Teuer und enttäuschend: Orthomol Natal-Präparat für Schwangere fällt durch Test

Autor: Hannah Pompalla/Jürgen Steinert | Kategorie: Kinder und Familie | 04.08.2023

Das Orthomol Natal-Vitaminpräparat für Schwangere fällt mit "ungenügend" durch unseren Test.
Foto: ÖKO-TEST

"Bestens versorgt in der Schwangerschaft": Mit diesen Worten wird das Orthomol Natal-Vitaminpräparat für Schwangere auf der Internetseite des Herstellers beworben. Doch wir können das Apotheken-Produkt nicht für werdende Mütter empfehlen – es fällt mit "ungenügend" durch unseren Test. 

Die Orthomol Natal, Tabletten + Kapseln sind das teuerste Vitaminpräparat für Schwangere in unserem Test: Zwei Euro pro höchster empfohlener Tagesdosis müssen Frauen dafür bezahlen. Unser Test zeigt jedoch einmal mehr, dass ein hoher Preis nicht auf eine hohe Qualität schließen lässt: Das Vitaminpräparat aus der Apotheke schneidet lediglich mit der Note "ungenügend" ab. Damit zählt es zu den insgesamt zwölf Testverlierern.

Doch warum hat das Orthomol-Produkt kein besseres Gesamturteil bekommen? Nun, wir kritisieren vor allem die Folsäure-Dosierung und eine Unmenge an weiteren Nährstoffen. Diese sind aus unserer Sicht nicht nur unnötig, sondern können auch teilweise schädlich sein. Doch der Reihe nach. 

Orthomol Natal-Präparat im Test: Kritik an Folsäure-Dosierung

Beginnen wir mit der Folsäure. Die ist für Schwangere essenziell, da sie kindliche Fehlbildungen vorbeugt. Die Supplementierung wird vom Netzwerk Gesund ins Leben eindeutig empfohlen, da viele gebährfähige Frauen hierzulande nichtmal ein Drittel der benötigen Folsäure über die Ernährung aufnehmen.

Aber wie so oft es kommt auch auf die richtige Dosierung an. Mit dem Orthomol Natal-Vitaminpräparat in unserem Test nehmen Schwangere 500 Mikrogramm (μg) Folsäure pro Tag auf. Dabei richtet sich das Produkt laut Auslobung ganz allgemein an Frauen in der "Schwangerschaft und Stillzeit". Das ist aber in unseren Augen zu undifferenziert. Denn spätestens nach dem ersten Schwangerschaftsdrittel ist die Dosis zu hoch. Dann sollte sie bei 400 Mikrogramm Folsäure pro Tag liegen. 

Das ist auch die Dosis, die Experten für das erste Schwangerschaftsdrittel empfehlen. Idealerweise sollte 400 Mikrogramm Folsäure sogar schon vier Wochen vor der Empfängnis eingenommen werden. Kommt die Schwangerschaft aber überraschend, wird in den ersten drei Monaten zu 800 Mikrogramm Folsäure pro Tag geraten. 

Zum Vergleich: Die Folsäuredosierung kritisieren wir auch in sechs weiteren Vitaminpräparaten für Schwangere im Test.

Bei einer ausgewogenen Ernährung ist es in der Regel ausreichend, wenn Schwangere Folsäure und Jod einnehmen.
Bei einer ausgewogenen Ernährung ist es in der Regel ausreichend, wenn Schwangere Folsäure und Jod einnehmen. (Foto: gpointstudio/Shutterstock)

Diverse Nährstoffe im Orthomol Natal-Präparat

Kommen wir zu den weiteren Nährstoffen. Wir halten es für sinnvoll, wenn Vitaminpräparate für Schwangere neben Folsäure auch Jod enthalten. Das Spurenelement ist wichtig für die kognitive Entwicklung des Kindes. Außerdem können schwangere Frauen ihren erhöhten Bedarf an Jod ebenfalls kaum allein über die Ernährung abdecken. Mit 150 Mikrogramm Jod pro Tagesdosis enthält das Orthomol-Produkt im Test eine angemessene Jodmenge.

Das geprüfte Orthomol Natal-Präparat enthält allerdings, wie fast alle Vitaminpräparate für Schwangere im Test, neben Jod noch weitere Nährstoffe – und das nicht zu knapp. Insgesamt stecken darin mehr als zwei Dutzend Mikronährstoffe. So viele Nährstoffe wurden keinem anderen Vitaminpräparat im Test beigemischt.

Wir sind aber der Meinung: Viel hilft nicht viel. Deshalb werten den Zusatz weiterer Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelementen ab. Denn: Die Nährstoffvielfalt eines ausgewogenen Speiseplans kann durch keine noch so große Menge an isolierten Nährstoffen ersetzt werden. Zudem sind manche der zugesetzten Stoffe aus unserer Sicht nicht nur überflüssig, weil der Körper sie einfach wieder ausscheidet. Sie können auch Risiken bergen.

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Zu viel Vitamin A und Eisen können schädlich sein

Mit Risiken einhergehen können zum Beispiel Vitamin A und Eisen, die beide im Orthomol Natal-Präparat im Test enthalten sind. So kann die langfristige Aufnahme von Vitamin A unter anderem die Knochendichte verringern.

Bei Eisen gibt wiederum Hinweise, dass eine zusätzliche Eisenaufnahme bei Schwangeren, die keinen Mangel haben, das Risiko für Frühgeburten sowie ein niedriges Geburtsgewicht erhöhen kann, warnt das Netzwerk Gesund ins Leben. Demnach solle eine Supplementierung mit Eisen nur nach ärztlicher Diagnose einer Unterversorgung erfolgen.

Den entsprechenden Hinweis, dass Schwangere nur nach ärztlicher Rücksprache Eisen einnehmen sollten, haben wir beim Orthomol-Natal-Produkt vermisst. Der fehlte uns auch bei zwölf weiteren Vitaminpräparaten im Test. Für diesen Deklarationsmangel ziehen wir eine Note ab.

Wichtige Warnhinweise fehlen

Apropos Hinweise: Wir hätten es begrüßt, wenn die Nutzerinnen des Orthomol Natal-Präparates auf der Verpackung oder dem Beipackzettel noch weitere wichtige Informationen zur Einnahme lesen könnten, konkret zum enthaltenen Vitamin K und Zink.

Schließlich sollten Personen, die gerinnungshemmende Medikamente einnehmen, vor dem Verzehr von Vitamin K-haltigen Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) ärztlichen Rat einholen. Diesen Warnhinweis empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Doch darauf hat Anbieter Orthomol offenbar verzichtet.

Mehr Aufklärung wäre auch zur Zinkeinnahme wünschenswert gewesen: Das Orthomol-Produkt enthält mehr als 3,5 Milligramm Zink pro Tagesdosis. In solchen Fällen sollte besser auf den Verzehr weitere zinkhaltiger NEM verzichten werden, rät das BfR. Dieser Hinweis fehlt bei insgesamt acht Vitaminpräparaten im Test

Höchstmengen in Orthomol Natal-Präparat überschritten

Doch damit nicht genug. Ärgerlich finden wir auch, dass zwei Nährstoffe im getesteten Orthomol Natal-Präparat oberhalb der Tageshöchstmenge liegen, die vom BfR empfohlen wird. Das betrifft das enthaltene Niacin (ein B-Vitamin) und Vitamin E.

Das Niacin liegt im Orthomol-Produkt laut Deklaration in Form von Nicotinsäureamid vor. Das Problem: Zu viel Nicotinsäureamid kann – wenn auch nur selten – zu Nebenwirkungen führen, wie Übelkeit, Bauchschmerzen oder Blähungen.

Daher sollten Schwangere dem BfR zufolge nicht mehr als 16 Milligramm Nicotinsäureamid pro Tag zu sich nehmen. Wer aber das Orthomol Natal-Präparat nutzt, überschreitet diesen Gehalt. Dafür ziehen wir eine Note ab. Die Niacingehalte bemängeln wir auch in zwei anderen Vitaminpräparaten für Schwangere im Test.

Mehr Vitamin E bringt keine Vorteile

Nun zum Vitamin E: Das untersuchte Orthomol Natal-Präparat enthält davon mehr als 30 Milligramm. Damit liegt der Gehalt über der vom BfR empfohlenen Tageshöchstdosis für ein Nahrungsergänzungsmittel. Zwar gilt Vitamin E als recht unproblematisch. Doch wir finden es unnötig, wenn Hersteller mehr Vitamin E beimischen als maximal empfohlen wird. 

Denn wie die Behörde schreibt, lassen sich aus den vorliegenden wissenschaftlichen Daten keine positiven gesundheitlichen Effekte bei Aufnahme von Vitamin E oberhalb des Bedarfs ableiten. Heißt: Es bringt keinen Vorteil, mehr Vitamin E als nötig zu sich zu nehmen.

So setzt sich das Gesamturteil zusammen

Das Gesamturteil beruht auf dem Teilergebnis Maßgebliche Inhaltsstoffe. Da das Orthomol Natal-Präparat im Test mehr als 400 Mikrogramm Folsäure liefert, wenn es entsprechend der Auslobung "in Schwangerschaft und Stillzeit" über die 12. Schwangerschaftswoche hinaus eingenommen wird, ziehen wir eine Note ab.

Drei weitere Notenabzüge bekommt das Produkt, weil neben Jod noch weitere Nährstoffe beigemischt wurden und die Menge an Niacin und Vitamin E über der höchsten Tagesdosis liegen, die vom BfR empfohlen wird. Daher lautet das Teilergebnis Maßgebliche Inhaltsstoffe "ungenügend". Somit lautet auch das Gesamturteil "ungenügend". Details zu Bewertung und Prüfmethoden lesen Sie hier auf der Seite zum Test im Abschnitt Testverfahren.

Der Test zeigt: Nur acht von 22 Vitaminpräparate für Schwangere sind mit der Note "gut" empfehlenswert. Zwölf Produkte fallen mit "ungenügend" durch den Test. Mehr dazu lesen Sie hier: Folsäure-Tabletten in der Schwangerschaft: 12 von 22 Präparaten fallen durch

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