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Wegen dreister Tierhaltungs-Lüge: Goldener Windbeutel 2020 geht an Hochland-Käse

Autor: Lena Pritzl / Benita Wintermantel | Kategorie: Essen und Trinken | 08.09.2020

Der Goldene Windbeutel 2020 geht an den Käsereikonzern Hochland
Foto: Foodwatch.org

Der "Grünländer Käse" von Hochland erhält den Goldenen Windbeutel 2020. Bei der Online-Abstimmung zur dreistesten Werbelüge entfielen die meisten Stimmen auf den Käse, der angeblich von freilaufenden Kühen stammt.

Die Verbraucherschützer von Foodwatch hatten dieses Jahr bereits zum zehnten Mal zur Wahl der dreistesten Werbelüge aufgerufen. Wie heute bekannt wurde, geht der Negativpreis Goldener Windbeutel an den Käserei-Konzern Hochland. Bei der Online-Abstimmung entfielen die meisten der mehr als 65.000 Stimmen auf dessen "Grünländer Käse". Hochland verspricht auf der Packung "Milch von Freilaufkühen" – tatsächlich stehen die Kühe aber im Stall.

"'Freilaufkühe' ist ein reiner Fantasiebegriff – Hochland gaukelt seiner Kundschaft ein Weide-Idyll vor und täuscht ausgerechnet jene Verbraucherinnen und Verbraucher, die bewusst Produkte auswählen, von denen sie sich eine bessere Tierhaltung versprechen", erklärte Manuel Wiemann, Wahlleiter beim Goldenen Windbeutel 2020. Nur im Kleingedruckten auf der Rückseite der Käseverpackung weist Hochland darauf hin, dass die Tiere in Wirklichkeit im Stall stehen – das reicht nach Auffassung von Foodwatch nicht aus, um den täuschenden Gesamteindruck wettzumachen.

Grünländer: "Freilauf" bedeutet freie Bewegung im Stall

Das Unternehmen hatte nach der Nominierung für den Goldenen Windbeutel in einer E-Mail an Foodwatch geschrieben: "Unter Freilauf verstehen wir bei Grünländer, dass sich unsere Kühe jederzeit frei im Stall bewegen können und zu keiner Zeit angebunden sind." Der Verzicht auf Anbindehaltung ist jedoch keine Besonderheit, sondern der Normalfall: Bereits im Jahr 2010 standen 72 Prozent aller deutschen Milchkühe im sogenannten Laufstall.  

Nach Aussagen von Foodwatch nahm die Molkerei den Negativpreis nicht an, die Konzernleitung stand für Fragen nicht zur Verfügung. Man halte die Kritik "für nicht angemessen", teilte das Unternehmen in einer schriftlichen Stellungnahme mit.

Foodwatch zeigt Danone & Co. wegen Werbelügen an

Vergangene Woche, wenige Tage vor der Abstimmungsfrist, hatte foodwatch drei der zur Wahl stehenden Produkte – von Arla, Danone und Hochland – "wegen fortgesetzter Täuschung der Verbraucherinnen und Verbraucher" bei den Lebensmittelbehörden angezeigt.

Die Verbraucherorganisation hat den Ämtern eine Drei-Wochen-Frist eingeräumt, um die Lebensmittel vom Markt zu nehmen oder die Vermarktung auf anderem Wege zu beenden. Andernfalls kündigte Foodwatch an, die Behörden verklagen zu wollen.

"Täuschung ist im Lebensmittelrecht verboten – aber viele Hersteller haben nicht das Gefühl, sich daran halten zu müssen. Arla, Hochland und Danone bewerben stinknormale Produkte als besonders klimaschonend, tierfreundlich oder hochwertig – das ist illegal", so Manuel Wiemann von Foodwatch. "Die Lebensmittelbehörden müssen gegen diese Werbelügen endlich aktiv werden."

Goldener Windbeutel 2020: Die Ergebnisse im Detail

1. Platz: Grünländer Käse von Hochland (43,5 Prozent)

Hersteller Hochland wirbt für seinen Grünländer Käse mit "Milch von Freilaufkühen" mit "grüner Seele". In Wirklichkeit stammt die Milch für den Käse aber von Kühen aus Stallhaltung, die sich dort frei bewegen können. Für Foodwatch ist das Verbrauchertäuschung.

2. Platz: Volvic Bio-Rooibos-Tee von Danone (17,6 Prozent)

Danone ist mit seinem Volvic Bio-Rooibos-Tee nominiert. Foodwatch kritisiert, dass der Tee zu 92 Prozent aus aromatisiertem Mineralwasser besteht – und nur zu zwei Prozent aus Rooibos-Aufguss. Lesen Sie auch unseren kostenlosen Mineralwasser-Test.

3. Platz: Haltbare Bio-Weidemilch von Arla (14 Prozent)

Die Bio-Weidemilch gehört zu den Nominierten, da der Hersteller Arla mit einem erfundenen Klima-Siegel wirbt. Den Verbrauchern werden 71 Prozent weniger CO2-Emissionen versprochen. Diese beziehen sich jedoch nur auf die Herstellung der Verpackung, nicht auf die Milch.

4. Erdbeer-Fruchtaufstrich von Zentis (13,3 Prozent)

Der Erdbeer-Fruchtaufstrich '50% weniger Zucker' kostet mehr als doppelt so viel wie die herkömmliche Erdbeer-Konfitüre von Zentis. Der fehlende Zucker wird jedoch nicht mit mehr Frucht ersetzt, sondern lediglich durch Wasser. Für Foodwatch rechtfertigt das den höheren Preis der Konfitüre nicht.

5. 4Be-Kind Protein-Riegel Erdnuss von Mars (11,6 Prozent)

Mars verspricht den Käufern seines Be-Kind Protein-Riegels Erdnuss einen "pflanzlichen Protein-Kick". Tatsächlich besteht der Riegel jedoch vor allem aus Fett und Zucker und sollte deshalb nicht als gesunder Snack für Sportler durchgehen. Auch bei Öko-Test fielen zuletzt einige Müsliriegel und Energieriegel im Test durch.

Foodwatch will dreiste Werbelügen aufdecken

Foodwatch kritisiert, dass die Lebensmittelindustrie oft auf legalem Weg dreiste Werbeversprechen machen darf. Gesetzliche Regelungen für bessere Kennzeichnungen auf Lebensmitteln seien noch zu lückenhaft.

Im vergangenen Jahr ging der Negativpreis an die "Kinder-Tomatensauce" des Bio-Herstellers Zwergenwiese. Grund für die Nominierung war der hohe Zuckergehalt des Produkts.

Auch Öko-Test kritisiert in seinen Tests regelmäßig den hohen Zuckergehalt in vielen Lebensmitteln – zuletzt im Radler-Test und in Apfelmus- und Apfelmarkprodukten. Auch Lebensmittel, die Kinder gerne essen, schneiden durch den hohen Zuckergehalt oft schlecht ab. Im aktuellen Ketchup-Test aus 2020 beispielsweise konnte ÖKO-TEST - überwiegend wegen zu hoher Zuckeranteile - nur die Hälfte der getesteten Produkte empfehlen.

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