Esskastanie: So kann der "Zukunftsbaum" dem Klimawandel trotzen

Autor: dpa/Redaktion (lr) | Kategorie: Freizeit und Technik | 27.10.2023

Esskastanien schmecken nicht nur Wildschweinen
Foto: Uwe Anspach/dpa

Einst brachten die Römer sie nach Deutschland, heute sind sie bei Wildschweinen gleichermaßen beliebt wie bei Weihnachtsmarktbesuchern und Waldspaziergängern: die Esskastanien. In einigen Teilen Deutschlands gelten sie als Baum der Zukunft.

"Die Maronen sind in diesem Jahr auffallend klein!", meldete Forstexperte Ulrich Matthes, als er in diesen Tagen im Donnersbergkreis unterwegs war. Er bestätigte damit einzelne Beobachtungen von Naturfreunden und Sammlern.

Doch für den Leiter des Kompetenzzentrums für Klimawandelfolgen in Trippstadt ist das kein Anlass zur Sorge: "Das würde ich nicht unbedingt als Alarmzeichen werten", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Auch andere Baumarten wie Buche oder Eiche reagierten üblicherweise stark auf Witterungsbedingungen aus dem Vorjahr und investierten je nachdem ihre Reservestoffe ins Holz, die Blüten- oder Fruchtbildung. "Die kann dann schon im nächsten Jahr wieder ganz anders ausfallen", sagte der promovierte Forstwirt.

Esskastanie: Zukunftsbaum mit begehrten Früchten

Auch Joachim Stelzer, stellvertretender Betriebsleiter des Saarforst-Landesbetriebes, glaubt nicht, dass dies Vorboten für die negativen Folgen des Klimawandels sein könnten. Die Frage, ob die Maronen (pfälzisch "Keschde") auch im Saarland in diesem Jahr kleiner ausfallen, könne man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht beantworten. "Normalerweise fallen die besten Kastanien erst nach einer richtigen Frostnacht. Und noch hängen sehr viele Früchte auf den Bäumen - das muss man erst einmal abwarten!"

Gerade die Esskastanie gilt unter Fachleuten als ein Baum, der auch dem Klimawandel gut begegnen kann: "Für mich ist er von den heimischen Arten einer der vielversprechendsten Bäume", sagte Stelzer, beim Saarforst der Geschäftsbereichsleiter für Waldbewirtschaftung und Naturschutz. Denn grundsätzlich könne sie mit Wärme gut umgehen, auch wenn sie natürlich auch ausreichend Wasser benötige, wenn es zu lange heiß und trocken sei. "Aber weil sie tief wurzelt, ist es für sie deutlich weniger problematisch als für Buchen  – und für Fichten sowieso", meinte Stelzer.

Bislang geringe Esskastanienbestände

Sowohl im Saarland als auch in Rheinland-Pfalz betrage der Anteil am gesamten Baumbestand derzeit allerdings noch deutlich unter einem Prozent. Doch weil die Esskastanie als sogenannter Zukunftsbaum eingeschätzt werde, werde sich die Zahl durch gezielte Anpflanzungen langfristig erhöhen. Das Forstamt Annweiler stellt für den südwestdeutschen Raum Saatgut für Wiederbewaldungsmaßnahmen bereit, das aus anerkannten zugelassenen Beständen stammt. "Seit drei Jahren haben wir eine steigende Tendenz bei der Nachfrage", sagte Forstamtsleiter Gregor Seitz.

Von mehr Esskastanien im Land profitieren nicht nur Spaziergänger, die die Früchte sammeln und zu Hause in der Pfanne braten oder zu Suppe und Mus verarbeiten, sondern auch die Natur insgesamt: "Neben wertvollem Holz erbringt die Edelkastanie viele Ökosystemleistungen  – unter anderem als Trachtbaum für Bienen und mit reichhaltigem Fruchtertrag", sagte Ulrich Matthes. Und nicht zuletzt gelte sie auch als prägendes Element für die Landschaft mit hoher touristischer Anziehungskraft.

Touristenattraktion Wald

Im Saarland etwa wirbt vor allem der Karlsbergwald in Homburg mit seinen Herzogskastanien, die einst von Herzog Karl II. August (1776 - 1786) angepflanzt worden waren. "Die heute noch erhaltenen und als Naturdenkmal ausgewiesenen ca. 200- bis 250-jährigen Herzogskastanien zeugen von der damaligen großen Zeit", heißt es bei der Saarpfalz-Touristik.

In Rheinland-Pfalz ist die Esskastanie mit über 70 Prozent der Gesamtfläche vor allem im Pfälzerwald zu finden, kleinere Vorkommen gibt es im Moseltal und in der Rhein-Main-Ebene.

Und schon seit längerem steht sie im Fokus der Forscher: So hatte die Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt mit Kooperationspartnern bereits im Jahr 2010 eine große Untersuchung zur Nutzung und Gefährdung der Edelkastanie am Oberrhein gestartet. Und 2018, als sie Baum des Jahres war, beschäftigten sich Experten dann bei einer Fachtagung in Burrweiler mit der Biologie dieses Baumes und ihrer Perspektiven.

Kastanienrindenkrebs als Bedrohung?

Zwar gebe es grundsätzlich keine Baumart, die gegen jegliche Einflüsse von außen resistent sei, doch der Forstwirt blickt recht zuversichtlich in die Zukunft der Esskastanie. Ein "bisschen besorgniserregend" sei allerdings das Vorkommen des Kastanienrindenkrebses, einer Pilzkrankheit. Er habe sich etwa 2006 aus Baden-Württemberg kommend am Ostraum des südlichen Pfälzer Waldes angesiedelt. "Dort hält er sich beständig, hat sich aber nicht weiter ausgebreitet", sagte Matthes.

Und auch die japanische Esskastanien-Gallwespe, die seit etwa 2011 zunehmend zu finden sei, betrachten die Forstleute mit besonderer Aufmerksamkeit: Anders als der Kastanienrindenkrebs, der vor allem die Wasserleitungsbahnen zerstört und den Baum über kurz oder lang zum Absterben bringt, befällt die Wespen-Schädlingsart vor allem die Früchte.

Übrigens: Wer nicht bis zum Weihnachtsmarkt und auf die großen Maronen aus Südfrankreich warten will, sondern lieber selbst welche finden und zuhause zubereiten möchte, hat nicht nur die japanischen Schädlinge und heimischen Wildschweine zur Konkurrenz. "Manche Esskastanien-Fans kommen schon mit ganzen Bussen frühmorgens angefahren und machen sich auf die Suche", berichtete Joachim Stelzer. Die Maronen würden danach dann oft direkt an der Straße verkauft. Erlaubt sei allerdings nur, sie in haushaltsüblichen Mengen für den Eigenbedarf zu sammeln.

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