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Ratgeber: Palmöl

Spezial Umwelt 4: 2010
vom 19.11.2010

Ratgeber: Palmöl

Problem-Kraftstoff aus den Tropen

Jeden Tag wird Regenwald gerodet, um Platz für noch mehr Palmen zu schaffen, denn die Plantagen liefern pro Hektar jährlich rund 3.500 Liter Öl, die besten sogar das Doppelte. Raps bringt höchstens ein Zehntel dieser Menge, Soja noch weniger. Die Welt verlangt nach mehr Palmöl - als Nahrungsmittel und Erdölersatz.

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19.11.2010 | Weltweit werden 2010 rund 46 Millionen Tonnen Palmöl produziert, zudem aus den Fruchtkernen noch 5,5 Millionen Tonnen Palmkernöl. 46 Prozent der Mengen liefert Indonesien, 41 Prozent Malaysia. Die Weltproduktion hat sich binnen 15 Jahren verdreifacht, und es kann noch viel mehr werden: Die Bäume gedeihen nicht nur in Südostasien, sondern im gesamten Tropengürtel der Erde, wo heute noch riesige Regenwälder stehen. Wenn die Ölpalmpflanzer vordringen, muss der Dschungel weichen. Es ist ein Milliardengeschäft.

3.300 Quadratkilometer Plantagen in Malaysia und knapp 2.000 Quadratkilometer in Indonesien - zusammen gut die doppelte Fläche des Saarlands - bewirtschaftet allein der Branchenprimus Sime Darby aus Malaysia, ein Mischkonzern, mehrheitlich im Staatsbesitz, der zum Beispiel auch BMW-Autos montiert. Er sicherte sich zudem die Rechte an 2.200 Quadratkilometern Land im afrikanischen Liberia. 2009 entschlüsselten Wissenschaftler des konzerneigenen Instituts als weltweit Erste das Genom der Ölpalme, nun wollen sie noch weit ertragreichere Pflanzen konstruieren.

Um die Nachfrage brauchen die Plantagenkonzerne nicht zu bangen. Europa kauft 28 Prozent der Ölmenge, die USA zehn Prozent. Gut 60 Prozent werden in Afrika verkocht - und in Asien, wo der wachsende Wohlstand den Absatz steigert. Die Einsatzgebiete sind vielfältig: Das Palmöl, das aus dem Fleisch der Frucht gewonnen wird, dient zum Braten, steckt aber auch in Margarine oder Schokoriegeln. Das anders geartete Kernöl wird dagegen zum Beispiel für Kosmetika und Putzmittel verwendet.

Die größten Zuwächse verspricht künftig jedoch der Einsatz als Bio-Treibstoff, der bislang eine untergeordnete Rolle spielt. "Das Wort Bio ist eine Schönfärberei, die Produktion von Palmöl entspricht keineswegs dem, was wir nach EU-Recht bei Bio-Ware erwarten dürfen", ärgert sich Klaus Schenck vom Verein Rettet den Regenwald über den von den Agrarlobbyisten etablierten Begriff für den Agrosprit. Die Branchenvertreter brachten auch für die Nutzung von Palmöl oder anderer Bio-Masse in Motoren und Kraftwerken ein famoses Werbeargument vor: Im Wachstum entnehmen Pflanzen der Luft etwa so viel CO2, wie später bei ihrer Verbrennung wieder frei wird - also arbeiten die Anlagen unterm Strich CO2-neutral.

Das Wort Bio-Kraftststoff erweckt falsche Vorstellungen

Diese Einschätzung kam den Industriestaaten gerade recht, die sich 1997 auf der Klimakonferenz in Kyoto verpflichtet hatten, ihren CO2-Ausstoß zu reduzieren. Wenn sie statt fossiler Brennstoffe teils Bio-Masse einsetzen - so die Hoffnung -, erfüllen sie die Zusagen, ohne ihren Energieverbrauch tatsächlich zu drosseln. Auf Druck der Autolobby wurden 2007 die Vorgaben für die künftige Beimischung von Agrosprit zum Benzin und Diesel erhöht, um die Schadstoffbilanz der Pkws aufzubessern und der Autoindustrie schärfere EU-Auflagen zu ersparen. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich allerdings, dass die Umweltbilanz der Agrokraftstoffe weniger günstig ist als behauptet. Weil bei ihrer Erzeugung bereits Erdölprodukte verbraucht werden - vom Traktordiesel bis zu Pflanzenschutzmitteln und Kunstdünger -, verursacht der Einsatz von Palmöl netto lediglich rund ein Drittel weniger Treibhausgase als fossiler Treibstoff. Und auch das gilt nur, wenn die Pflanzen auf einer vorhandenen Acker- oder Brachfläche angebaut werden. Negativ kann die Klimabilanz bereits werden, wenn eine Wiese für die Plantage umgepflügt wird, denn dann gibt der aufgerissene Boden viel CO2 ab. Weit schlimmer, wenn Regenwald in Flammen aufgeht, um Platz für Palmen zu schaffen. Dabei wird so viel CO2 frei, wie der erzeugte Agrosprit in 300 Jahren einspart.

Um nicht die Regenwaldvernichtung zu forcieren, reduzierte die Bundesregierung die Förderung von Agrokraftstoff und die Beimischungsquoten. Ab Januar 2011 wird die Agroenergie auch nur noch als Treibstoffbeimischung anerkannt oder mit einem Bonus beim Einsatz in Kraftwerken nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz belohnt, wenn für den Anbau keine wertvolle Natur vernichtet, keine Landrechte Dritter verletzt und weder Kinder noch Sklaven zur Arbeit eingesetzt wurden. Generell muss der Ersatz von fossilen Brennstoffen durch Pflanzenöl zudem den CO2-Ausstoß vom Anbau bis zur Verbrennung um mindestens 35 Prozent senken. Nur wenn das mit einer Treibhausgasbilanz des jeweiligen Landwirtschaftsbetriebs nachgewiesen wird, gibt es die Subventionen.

Für Europa starteten die Landwirtschaftsverbände und Agrosprithersteller das Prüfsystem Redcert. Damit aber auch Pflanzenöl aus den Tropen noch eine Chance hat, in Deutschland verfeuert zu werden, ließ Berlin eigens ein System entwickeln, mit dem die Erzeugung von Bio-Masse geprüft wird: International Sustainability and Carbon Certification (ISCC). Anfang 2010 ging es an den Start. Dabei gibt es bereits seit Anfang 2009 Palmöl mit Zertifikat zu kaufen, vergeben vom Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO - Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl). Die Umweltorganisation WWF hat ihn initiiert; die führenden Herkunftsländer sowie große Produzenten, Händler und einige Verarbeiter aus der Lebensmittel-, Kosmetik- und chemischen Industrie wirken mit. RSPO prüft jedoch ein Kriterium nicht, das die deutsche Nachhaltigkeitsverordnung vorschreibt: die Treibhausgasbilanz der Plantage - also die Menge an fossiler Energie, die für den Betrieb von Maschinen sowie für Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel verwendet wurde, ferner bei neuen Plantagen den CO2-Anfall bei deren Anlage. Dafür also ein neues System, statt dass die RSPO-Prüfer diese Werte zusätzlich ermittelt hätten.

Wir müssen alle Arten der Landnutzung regulieren

Doch sowohl RSPO als auch ISCC besitzen Schwächen. Falls eine Plantage vor dem Stichtag des Prüfsystems - bei RSPO der 1. November 2005, bei ISCC der 1. Januar 2008 - angelegt wurde, fragen die Experten nicht, ob dafür Regenwald oder andere wertvolle Biotope zerstört und in dem Gebiet traditionell lebende Menschen vertrieben wurden. Dieser Bestandsschutz war Bedingung dafür, dass sich überhaupt Palmkonzerne fanden, die die Zertifizierungsregeln anerkennen und von nun an nachhaltiger agieren wollen. Nur Plantagen, die nach den Stichtagen auf besonders wertvollen Naturflächen neu entstehen, würde das Nachhaltigkeitszertifikat verweigert - nicht aber Neuanlagen auf bisherigen Brachflächen. Als solche gelten etwa in Indonesien die riesigen Flächen, auf denen der Regenwald bereits vor einiger Zeit gerodet wurde - teils mit, teils ohne Erlaubnis. Die Zertifizierer würden das Gütesiegel auch vergeben, wenn zum Beispiel eine Viehweide zur Palmplantage wurde. Dass für eine neue Weide dann wohl wieder Regenwald fällt, wird nicht berücksichtigt. "Letztlich brauchen wir eine Vereinbarung, die alle Arten von Landnutzung reguliert - auch für Viehweiden oder für Soja, das als Futtermittel dient", sagt Uwe Lahl, Professor an der TU Darmstadt und aus seiner Zeit als Ministerialdirektor im Bundesumweltministerium mit der Materie bestens vertraut. Doch so genau wollen sich die Tropenländer nicht festlegen lassen.

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