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ÖKO-TEST April 2016
vom

Holzlasuren für innen und außen

Auf dem Holzweg

Holzlasuren sollen das Holz schützen und optisch aufpolieren. Allergiker und sensibilisierte Menschen müssen jedoch auf der Hut sein, zumal die Hersteller oft unzureichend informieren. Weniger empfindlich reagierende Verbraucher können jedoch unter einigen "sehr guten" und "guten" Produkten wählen.

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31.03.2016 | Eine neue Wohnung - und noch dazu frisch renoviert. Wer freut sich da nicht über den Einzug in die neuen vier Wände. Für manche beginnt jedoch eine Leidenszeit: Schleimhäute von Augen, Mund und Nase sind gereizt, dann kommen Kopfschmerzen hinzu und möglicherweise auch Flecken auf der Haut. Offensichtlich reagiert der Betroffene auf einen der Inhaltsstoffe der eingesetzten Farben, Lacke und Lasuren oder auf die Summe der ausgasenden Stoffe. "Doch jeder Allergiker reagiert anders", erläutert Josef Spritzendorfer, Geschäftsführer der Europäischen Gesellschaft für gesundes Bauen und Innenraumhygiene (EGGBi), ehemals Sentinel-Haus Stiftung, die sich dem Bauen mit gesunden Baustoffen angenommen hat. Und nicht bei allen Beschwerden handelt es sich um eine Allergie, betont Professor Axel Schnuch vom Informationsverbund Dermatologischer Kliniken (IVDK). Vor allem wenn ausgasende Lösemittel empfindliche Atemwege reizen. Für die Betroffenen dürfte es jedoch egal sein, wie ihre Beschwerden medizinisch korrekt heißen.

Bei Bettina Bunge aus Osnabrück fing der Leidensweg in der Schwangerschaft an. Seit dieser Zeit spielt ihr Immunsystem verrückt, sie reagiert auf die unterschiedlichsten Stoffe, auch auf Duftstoffe, Ausdünstungen aus Möbeln und Teppichen. Der reinste Horror war es, als eine Nachbarwohnung über Monate hinweg komplett renoviert wurde. Bettina Bunge konnte ein halbes Jahr nicht mehr in der eigenen Wohnung sein. Sie fühlte sich benommen, bekam leichte Kopfschmerzen, ihr wurde übel. Ihre Beschwerden wirkten sich sogar auf ihr Nervensystem aus, so berichtet sie von Kommunikations- und Bewegungsstörungen, sodass sie durch ihre multiple Chemikaliensensitivität (MCS) nur noch eingeschränkt arbeiten kann. Als dann für den Kindergarten im Erdgeschoss des Hauses die Außenbänke mit einer Holzlasur gestrichen wurden, konnte sie tagelang nicht raus. In ihrer Verzweiflung hat sie sich an EGGBi gewandt und sich beraten lassen. Nun probiert sie aus, welche Produkte für sie akzeptabel sind. Zunächst reagierten die Nachbarn verständnislos angesichts ihrer Probleme, doch mittlerweile sprechen sie Anstriche mit ihr ab, teilweise finanziert Bettina Bunge ihnen sogar die Farben.

Mögliche Problemstoffe in wasserbasierten Farben, Lacken und Lasuren sind Konservierungsmittel, die dafür sorgen sollen, dass der Inhalt nicht schon im Topf umkippt. Sehr verbreitet sind für diesen Zweck Isothiazolinonverbindungen. Die Zahl der Allergiker, die auf diese Stoffe reagieren, steigt. Denn der Verbraucher kommt immer häufiger mit diesen Stoffen in Berührung. So wird Methylisothiazolinon auch in Kosmetika eingesetzt. Ein besonders hohes allergenes Potenzial haben die chlorierten Isothiazolinone wie Chlormethylisothiazolinon.

Lösemittelbasierte Rezepturen bergen andere Probleme. Zum einen kann allein schon der hohe Gehalt an ausgasenden Verbindungen gesundheitliche Probleme verursachen. Zum anderen werden auch hier allergieauslösende Stoffe eingesetzt. So das Hautverhinderungsmittel Butanonoxim, das darüber hinaus sogar als krebsverdächtig gilt. Naturfarbenherstellern verwenden zusammen mit Naturharzen teilweise auch das aus Baumharz gewonnene Kolophonium. Hauptbestandteil des Kolophoniums ist die sensibilisierende Abietinsäure. Auch das Terpen 3-Caren gilt als besonders problematisch, es gelangt ebenfalls durch die natürlichen Harze in die Lasuren.

Und damit nicht genug: Auch Kobaltsalze, welche die Trocknung beschleunigen sollen, können Allergiker belasten. Sie kommen vor allem in lösemittelbasierten Rezepturen zum Einsatz, weil diese schlechter trocknen. Die Kobaltsikkative sind sehr effektiv und deshalb beliebt. Heute gehen jedoch immer mehr Hersteller dazu über, andere Trocknermetalle oder Hilfsmittel einzusetzen. Andere wiederum sind der Meinung, dass es noch keine wirksame Alternative zu Kobalt gibt. Hinzu kommt, dass Kobaltstäube, die beim Abschleifen entstehen, sogar als krebserregend eingestuft sind. Vor ihnen kann man sich mit einer Atemmaske schützen. Für Allergiker können sowohl konventionelle wie auch Naturfarben zum Problem werden. Oft sind es gerade die Naturstoffe, die mehr mögliche Risiken bergen.

ÖKO-TEST hat 20 Holzlasuren eingekauft, die für innen und außen gedacht sind. Um Lösemittel möglichst zu vermeiden, haben wir uns auf wasserbasierte Produkte konzentriert. Von einigen Naturfarbenherstellern fanden wir jedoch nur lösemittelhaltige Holzlasuren. Wir wollten natürlich wissen, ob die Lasuren allergieauslösende oder sonstige problematische Inhaltsstoffe enthalten und haben dazu auch die Deklarationen eingehend unter die Lupe genommen, vor allem auch im Hinblick auf eine gute Verbraucherinformation.

Das Testergebnis

In sämtlichen Produkten sind Stoffe vorhanden, die für sensibilisierte Menschen zum Problem werden können. Und oft sind die Deklarationen, die vor diesen Inhaltsstoffen warnen müssten, unserer Meinung nach unzureichend. Doch weniger empfindlich reagierende Personen können mit einigen empfehlenswerten Produkten arbeiten. Unter den Schlusslichtern finden sich sowohl eine wasserbasierte wie auch eine lösemittelhaltige Lasur.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
In Baumärkten und Fachgeschäften haben wir 20 Holzlasuren im Farbton Eiche oder Ähnlichem eingekauft, die für innen und außen ausgelobt sind. Wenn möglich, haben wir uns für eine wasserbasierte Variante entschieden. Von drei Naturfarbenherstellern waren jedoch nur Rezepturen mit Lösemitteln zu entdecken.

Die Inhaltsstoffe
Wasserbasierte Rezepturen müssen in der Regel mit einem Konservierungsmittel haltbar gemacht werden. Wir ließen die Produkte deshalb auf bedenkliche und umstrittene Stoffe wie Formaldehyd/-abspalter, Isothiazolinone und Zinkpyrithion untersuchen, aber auch auf Schwermetalle, um zum Beispiel den bedenklichen Kobaltsalzen auf die Spur zu kommen, die als Trocknungsbeschleuniger eingesetzt werden. In lösemittelhaltigen Lasuren war bisher das krebsverdächtige Hautverhinderungsmittel Butanonoxim gang und gäbe. Wir prüften, ob es immer noch eingesetzt wird, aber vor allem auch, welche Stoffe in welcher Menge möglicherweise ausgasen können.

Die Deklaration
Eine gute Verbraucherinformation liegt uns sehr am Herzen. Dazu gehört für ÖKO-TEST eine möglichst ausführliche Angabe der Inhaltsstoffe, auch wenn das gesetzlich nicht gefordert ist. Wie Der Blaue Engel legen wir aber besonders auf die Nennung der Konservierungsmittel Wert, mit einer vernünftigen Hotline für Allergiker. Doch auch der Gesetzgeber verlangt für etliche der eingesetzten Inhaltsstoffe ab bestimmten Konzentrationen Warnhinweise. Häufig geht es um mögliche allergische Reaktionen.

Die Bewertung
Holzlasuren, die auch im Innenraum verwendet werden, sollen möglichst wenige gesundheitlich bedenkliche Stoffe enthalten. Deshalb wird das Testergebnis Inhaltsstoffe mit 70 Prozent stärker gewichtet als das Testergebnis Deklaration. Eine gute Verbraucherinformation ist jedoch wichtig, deshalb kann eine gute Deklaration das Gesamturteil durchaus verbessern. Das gilt jedoch nicht für Rezepturen, die aufgrund ihrer Inhaltsstoffe eine schlechte Note erhalten.

So haben wir getestet

Wasserbasierte Lasuren sind für den Verbraucher meist deutlich zu erkennen, lösemittelhaltige dagegen kaum. Da muss der Laie schon die Inhaltsstoffangabe durchforsten, ob das Wort "Wasser" vorkommt, und auf die angegebenen VOC-Gehalte achten, die deutlich höher als bei den wasserbasierten Produkten sind.