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20 Grillwürste im Test

ÖKO-TEST Juli 2016
vom 30.06.2016

Grillwürste

Fließbandschweine

Ein Schwein, eine Wurst - die absolute Rückverfolgbarkeit vom Produkt bis auf den Hof ist verklärtes Wunschdenken. Die Massenproduktion folgt anderen Gesetzen. In einer Charge werden bis zu Zehntausende Schweine verarbeitet, die auf Hunderten Höfen aufgewachsen sind. Warum das so ist, haben wir uns angesehen. In einer Wurstfabrik. Und in einem der größten Schlachthöfe der Welt.

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30.06.2016 | Ein halbes Jahr Arbeit, vielleicht länger, läge vor ihm, wenn er unsere Anfrage beantworten solle. Dann würde er sich aber um nichts anderes kümmern, klagt Josef Trilling, Geschäftsführer der Schlachtfabrik Tönnies, am Telefon. Warum? Unser Fragebogen zu den Haltungsbedingungen der Schweine, die in den Grillwürstchen verarbeitet wurden, umfasst 40 Fragen - zugegeben, das ist nicht wenig, aber ein halbes Jahr? Nun, zum einen sei er Lieferant von mehreren Produkten im Test, zum anderen liege die Zahl der Landwirte, bis zu denen er die Wurstmasse einer einzigen Charge zurückverfolgen könne, zwischen 100 und mehr als 1.000. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um die Zahl der Schweine. Es ist die Zahl der Höfe, auf denen die Tiere aufwuchsen.

Um zu verstehen, warum Großschlachter wie Tönnies, Vion, Westcrown und Co. so viel Arbeit mit einem Fragebogen haben, muss man einmal quer durch Deutschland reisen - ins westfälische Rheda-Wiedenbrück, wo die Schlachtfabrik Tönnies ihren Hauptsitz hat, und dann nach Böklund, kurz vor der dänischen Grenze, wo das Fleisch zu Wurst verarbeitet wird.

Rheda-Wiedenbrück. Ein Stich ist es nur, ein Schnitt - dann läuft das Blut ab, durch einen Schlauch, der an dem Hohlmesser hängt, den der Arbeiter gerade dem Schwein in die Blutgefäße am Herzen gerammt hat. Das Schwein blutet aus, es dauert nur wenige Sekunden. Es hängt, betäubt, am Hinterlauf aufgehängt an einer Rohrbahn, das Transportband fährt an dem Arbeiter vorbei. Zum Sterben hält es nicht an.

Fünf Meter und fünf Sekunden weiter zieht ein anderer Arbeiter das Messer wieder heraus, das Schwein ist tot, das nächste stirbt gerade. Das Messer landet in einer Desinfektionslösung. Ein Stich ist es nur, ein Schnitt. Alle fünf Sekunden, mehrere Tausend mal am Tag - dem "Stecher", so nennt man ihn hier, gegenüber steht ein zweiter, der das Gleiche tut. Fließbandtötung im Akkord. So stirbt in Rheda-Wiedenbrück alle zweieinhalb Sekunden ein Schwein. Am Tag sind es bis zu 26.000.

Das Ende der Schweine wird in einer riesigen Halle besiegelt. Rechts die Ställe, links die Tötung, dahinter die Betäubung. Darüber ein Gestank aus Kot, Ammoniak, Blut und Fleisch, der tief in alle Poren dringt, selbst in die Kleidung unter dem weißen Schutzanzug, den hier jeder trägt. Im Hintergrund monotone Panflötenmusik und das Rattern der Maschinen. Möglichst wenig Höhen, wenig Tiefen soll die Musik haben. Das beruhige die Schweine, sagt Trilling. Die Arbeiter hat es nicht beruhigt, sie hatten irgendwann genug von dem einen Band, das tagein, tagaus lief. Jetzt gibt es eine Playlist, die ist länger.

Angeliefert werden die Schweine in großen Lastwagen, 200, manchmal 250, fahren täglich auf Tönnies Hof. Dort werden die Tiere ausgeladen - ein großes Schild mahnt, sie nicht zu quälen, sonst drohe lebenslanges Hofverbot. Eine Kamera zeichnet die Anlieferung auf, um Verstöße zu ahnden, und um noch einmal nachzählen zu können, wenn ein Landwirt sagt, er habe ein oder zwei Schweine mehr geliefert. Jed

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Wir haben 20 gebrühte Grillwürste aus Schweinefleisch in Supermärkten, Discountern und Bio-Läden eingekauft. So landeten normale Bratwürste, Rostbratwürste und -würstchen in unserem Einkaufskorb - darunter Nürnberger und Thüringer Rostbratwürste mit geschützter geografischer Angabe (g. g. A.). Diese müssen in Nürnberg beziehungsweise in Thüringen hergestellt und abgepackt sein. Viele Produkte entsprechen der Verpackung nach Delikatess- und Spitzenqualität und sollten einen höheren Fleischanteil enthalten.

Die Tierhaltung/Transparenz
Wie haben die Tiere gelebt, bevor sie zu Wurst verarbeitet wurden? Wie viel Wert legen die Hersteller auf das Tierwohl? Und wie transparent zeigen sie sich, wenn es darum geht, die Bedingungen der Tierhaltung offenzulegen? Mit einem umfangreichen Fragebogen, den wir den Herstellern zugesendet haben, wollten wir genau das herausfinden. Dafür mussten sie ihre Angaben belegen - etwa mit Stalltagebüchern, tierärztlichen Bescheinigungen und Lieferscheinen.

Die Inhaltsstoffe
Alle Produkte wurden umfangreich auf ihre Fleischqualität analysiert und verglichen, ob die Ergebnisse von den offiziellen Leitsätzen für Fleisch- und Fleischerzeugnisse abweichen. Zudem ließen wir die Salzgehalte überprüfen und eine histologische Analyse auf Knochenpartikel, lymphatisches Gewebe und Co. Durchführen und checken, ob in den Produkten auch wiederverarbeitete Wurstmasse steckt. Uns interessierte auch: Stecken am Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums ekelerregende oder krankmachende Keime in der Wurst und sind Geruch und Aussehen noch in Ordnung? Wie sieht es mit Mineralölrückständen aus? Zudem wurden die Grillwürste auf antibiotikaresistente Keime und Rückstände von Antibiotika untersucht.

Die Bewertung
Qualität top, Tierwohl flop? Wer zwar saubere Produkte herstellt, sich aber null um Tierwohl und Transparenz schert, kann nur mit "ungenügend" abschneiden. Weil es bei Würstchen aufgrund der Massenproduktion noch schwieriger ist, die Haltungsbedingungen der Tiere transparent zu machen, haben wir im Vergleich zum Grillfleisch-Test im vergangenen Jahr noch stärker bewertet, ob Hersteller sich um Transparenz bemühen - oder ob sie versuchen, uns mit Floskeln oder Verweisen auf gesetzliche Regelungen abzuspeisen. Unter den Inhaltsstoffen führen Mineralölrückstände und unnötige Phosphate zur Abwertung. Und Grillwürstchen, in denen in einer Packung ein Antibiotikum über der Rückstandshöchstmenge nachgewiesen wurde, können nur mit "ungenügend" abschneiden.

So haben wir getestet

Auf Antibiotikarückstände wie Florfenicol hat ein Speziallabor alle Würste untersucht.