung mitteilen.

Jetzt ist es aber gar nicht so, dass Deoleo das Ergebnis unserer Sensorikprüfung anzweifelt. Im Gegenteil: Von der Firma selbst beauftragte Prüfungen seien allein in diesem Jahr bei zwei Chargen des Bertolli Natives Olivenöl Extra Originale zum selben Ergebnis gekommen, teilt uns die Kanzlei mit. Aber eben bei 16 Chargen auch nicht.

Offizielle Verordnung sieht Test eines Produkts vor

Wir könnten die Bewertung eines Naturprodukts nicht allein auf eine Charge stützen, meint die Anwaltskanzlei. Sie stützt sich dabei auf ein Urteil des Oberlandesgerichts München, das vor ein paar Jahren zu dem Schluss kam, damals ging es um Salat.

Wir meinen allerdings: Salat ist kein Olivenöl. Und auch die offizielle Verordnung für die Überprüfung von Olivenöl sieht nur das Testen eines einzigen Produkts vor. Die Anwaltskanzlei schreibt: Bei dem Ergebnis dieser Charge handle es sich "um natürliche Schwankungen oder schlichtweg einen sog. Ausreißer".

Wir meinen: Ja, ok, und dann ist das egal? Und die Verbraucherinnen und Verbraucher, die ein Bertolli Olivenöl einer dieser drei Chargen kaufen, die haben halt einfach Pech gehabt? Ist der Anbieter nicht für den Geschmack, die Qualität und die Schadstofffreiheit jeder einzelner seiner Chargen verantwortlich?

Was der Anbieter des Bertolli Olivenöls vorschlägt

Wir könnten natürlich von einer Veröffentlichung absehen, schlägt uns die Anwaltskanzlei vor. Klar, könnten wir. Wollen wir aber nicht. Und jetzt wird es abenteuerlich: In dem Fall könnten wir unsere Bewertung anhand des "tatsächlich erzielten" Sensorikwerts vornehmen – also der Aufzählung der von Deoleo selbst in Auftrag gegebenen Untersuchungen anderer Chargen, für die uns nicht einmal Untersuchungsberichte vorliegen.

Bewertung als Gemeinschaftsprojekt quasi. Ein interessantes Verständnis von Pressefreiheit, das dem Vorschlag zugrunde liegt. Vielleicht hat auch jemand aus der Presseabteilung der Deoleo Deutschland GmbH Lust, den Text zu schreiben?

So setzt sich das Gesamturteil zusammen

Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe und Sensorik. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "befriedigend" ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note.

Weil das von uns beauftragte Labor in der untersuchten Charge des Bertolli Natives Olivenöl Extra Originale einen von uns als "stark erhöht" bewerteten Gehalt an MOSH/MOSH-Analoga gemessen und zudem MOAH nachgewiesen hat, ziehen wir vier Noten ab. Damit lautet das Testergebnis Inhaltsstoffe und Sensorik und somit auch das Gesamturteil "mangelhaft".

Der Test zeigt: Die meisten Olivenöle rasseln gnadenlos durch und schneiden "mangelhaft" oder "ungenügend" ab. Im Test von 20 Olivenölen erreichte nur ein Produkt ein "sehr gut", zwei weitere waren "befriedigend".

Sie haben es bis hier her geschafft?

Wunderbar! Vielleicht sieht die Deoleo Deutschland GmbH ja nun doch von rechtlichen Schritten ab und investiert die gewonnene Zeit in die Sicherstellung der Qualität jeder einzelner ihrer Chargen. Wir würden uns freuen – für uns und für die Kundinnen und Kunden des Bertolli-Öls.

Weiterlesen auf oekotest.de:

Testverfahren

20 Olivenöle der höchsten Güteklasse "nativ extra" sind in unserem Einkaufskorb gelandet, darunter neun Bio-Produkte. Wir haben uns für die Eigenmarken der großen Supermärkte, Discounter und Bioketten und bekannte Marken wie De Cecco und Filippo Berio entschieden.

Ein von uns beauftragtes Labor hat die Olivenöle auf Verunreinigungen mit Mineralölbestandteilen untersucht, die etwa durch Schmieröle in die Produkte gelangen können. Außerdem auf der Prüfliste der von uns beauftragten Labore: polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die beim starken Erhitzen während der Herstellung oder Behandlung der Öle entstehen können, Weichmacher, die sich etwa aus ungeeigneten Schläuchen während Herstellung und Abfüllung herauslösen können, und Pestizide.

Die höchste Güteklasse von Olivenöl unterliegt strengen Vorgaben: Neben der Sensorik müssen auch gewisse Qualitätsparameter die gesetzlichen Grenzen einhalten. Auch diese haben wir überprüfen lassen. Einige Öle loben zudem eine besondere Herkunft aus. Diese Angaben ließen wir uns von den Herstellern bis zur untersuchten Charge zurück belegen. Im Zweifel haben wir die ausgelobte Herkunft im Labor überprüfen lassen.

Bewertungslegende

Soweit nicht abweichend angegeben, handelt es sich bei den hier genannten Abwertungsgrenzen nicht um gesetzliche Grenzwerte, sondern um solche, die von ÖKO-TEST festgesetzt wurden. Die Abwertungsgrenzen wurden von ÖKO-TEST eingedenk der sich aus spezifischen Untersuchungen ergebenden Messunsicherheiten und methodenimmanenter Varianzen festgelegt.

Bewertung Testergebnis Inhaltsstoffe und Sensorik: Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe und Sensorik führt zur Abwertung um fünf Noten: ein "fehlerhafter" sensorischer Gesamteindruck, der bei einem Olivenöl der Güteklasse "nativ extra" zur Abstufung in die Güteklasse "lampant" führt; Angabe des Fehlers "ranzig" bei "Geruch und Geschmack"; der ermittelte Fehlermedian ist größer 3,5. Zur Abwertung um jeweils vier Noten führen: a) ein "fehlerhafter" sensorischer Gesamteindruck, der bei einem Olivenöl der Güteklasse "nativ extra" zur Abstufung in die Güteklasse "nativ" führt; Angabe des Fehlers "ranzig" oder "stichig, schlammig" bei "Geruch und Geschmack"; der ermittelte Fehlermedian ist größer 1,0 und kleiner gleich 3,5; b) ein gemessener Gehalt an MOSH/MOSH-Analoge der Kettenlängen C17 bis C35 von mehr als 4 mg/kg (in der Tabelle: "stark erhöht"). Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führen: a) ein gemessener Gehalt an MOSH/MOSH-Analoge der Kettenlängen C17 bis C35 von mehr als 2 bis 4 mg/kg (in der Tabelle: "erhöht"); b) ein gemessener Gehalt von 100 mg/kg und mehr an aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffen (MOAH), sofern nicht schon für einen Gehalt von MOSH/MOSH-Analoga um vierNoten abgewertet wurde. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) ein bis zwei als besonders bedenklich eingestufte Pestizide in gemessenen Gehalten von mehr als 0,01 mg/kg (hier: Deltamethrin). Als besonders bedenklich werden Pestizide eingestuft, wenn sie PAN-gelistet sind (Pestizid-Aktionsnetzwerk); b) ein von der Verordnung (EWG) Nr. 2568/91 über die Merkmale von Olivenölen abweichendes Qualitätsmerkmal für die deklarierte Güteklasse nativ extra (hier: gemessener K232-Wert von größer 2,50 bzw. Säuregehalt von größer 0,80 %); c) ein gemessener Gehalt an MOSH/MOSH-Analoge der Kettenlängen C17 bis C35 von mehr als 1 bis 2 mg/kg (in der Tabelle: "leicht erhöht").

Bewertung Testergebnis Weitere Mängel: Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führen zur Abwertung um jeweils eine Note: a) PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung; b) Deklarationsmangel: eine Angabe "leicht bitter" bei einem ermittelten Bitterkeitsmedian von größer 3,0 bzw. eine Angabe "intensiv fruchtig" bei einem ermittelten Fruchtigkeitsmedian von kleiner 6,0 gemäß Verordnung (EWG) Nr. 2568/91 über die Merkmale von Olivenölen; c) ein Weichmacher in einem gemessenen Gehalt über 1 mg/ kg, ab welchem der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) für Bio-Ware aus der EU dringend eine Ursachenrecherche empfiehlt, um Eintragswege abzustellen.

Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe und Sensorik. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "befriedigend" ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "gut" ist, verschlechtert das Gesamturteil nicht.

Testmethoden

Peroxidzahl: ASU L 13.00-37 2018-06.

Säurezahl, freie Fettsäuren: ASU L 13.00-5 2021-03.

K-Werte (UV-Absorption): Anhang IX der VO (EWG) Nr. 2568/91.

Isomere Diacylglyceride: DGF C-VI 16.

Pyropheophytine: DGF C-VI 15.

Herkunftsbestimmung: NMR.

MOSH/MOSH-Analoge/MOAH: Nach DIN EN 16995:2017 mod. (Die Modifikation betrifft die Verseifung und eine andere Matrix), Messung mittels LC-GC/FID.

Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK): LC-LC-GC-MS/MS

Weichmacher (Phthalate): GC-MS/MS

Pestizide: ASU L 00.00-34: 2010-09

Modulares Multiverfahren zur Bestimmung von Pestizidrückständen mit GC und LC nach GPC (gel permeation chromatography) in pflanzlichen Lebensmitteln.

Sensorik: Reg. (EEC) No 2568/91, Anhang XII:2019-09, mod., Organoleptik. 8-12 Prüfer

PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung: Röntgenfluoreszenzanalyse.

Einkauf der Testprodukte: Januar 2022 

Tests und deren Ergebnisse sind urheberrechtlich geschützt. Ohne schriftliche Genehmigung des Verlags dürfen keine Nachdrucke, Kopien, Mikrofilme oder Einspielungen in elektronische Medien angefertigt und/oder verbreitet werden.