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Wie nachhaltig sind Elektroautos? Die wichtigsten Argumente auf dem Prüfstand

Autor: Lino Wirag | Kategorie: Freizeit und Technik | 01.03.2019

Ein E-Auto wird beladen – nachhaltig?
Ein E-Auto wird beladen – nachhaltig? (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay)

2019 könnte das Jahr werden, in dem die Elektromobilität in Deutschland ihren Durchbruch erlebt. Viele Hersteller stellen neue Fahrzeuge vor, die Preise sinken, die Lade-Infrastruktur verbessert sich. Aber sind E-Autos überhaupt nachhaltiger als Diesel oder Benziner?

Fast wöchentlich erscheint zurzeit ein neues Elektroauto, auch deutsche Hersteller schwimmen inzwischen mit dem Strom: Opel hat eine Batterieversion des Ampera veröffentlicht, der mit einer Akkuladung über 500 km Reichweite hinter sich bringt.

Audi wartet mit einem elektrischen SUV auf, das 200 km/h Spitzengeschwindigkeit erreicht. Mercedes will im Herbst mit dem Modell EQC den Grundstein für eine ganze Elektroflotte aus Stuttgart legen. Vom Hype um jeden neuen Tesla ganz zu schweigen.

Das Ziel: eine Million E-Autos in zwei Jahren

Nicht nur die Autohersteller sind dabei, auch die Politik hat die Devise ausgegeben, die Individualmobilität in den nächsten Jahre großflächig zu elektrifizieren. Schon in zwei Jahren sollen nach dem Willen der Bundesregierung eine Million Elektroautos über deutsche Straßen rollen, um ihren Beitrag zur Klimawende zu leisten.

Sinkende Preise tun das Übrige: Renault hat eine neue Version des Zoe angekündigt, von dem in Deutschland 2018 über 10.000 Stück verkauft wurden. Der Elektro-Kleinwagen ist ab 21.000 Euro zu haben.

Ist Elektromobilität Teil des Problems?

Bei so viel Erfolg bleibt Kritik nicht aus. Häufig ist zu hören, dass Elektromobilität keineswegs die Lösung, sondern vielmehr Teil des Problems sei. Sie verursache mehr Umweltkosten, als sie zu vermeiden helfe. Klimaneutrales Fahren sei eine Illusion. Ist das wahr?

Wir stellen drei Argumente vor, die häufig gegen Elektromobilität und E-Autos vorgebracht werden. Und erklären dann, was darauf – nach dem aktuellen Entwicklungs- und Kenntnisstand – zu entgegnen ist.

Argument 1: Auch Strom ist nicht emissionsfrei

Elektrofahrzeuge brauchen Strom, um sich zu bewegen. Dieser Strom wiederum muss natürlich erzeugt werden. Der jetzige deutsche Strommix speist sich aber immer noch zu mehr als der Hälfte aus fossilen Brennstoffen und Atomenergie.

Das naheliegende Argument lautet daher: Es ist egal, ob im Meiler Kohle verbrannt wird oder Benzin direkt im Motor, um ein Auto zu betreiben – in beiden Fällen entstehen Emissionen. Im Zweifel arbeitet der Verbrennungsmotor sogar effizienter.

Dem ist entgegenzuhalten, dass viele Fahrer, die es mit nachhaltiger Mobilität ernst meinen, ihre E-Autos vor allem mit Ökostrom beladen. So stellen verantwortungsvolle Verbraucher sicher, dass ihre Stromer nicht nur keine lokalen Emissionen verursachen, sondern auch keine globalen.

Der ADAC kam deshalb bereits vor einem Jahr zu dem Ergebnis, dass E-Autos, die ausschließlich mit regenerativen Energien betrieben werden, über alle Wagenklassen hinweg eine deutlich bessere Klimabilanz aufweisen als Diesel und Benziner. Und zwar selbst dann, wenn man die Produktionskosten (siehe die nächsten Argumente) einberechnet. Inzwischen sollte sich die Zahlenlage sogar nochmals gebessert haben.

Fazit: Das genannte Argument lässt sich weitgehend entkräften. Es liegt allerdings noch in der Verantwortung des einzelnen Verbrauchers, ob er die Ökobilanz seines Fahrzeugs im "grünen" Bereich hält, indem er Ökostrom tankt.

Ändern ließe sich das nur, wenn Ökostrom an Ladesäulen verpflichtend werden würde – oder zumindest billiger als konventioneller Strom.

Argument 2: Die Herstellung verbraucht zu viel Energie

Ebenfalls simpel: Ein E-Auto muss genauso hergestellt werden wie jedes andere Fahrzeug auch. Dabei fallen Energie- und Umweltkosten an, die der Umweltbilanz des einzelnen Autos zugerechnet werden. Unbestritten ist, dass Elektrofahrzeuge aufwändiger herzustellen sind als herkömmliche Verbrenner und deshalb für die Produktion mehr Energie aufgewendet werden muss.

Aber: Zumindest ein großer Teil der Energiekosten, der bei der Herstellung anfällt, lässt sich bereits umweltverträglich neutralisieren. BMW beispielsweise will das beweisen: Der Autohersteller hat sich als Ziel gesetzt, seine Produktion bis nächstes Jahr zu 100 Prozent mit Ökostrom zu bestreiten.

Nutzen Zulieferer konsequent erneuerbare Energien?

Bleibt die Frage, ob ein deutsches Unternehmen das Gleiche auch von seinen Zulieferern verlangen kann? Die meisten Akkus für E-Autos kommen nämlich aus China, wo – je nach Landesteil – noch viel Kohlestrom in die Produktion fließt. Je nach Berechnung werden so über 100 Kilogramm CO2-Äquivalente pro von einer Autobatterie gespeicherten Kilowattstunde verursacht.

Fazit: Das Argument lässt sich teilweise entkräften. Eine vollständig klimaneutrale E-Auto-Produktion wird aber, was die Energiekosten betrifft, noch nirgendwo umgesetzt.

Hier lassen sich nur Fortschritte erzielen, indem der Ausbau erneuerbarer Energien international voranschreitet und Hersteller strengere Auflagen erhalten.

Argument 3: Die Herstellung benötigt problematische Materialien

Nicht berücksichtigt wurden bislang die Materialien, die beim Bau von Batterie, Motor, Karosserie und Innenausstattung anfallen. Besonders der Elektromotor bereitet Probleme. Für viele dieser Motoren müssen Seltene Erden verarbeitet werden – die Gewinnung dieser problematischen Metalle ist energieintensiv und bürdet den Herkunftsländern hohe Umweltkosten auf.

Doch auch hier sind technische Fortschritte zu verzeichnen: Tesla schafft es beispielsweise bereits, beim Motorbau auf Seltene Erden zu verzichten.

Andere Schwierigkeiten bereitet das Recycling: Hier sind wieder besonders die Batterien betroffen, die als Gefahrgut gelten, sobald sie das Auto verlassen. Doch auch in diesem Bereich sind die Prognosen vorsichtig positiv: Mercedes hat beispielsweise ein umfangreiches Programm aufgelegt, um Batterien aus E-Autos unter anderem als stationäre Energiespeicher weiterzuverwenden. Außerdem können schon jetzt über 90 Prozent der wertvollen Metalle aus den Batterien zurückgewonnen werden.

Was die anderen Bestandteile von E-Autos angeht, sind die Bemühungen der Hersteller höchst unterschiedlich.  Kleine Hersteller wie Sion Motors beispielsweise entwickeln pfiffige Kleinstromer, die mit eingebauten Moosfiltern gegen Feinstaub vorgehen.

Fazit: Das Argument lässt sich teilweise entkräften. Verschiedene Autobauer sind unterschiedlich weit, was die Nachhaltigkeit der verwendeten Materialien betrifft.

Auch die Herstellung von Elektromotoren und Akkus ist nicht mehr so problematisch, wie es noch vor einigen Jahren der Fall war, als die ersten Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen erschienen. Ökologisch neutral ist sie deswegen aber noch lange nicht.

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