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Meeresverschmutzung: Von A wie Atommüll bis V wie Versauerung

Wie wir unsere Ozeane bedrohen und zerstören

Autor: ÖKO-TEST-Redaktion | Kategorie: Freizeit und Technik | 10.02.2016

Meeresverschmutzung: Von A wie Atommüll bis V wie Versauerung
Foto: CC0 / Pixabay / papazachariasa

Wir vergiften die Ozeane mit Abwässern, Müll, Chemikalien und Rohstoffabbau. Dazu kommt der Schaden, den unsere fossilen Brennstoffe anrichten: Denn Kohlendioxid führt direkt zu chemischen Veränderungen im Meerwasser, zudem werden die Ozeane im Zuge des Klimawandels wärmer. Eine Bestandsaufnahme.

Der Dokumentarfilm "Tipping Point" zeigt, wie das Leben eine Meeresschnecke und einer Kaltwasserkoralle aus der Arktis durch Veränderungen des Wassers gefährdet wird. Die im Film thematisierte Gefahr entsteht durch das Kohlendioxid (CO2) aus der Verbrennung fossiler Energieträger.

Auch CO2 verschmutzt die Meere

Kohlendioxid trägt nicht nur wesentlich zum Klimawandel und damit zur Erwärmung der Ozeane bei, sondern verändert auch – bislang wenig beachtet – die chemische Zusammensetzung des Meerwassers. Denn das Wasser der Ozeane nimmt rund 30 % des CO2 auf, das aus den Schornsteinen und Auspuffrohren strömt. Bliebe alles CO2 in der Atmosphäre, wäre die Erderwärmung heute schon weitaus deutlicher zu spüren.

Die Schädigung durch CO2 ist aber nur ein Teil des Generalangriffs der Menschen auf das Ökosystem der Ozeane: Zudem setzen wir der Natur zu, indem wir viel zu viele Fische fangen und die Meere als Kloake und Müllkippe missbrauchen. "Weil sich die Attacken auf die Wasserwelt gegenseitig verstärken, schreitet ihre Zerstörung unerwartet schnell voran", erklärt Carlo Heip. Der Leiter des Königlichen Niederländischen Institut für Meeresforschung und sein Team haben im Auftrag der Europäischen Union mehr als 100 Studien zu maritimen Einzelproblemen auf solche Wechselwirkungen hin überprüft.

Überfischung bedroht den Ozean

Dabei ließen sich die Vermüllung und Überfischung der Ozeane binnen weniger Jahre durch strikte internationale Regeln und Kontrollen drastisch vermindern. Die Biotope würden sich erholen, die Menge der Fische, die nachhaltig gefangen werden könnte, wäre sogar schon nach wenigen Jahren deutlich höher als heute. Würde die Meeresflora und -fauna wieder gesunden, könnte sie sich besser an die Veränderungen anpassen, die das CO2 aus der Verbrennung fossiler Energieträger auslöst.

Weil dessen Menge selbst nach optimistischen Prognosen erst in Jahrzehnten nennenswert sinkt, wird es weiterhin aus der Luft in das Meerwasser gelangen – mit fatalen Folgen: Es entsteht Kohlensäure, welche die Muschelgehäuse und Korallenbänke angreift. Zudem binden weitere chemische Prozesse im Wasser die freien Kohlenstoffatome, die dann den jungen Muscheln und Korallen beim Bau ihrer Schutzgebilde fehlen.

Ratloses Sinnbild: Eisbären leiden unter der Polarschmelze, ihnen fehlen Futterquellen und Rückzugsgebiete.
Ratloses Sinnbild: Eisbären leiden unter der Polarschmelze, ihnen fehlen Futterquellen und Rückzugsgebiete. (Foto: CC0 / Pixabay / 358611)

Versauerung macht das Meer zur Todeszone

Besonders schnell schreitet die Versauerung in den Polargebieten voran, weil kaltes Wasser mehr CO2 aufnimmt als warmes. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts entwickelt sich ein Zehntel des Eismeers zur Todeszone für Muscheln und Korallen. Würden weiter fossile Energieträger verbrannt, wären nach den Computersimulationen bis zum Ende dieses Jahrhunderts alle Meeresgebiete versauert. Schnecken, Muscheln und Korallen sterben aus, und die Fische, die bislang von und mit ihnen leben, werden zumindest dezimiert.

Im Gegensatz zur Versauerung wird die Erwärmung der Ozeane im Zuge des Klimawandels schon länger erforscht, denn seine Anzeichen sind deutlich zu sehen. So war in der Arktis die Nordwestpassage vom Atlantik in den Pazifik bereits 2007 erstmals seit Menschengedenken vollständig eisfrei. Wenn das Eis der Arktis künftig im Sommer weitgehend schmilzt und die Gletscher Grönlands schrumpfen, hat das dramatische Folgen.

Meereserwärmung gleicht einem Horrorfilm

Steigt die Temperatur im Meer generell an, wandern einige Fischarten nach Norden und Süden in relativ kühlere Gewässer, um die Erwärmung für sich auszugleichen.

Was den sesshaften Fischen droht, beschreibt Professor Ulrich Sommer vom IFM-Geomar mit einem Szenario für die Ostsee im Jahr 2030, das einem Horrorfilm gleicht: Der Winter war wieder mild, schon im Februar schlüpfen die Larven der Ruderfußkrebse in Massen, doch ihnen fehlen als Futter die einzelligen Algen. Denn die wachsen erst ab März, wenn die Sonne höher steht. Die Krebslarven verhungern. Wenn wenige Wochen später die Heringslarven schlüpfen, finden sie keine Ruderfußkrebse zum Fressen vor – auch sie verhungern.

Zusätzlich zu solch speziellen Notlagen wird sich die Ernährungslage in den Ozeanen generell verschlechtern, denn in warmen Gewässern wächst weniger Phytoplankton, jene Algen, welche für das menschliche Auge unsichtbar im Wasser schweben und die Basis der maritimen Nahrungskette bilden. Wenn ihre Masse schrumpft, wird sich der Klimawandel beschleunigen, denn sie nehmen bisher einen Teil des im Meer gelösten CO2 auf, nutzen den Kohlenstoff für ihr Wachstum und geben den Sauerstoff in die Atmosphäre ab.

Rohstoffhunger trägt zur Meeresverschmutzung bei

Während Biologen und Klimaforscher mit Sorge die Folgen der Erderwärmung erkunden, packen die Experten der Ölkonzerne hoffnungsfroh ihre Gerätekoffer: Da das Eis der Arktis schmilzt, wird für sie der Weg frei zu den dort vermuteten großen Öl- und Gasvorkommen. Schon in ruhigeren Gewässern kam es bei der Ölsuche zu etlichen schweren Unfälle. Da die Arktis auch ohne Eis ein ungemütlicher Ort bleibt, ist dort das Risiko wesentlich höher. Und die Folgen für die Umwelt wären noch gravierender, weil in der Kälte weniger Öl verdunsten würde.

Im Südpazifik beginnt ebenfalls ein neues Kapitel der Ausbeutung der Meere: Zwei Gesellschaften, hinter denen Bergbaukonzerne stehen, haben sich vor Neuseeland und vor Papua-Neuguinea Konzessionsgebiete von der Größe Englands gesichert, um aus rund 2.000 Metern Tiefe Sedimente mit hohen Anteilen an Eisen, Mangan, Kupfer, Zink und Gold zu fördern – die Trümmer der sogenannten Schwarzen Raucher.

Schwarze Raucher enthalten begehrte Mineralien

Sie entstehen, wenn Meerwasser durch Risse in die Erdkruste eindringt, dort viel Schwefel und die Metallsalze auswäscht – bis es 400 Grad Celsius heiß und unter hohem Druck wieder austritt: Im Licht von Tauchbooten sieht es aus, als steige dunkler Rauch aus dem Boden – daher der Name. Sobald die heiße Schwefelbrühe auf das in dieser Tiefe nur zwei Grad warme Meerwasser trifft, setzen sich die Mineralien ab und bilden rund um die Quelle eine Art Kamin. Nach etwa 20 Jahren ist die Röhre mit Mineralien verstopft, die Quelle sucht sich einen anderen Ausgang. Alte Kamine stürzen ein, im Lauf der Jahrtausende bildete sich ein wahres Trümmerfeld.

Die Tiefseequellen und ihre Umgebung bilden ein Biotop mit vielen, meist nur in dieser Umgebung lebenden Arten. Basis der Nahrungskette sind Bakterien, die in der heißen, dunklen Umgebung aus Schwefelwasserstoff und Kohlenstoffdioxid organische Verbindungen schaffen. "Ähnlich waren die Bedingungen, als das irdische Leben entstand", sagt Greenpeace-Biologe Thilo Maack. "Noch bevor diese Wunderwelt erforscht ist, dringen die Konzerne ein."

Verschmutzung der Meere: Ein Plastikbecher wird am Strand angespült
Verschmutzung der Meere: Ein Plastikbecher wird am Strand angespült (Foto: CC0 / Pixabay / flockine)

Ebenfalls gefragt: Kobalt, Kupfer, Mangan

Besorgt erwartet Maack schon die nächste Stufe der maritimen Rohstoffgewinnung: den Abbau von Manganknollen in gut 4.000 Metern Tiefe. Die Brocken, die auch Kobalt, Kupfer sowie die Hightech-Metalle Tellur und Molybdän enthalten, bedecken wie große schwarze Kartoffeln über weite Strecken den Boden des Pazifiks.

Südöstlich von Hawaii sicherte deshalb die Bundesregierung der deutschen Forschung und Industrie Abbaurechte. Bereits in den 1980er Jahren waren deutsche Ingenieure dort aktiv. Dann sank mit den Rohstoffpreisen das Interesse – nun ist es wieder erwacht: "Es geht um die Entwicklung von Know-how und den Zugriff auf die Ressourcen", erklärt Lutz Reinhardt von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover.

Methanhydrat: So begehrt wie klimaschädlich

Verlockend ist noch ein anderer Schatz auf dem Meeresgrund: Methanhydrat – eine Verbindung von Methan, dem Hauptbestandteil des Erdgases, und gefrorenem Wasser. Ab rund 500 Meter Tiefe und unter entsprechendem Druck lagert an verschiedenen Stellen der Weltmeere in dieser Form eine Energiemenge, die vermutlich der von Öl, Gas und Kohle zusammen entspricht.

Holt man einen Kubikmeter Methanhydrat an die Oberfläche, werden 160 Kubikmeter brennbares Methan frei. Doch wer im großen Maßstab die Bestände abbaggern wollte, riskiert, dass eine gesamte Lagerstätte explosionsartig nach oben steigt. Das würde nicht nur einen Tsunami auslösen, sondern auch dem Treibhaus Erde mächtig einheizen: Methan ist unverbrannt 23-mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid.

Meeresverschmutzung durch Abwasser und Atommüll

Die Menschheit scheut auch nicht davor zurück, die Abwässer sogar von Millionenstädten in den Schwellenländern und in der Dritten Welt ungeklärt ins Meer zu leiten. Selbst eine Stadt wie die EU-Metropole Brüssel verfügt erst seit 2005 über ausreichende Kläranlagen. Teils wird auch Giftmüll auf hoher See verklappt, also über eine große Strecke verteilt. Seit 1992 ist das zumindest in europäischen Gewässern verboten.

Unabsehbare Folgen hat die radioaktive Belastung der Meere. Als nach dem Reaktorunglück in Fukushima verstrahltes Wasser ins Meer lief, sorgte das für Schlagzeilen. Doch die atomaren Wiederaufarbeitungsanlagen im französischen Le Havre und im britischen Sellafield pumpen routinemäßig ihre radioaktiven Abwässer in die See. Ohnehin lagern im Nordmeer ausgediente Kernreaktoren der russischen Flotte und verteilt auf alle Ozeane verrotten auf deren Grund insgesamt mindestens 85.000 Fässer mit Atommüll, die 13 Länder – darunter Deutschland – dort billig entsorgt haben. Erst 1993 wurde das verboten.

Sinnbild der Zerstörung: Hinten das Meer, vorne der Müll.
Sinnbild der Zerstörung: Hinten das Meer, vorne der Müll. (Foto: CC0 / Pixabay / sergeitokmakov)

Albatrosse füttern ihre Küken mit Plastik

Selbst banale Maßnahmen zum Schutz der Meere unterbleiben. So wäre es einfach, dafür zu sorgen, dass die Seeleute ihre Abwässer und den Müll nicht ins Meer kippen, sondern an Land entsorgen. Doch solange das nicht einmal in allen EU-Häfen gratis möglich ist, bleibt der Ozean die billigere Alternative.

Aber längst nicht aller Unrat auf See stammt von den Schiffen. 80 % der Meeresverschmutzung geht vom Land aus, ermittelte die UN-Umweltbehörde UNEP, allein mehr als fünf Millionen Tonnen Plastikmüll gelangen jährlich in die Ozeane. Meerestiere verfangen sich in herumtreibenden Kunststoffschnüren und Netzen oder fressen Plastikteile. Eine Million Seevögel, 100.000 Meeressäuger und unzählige Fische verenden so, schätzt die UNEP.

Zwei Beispiele: Als 54 Mittelmeer-Schildkröten tot bei einem Raubfischer beschlagnahmt wurden, fanden Biologen der Universität Valencia im Magen von 43 der Tiere Plastikteile, die sie nicht ausscheiden konnten. Und Greenpeace meldet, dass zwei von fünf Albatrossküken sterben, weil die Eltern sie mit Plastikteilen füttern. Nach dem Tod der Tiere wird der Kunststoff im Zweifel mit den Kadavern erneut gefressen.

Ein Müllteppich von der Größe Zentraleuropas

Die Müllmenge im Meer wächst von Jahr zu Jahr, weil die Kunststoffe nur langsam zerfallen – einige erst in 450 Jahren. Kurios und erschreckend zugleich: Beständige Meeresströmungen schwemmen den Plastikmüll von den Rändern des Pazifiks in ein Gebiet zwischen Hawaii und Kalifornien, wo ein Müllteppich von der Größe Zentraleuropas entstand. Bis in 30 Meter Tiefe wirbeln die Teilchen.

"Im nächsten Jahrzehnt wird sich ihre Zahl verzehnfachen. "Dann treiben an der Oberfläche des Pazifiks mehr Mikroplastikpartikel als Plankton", sagt der amerikanische Meeresforscher Charles Moore, der die pazifische Müllwüste untersucht hat. Eine Wende kann wohl nur gelingen, wenn die Industrie künftig Kunststoffe einsetzt, die in der Natur schnell in unbedenkliche Materialien zerfallen.

Über die Nahrungskette kommt alles zurück

Letztlich zerbröselt auch heutiges Plastik zu mikroskopisch kleinen Teilchen. Forscher der Universität Plymouth fanden sie in allen Sandproben, die sie an britischen Stränden sammelten. Ebenso liegen sie allenthalben am Meeresboden, wo Kleinlebewesen sie aufnehmen, bis diese selbst gefressen werden. Über die Nahrungskette gelangt das Material bis zum Menschen – mit unbekannten Folgen.

Perfide: Plastikteile ziehen im Meer treibende Giftstoffe an wie ein Schwamm – auch hormonartige Substanzen aus eingeleiteten Abwässern.

Fazit: Alle aufgezeigten Probleme sind von Menschen verursacht. Sie sind also wieder zu ändern. Nur halbherzig wie bisher dürfen wir nicht mehr vorgehen.

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