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Ratgeber: Wälder

Spezial Umwelt 4: 2010
vom 19.11.2010

Wälder

Poker um die Regenwälder

Die Industriestaaten müssen den Tropenländern wohl mindestens jährlich 100 Milliarden Euro bieten, damit diese aufhören, mit der Regenwaldvernichtung das schnelle Geld zu machen. Zudem sollten die Verbraucher Druck ausüben, damit nur noch nachhaltig erzeugtes Holz aus der Dritten Welt verwendet wird.

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19.11.2010 | Axt statt Argumente. Der Chef des indonesischen Palmölverbands, Derom Bangun, will für Plantagen weiter Regenwald roden: "Wenn wir unsere Expansion stoppen, werden sich viele reiche Staaten freuen, weil sie dann keine Maßnahmen gegen die globale Erwärmung ergreifen müssen." Schließlich hätten die Industriestaaten ihre Wälder auch einst in Ackerland verwandelt, und sie erzeugten seit Jahrzehnten Unmengen des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2).

Für seine Verbandsmitglieder geht es um viel Geld: Ölplantagen sind in Südostasien Big Business, so wie am Amazonas die Rinderzucht und der Sojaanbau. Der Holzeinschlag floriert ohnehin bestens in den Regenwäldern rund um den Globus, aber auch in den weithin unberührten Wäldern Nordamerikas und Russlands. Da agieren milliardenschwere Konzerne, die es gewöhnt sind, Gesetze nach ihren Wünschen zu gestalten oder ungestraft zu brechen. 130.000 Quadratkilometer Wald werden jährlich weltweit zerstört. Kaum vorstellbar - eine Fläche, knapp doppelt so groß wie Bayern. Fast die Hälfte der vernichteten Wälder hatte der Mensch zuvor kaum betreten.

Gerade die Tropenwälder sind besonders reich an Pflanzen- und Tierarten, betont Roberto Maldonado, Experte der Umweltstiftung WWF für den Amazonas: "In den vergangenen zehn Jahren wurde hier im Schnitt alle drei Tage eine neue Art entdeckt." Aber nach Schätzungen rottet der Mensch zurzeit pro Tag wohl 150 Arten aus, oft bevor sie überhaupt entdeckt wurden. Ein Indiz für die Lebensfülle: Auf den Philippinen gibt es 3.000 Baumarten, in den kühleren Regionen - etwa in Kanada - nur 180. Dabei wäre auch in den nördlichen Urwäldern für Biologen noch viel zu entdecken, doch oft kommen ihnen die Holzfäller zuvor. "Die Menschheit vernichtet die genetischen Schatzkammern", bedauert WWF-Waldexpertin Nina Grießhammer. Da kann es kaum trösten, dass jährlich 60.000 Quadratkilometer neu mit Bäumen bepflanzt werden, davon zwei Drittel in China, das so die Ausbreitung seiner Wüsten stoppen will. Häufig entstehen Monokulturen, die anfällig für Schädlinge sind, gegen die dann die chemische Keule geschwungen wird. Noch ist knapp ein Drittel der globalen Landfläche mit Wald bedeckt, doch gingen in den vergangenen Jahren im Schnitt netto je gut 70.000 Quadratkilometer an Wald verloren.

Lange ignorierten die reichen Staaten die Waldvernichtung und freuten sich über die dadurch niedrigen Rohstoffpreise. Doch die Rodungen sorgen für ein Fünftel des von Menschen verursachten CO2 - insbesondere, weil in den Tropen die verbleibende Pflanzendecke abgebrannt wird, um die Areale dann landwirtschaftlich zu nutzen. Die dortigen Staaten verstehen selbstverständlich, dass diese Praxis den Klimawandel befeuert, und geben sich verhandlungsbereit: Sie würden die Wälder als CO2-Speicher erhalten, wenn der reiche Norden die ihnen dadurch entgehenden Gewinne ersetzt. Darüber verhandeln seit 2007 die Delegierten auf den UN-Klimakonferenzen. Griffig abgekürzt heißt das Konzept REDD: Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degration in Developing Countries, es geht also um die Verringerung des Schadstoffausstoßes von Entwaldung und Waldzerstörung in Entwicklungsländern.

Im Prinzip haben die Regierungschefs der acht führenden Industrienationen solchen Zahlungen bei einem Treffen im Juli 2009 zugestimmt. Der Durchbruch zu einer Vereinbarung sollte auf der Kopenhagener Weltklimakonferenz im Dezember 2009 gelingen, doch die endete ergebnislos. Die meisten Fachleute sind überzeugt: Mit einer REDD-Regelung ließe sich der globale CO2-Ausstoß deutlich senken - und zwar schneller und billiger, als es durch energiesparende Techniken möglich wäre.

Je Bürger 100 Euro für den Erhalt des Regenwalds

Gordon Brown hatte 2009 zu seiner Zeit als britischer Premier als erster Regierungschef eines Industrielandes einen konkreten Betrag genannt, den die wohlhabenden Staaten den Tropenländern anbieten sollten: jährlich 100 Milliarden US-Dollar, also rund 70 Milliarden Euro. Sicher wird es nicht bei diesem Betrag bleiben. Die Leiterin der Hilfsorganisation Oxfam, Barbara Stocking, geht bereits von 100 Milliarden Euro aus. Das Geld wäre aufzubringen: Jeder der 950 Millionen Einwohner der EU, der USA, Japans und Kanadas müsste gut 100 Euro opfern.

Als eine der Geldquellen empfahl Brown eine Abgabe auf den CO2-Ausstoß des Luft- und Seeverkehrs. Ein anderer Ansatz geht davon aus, dass die Fabriken und Kraftwerke in den Industriestaaten ab 2013 für ihren CO2-Ausstoß verstärkt Berechtigungszertifikate kaufen müssen. Einen Teil davon könnten sie statt von ihren Regierungen von den Regenwaldstaaten erwerben. Oder die Industrieländer geben einiges von ihren Erlösen in den REDD-Topf. Ein besonders heikles Verhandlungsthema: Verfügen allein die Regierungen der Tropenländer über die REDD-Gelder oder stellen die Industriestaaten sicher, dass die Dschungelregionen aus den Mitteln gezielt gefördert werden, damit die Menschen vor Ort den Walderhalt unterstützen?

Falls in absehbarer Zeit eine Grundsatzentscheidung für REDD zustande kommen sollte, wären noch zahllose Details auszuhandeln und die Regenwaldländer müssten Pläne erstellen, wie sie ihre Waldgebiete nutzen wollen, die meist als Staatsbesitz gelten. Wie viel soll für die Landwirtschaft gerodet werden, wo sollen Wälder als Wirtschaftsforst langfristig Erträge liefern oder als Naturschutzgebiet erhalten bleiben? Oder stehen die Urwälder doch den Bewohnern zu, zum Beispiel am Amazonas den noch nach ihrer Tradition lebenden 180 indigenen Völkern? Dazu wäre eine Verwaltung aufzubauen, die die Pläne umsetzt - angesichts der starken Korruption und Umweltkriminalität in vielen Tropenländern ein anspruchsvolles Ziel. Verglichen damit fällt die Kontrolle leicht: Ob die Flächen, für die eine REDD-Prämie gezahlt wird, tatsächlich erhalten bleiben, lässt sich mit Satelliten überwachen, mit Radar sogar bei geschlossener Wolkendecke. Letztlich würden aber Jahre vergehen, bis REDD wirkt. Die EU setzt als Ziel, die jährliche Zerstörung des Regenwalds bis 2020 zu halbieren und bis 2030 ganz zu stoppen.

Immerhin hat die UN ein Programm gestartet, mit dem in verschiedenen Regenwaldländern einige REDD-Projekte gefördert werden. So sollen Erfahrungen für ein später umfassendes Vorgehen gesammelt werden. Bei der Finanzierung knausern die Industriestaaten seit Beginn der Wirtschaftskrise noch mehr als vorher, großzügig zeigt sich aber das energiereiche Norwegen, das im Mai 2010 eine Milliarde Dollar bereitstellte, damit Indonesien wenigstens zwei Jahre lang keine neuen Rodungskonzessionen für besonders wertvolle Dschungelgebiete vergibt. Zudem fördert Oslo bereits mit Milliarden andere Projekte insbesondere in Brasilien.

Industriestaaten dulden Import geklauter Hölzer

Während ansonsten die Diplomaten verhandeln und die Planer ihre Konzepte entwickeln, wird in weiten Teilen der Tropen die Natur weiter ruiniert. Allein durch die illegalen Holzentnahmen entgehen den Tropenländern jährlich rund zehn Milliarden Euro, kalkuliert die Weltbank. Das meiste geklaute Holz landet in den Industriestaaten, die sich wie Hehler an der billigen Ware bereichern: Nach Schätzung der Welternährungsorganisation FAO drückt das Diebesgut die Holzpreise um bis zu 16 Prozent - auch zum Nachteil der deutschen Forstbesitzer. WWF-Forstexpertin Nina Grießhammer: "Rund 18 Prozent der in die EU importierten Holzprodukte kommen aus illegalen Quellen." Allein aus Indonesien, wo die Bäume wahrscheinlich zu 70 Prozent ohne Konzession gefällt werden, bezieht Deutschland Holzware für jährlich rund 125 Millionen Euro.

Aufgrund der Proteste der Umweltorganisationen wie auch heimischer Waldbesitzer gingen die USA schon vor einigen Jahren mit schärferen Gesetzen gegen den Import illegal geschlagenen Holzes und daraus erzeugter Produkte vor. Im Oktober 2010 zog die EU endlich nach. Wer Holz oder Holzprodukte erstmals von außen in die EU einführt, soll deren makellose Herkunft nachweisen, ausgenommen sind nur Druckerzeugnisse. "Wir sind gespannt, ob die europäischen Unternehmen jetzt schnell ein Kontrollsytem aufbauen, mit dem sie die Herkunft ihrer Importe nachweisen können", sagt Grießhammer. Schwierig wird das vor allem bei verarbeiteten Produkten. So konnte Greenpeace sogar einem führenden indonesischen Papierhersteller nachweisen, dass er im großen Stil gestohlene Bäume aufkauft. Vielfach importieren auch Chinas Firmen Raubholz aus Nachbarstaaten, das später in Form von Spanplatten, Möbeln oder Bodenbelägen in die USA oder nach Europa exportiert wird. Ohnehin verlangt die EU nur einen Nachweis, dass die Bäume legal gefällt wurden; das heißt noch lange nicht, dass sie aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammen, wie es für das Gütesiegel FSC gefordert wird. Offen ist auch, wie streng in der EU der Import von illegaler Holzware bestraft wird; das bleibt Sache der Einzelstaaten. Und: Die schärferen EU-Regeln gelten erst ab 2013, die Baumräuber können also ihre Beute noch einige Zeit ungestört nach Europa verhökern.

Alltäglicher Horror im Regenwald

Das Vorgehen der illegalen Rodungskommandos ist im Prinzip stets gleich: Zunächst fällen Sägetrupps die begehrten Edelhölzer, in den Tropen etwa Mahagonibäume, die deshalb bereits auf der Liste der bedrohten Arten stehen. Für den Abtransport werden Schneisen in den Wald geschlagen, auf denen anschließend Siedler vordringen und noch einige weniger begehrte Bäume schlagen. Erst jetzt kann die Sonne den gelichteten Regenwald so weit austrocknen, dass die verbliebenen Pflanzen abgebrannt werden können. Abschließend wird der Waldboden gepflügt, was zusätzlich Kohlenstoff in Form von CO2 freisetzt, den die Bäume über ihre Wurzeln dort gespeichert hatten. Nun ist die Fläche bereit für die Landwirtschaft - und endet nicht selten nach wenigen Jahren als Brache, weil tropische Böden meist wenig Nährstoffe enthalten und nur bei sorgsamer Pflege auf Dauer Ertrag bringen.

Wo der Wald zerstört wurde, wird deutlich, wie wichtig er für die Umwelt ist. Im Gebirge schützt er die Siedlungen vor Steinschlag und Schlammlawinen, indem er mit seinen Wurzeln die Hänge festigt; in Trockengebieten verhindert er die Wüstenbildung. Generell liefert er den lebensnotwendigen Sauerstoff, entzieht der Luft Schadstoffe, schafft ein angenehmes Klima in seiner Umgebung - und nimmt im Wachstum klimaschädliches Kohlendioxid auf. Last but not least: In seinem Wurzelwerk speichert er zunächst den Regen; überschüssige Mengen sinken dann langsam durch das Erdreich bis zum Grundwasser, sodass Hochwasser vermieden werden und die Quellen stetig sprudeln.

Die Rechte der Ureinwohner werden ignoriert

Unter der Zerstörung der Wälder leidet Afrika besonders: Auf die Länder südlich der Sahara entfällt mehr als die Hälfte des Regenwalds, der weltweit durch Raubbau verloren ging. "In Westafrika gibt es kaum noch intakte Urwälder, in Ostafrika laufen die Motorsägen auf Hochtouren", berichtet Martin Kaiser, Leiter Klimapolitik bei Greenpeace Deutschland. Glück im Unglück hatte Zentralafrika mit seinen 1,7 Millionen Quadratkilometern Regenwald im Kongobecken - ein Areal fast fünfmal so groß wie Deutschland. Anfang dieses Jahrhunderts herrschte in der Demokratischen Republik Kongo (DRK), zu der das größte Waldstück gehört, Krieg, und im Osten des Landes wird noch immer gekämpft, sodass Hunderttausende Menschen in die Wälder - auch in Naturschutzgebiete - flohen und dort roden, um Felder anzulegen. Viel Holz wird illegal in die Nachbarstaaten verschoben. Doch die industriellen Sägetrupps hielten sich zurück, die Waldverluste sind deshalb deutlich geringer als in anderen Teilen des Kontinents. Wegen vieler Betrugsfälle hat die Regierung zudem alle Holzkonzessionen überprüft. Resultat: Auf 210.000 Quadratkilometer Wald erhoben Firmen Ansprüche, es wurden aber nur Rechte auf 90.000 Quadratkilometer anerkannt. Knapp ein Fünftel davon entfällt auf die Schweizer Danzer-Gruppe, die ihr Gebiet nach den Regeln des Verbands FSC, den Umweltorganisationen respektieren, nachhaltig nutzen will. Für ihre 11.000 Quadratkilometer große Konzession in der benachbarten Republik Kongo haben die Eidgenossen bereits das FSC-Gütesiegel erhalten. Damit scheint der Erhalt des Waldes wenigstens in diesen Revieren gesichert.

Wohin ein raffiniert organisierter Holzklau führt, zeigt sich in Südostasien. Exemplarisch hier die Entwicklung in Indonesien, das in der Region die bei Weitem größten Waldflächen besitzt: fast 900.000 Quadratkilometer, was der gemeinsamen Fläche von Deutschland und Frankreich entspricht. Vor 15 Jahren war es allerdings noch ein Viertel mehr. In Südostasien wird der Regenwald nicht nur gerodet, um Holz zu gewinnen - auf den Flächen werden Plantagen für Palmöl angelegt. Davon liefern Indonesien und Malaysia mehr als vier Fünftel der Weltproduktion.

Mit dem Holzverkauf lässt sich schnell viel Geld verdienen. "Die Firmen roden deshalb weit mehr Land, als sie danach mit Palmen bepflanzen. Auf den Flächen lebt weiterhin die angestammte Bevölkerung und betreibt dort auf kleinen Parzellen Ackerbau und Viehzucht", sagt Klaus Schenck vom Verein Rettet den Regenwald. Das Pech der Bewohner: Weil sie keine Besitzdokumente vorlegen können, werden ihre traditionellen Rechte von der Regierung ignoriert - auch das hat schon Tradition. Schenck: "Unsere Experten haben ein Dorf besucht, dass mitten in einer mehrere Quadratkilometer großen Plantage liegt. Wer es erreichen will, muss sich am Kontrollposten der Plantage ausweisen." Früher haben die Bewohner vom umliegenden Regenwald gelebt, heute bleibt ihnen nur, sich auf der Plantage zu verdingen - falls es dort Arbeit gibt.

Unter Klimaaspekten sind Brandrodungen in Indonesien besonders schädlich: Vielfach steht der Dschungel auf meterdickem Torfboden, der sich mitentzündet, wochenlang schwelt und Unmengen an CO2 freisetzt. Folge: Das Inselreich ist der drittgrößte CO2-Emittent der Welt nach China und den USA. Indonesiens regionale Nachbarn in Kambodscha und auf den Philippinen vernichten ihren Wald in etwa demselben Tempo. Die Holzmafia ist auch am Amazonas stark. Dort bedeckte der Regenwald einst die 1,5-fache Fläche der EU: 6,7 Millionen Quadratkilometer. 60 Prozent davon gehören zu Brasilien. Bis 1970 blieb der Dschungel weitgehend unberührt. Doch seitdem ist knapp ein Fünftel gerodet worden, ein weiteres Fünftel haben Holzfäller stark geschädigt. Hintergrund: Um die grüne Hölle wirtschaftlich zu nutzen, versprach die Regierung damals jedem Bürger rund einen Quadratkilometer Fläche des bisher als staatlich geltenden Urwalds als Privateigentum. Bedingung: Der neue Besitzer musste ein Fünftel davon roden und landwirtschaftlich nutzen. Neben armen Landarbeitern, die dann als Kleinbauern primär für den eigenen Bedarf produzierten, kamen Rinderzüchter an den Amazonas, die heute rund 80 Prozent der Agrarfläche als Weiden nutzen.

Längst nicht jeder Siedler erhielt von den Behörden eine Eigentumsurkunde. Vielfach wurden Besitztitel gefälscht oder rechtmäßige Eigner darum betrogen. Rund 800 Menschen wurden im Rahmen solcher Konflikte ermordet. Beamte der Zentralregierung deckten zahllose Betrügereien mit Grundstücksrechten und Holzkonzessionen auf. Gegenüber dem Jahr 2004, als der Kahlschlag mit 27.000 Quadratkilometern ein Langzeithoch erreicht hatte, sank er im Jahr 2006 auf 14.000 Quadratkilometer und 2007 auf 11.900. Nach einer Zunahme 2008 auf 12.900 Quadratkilometer gingen die Rodungen 2009 auf 7.400 Quadratkilometer zurück - und in diesem Jahr wird mit einem weiteren Rückgang gerechnet.

Beim Kahlschlag hatten die Kleinbauern eine immer geringere Rolle gespielt, reiche Agrarunternehmer dominierten im vergangenen Jahrzehnt. Neben den Viehbaronen wurden etwa ab 1995 im Süden des Gebiets die Sojafarmer, die ihre Bohnen vor allem als Viehfutter exportieren, zu Treibern der Regenwaldrodung. Ihr Primus ist Blairo Maggi, der 4.000 Quadratkilometer Farmland besitzt, als größter Sojaerzeuger der Welt gilt und als Gouverneur dem Bundesstaat Mato Grosso am Südrand Amazoniens vorsteht. Eine umstrittene Person: Zum einen hat er sich für seinen Anteil an der Urwaldvernichtung die Goldene Kettensäge redlich verdient, die ihm Greenpeace 2005 als ironische Auszeichnung verlieh. Zum anderen arbeitet sein Unternehmen mit dem WWF und Großabnehmern wie Unilever an einem Gütezeichen für umweltschonend angebaute Sojabohnen.

Die von Maggi geleitete Staatsregierung und seine Firmen unterstützen auch zwei aktuelle Greenpeace-Projekte: Zum einen haben die führenden Fleischkonzerne 2009 zugesagt, keine Rinder aufzukaufen, die auf neu gerodeten Flächen geweidet wurden. Zum anderen haben sich die wichtigsten Getreidehändler bereits 2006 verpflichtet, von jedem Farmer nur so viel Soja aufzukaufen, wie er auf seinen legalen Feldern erzeugen kann. Tiere wie auch Soja von illegal gerodeten Flächen können somit nur noch schwer vermarktet werden. Der Anreiz sinkt, weiteren Regenwald zu zerstören. "Erste Analysen für die Pflanzsaison 2008/2009 zeigen, dass sich die Sojahändler an die Absprachen gehalten haben", berichtet Greenpeace-Mitarbeiterin Andrea Cederquist. "Allerdings legen unsere eigenen Beobachtungen nahe, dass für die aktuelle Anbauperiode mehr Flächen neu gerodet wurden; daher müssen die großen europäischen Sojakäufer weiterhin von ihren Lieferanten Belege verlangen, dass die gelieferten Bohnen nicht aus neu gerodeten Flächen stammen."

Schutzgebiete sollen die Natur retten

Gelingt es nicht, die Holzfäller zu stoppen, wird eine ohnehin drohende fatale Entwicklung noch wahrscheinlicher, wie Professor Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, erklärt: "Als Folge der Erderwärmung treiben vermutlich weniger Wolken von außen in das Amazonasbecken. Weil es zu wenig regnet, könnte der Urwald bis zum Ende des Jahrhunderts austrocknen und sich eine Steppe bilden. Diese Gefahr steigt noch, wenn weiter gerodet wird. Denn dann fehlen zusätzlich die Wolken, die sich derzeit über dem Wald durch Verdunstung bilden und wieder abregnen." Die Versteppung würde viele Milliarden Tonnen CO2 freisetzen, die die Erderwärmung weiter verstärken.

Bei der Abwehr dieser Klimagefahr können Naturschutzgebiete nur ein Teil der Lösung sein. Dabei sind die Areale beachtlich: Bis 2016 will Brasilien 600.000 Quadratkilometer Regenwald schützen - das entspricht der Fläche Deutschlands und Großbritanniens zusammen oder 18 Prozent des verbliebenen brasilianischen Amazonaswalds. Weit mehr als 400 Millionen Dollar wird das Projekt kosten, zu dem die Weltbank, die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau und der WWF beitragen. Mehr als die Hälfte der Fläche ist bereits festgelegt.

Hoffnung für die Wälder Südostasiens macht ein Schutzprojekt, das der WWF auf Borneo propagiert. Die Insel - mit fast 750.000 Quadratkilometern gut doppelt so groß wie Deutschland - teilen sich Indonesien, Malaysia sowie das Sultanat Brunei. Auf 40 Prozent der Inselfläche soll die Natur ungestört bleiben. Dazu unterzeichneten die Staaten im Mai 2008 einen Aktionsplan. Erfreulich auch, dass die vorhandenen kleinen Schutzgebiete mittlerweile besser vor Holzräubern geschützt werden. Wo ein strikter Schutz für die indonesischen Wälder nicht zu erreichen ist, sollten sie wenigstens nachhaltig genutzt werden, propagiert die dortige Umweltorganisation Telapak: Die Bewohner einer Gemeinde beschaffen sich die Konzession für das umliegende Gebiet und verwalten den Wald gemeinschaftlich, was Raubbau erschwert. Die Kooperativen verjagen auch Externe, die Bäume fällen wollen - es können nur Diebe sein.

Im Nachbarstaat Papua-Neuguinea, dessen 460.000 Quadratkilometer große Fläche noch weitgehend bewaldet ist, sind die Bedingungen für nachhaltiges Wirtschaften günstiger - auf dem Papier. Denn fast der gesamte Wald gehört laut Verfassung den vor Ort lebenden Volksgruppen. Die Regierung vergab dennoch Konzessionen für die Hälfte der Urwälder an Holzfirmen, weil die Bewohner ihre Gebiete nicht kartiert und angemeldet hatten. Einer dieser Gemeinschaften hat Greenpeace geholfen, ihre Rechte zu sichern. Nun hoffen die Umweltaktivisten, dass Nachbarvölker nachziehen.

Sichere Versorgung auch ohne Raubbau

Ob die im und vom Wald lebenden Völker tatsächlich auf Dauer wie ihre Ahnen den Wald hegen, bleibt abzuwarten. In der Demokratischen Republik Kongo nützte es wenig, dass Holzfäller neben der Konzession der Regierung auch die Zustimmung der Einheimischen benötigen. "Uns liegen Verträge vor, in denen

die wirtschaftlich völlig ahnungslosen

Dorfgemeinschaften ihre Rechte den Holzfirmen geben und dafür Geschenke wie Seife, Bier oder ein paar Säcke Salz und Zucker bekamen. Wenn alles gut läuft, erhalten sie eine Schulhütte", empört sich Greenpeace-Mitarbeiterin Cederquist über die formal legalen Vereinbarungen.

Wenn die Regenwälder in Zukunft nicht länger geplündert werden, wird es dennoch genug Holz geben. Zum einen könnten sie außerhalb der Schutzgebiete nachhaltig bewirtschaftet werden, was auf Dauer mehr Holz erbringt als einmaliger Kahlschlag. Zum anderen könnte etwa Skandinavien mehr liefern, aber auch die deutschen Wälder. Hierzulande werden jährlich knapp 50 Millionen Kubikmeter Holz eingeschlagen; 80 Millionen wären nachhaltig möglich, meldet das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Und der Bedarf an Holz könnte sogar sinken, wenn es effizienter genutzt würde, zum Beispiel durch mehr Papierrecycling.

Auch Agrarprodukte würden nicht knapp, wenn die Farmflächen nicht mehr zulasten des Waldes vergrößert werden, erklärt Tilman Santarius. Der Referent der Heinrich-Böll-Stiftung verweist auf Untersuchungen in 57 Ländern der Dritten Welt: "Kleinbauern konnten die Produktion je Hektar mit ökologischen Anbaumethoden um fast 80 Prozent steigern." Dank der intensiven Pflege war ihr Hektarertrag höher als der von Großbetrieben. Die passen ohnehin nicht in die Entwicklungsländer, weil sie nicht die reichlich vorhandenen Arbeitskräfte einsetzen, sondern stattdessen Kunstdünger, Pestizide und Maschinen, die in aller Regel importiert werden müssen.

Fragt sich nur, wann es zu wirksamen Vereinbarungen zum Schutz der Regenwälder kommt. Der globale Klimawandel sollte die Diplomaten anspornen, sich schnell zu einigen. 2011 wäre dazu ein gutes Jahr: Dann feiern wir nämlich laut UN-Beschluss das Jahr der Wälder.