Krabbelschuhe im Test: Krebsverdächtiger Stoff in jedem zweiten Schuh

Magazin Februar 2023: Vitamine | Autor: Philip Schulze/Meike Rix/Ann-Cathrin Witte | Kategorie: Kinder und Familie | 26.01.2023

12 Paar Krabbelschuhe im Test: Welche sind empfehlenswert?
Foto: KelaVi/Shutterstock

Was für ein Horror: Jeder zweite Krabbelschuh im Test enthält den krebsverdächtigen Farbstoffbestandteil Anilin – und in einem Produkt hat das Labor krebserregendes Chromat gefunden. Zum Glück gibt es mittlerweile aber auch Krabbelschuhe ganz ohne diese Problemstoffe.

  • Im Test: Zwölf Paar Krabbelschuhe aus Leder.
  • Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte der getesteten Babyschuhe ist nicht empfehlenswert. 
  • Besorgniserregend: Das Labor ist auf krebsverdächtiges Anilin und krebserregendes Chromat gestoßen. 

Zwischen dem siebten und dem zehnten Monat fangen Babys durchschnittlich an zu Krabbeln. Dann stehen Eltern vor der Frage: Braucht es Krabbelschuhe, oder nicht? Entscheiden Sie sich für Krabbelschuhe, haben wir hier einen interessanten Test für Sie. Das Ergebnis ist allerdings ernüchternd. 

Mehr als jeder zweite der niedlichen Lederschlappen im Test ist voll mit Schadstoffen, darunter krebsverdächtiges Anilin und krebserregendes Chromat. Von sieben Krabbelschuhen im Test raten wir ab. Immerhin: Einige Produkte können wir auch empfehlen. Aber der Reihe nach. 

Krabbelschuhe-Test: Krebsverdächtiges Anilin gefunden 

In der Hälfte der Krabbelschuhe im Test hat das beauftragte Labor Anilin nachgewiesen. Anilin ist ein Farbstoffbestandteil, der als krebsverdächtig eingestuft ist. In Spielzeug für Kleinkinder gilt für den Stoff seit Dezember in der EU ein strenger Grenzwert.

Das ist auch unser Er­folg: Über viele Jahre hinweg hat ÖKO-TEST Anilin in Spielzeug und Kleidung kritisiert und auch die EU-Kommission auf das Pro­blem aufmerksam gemacht. Allerdings bleibt noch mehr zu tun.

Hersteller nutzen Gesetzeslücke 

Wie so oft in bürokratischen Prozes­sen ist die Regelung nicht umfassend und greift viel zu kurz. Sie gilt nur für Stoffe und Leder in Spielzeug, nicht aber in Spucktüchern, Strümpfen oder Krabbel­schuhen, welche Babys natürlich genauso in den Mund stecken und daran nuckeln.

Diese Gesetzeslücke nutzen etliche Hersteller. Sechs Anbieter sehen offenbar kei­nen Anlass, auf unbedenklichere Farbstoffe zurückzugreifen. Die gemessenen Gehalte lagen zum Teil bei einem Vielfachen des Spielzeuggrenzwerts. Aus unserer Sicht sollte Anilin schlicht gar nicht in Babyschuhen stecken.

Krebserregendes Chromat in einem Krabbelschuh

Zusätzlich zu Anilin hat das von uns beauftrage Labor in einem Paar Krabbelschuhe im Test lösliches Chromat (Chrom VI) nachgewiesen, das sich durch die Gerbung mit Chromsalzen bilden kann. Es ist als krebserregend ein­gestuft und kann schwere Kontaktallergien auslösen. Laut Gesetz dürfen Lederproduk­te nicht mehr als drei Milligramm pro Kilo­gramm (mg/kg) Chrom VI enthalten.

Zwar ermittelte das von uns beauftragte Labor einen Gehalt unter diesem Grenzwert, wir raten dennoch von diesen Schuhen ab. Zu­mal in einer zweiten Untersuchung, in der die Experten eine Alterung des Leders im Gebrauch simulierten, eine Belastung von mehr als 3 mg/kg zu messen war.

Krabbelschuhe im Test: Jetzt Ergebnisse im ePaper lesen

Warum chromfrei gegerbtes Leder besser ist

Vier weitere Krabbelschuhe werten wir wegen löslichen Chroms ab. Chrom VI war ­zwar hier nicht nachweisbar. Chromfrei gegerbtes Leder halten wir aber auch zur Vorbeugung von Allergien für eine bessere Wahl. Außerdem kann die Chromgerbung je nach Standard vor Ort sehr umwelt­schädlich sein.

Sieben Produkte im Test sind als chromfrei gegerbt ausgelobt oder tragen Siegel, zu deren Kriterien das ge­hört. Unsere Laboranalyse bestätigt hier: kein Chrom drin.

Kritik an Konservierungsmitteln und an Farbechtheit

Die beauftragten Labore wiesen in den Schuhen außerdem eine Reihe von Konser­vierungsmitteln nach, was für Leder zu­nächst normal ist. Aus Sicht des vorbeugen­den Verbraucherschutzes sollten allergieauslösende Stoffe wie Octylisothiazolinon (OIT) im fertigen, barfuß getragenen Schuh jedoch allenfalls in Spuren vorkommen. Im Test enthielten zwei Paar Krabbelschuhe erhöhte Mengen an OIT. 

Zusätzlich überprüften wir auch die Farbechtheit. Bis auf ein Modell färbten alle Schuhe im Labortest mehr oder weniger stark ab, auch diejenigen mit dem krebsverdächtigem Farbstoffbestandteil Anilin. Für diese Exemplare spricht also rein gar nichts.

(Foto: ÖKO-TEST)

Alternativen zu Krabbelschuhen im Test

Sind Krabbelschuhe notwendig? Das müssen Eltern je nach Kind entscheiden. Fakt ist: Kinder kommen in der Wohnung lange ohne Schuhe aus. Wichtig ist vor allem, dass die Fußmuskulatur viel Spielraum hat. 

  1. Wenn Sie in unserem Test "ungenügende" Krabbelschuhe gekauft haben, fragen Sie am besten den Anbieter, ob er diese zurücknimmt. Anspruch darauf haben Sie leider nicht.
  2. Stoppersocken sind eine Alternative zu Krabbelschuhen.
  3. Beim Barfußlaufen werden die Füße gut durchblutet, sodass man dafür nicht auf sommerliche Temperaturen warten muss.

Weiterlesen auf oekotest.de:

Wir haben diese Produkte für Sie getestet

Testverfahren

Wir haben 12 Paar Krabbelschuhe aus Leder in verschiedenen Farben im stationären und Onlinehandel gekauft. Für ein Paar bezahlten wir zwischen 21,99 und 45,95 Euro.

Die Schuhe schickten wir in mehrere spezialisierte Labore, um sie auf eine breite Palette bekannter Problemstoffe in Leder prüfen zu lassen. Die jeweiligen Experten haben die Krabbelschuhe auf Schwermetalle untersucht und insbesondere auf den Chromgehalt geachtet, der aus der Gerbung stammen kann. Sie haben zudem das krebserregende Chromat (Chrom VI) analysiert. Der Stoff ist in Leder reglementiert, es gelten strenge Grenzwerte. Außerdem durchliefen die Schuhe ein Screening auf ledertypische Konservierungsmittel und problematische Weichmacher. Auch problematisches Formaldehyd kann bei der Verarbeitung von Leder zum Einsatz kommen. Es stand ebenso auf dem Prüfprogramm wie giftige zinnorganische Verbindungen, krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und umstrittene halogenorganische Verbindungen. Farbstoffe sind in Leder oft nicht fest gebunden, sondern gelangen auch auf die Haut, bei Kleinkindern auch in den Mund. Wir ließen die Krabbelschuhe auf verbotene Azofarbstoffe untersuchen sowie auf den krebsverdächtigen Farbstoffbestandteil Anilin, der in Spielzeug, das in den Mund genommen wird, gesetzlich reglementiert ist, in Babyschuhen aber nicht. Wir ließen auch prüfen, ob und wie stark die Materialien in simulierter Speichel- und Schweißlösung abfärben. Zu guter Letzt prüften die beauftragten Labore, ob in Bestandteilen umweltbelastende optische Auf-heller und in den Verpackungen chlorierte Verbindungen stecken.

Bewertungslegende

Soweit nicht abweichend angegeben, handelt es sich bei den hier genannten Abwertungsgrenzen nicht um gesetzliche Grenzwerte, sondern um solche, die von ÖKO-TEST festgesetzt wurden. Die Abwertungsgrenzen wurden von ÖKO-TEST eingedenk der sich aus spezifischen Untersuchungen ergebenden Messunsicherheiten und methodenimmanenter Varianzen festgelegt.

Bewertung Testergebnis Inhaltsstoffe: Unter dem Testergebnis Inhaltsstoffe führt zur Abwertung um jeweils vier Noten: a) Chrom VI; b) ein gemessener Gehalt an freiem Formaldehyd von mehr als 30 mg/kg (in der Tabelle: "stark erhöht"); c) ein nach reduktiver Spaltung gemessener Gehalt von mehr als 10 mg/kg Anilin. Zur Abwertung um jeweils zwei Noten führen: a) ein gemessener Gehalt von mehr als 250 mg/kg OPP (in der Tabelle: "erhöht"); b) ein gemessener Gehalt von mehr als 50 mg/kg OIT (in der Tabelle: "erhöht"; c) gemessene Gehalte von in der Summe mehr als 100 mg/kg der Konservierungsmittel Chlorkresol, OIT, OPP und/oder TCMTB (in der Tabelle: "erhöht"), wenn nicht bereits wegen zwei oder mehreren Einzelkomponenten abgewertet wurde; d) ein gemessener Gehalt von mehr als 0,2 mg/kg Arsen. Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) ein gemessener Gehalt von mehr als 25 bis 50 mg/kg OIT (in der Tabelle: "leicht erhöht"); b) ein gemessener Gehalt von mehr als 75 bis 150 mg/kg Chlorkresol (in der Tabelle: "leicht erhöht"); c) ein gemessener Gehalt von mehr als 100 mg/kg Chrom, wenn nicht bereits wegen Chrom VI abgewertet wurde; d) ein gemessener Gehalt von mehr als 1,0 mg/kg halogenorganische Verbindungen, wenn nicht bereits wegen Chlorkresol abgewertet wurde.

Bewertung Testergebnis Weitere Mängel: Unter dem Testergebnis Weitere Mängel führt zur Abwertung um zwei Noten: Schuh färbt stark ab (eine oder mehrere Komponenten des Schuhs schneiden schlechter als Stufe 3 der Grauskala in der Speichel- und/oder Schweißechtheitsprüfung ab). Zur Abwertung um jeweils eine Note führen: a) Schuh färbt ab (ein oder mehrere Komponenten des Schuhs schneiden schlechter als Stufe 4–5 der Grauskala, aber immer besser als Stufe 2–3 in der Speichel- und/oder Schweißechtheitsprüfung ab); b) optische Aufheller im Etikett, Garn, Gummiband und/oder der Applikation eines Schuhs; c) PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen in der Verpackung. Steht bei konkret benannten Analysenergebnissen "nein", bedeutet das unterhalb der Bestimmungsgrenze der jeweiligen Testmethode.

Das Gesamturteil beruht auf dem Testergebnis Inhaltsstoffe. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "befriedigend" oder "ausreichend" ist, verschlechtert das Gesamturteil um eine Note. Ein Testergebnis Weitere Mängel, das "gut" ist, verschlechtert das Gesamturteil nicht.

Testmethoden

Elemente: Elution von Schwermetallen mittels saurer Schweißlösung, Bestimmung mittels ICP-MS. Untersucht wurde eine repräsentative Mischprobe aus mehreren Komponenten des Schuhs.
Chrom VI in Leder: Thermische Voralterung von Leder und Bestimmung von sechswertigem Chrom nach DIN EN ISO 10195:2021. Bestimmung nach DIN EN ISO 17075. Halogenorganische Verbindungen: Elution der Probe mit Reinstwasser in Soxhlet-Apparatur, Binden der organischen Halogene an Aktivkohle, Verbrennung der Aktivkohle im Sauerstoffstrom, microcoulometrische Bestimmung des Halogengehalts; Angegeben als Chlorid. Untersucht wurde eine repräsentative Mischprobe aus mehreren Komponenten des Schuhs.
PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen: Röntgenfluoreszenzanalyse. Zinnorganische Verbindungen: Materialien gem. DIN CEN ISO/TS 16179 (2012-12). Untersucht wurde eine repräsentative Mischprobe aus mehreren Komponenten des Schuhs.
Azofarbstoffe: DIN EN ISO 17234-1: 2020-12 / 4-AAB: DIN EN ISO 17234-2: 2011-06. Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe: AfPS GS 2019:01 PAK (2019-05). Untersucht wurde eine repräsentative Mischprobe aus mehreren Komponenten des Schuhs. Dimethylfumarat: ISO 16186: 2021-05. Untersucht wurde eine Probe aus Innenmaterial des Schuhs. Isothiazolinone, TCMTB (Busan): HPLC/DAD. Untersucht wurde eine repräsentative Mischprobe aus mehreren Komponenten des Schuhs. MIT=Methylisothiazolinon, OIT=Octylisothiazolinon. TCMTB=2-(Thiocyanomethylthio)-benzthiazol. Formaldehyd: Qualitativer Nachweis mit Carbazol / Schwefelsäure. Quantitative Bestimmung nach DIN EN ISO 17226-1: 2021-05.Alkylphenole, Weichmacher: GC-MS nach Extraktion und Derivatisierung. Untersucht wurde eine repräsentative Mischprobe aus mehreren Komponenten des Schuhs. Optische Aufheller: Qualitativer Nachweis (UV-Licht).Speichel- und Schweißechtheit: DIN 53160-1, 2: 2010-10; LFBG § 64, B 82.10-1. Die Bewertung der Echtheitsprüfungen erfolgt unter den in der Norm festgelegten Bedingungen mittels Graumaßstabs (Lichtechtheit mittels Blaumaßstab), wobei Note 5 die beste Note darstellt und Note 1 die schlechteste.

Einkauf der Testprodukte: Oktober-November 2022

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