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Elektroschrott: Tagebuch einer Dokumentarfilmerin

ÖKO-TEST Mai 2015 | Autor: ÖKO-TEST-Redaktion | Kategorie: Freizeit und Technik | 30.04.2015

Elektroschrott auf einer Müllkippe in Ghana
Foto: CC BY SA 4.0 / WikimediaCommons / Muntaka Chasant

Das alte Handy, der kaputte Fernseher: Eigentlich gehören sie auf den Wertstoffhof. Doch oft wandert der Elektroschrott illegal in weit entfernte Länder. Die Doku "Giftige Geschäfte: Der Elektromüll-Skandal" nimmt uns mit auf eine erschreckende Reise von Europa nach Afrika und China. Regisseurin Cosima Dannoritzer hat für uns Tagebuch geführt.

Nach der Basler Konvention von 1989 soll gesundheitsgefährdender Müll, inklusive Elektroschrott, möglichst im eigenen Land entsorgt werden. Der Export ist nur erlaubt, wenn die Import- und Transitländer einverstanden sind. Außerdem dürfen Länder ihren Müll nur in Staaten ausführen, die über Einrichtungen zur fachgerechten Entsorgung verfügen. Rund 170 Staaten haben die Basler Konvention inzwischen ratifiziert - von den Industrienationen fehlen hier nur die USA.

Elektroschrott wird illegal exportiert

Trotzdem werden große Mengen Elektroschrott illegal nach Asien und Afrika exportiert. Das "Recycling" findet hier oft unter primitivsten Umständen statt. Völlig ungeschützt bauen Menschen die Geräte auseinander, tauchen Platinen in starke Säuren und brennen Kabelumhüllungen ab, um an das Kupfer zu kommen. Der Rest landet auf offenen Müllhalden.

Eine solche Müllkippe in Ghana brachte die Regisseurin Cosima Dannoritzer auf die Idee, einen Film über den Weg des Elektroschrotts zu machen. In ÖKO-TEST berichtet sie von dem langen Weg zwischen Idee und fertiger Dokumentation und mit welchen Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten sie bei der Verwirklichung ihres Filmprojektes zu kämpfen hatte: mit der Suche nach Geldgebern, verstockten Behörden, Vorschriften und Bedenkenträgern, Einreisevisa und versteckten Kameras, Ansprüchen der Fernsehanstalten und vielem mehr.

Der Handel mit Elektroschrott: Ein Film-Tagebuch

Von Cosima Dannoritzer

April 2012: Ich stehe hustend im beißenden Rauch auf der Müllkippe von Agbogbloshie in Ghana. So weit das Auge sieht, ist die Landschaft um mich herum mit Elektroschrott übersät - zerbrochene Fernsehbildschirme, Tastaturen, Handygehäuse, Bügeleisen einer Marke, die ich schon in deutschen Kaufhäusern gesehen habe. Eine Gruppe Jugendlicher verbrennt ein Knäuel Kabel, um die Plastikhülle wegzuschmelzen und das darunterliegende wertvolle Kupfer freizulegen. Im Fluss treiben Computermonitore: Die Möwen lassen sich darauf nieder, suchen aber vergeblich nach Nahrung in dem vergifteten Wasser.

Der Kameramann und ich sind hier, um eine Szene für einen Trailer zu drehen. Interviewpartner Mike Anane, ein bekannter Umweltaktivist aus Ghana, erzählt vor laufender Kamera, dass ein Großteil des Elektroschrotts, der uns umgibt, illegal hierher exportiert worden ist. Er zeigt uns, dass viele der achtlos entsorgten Computermonitore noch sogenannte Inventarschilder tragen - Aufkleber mit Namen und Logo der ursprünglichen Besitzer, die meisten davon aus Großbritannien und den USA, aber auch einige aus Deutschland, Dänemark und Italien. In dem geplanten Film wollen wir mit den Bruchstücken, mitsamt Aufklebern, in die Ursprungsländer zurückkehren und nachforschen, auf welchen krummen Wegen sie nach Ghana gelangt sind. Der Export von Elektroschrott aus der Europäischen Union ist nicht nur ein Umweltskandal. Er ist auch illegal. Und trotzdem werden jedes Jahr riesige Mengen Elektromüll verschickt, vor allem nach Afrika und Asien.

Juli 2012: Die Koproduzenten berichten nach einem Gespräch mit der Arte-Redaktion, dass der Sender den Fokus des Films gerne ausweiten und das Problem des Elektroschrotts zusätzlich in den USA und in Asien beleuchten möchte.

Die USA sind offiziell der größte Produzent von Elektroschrott der Welt. Sie produzieren fast 10 der bis zu 50 Millionen Tonnen, die pro Jahr global anfallen, und exportieren mit Vorliebe nach Asien. Glücklicherweise bin ich dank eines Stipendiums wenige Wochen später ohnehin nach Asien unterwegs. Eigentlich hatte ich mich wegen eines ganz anderen Projektes beworben, aber ich stürze mich sofort auch in die Recherchen zum Thema Elektroschrott. In Hongkong gelingt es mir, Vertreter der Zollbehörde zu treffen, die angeblich vorher noch nie ein Fernsehteam hereingelassen haben und immer wieder Elektroschrottcontainer aus den USA abfangen. Eine Gruppe chinesischer Aktivisten zeigt Bilder von Protestaktionen und erklärt mir, dass in China viele Menschen genauso besorgt sind wie in Europa.

Oktober 2012: Ich sitze am Telefon, um weitere Interviewpartner für den Film zu gewinnen. Ich wähle zum gefühlten 50. Mal die Nummer der Pressestelle der englischen Umweltbehörde, die bisher keine einzige meiner E-Mails beantwortet hat. Ich würde gerne ein Interview drehen zum Thema, wie die englischen Behörden die Exporte nach Ghana bekämpfen. Zu meiner Erleichterung geht diesmal tatsächlich jemand an den Apparat, aber sobald ich meinen Namen und das Projekt nenne, unterbricht mich eine höfliche, weibliche Stimme und bittet mich, aufzulegen und noch einmal zu wählen, da die Leitung sehr schlecht sei. Die Leitung hört sich für mich kristallklar an, aber ich wähle erneut. Niemand nimmt ab. Ich wähle schließlich die Nummer des Empfangs, wo mich eine ebenso höfliche, diesmal männliche Stimme informiert, dass heute den ganzen Tag leider niemand im Haus sei. Der gleiche Dialog wiederholt sich in den nächsten Wochen noch einige Male, dann mache ich einen Drehtermin mit der schottischen Umweltbehörde ab, die sich sogar zu freuen scheint, dass die englischen Kollegen nicht im Film vorkommen werden.

Dezember 2012: Ich melde mich mit einem Zwischenbericht bei der spanischen Verbraucherorganisation OCU. Sie hat uns schon vor Monaten zugesagt, dass wir sie bei einem spannenden Experiment mit der Kamera begleiten dürfen: Ausrangierte Elektrogeräte sollen mit versteckten Satellitentrackern ausgestattet und dann bei diversen Sammelstellen und Werkstoffhöfen abgegeben werden. Da die offiziellen Recyclingquoten in Spanien erschreckend niedrig sind, geht die Verbraucherorganisation davon aus, dass mit dem Elektroschrott illegale Geschäfte gemacht werden. Dank des versteckten Senders könnte sie genau verfolgen, wo die Sachen landen, die nicht ordnungsgemäß verwertet werden, sogar bis in einen Hochseecontainer hinein. Doch in spätestens vier Monaten wollen sie mit dem Projekt beginnen. Wenn die Finanzierung des Films bis dahin nicht steht, geht es ohne uns los und wir verlieren eine unserer besten Storys.

April 2013: Es kann losgehen! Die koproduzierenden Sender haben fest zugesagt und es gleich richtig eilig. Die Produktionsfirmen wollen daher noch im gleichen Monat in Ghana und England mit dem Dreh beginnen. Ich kontaktiere meine Interviewpartner, die ich schon seit Monaten hinhalte, um konkrete Drehtermine abzusprechen. Sollten wir von Ghana nach London, Sheffield und von da aus nach Schottland fahren, oder lieber umgekehrt? Wenn wir mit Ghana anfangen, bringt der Arzttermin einer der Interviewpartner in England alles durcheinander, außerdem haben wir noch keine Visa. Wenn wir Ghana ans Ende stellen, wird dort die Regenzeit begonnen haben, was einen Dreh erschwert.

Mai 2013: Telefongespräch mit der Wasserschutzpolizei in Hamburg. Von diesem Hafen aus gehen regelmäßig Ladungen mit Elektroschrott nach Afrika und es gehört zu den Aufgaben der Wasserschutzpolizei, verdächtige Container vor der Verladung zu überprüfen. Der Beamte erklärt mir, dass unser Drehteam gerne bei einer Kontrolle dabei sein darf. Aber wir brauchen nicht nur eine Drehgenehmigung der Wasserschutzpolizei, des Terminalbetreibers, des Zollamts und des Umweltamtes in Hamburg, sondern vor allem das Einverständnis des Besitzers der Containerladung. Wie hoch sind also unsere Chancen, einen Container mit einer Ladung zu finden, die repräsentativ ist für das Problem? Der Beamte verspricht, nach einem Container Ausschau zu halten und bittet mich um Geduld.

Drehtermin in Großbritannien. Der ghanaische Umweltaktivist Mike Anane holt eine Tastatur aus der Tasche, die er auf einer der Müllkippen seiner Heimat gefunden hat und auf der ein Inventarschild der Stadtverwaltung von Leeds prangt, und zeigt sie einem Abgeordneten des Stadtrats. Councillor David Blackburn gehört zu den Grünen und hat gegen den Willen der Pressestelle der Stadtverwaltung für uns recherchiert. Der ausgediente Computer wurde damals einer städtischen Behindertenwerkstatt übergeben, die junge Leute ausbildete. Leider wurde die Werkstatt aber schon vor Jahren im Rahmen von Budgetkürzungen geschlossen und niemand weiß, wo die Geräte danach landeten. Mike ist enttäuscht. Ist er umsonst aus Ghana angereist? Auch ich frage mich, ob seine Geschichte im Film schneller zu Ende gehen wird als geplant, und ich das Drehbuch ändern muss.

Aber er hat noch zwei weitere Computer aus Ghana in seinem Gepäck. Einer davon gehörte ursprünglich einer Polizeiwache in Leeds. Mike und ich hatten uns ganz naiv erhofft, dass die Beamten die illegalen Exporte missbilligen und uns bei den Nachforschungen unterstützen würden, aber stattdessen lassen sie uns mit dem Kommentar abblitzen, dass sie mit ihrem Entsorgungssystem zufrieden seien.

Der dritte Computer, der von der Polizei in Derbyshire stammt, wirft endlich ein erstes Licht auf die Probleme im britischen Recyclingsystem. Der Polizeichef nennt uns zwar den Namen des Recyclingunternehmens, das für die Entsorgung des Apparats bezahlt worden war, dieses allerdings informiert uns, dass es seinen Recyclingservice kurz darauf an eine andere Firma abgestoßen habe. Die neue Firma, wie wir bald darauf herausfinden, hat Konkurs angemeldet; alle Firmenunterlagen sind angeblich längst entsorgt worden. Auch hier gibt es schon einen neuen Besitzer, aber bis dessen laufende Übernahme durch einen internationalen Investmentfonds abgeschlossen sei, gäbe es keinen neuen Ansprechpartner, nicht einmal eine Telefonnummer. Alles in allem eine verschachtelte Kette von Subunternehmern mit wenig Transparenz, in der Container mit Elektroschrott scheinbar problemlos nach Ghana durchschlüpfen können. Die Motivation ist rein finanziell: Der Transport nach Afrika ist billiger als das kostspielige Recycling in einer modernen europäischen Verwertungsanlage.

Der nächste Drehtermin ist in Barcelona. Unser erster Dreh mit einer versteckten Kamera und ich bin ziemlich nervös. Ich bin überzeugt davon, dass jeder das Mikrofon sehen kann, das in einem Knopfloch meiner Jacke steckt, und hoffe, dass ich mich nicht mit meinem Spanisch verheddern werde. Ein paar Schritte hinter mir tut Kamerafrau Cristina so, als ob sie auf ihrem Smartphone eine dringende Facebook-Nachricht beantworten würde, aber in Wirklichkeit steckt in der Hülle eine kleine HD-Kamera.

Nach spanischem Recht müssen Händler bei Neukauf eines ähnlichen Produkts ausgediente Elektrogeräte und Elektronik kostenlos zurücknehmen und an einen Wertstoffhof weiterleiten, denn die Recyclingkosten jedes Geräts werden (wie in ganz Europa) beim Neukauf gleich auf den Kaufpreis aufgeschlagen und damit sozusagen im Voraus kassiert. Ich zeige also der Verkäuferin den alten PC, den ich in einer Tragetasche mitgeschleppt habe, und bitte um Rücknahme. Sie weigert sich kategorisch und damit haben wir den ersten Beweis auf Video, dass im spanischen Einzelhandel systematisch geschummelt wird. Andere Händler nehmen diverse Geräte von uns zurück, aber als die Verbraucherorganisation OCU das Satellitensignal der eingebauten Tracker verfolgt, zeigt sich, dass viele davon zum Ausschlachten an illegale Schrotthändler verkauft werden. Nur ein Drittel kommt in den offiziellen Recyclinganlagen an.

Juli 2013: Wir sind in Seattle beim Basel Action Network - einer Organisation, die sich dafür einsetzt, dass das internationale Abkommen gegen den Export von Giftmüll auch eingehalten wird. Die USA hat das Abkommen nie ratifiziert und das Exportgeschäft blüht. Leiter Jim Puckett zeigt uns vor laufender Kamera, wie leicht es ist, einen Container mit Elektroschrott von einem Wertstoffhof zu einem Hafen, dann auf ein Containerschiff und schließlich bis nach Hongkong zu verfolgen, dem Ziel der meisten amerikanischen Exporte. Man braucht nur einen Laptop und eine Internetverbindung. Trotzdem investiert die amerikanische Umweltbehörde EPA nach Pucketts Worten extrem wenig Zeit in die Kontrollen, weil nur einige US-Staaten lückenhafte Gesetze gegen den Export besäßen, es aber keinen landesweiten Konsens gäbe.

Insgesamt glänzen mehrere Behörden durch Abwesenheit in unserem Film: Die amerikanische EPA hat "keine Zeit" für ein Interview. Kurz nach der Absage entdecken wir auf einer wilden Müllkippe in China einen illegal entsorgten Laptop mit ihrem Logo. Absurd: Ausgerechnet ein Gerät der US-amerikanischen Umweltbehörde gerät auf Abwege. Das Zollamt von Ghana sagt den Drehtermin kurzfristig ab. Die Sprecherin des spanischen Umweltministeriums ist völlig verunsichert, weil ihre Vorgesetzten direkt neben ihr sitzen, und weicht der Frage nach den Ursachen des Problems nervös aus. Erst als die Kamera wieder fest im Koffer verschlossen ist, gibt sie zu, dass das Recyclingsystem nicht funktioniert und sie sich machtlos fühlt. Vor der Kamera möchte sie das auf keinen Fall wiederholen.

Interviewtermin in Hongkong mit Greenpeace China. Aktivist Lai Yun erklärt uns, wie der amerikanische Elektroschrott die Einfuhrkontrollen in Hongkong umgeht. 63.000 Container am Tag gehen dort ein; bis zu 100 davon enthalten Elektroschrott. Obwohl der Zoll über eine Röntgenanlage verfügt, die in wenigen Minuten einen Container ablichten und versteckten Elektromüll sichtbar machen kann, ist es eine wahre Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen und viele Ladungen schlüpfen unentdeckt durch. Von Hongkong aus wird der Schrott zum chinesischen Festland geschmuggelt. Der Import von Elektroschrott ist dort zwar seit einiger Zeit verboten, aber Bestechungsgelder machen es trotzdem möglich. Lai Yun zeigt uns Bilder der Stadt Guiyu, die Agbogbloshie in Ghana völlig in den Schatten stellt. Hunderttausende von Wanderarbeitern verarbeiten dort den Schrott unter einfachsten Bedingungen. Kinder und Jugendliche klassifizieren ganze Berge von Plastikresten - Handygehäuse, Computermonitore, Fernseher. Wie? Nach dem Geruch: Sie zünden das Plastik an, riechen und sortieren. Sie atmen ununterbrochen den giftigen Rauch ein. In säuregefüllten Eimern lösen sich Edelmetalle aus Platinen. Die Reste werden in den Fluss gekippt und vergiften dort das Trinkwasser.

Da die Löhne extrem niedrig sind und kein Geld für angemessenen Arbeits- und Umweltschutz ausgegeben wird, kann hier eine Containerladung extrem billig verarbeitet werden. So springt für den Importeur mit dem Verkauf des wiedergewonnenen Rohstoffs ein satter Gewinn heraus, obwohl er den europäischen oder amerikanischen Lieferanten zunächst für die Ladung bezahlen musste. Die Exporteure wiederum verdienen sogar doppelt an der Ladung, weil sie in Europa oder den USA zuerst eine Rechnung fürs Recycling stellen, dann aber das Material stattdessen nach China verkaufen.

Der nächste Drehtermin ist in der chinesischen Stadt Shenzhen. Der dort ansässige SEG Market ist einer der größten Elektronikmärkte der Welt: Auf zwölf Stockwerken gibt es hier Elektronikbauteile aller Art. Darunter auch Computerchips, die Händler lose in bunten Tüten verkaufen - wie Bonbons. Das Problem ist, dass nicht alle der hier angebotenen Chips fabrikneu und voll funktionstüchtig sind. Ein Teil stammt aus Recyclingstädten wie Guiyu, wo Bewohner aus alten Platinen auch ganze Computerchips herausbauen, sortieren und zum Neuverkauf aufbereiten. Nur: Die Chips sind oft durch die Hitze eines Bunsenbrenners oder die Lagerung unter freiem Himmel im Regen beschädigt. Aber ein frisches Etikett kaschiert alles. Ich habe von einem Hersteller von elektronischen Kontrollgeräten gehört, dass aufpolierte Chips ein wachsendes Sicherheitsrisiko darstellen, da man sie mit dem bloßen Auge nicht von neuen Chips unterscheiden kann. Was ist, wenn ein fehlerhafter Chip in einem öffentlichen Verkehrsmittel oder medizinischen Geräten landet und eine Fehlfunktion auslöst? Aber trotz dieses Risikos ist SEG Market ein wahres Paradies für Bastler und Entwickler, die aus der ganzen Welt anreisen.

Wer eigentlich nicht einreisen darf, das bin ich. Wenn man in China drehen möchte, braucht man ein Journalistenvisum, und das gibt es nur nach Überprüfung des kompletten Drehbuchs. Da die chinesischen Behörden dafür bekannt sind, dass sie höchst ungern Drehs über "schwierige" Themen genehmigen (und dazu gehört auch der Umweltschutz), bin ich als Touristin eingereist und führe Regie von einem Café aus. Gemeinsam mit zwei jungen Filmemachern aus der Stadt, die große Schwierigkeiten bekommen könnten, wenn sie mit einer Ausländerin ohne Visum bei der Arbeit erwischt würden, mache ich einen Drehplan. Dann ziehen die beiden mit der Kamera los. Später gehen wir noch gemeinsam als "Touristen" in den Markt und der Kameramann filmt diesmal mit seinem Handy. Obwohl wir einen Film über Elektroschrott machen, oder vielleicht gerade deswegen, fällt mir immer wieder auf, wie sehr wir bei der Arbeit von ständig wechselnder Elektronik abhängen.

Die Drehreise geht weiter. Nach und nach sammeln sich Mosaikteilchen aus dem ganzen Erdball an, die ein schockierendes Gesamtbild ergeben: Der illegale Handel mit Elektromüll ist riesig, stetig am Wachsen und zieht inzwischen sogar das organisierte Verbrechen an. Die französische Umweltpolizei berichtet uns von einem Fall, in dem eine Recyclingfirma, unauffällig angesiedelt in einer Kleinstadt, riesige Mengen ausgedienter Geräte von Behörden und öffentlichen Einrichtungen in Empfang genommen hatte, darunter von Schulen, Gefängnissen und sogar der französischen Gendarmerie selbst. Alle hatten akribisch ausgestellte Quittungen erhalten, die eine sachgemäße Entsorgung der Geräte bestätigten. Aber die Quittungen waren trotz der schönen Stempel leider gefälscht. In Wirklichkeit wurde der Schrott an einen Elektroschrottschmuggler mit internationalen Verbindungen weiterverkauft, der die Geräte zuerst in Luxemburg zwischenlagerte und dann von Holland nach Asien exportierte. Die Nachforschungen deckten ein ausgeklügeltes Netzwerk von Scheinfirmen in drei Kontinenten auf, mit Teilhabern im amerikanischen Steuerparadies Delaware.

Der Ermittler beschreibt die aufgedeckte Struktur als "mafiös". Und solche Fälle sind inzwischen kein Einzelfall mehr. David Higgins, Leiter der Arbeitsgruppe für Umweltdelikte von Interpol, fasst die Situation im Interview so zusammen: Legitime Geschäftsgelegenheiten ziehen leider immer auch illegale Aktivitäten an. Viele der illegalen Händler seien auch in andere kriminelle Aktivitäten verstrickt, wie Menschenhandel oder Internetbetrug. Bei der Weltzollorganisation erzählt man uns, dass schätzungsweise zehn Prozent aller Handelsware illegal seien, inzwischen gehört dazu eben auch Elektroschrott.

August 2013: Mir fehlt noch immer die erhoffte Sequenz im Hamburger Hafen, aber der Dreh ist jetzt offiziell beendet und die Schnittphase beginnt. Die nächsten sechs Monate verbringe ich meine Arbeitstage zusammen mit dem Cutter in einem fensterlosen Schneideraum und sortiere eine Flut von Bildern. Die Einzelheiten der EU-Elektroschrott-Richtlinie quellen mir aus den Ohren. Wie viele Information passt in das Drehbuch? Jedes einzelne europäische Mitgliedsland setzt die EU-Richtlinien zum Thema Elektroschrott anders um; oft gibt es noch regionale Varianten. Daher liegen auch die Ursachen der illegalen Elektroschrottexporte in jedem Land anders. Werden die Zuschauer in Deutschland sich langweilen, wenn wir ihnen das System in Frankreich zu ausführlich erklären, während die französischen Zuschauer vielleicht gerne noch viel mehr wüssten? Reicht die Einleitung der Spanien-Sequenz, damit man das Projekt der Verbraucherorganisation auch im Ausland versteht? Da es sich um eine internationale Koproduktion handelt, wollen - und müssen - wir die Zuschauer überall zufriedenstellen.

September 2013: Eine gute Nachricht von der Wasserschutzpolizei in Hamburg: Sie haben einen Container mit Elektrogeräten gefunden, dessen Besitzer damit einverstanden ist, dass wir die Kontrolle filmen. Allerdings findet diese schon 48 Stunden später statt und kann nicht verschoben werden, da Ladungen nicht unbegrenzt aufgehalten werden dürfen. Die Produktionsleiterin macht sich eilig auf die Suche nach einem Kamerateam aus Hamburg.

Zwei Tage später stehen wir auf dem Kai des Hamburger Hafens, der für Westafrika zuständig ist. Das Gelände ist vollgeparkt mit Gebrauchtwagen, die nach Afrika verkauft worden und zum Verschiffen bereit sind. Aber oft enthalten die Fahrzeuge eine lukrative Zusatzladung: Elektroschrott. Der Mann von der Wasserschutzpolizei zeigt uns eine ganze Reihe von Autos, deren Fenster zugeschweißt sind; die Fahrzeuge sind bis unter das Dach mit Elektronik vollgestopft, darunter Fernseher, Computermonitore, Haushaltsgeräte. Handelt es sich um Secondhandgeräte, die noch funktionieren und damit verschifft werden dürfen, oder um Schrott, dessen Export illegal wäre?

Ganz hinten, im Schatten eines riesigen Verladekrans, steht das Objekt der heutigen Kontrolle: ein gebrauchter Lastwagen, in dem der Beamte Elektroschrott vermutet. Davor drei afrikanische Packer, die uns informieren, dass der Besitzer der Ladung leider nicht selbst kommen konnte. Sie selbst wollen auf keinen Fall vor der Kamera erscheinen und lassen sich auch nicht überreden, als wir den Besitzer persönlich anrufen. Bevor der Dreh ins Wasser fällt, auf den ich so viele Monate gewartet habe, machen wir also einen Deal: Das Team, und vor allem die Kamera, die von allen misstrauisch beäugt wird, bleiben so lange außer Sichtweite in der Hafenkantine, bis die Ladung vollständig ausgepackt ist. Dann verstecken sich die Packer und wir drehen die Kontrolle. Auf die Bildsequenz des mühsamen Ein- und Auspackens und das erhoffte Interview mit dem Händler müssen wir leider verzichten. Der Beamte stöpselt die Fernsehgeräte ein und überprüft, ob sie funktionieren und damit legale Handelsware sind. Wie zu erwarten, sind alle Geräte funktionstüchtig. Welcher Händler hätte sich auch darauf eingelassen, einem Fernsehteam Zugang zu einer Ladung illegalen Materials zu geben? Immerhin haben wir zeigen können, wie viel Aufwand mit einer Kontrolle verbunden ist - ein halber Tag nur für einen einzigen Container. Aber Tausende davon verlassen jeden Tag Hamburg, darunter auch immer wieder welche mit Elektroschrott in Richtung Ghana.

Dezember 2013: Sichtungstermin bei dem Redaktionsteam von Arte. Sie möchten den Rohschnitt sehen, der zurzeit auf eine Laufzeit von zwei Stunden kommt, also noch eine halbe Stunde zu viel. Während der Film läuft, beobachte ich nervös die Gesichter. Bleiben alle Augen gespannt auf dem Bildschirm? Jemand macht sich plötzlich eilig ein paar Notizen - wird diese Szene im Papierkorb landen? Von einer Sequenz haben wir zwei Schnittversionen mitgebracht. Danach tauschen wir Ideen für das Ende des Films und mögliche Lösungsvorschläge aus. Am nächsten Tag geht die Arbeit im Schneideraum weiter.

Januar 2014: Einer der Sender hat Bedenken wegen der Bilder, die wir mit versteckter Kamera bei Carrefour und Apple in Spanien gedreht haben und die zeigen, dass zurückgebrachte Geräte trotz der spanischen Gesetze von den Verkäufern abgewiesen werden. Personen dürfen grundsätzlich nicht ohne ihre Einwilligung gefilmt werden, auch wenn eine Situation im Beisein einer sichtbaren Kamera und einer PR-Agentur eventuell völlig anders aussehen würde. Daher besteht die Sorge, dass wir uns eine Klage einhandeln könnten. Nach einigem Hin und Her können wir die Szene retten, indem wir die Gesichter der Verkäufer abdecken und bei der Tonmischung ihre Stimmen verändern.

März 2014: Arte hat die endgültige Fassung des Films abgenommen und die Sprachaufnahmen können beginnen. Aber vorher muss ich die Fakten in meinem Text auf Herz und Nieren überprüfen. Viele Daten beruhen nur auf Schätzungen oder müssen sorgfältig abgeleitet werden. Zum Beispiel: Wenn in Großbritannien mehr als ein Drittel der verkauften Geräte nie in den Recyclinganlagen ankommt, werden also höchstens 63 Prozent ordnungsgemäß entsorgt. Auf der Müllkippe in Ghana finden sich jede Menge britischer Etiketten, aber da es auch in Großbritannien wilde Müllkippen und unregistrierte Schrotthändler gibt, ist es unwahrscheinlich, dass die restlichen 37 Prozent komplett exportiert werden. Dazu kommt, dass viele Verbraucher ihre alten Geräte zunächst im Keller oder in der Garage abstellen, anstatt sie zum Werkstoffhof zu bringen.

In den USA ist die Diskrepanz besonders hoch: Während die US Trade Commission sagt, dass weniger als ein Prozent exportiert wird, kommen die Aktivisten des Basel Action Networks auf bis zu 80 Prozent. Eigentlich finde ich den Streit um Zahlen fast irrelevant, da ich die Berge von US-Müll, die sich in China stapeln, erschreckend finde, egal welchen Prozentsatz sie wirklich darstellen, aber die Fakten müssen natürlich stimmen.

Also rufe ich bei Experten an, blättere Regierungsberichte durch und biete einem Schrotthändler einen fiktiven PC zum Ausschlachten an (Systemeinheiten sind wegen der Edelmetalle besonders beliebt), um zu erfahren, wie viel dafür auf dem Schwarzmarkt aktuell bezahlt wird.

Mai 2014: Es ist so weit! Der Film hat seine Premiere auf Arte und kurz danach auf dem spanischen Festival Docsbarcelona, eine Reihe von Umweltfestivals folgen. Fast drei Jahre sind vergangen zwischen der ursprünglichen Idee und ihrer Umsetzung. Jetzt beginnt sozusagen der zweite Teil: eine hoffentlich möglichst lebendige Debatte über ein Thema, das uns alle betrifft und das nicht von alleine verschwinden wird, so sehr wir auch die Augen davor verschließen. ☐☐☐

>> Der Film "Giftige Geschäfte: Der Elektromüll-Skandal" ist hier bei Youtube zu sehen

"Jeder schiebt das Elektroschrott-Problem einfach weiter": Cosima Dannoritzer im Interview

ÖKO-TEST: Wenn Sie zurückblicken: Was hat Sie im Verlauf des Filmes am meisten schockiert?

Dannoritzer: Zum einen war es erschreckend zu sehen, wie viel in Europa selbst im Argen liegt. Da werden Gesetze nicht richtig angewendet und wenn mal Geldstrafen verhängt werden, sind sie niedrig. Man bekommt das Gefühl, dass beim Problem des fehlenden Recyclings und beim Verschieben des Elektroschrotts alle Augen zugedrückt werden. Jeder schiebt das Problem einfach weiter, da wird nicht groß nachgefragt. Zum anderen ist es natürlich ein Unding, dass ein modernes Land wie die USA die Basler Konvention von 1989, ein internationales Abkommen gegen die grenzüberschreitende Verschickung von Giftmüll inklusive Elektroschrott, nicht ratifiziert hat - als eines der wenigen Länder dieser Welt.

Gab es auch positive Überraschungen bei der Recherche und beim Dreh?

Ich war angenehm überrascht, dass es überall auf der Welt Leute gibt, die aktiv werden gegen das Verschieben des Elektroschrotts - und das sowohl bei Umweltorganisationen und anderen NGOs als auch bei offiziellen Behörden. Und das sind nicht nur Einzelkämpfer, sondern eine weltweite Community, die miteinander vernetzt ist.

Ihr Film schildert ja mafiöse Zustände und das organisierte Verschieben von Elektronikschrott als Ware. Was kann ich als Verbraucher überhaupt tun, um solche Zustände zu ändern?

Eigentlich ist es ganz einfach: Jeder könnte dafür sorgen, dass gar nicht erst so viel Elektromüll entsteht. Damit ist das Problem zwar nicht gelöst, aber es ist schon mal ein wichtiger Schritt getan. Wenn jeder Europäer sein Mobiltelefon nicht im Schnitt alle 12 bis 18 Monate gegen ein neues eintauscht, sondern vielleicht nur alle zwei Jahre oder noch seltener, dann reduziert das die Müllmenge schon mal erheblich. Außerdem könnten Verbraucher immer und immer wieder nachfragen, wo es Ersatzteile für Handys oder Computer gibt, die nur leicht beschädigt und eigentlich noch zu reparieren sind. Und nicht zuletzt Elektrogeräte nicht einfach bei Straßensammlungen abzugeben, wo man nicht weiß, wer dahintersteckt, sondern den Weg zum Recyclinghof nicht zu scheuen. Hier ist die Chance deutlich höher, dass alte Geräte ordnungsgemäß recycelt werden.

Sie haben ja dargestellt, wie der Elektroschrott über verschiedene Stationen von einem Kontinent zum anderen wandert. Was meinen Sie: Wo müsste man ansetzen, wo lässt sich realistisch etwas zum Besseren verändern?

Es wäre unfair zu sagen, der Verbraucher muss das alleine stemmen. Eigentlich muss auf allen Ebenen etwas passieren, da gibt es ganz viele Ansatzmöglichkeiten. Die bestehenden Gesetze müssten durchgesetzt werden, auch durch verstärkte Kontrollen und verschärfte Strafen. Elektrogeräte müssten wieder einfacher und leichter repariert werden können - das ist auch eine Frage des politischen Willens. Außerdem müsste eine bessere Recyclingfähigkeit von Geräten auf die politische Agenda. Die Zeiten sind vorbei, wo man hoffen konnte "Aus den Augen, aus dem Sinn". Heute kommen solche illegalen Schrottexporte in irgendeiner Form irgendwann wie ein Bumerang zurück, sei es als kaputter Elektronikchip oder als kranker Migrant. ☐☐☐

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