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Greenpeace im Interview: "Die Meere befinden sich in einer historischen Krise"

Autor: Nico Barbat | Kategorie: Freizeit und Technik | 15.01.2021

Der Greenpeace-Eisbrecher "Arctic Sunrise" ist für viele zum Sinnbild für den Kampf gegen die Verschmutzung der Meere geworden.
Foto: Bill Young / Jaynes Gallery / DanitaDelimont.com

30 Prozent der Weltmeere müssen bis zum Jahr 2030 unter besonderen Schutz gestellt werden, empfiehlt die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Der Meeresbiologe und Greenpeace-Experte Thilo Maack erklärt, wie das Vorhaben gelingen soll – und wie jeder von uns durch ein bewussteres Konsumverhalten zum Schutz der Ozeane beitragen kann.

ÖKO-TEST: Herr Maack, wie geht es unseren Ozeanen?

Thilo Maack: Im Jahr 2019 wurden zwei sehr wichtige Studien zum Zustand der Meere veröffentlicht. Der Bericht der Vereinten Nationen zum Stand der Artenvielfalt sagt ein rasantes Aussterben von bis zu einer Million Tierarten weltweit voraus, wenn wir nicht radikal etwas ändern. In den Meeren schreitet der Artenverlust sogar doppelt so schnell voran wie an Land.

Die zweite Studie stammt vom Internationalen Klimarat und behandelt den Zustand der Meere und der vereisten Teile des Planeten, der Kryosphäre. Demnach verlieren wir jährlich bis zu 500 Milliarden Tonnen Eis am Großen Grönland-Gletscher und an den Gletschern der Antarktis, was zum Meeresspiegelanstieg führt. Diese Zahlen sind alarmierend. Die Meere befinden sich in einer Krise, die nicht weniger als historisch zu bezeichnen ist.

Studie 30X30: Greenpeace fordert Meerschutz

Greenpeace fordert in der Studie 30X30, dass 30 Prozent der Weltmeere bis zum Jahr 2030 geschützt werden. Wie realistisch ist dieses Ziel?

Maack: In den Aichi-Zielen der Biodiversitätskonvention von 2010 wurde festgehalten, dass 10 Prozent der Meere bis 2020 streng geschützt werden sollen. Dieses Ziel wurde verfehlt, es ist gerade einmal etwas mehr als ein Prozent, gerade im Bereich der Hohen See. Wenn man jetzt 30 Prozent bis 2030 erreichen möchte, dann ist das aus unserer Sicht ein richtig gutes Ziel. Aber ob dieses Ziel erreicht werden kann, steht auf einem vollkommen anderen Blatt. Aktuell kann ich beispielsweise nicht erkennen, wie ernst es der Bundesregierung ist.

Worum geht es dann bei 30X30?

Maack: Wir benötigen dringend einen Ozeanvertrag zum Schutz der Hohen See, an dem die Vereinten Nationen gerade arbeiten. In diesen Bereichen jenseits der 200-Seemeilen-Zone gilt bislang das Prinzip der Freiheit, das besagt, dass auf dem Meer letztendlich alles erlaubt ist, was nicht explizit verboten ist. Wir wollen einen Paradigmenwechsel erreichen, nach dem auf dem Meer alles verboten ist, es sei denn, es ist unter ganz bestimmten Voraussetzungen erlaubt.

Da geht es um Umweltverträglichkeitsprüfungen, um Ausgleichszahlungen für Staaten, die von der Meeresnutzung nicht profitieren können, um Regeln für den Umgang mit den genetischen Ressourcen und Schätzen der Meere und um einen Mechanismus für die Einrichtung von streng geschützten Gebieten, in denen die Natur sich selbst überlassen bleibt.

Greenpeace appeliert an die Politik 

Nach welchen Kriterien können diese Schutzgebiete ausgewählt werden?

Maack: Für den 30X30-Schutzgebietsvorschlag, den Greenpeace gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universitäten New York und Oxford erstellt hat, wurden die verfügbaren Daten beispielsweise von Auftriebsgebieten, Tiefseebergen, besonderen Lebensräumen, Wanderrouten von Walarten und Präsenz von Massenansammlungen von Fischarten. Diese Karten wurden übereinandergelegt, und dort, wo die meisten Schnittmengen sind, macht es am meisten Sinn, Schutzgebiete festzulegen, also tatsächlich ökologisch besondere Bereiche unter besonderen Schutz zu stellen.

Greenpeace Ocean Campaigner und Diplom-Biologe Thilo Maack an Bord des Greenpeace-Schiffs "Arctic Sunrise". Greenpeace-Aktivisten und Taucher der niederländischen Organisation Ghost Fishing bergen im Schutzgebiet Sylter Aussenriff verlorene Fischernetze.
Greenpeace Ocean Campaigner und Diplom-Biologe Thilo Maack an Bord des Greenpeace-Schiffs "Arctic Sunrise". Greenpeace-Aktivisten und Taucher der niederländischen Organisation Ghost Fishing bergen im Schutzgebiet Sylter Aussenriff verlorene Fischernetze. (Foto: Bente Stachowske / Greenpeace)

Sie appellieren an die Politik, sich stärker für den Schutz der Meere einzusetzen. Wo liegen die Probleme?

Maack: Die Bundesregierung hat schon 2007 fast 50 Prozent der deutschen Nord- und Ostsee unter Schutz gestellt. Auf den Bereich jenseits der 12 Seemeilen bezogen, sind es etwas mehr als 30 Prozent. Das ist schon recht viel. Wenn man aber anschaut, was ist in diesen strengen Schutzgebieten reglementiert ist, dann muss man feststellen, dass das reine Papiertiger sind.

Nach wie vor wird dort Sand und Kies abgebaut, nach wie vor findet zerstörerische Grundschleppnetzfischerei statt – das muss Deutschland dringend angehen, zumal sich die Bundesregierung gerne ins Geschirr wirft, wenn es um internationalen Meeresschutz geht. Deutschland ist gerade der globalen Ozeanallianz beigetreten, müsste aber erstmal vor seiner eigenen Haustüre kehren.

Meerschutz: Jeder kann etwas dafür tun

Kann jeder Einzelne denn überhaupt etwas tun, um einen Beitrag zum Meeresschutz zu leisten?

Maack: Die drei großen Triebfedern für den schlechten Zustand der Meere sind die Folgen des Klimawandels, die Überfischung und die Vermüllung der Meere vor allem mit Plastik. Wenn man praktische Handlungstipps benennen wollte, dann müsste man ganz klar sagen, dass wir aufhören müssen, fossile Energieträger zu verbrennen.

Jeder von uns kann mit dem Fahrrad fahren, keiner braucht einen spritfressenden SUV. Man sollte auch keine großen Flugreisen machen, sondern muss einfach insgesamt versuchen, seinen persönlichen Kohlenstoffabdruck auf der Erde klein zu halten.

Wie steht es um die persönliche Einflussmöglichkeiten auf die Überfischung?

Maack: Eine sehr gute Einflussmöglichkeit wäre es, wenn wir Fisch wirklich viel mehr als Delikatesse betrachten und nur zu besonderen Gelegenheiten essen würden – und nicht jeden Dienstag Abend panierte Fischstäbchen, die ohnehin nur nach dem Öl schmecken, in dem man sie ausgebraten hat. Das Ziel muss es sein, Fisch ganz bewusst zu essen, nur zu besonderen Gelegenheiten und maximal zweimal im Monat.

Wir müssen auf einen Pro-Kopf-Verzehr von 8 Kilo kommen, pro Kopf und Jahr weltweit. Wir sind mittlerweile aber bei über 20 Kilo, in Deutschland bei knapp 15 Kilo. Es gibt viele No-Go-Fischarten wie Aal, Seezunge, Schillerlocken, Roten Thunfisch, Blauflossenthunfisch – das sind Arten, von denen man die Finger lassen muss.

Ansonsten lohnt sich ein genauerer Blick darauf, welche Fangmethoden für den Fisch, der auf unserem Teller landet, eingesetzt werden, aus welchem Bestand die Fischart entnommen wurde, und ob es bei der Erzeugung Verstöße gegen die Menschenrechte gegeben hat – das ist bei ganz vielen Thunfischprodukten der Fall.

Sogenannte Geisternetze, in den Gewässern umhertreibende Fischernetze, sind Todesfallen für Meerestiere wie Fische, Delfine, Haie und Meeresschildkröten.
Sogenannte Geisternetze, in den Gewässern umhertreibende Fischernetze, sind Todesfallen für Meerestiere wie Fische, Delfine, Haie und Meeresschildkröten. (Foto: VisionDive / Shutterstock)

Verzicht auf Plastik: Greenpeace-Experte gibt Tipps 

Plastik steckt an und in vielen Alltagsprodukten. Wie können wir den Plastikkonsum verringern?

Maack: Wir können auf Plastik, wo es geht, verzichten. Wir müssen keine Produkte kaufen, in denen zum Beispiel Mikrokunststoffe sind, wie in vielen Kosmetika. Wir müssen keine Plastiktüten an den Supermarktkassen mitnehmen, und wir können mittlerweile auch in Läden einkaufen, wo es unverpackt Reis, Bohnen oder Haferflocken gibt. Wir sollten einfach versuchen, unseren Plastikfußabdruck so klein wie möglich zu halten.

Über welche Wege gelangt denn Plastik überhaupt in erster Linie ins Meer?

Maack: Die Hauptanteil kommt aus fünf beziehungsweise sechs großen asiatischen Ländern, darunter China und Thailand. Sie sind letztlich für die Hauptplastiklast im Meer verantwortlich. Aber es kann nicht sein, dass zum Beispiel wir unsere gelben Säcke aus Deutschland nach Malaysia transportieren, die dann dort einfach wild entsorgt werden.

Wilde Müllkippen sind die Haupteintragsorte für Plastikmüll im Meer, die über Winde und die Flüsse letztendlich ins Meer gespült werden. Der weitaus größte Anteil des Plastiks, der im Meer vorliegt, kommt über Eintragswege vom Land. Nur zehn Prozent des Mülls kommt tatsächlich aus dem Schiffsverkehr.

Lärm durch Schiffe und Windparks

Apropos Schiffsverkehr – die Meere leiden auch an Lärmverschmutzung unter anderem durch Schiffe.

Maack: In der südlichen Nordsee liegt eine der Hauptschiffsverkehrsadern der Welt, mit eine der stärksten frequentierten Wasserstraßen der Welt. Der Unterwasserlärm nimmt stetig zu und hat besondere Auswirkungen auf Meeressäugetiere, auf Wale, Delfine und Robben zum Beispiel. Gerade Waltiere orientieren sich unter Wasser in erster Linie durch Töne und Echolokation. Die Welt der Wale besteht aus Tönen, so wie die Welt der Menschen aus Bildern besteht. Und der Unterwasserlärm durch den Schiffsverkehr hat Auswirkungen auf die Wale.

Eine Technologie, die zum Beispiel von der amerikanischen Marine eingesetzt wird, sind Unterwassersonare, die von U-Booten genutzt werden, um feindliche Schiffsbewegungen zu detektieren. Auch das sind extreme Schallpegel, die in der gleichen Frequenz ausgesendet werden, wie sie zum Beispiel Entenwale bei der Jagd benutzen. Das sind tief tauchende, seltene Walarten, die offensichtlich darunter extrem leiden – Entenwale werden immer wieder an den Strand gespült, zum Beispiel auf den Kanarischen Inseln.

Und es kommt noch ein weiteres Problem gerade hier in der deutschen Ost- und Nordsee hinzu: Altmunitionslasten aus dem zweiten Weltkrieg. Erst im Herbst letzten Jahres hat die Bundeswehr Minen in der Ostsee gesprengt, mit dem Effekt, dass nachgewiesenermaßen 18 Schweinswale dabei ums Leben gekommen sind. Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein.

Beim Bau der Fundamente von Offshore-Windrädern, dem sogenannten Rammen, entstehen exteme Schallpegel, die die Wale bedrohen. Dabei gibt es längst lärmschonende Methoden. Das Foto zeigt das Installationsschiff Sea Challenger im Einsatz vor der Ostsee-Insel Rügen.
Beim Bau der Fundamente von Offshore-Windrädern, dem sogenannten Rammen, entstehen exteme Schallpegel, die die Wale bedrohen. Dabei gibt es längst lärmschonende Methoden. Das Foto zeigt das Installationsschiff Sea Challenger im Einsatz vor der Ostsee-Insel Rügen. (Foto: picture alliance / Ulrich Baumgarten)

Greenpeace über Offshore-Windanlagen 

Auch Offshore-Windparks sind für starke Lärmbelastung ursächlich. Welche Folgen sind davon sichtbar?

Maack: Ja, gerade beim Rammen der Fundamente der Offshore-Windanlagen entstehen extreme Schallpegel, die nachweislich Auswirkungen auf Schweinswale in der Nord- und Ostsee haben. Es gibt sogenannte Blasenschleier, das heißt man legt sozusagen rund um die Bohrstelle ringförmig Schläuche aus. Aus den Schläuchen steigen Luftblasen auf, die den Schall mindern sollen. Das funktioniert auch, aber wir brauchen ganz dringend alternative Gründungstechniken, um diese Fundamente mit geringerer Lärmbelastung in den Meeresboden reinzubringen.

Die Offshore-Windbranche boomt nämlich ohne Ende, und die Bundesregierung hat gerade erst ein Ziel ausgegeben, Offshore-Wind bis zum Jahr 2030 auf 20 Gigawatt ausbauen zu wollen. Aktuell sind wir bei 6 Gigawatt. Die Schiffsbewegungen auf und die Arbeiten unter Wasser werden deshalb in den nächsten zehn Jahren durch die Decke gehen.

Offshore-Windanlagen sind bei Tierschützern sehr umstritten. Welche Position vertritt Greenpeace bei dieser Technologie?

Maack: Es ist ein schmaler Grad, auf dem man da geht. Man muss auf der einen Seite sicherstellen, dass die Klimaziele erreicht werden, muss auf der anderen Seite aber auch sichergehen, dass der Ausbau der Offshore-Windenergie naturverträglich passiert.

Es gibt sehr gute und sehr detaillierte Studien zum Beispiel des Naturschutzbundes, der für verschiedene Seevogelarten zeigt, dass der Ausbau der Windenergie und die Auswirkungen deutlich über dem beanspruchten Raum der Offshore-Windenergie hinausgehen. Das heißt die Wirkung dieser Offshore-Windräder ist weitaus größer als auf den Ort beschränkt, an dem sie stehen. Und entsprechend haben wir uns jetzt bei dem neuen Gesetzesvorschlag positioniert und haben uns in vielen Punkten mit den Forderungen des Nabu gemein gemacht.

Wir sind klar der Meinung, dass die Klimaziele erreicht werden müssen – und da braucht es eine gesamteuropäische Strategie. Es reicht nicht, wenn sich nur Deutschland darüber Gedanken macht und seine Nord- und Ostsee mit Windanlagen zupflastert. Vielmehr muss ein koordinierter Ansatz auch mit Ländern wie Dänemark erfolgen, die große Flächen für Offshore-Windanlagen, aber gar nicht den notwendigen Energiebedarf haben.

Warum es sich lohnt, für Meerschutz zu kämpfen

Der geringere Auto- und Flugverkehr während der Corona-Pandemie hat die Luftqualität verbessert. Was können wir aus der Krise auch für den Schutz der Meere lernen?

Maack: An der Ostseeküste sind gerade Kegelrobben am Strand und andere Tiere in Strandnähe zu sehen, die vorher nie da waren. Im Hafen von Sardiniens Hauptstadt tauchen Delfine auf, und die Lagunen in Venedig sind wieder klar. Wir sehen Veränderungen, wenn wir der Natur Zeit geben und eine kleine Erholungspause gönnen.

Auch die Fischereiaktivität, die beobachtet werden kann, ist laut Daten von Global Fishing Watch zurückgegangen. Auf der anderen Seite wurde aber auch die Gelegenheit genutzt, sich der Fischereikontrolle zu entziehen. So haben zum Beispiel die illegalen Fischereiaktivitäten auf Tintenfisch in der argentinischen Wirtschaftszone extrem zugenommen, ebenso wie die sogenannten Transshipments, also der Umschlag von gefangenem Fisch auf See unkontrolliert gekommen ist.

Es gibt also zwei Sichtweisen. Wenn nach Corona alles wieder hochgefahren wird, dann sollte versucht werden, Dinge zu verbessern, zum Beispiel eine zwingende Kontrolle der Schiffsbewegungen von Fischereifahrzeugen vorzuschreiben. Die gibt es aktuell nicht. Der größte Teil der deutschen Flotte ist kleiner als zwölf Meter, und deswegen müssen die Schiffe keine Satellitenüberwachung an Bord tragen. Im Grunde ist nicht bekannt, wo die Schiffe sich bewegen. Das könnte man zum Beispiel ändern.

Sie haben als Unterwasserkameramann das Meer so erlebt, wie es viele nicht sehen können. Was antworten Sie Menschen, die Sie fragen, warum das Meer geschützt werden muss?

Maack: Die Antwort auf die Frage ist eigentlich einfach. Wer in einem Korallenriff schnorchelt und sich die bunte Unterwasserwelt anschaut und dabei nichts empfindet, dem kann ich nicht erklären, um was es letztendlich geht. Aber ich glaube, dass die allermeisten von uns, die auch nur ein einziges Mal den Kopf in einem Korallenriff unter Wasser gehalten haben oder einmal einen Buckelwal gesehen haben, ganz genau wissen, worum es geht.

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