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Tropische Früchte: Den Preis bezahlen andere

Warum Ananas, Bananen & Co. bei uns zu billig sind

Autor: Anne Jeschke u.a. | Kategorie: Essen und Trinken | 12.06.2019

Tropische Früchte: Den Preis bezahlen andere
(Foto: Pixabay)

Wenn im Herbst und Winter das Angebot an heimischem Obst knapp wird, sind Ananas, Mango, Papaya und Co. beliebte Alternativen. Damit wir tropische Früchte günstig genießen können, leiden Plantagenarbeiter unter miesen Arbeitsbedingungen. Dafür sind auch deutsche Supermarktketten verantwortlich. Was können wir als Verbraucher tun?

Ob Mango, Ananas, Kumquats, Papaya: Exotisches Obst und tropische Früchte sind für uns durchaus erschwinglich und fast das ganze Jahr über zu haben. Einen hohen Preis zahlen dagegen die Plantagenarbeiter in den Anbauländern. Schon 2008 hat die Entwicklungsorganisation Oxfam auf gravierende Missstände im Ananasanbau in Costa Rica hingewiesen: auf erhöhte Krebsraten und Fehlgeburten durch den Einsatz von hochgiftigen Pestiziden, auf Niedriglöhne und die Missachtung von Arbeits- und Gewerkschaftsrechten.

Franziska Humbert, Referentin für Wirtschaft und Menschenrechte, reiste 2016 erneut nach Costa Rica. Im Bericht "Süße Früchte, bittere Wahrheit" (hier nachzulesen) fasst sie ihre Erlebnisse ernüchtert zusammen: "Die Zustände vor Ort haben sich nach acht Jahren (d.h. seit 2008) kaum verbessert."

▼▼ Was Verbraucher tun können, um faires exotisches Obst zu kaufen, erfahren Sie im letzten Abschnitt. ▼▼

Tropische Früchte werden oft in Monokulturen angebaut

Die Studie führte Oxfam-Mitarbeiter auch auf Bananenplantagen in Ecuador. Viele Arbeiter klagten, dass Pestizide auch dann gesprüht werden, wenn sie auf den Feldern arbeiten, oder dass sie schon bald nach dem Giftregen wieder auf die Plantagen müssen. Die Bananen werden überwiegend in Monokulturen angebaut, und die Betreiber setzen Schädlingsbekämpfungsmittel ein, die in Verdacht stehen, krebserregend zu sein.

Trotz ihrer Kritik sieht Franziska Humbert von Oxfam aber auch kleine Fortschritte: "Viele, die früher als Tagelöhner gearbeitet haben, sind inzwischen angestellt." Selbst Subunternehmen zahlten den Mindestlohn. "Und einige Arbeiter sind so mutig, dass sie offen reden und sich sogar fotografieren lassen."

Exotische Früchte: Deutsche Supermärkte sind mitschuldig

Dennoch müssen Gewerkschafter noch immer mit Sanktionen rechnen. Vielerorts gibt es außerdem erst gar keine Arbeitnehmerorganisationen: Oxfam hat in Ecuador 20 Betriebe untersucht – in keinem existierte demnach eine solche unabhängige Vertretung. Beim Lidl-Lieferanten Matías gaben 93 Prozent der Befragten an, dass sie aus Angst vor Repressalien keine Gewerkschaft gründen wollen, heißt es in dem Bericht.

Oxfam macht deutsche Supermarktketten – Aldi, Edeka, die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl gehört, und Rewe – für die schwierige Lage der Menschen mitverantwortlich. Sie haben die Marktmacht und bestimmen die Preise, indem sie Druck auf die Produzenten und Lieferanten ausüben. Die müssen folglich möglichst billig sein. Der französischen Rechercheorganisation Basic zufolge sind die Importpreise für Ananas trotz steigender Produktionskosten zwischen 2002 und 2014 um fast die Hälfte gesunken.

Lidl steht immer wieder in der Kritik

Besonders Lidl steht immer wieder in der Kritik von Oxfam, obwohl die Organisation und der Discounter Gespräche führen und Lidl ihr Zugang zu einer der Anbaufarmen ermöglicht hat. Das betont die Pressestelle der Supermarktkette auf ÖKO-TEST-Anfrage. Eine Oxfam-Mitarbeiterin aus Costa Rica habe mündlich bestätigt, dass die Firma Finca Once, ein Lidl-Lieferant, "im Vergleich zu den insgesamt über 1.500 Farmen in Costa Rica zu den deutlich besseren" gehöre.

Im Oxfam-Bericht finden sich dennoch zahlreiche Vorwürfe: Demnach wurden auch auf dieser Farm Gewerkschaftsrechte missachtet. Man zahlte zwar den gesetzlichen Mindestlohn. "Dieser bezieht sich jedoch auf eine Arbeitszeit von acht Stunden. Viele der befragten Arbeiter werden dagegen nach Leistung bezahlt und arbeiten dann bis zu zwölf Stunden, um den Mindestlohn zu erhalten." Die Bedingungen hätten sich inzwischen schon etwas verbessert, bescheinigt Franziska Humbert dem Discounter Lidl Monate später. Aber das sei längst nicht genug.

Auf Plantagen wird bis zu 12 Stunden gearbeitet

Lidls Erzeuger von Bananen und Ananas sind nach Unternehmensangaben entweder über Fairtrade oder von der Organisation Rainforest Alliance zertifiziert. Das Unternehmen betont: "Rainforest Alliance findet in mehreren unabhängigen Nachkontrollen keine Anhaltspunkte für die von Oxfam aufgezeigten Vorwürfe auf den für Lidl tätigen Farmen Finca Once in Costa Rica und Matías in Ecuador."

Die Rainforest Alliance ist eine internationale Organisation, auf deren Zertifizierung Supermarktketten in Deutschland bei Ananas und Bananen setzen. Die Kriterien sind allerdings, gerade was den Bereich Arbeitsbedingungen angeht, längst nicht streng genug. Die Organisation reagierte auf die Oxfam-Vorwürfe und überprüfte Plantagen.

18 Bananen- & Ananasfarmen das Zertifikat entzogen

"Einige der Anschuldigungen liegen außerhalb der Bereiche, die der SAN-Standard für nachhaltige Landwirtschaft - die Grundlage zur Vergabe des Siegels - abdeckt. Andere Sachverhalte konnten nicht bestätigt werden", teilt ein Sprecher der Rainforest Alliance auf ÖKO-TEST-Anfrage mit.

Von Januar bis Juni 2017 entzog sie allerdings nach eigenen Angaben 18 Bananen- und Ananasfarmen ihr Zertifikat, neun davon in Costa Rica und Ecuador. Und im Frühjahr 2017 wurde außerdem die für Ecuador zuständige Zertifizierungsstelle "aufgrund von Qualitätsmängeln unter anderem bei Auditprozessen" zwischenzeitlich suspendiert.

Oxfam ist nicht allein mit seinem Engagement für gerechte Arbeitsbedingungen. Die Organisation Banafair bringt wöchentlich einige Tausend Kisten fair gehandelte Bio-Bananen aus Ecuador auf den Markt und setzt sich seit über 25 Jahren für ökologisch verträgliche und menschenwürdige Anbaubedingungen ein. Es gebe zwar Lichtblicke, sagt Banafair-Geschäftsführer Rudi Pfeifer. "Aber mein Eindruck ist, dass wir wiederholt mit denselben Problemen zu tun haben."

Banafair will Handel mit exotischem Obst verbessern

Manche Abmachungen seien das Papier nicht wert, auf dem die Unterschriften stehen: "Es gibt nach wie vor permanent Arbeitsrechtsverletzungen." Ein Dialog findet statt, es gibt Aktionsbündnisse und Runde Tische, an denen auch Importeure und Händler sitzen. Die Gefahr dabei sei jedoch, so Pfeifer, dass sich die Gespräche dauerhaft hinziehen, ohne dass sich für die betroffenen Menschen vor Ort etwas ändere. Er findet es besonders wichtig, dass diese auch gehört werden. "Wir dürfen nicht über sie, sondern wir müssen mit ihnen sprechen."

Den Handel mit tropischen Früchten sozialer und umweltfreundlicher zu gestalten, das ist auch das Ziel der internationalen Kampagne "Make Fruit Fair", an der sich neben Oxfam und Banafair 17 weitere Organisationen beteiligen. Die Kampagne ruft Verbraucher dazu auf, Material zum Thema im Internet zu verbreiten, klärt mit einer Wanderausstellung über die Bedingungen auf oder initiiert Petitionen und Eilaktionen, um Partnerorganisationen, etwa im Fall von Menschenrechtsverletzungen, auf den Plantagen zu unterstützen.

Statt tropischer Früchte lieber regional kaufen

Ansonsten bleibt Obstfreunden kaum etwas anderes übrig, als hauptsächlich saisonale und regionale Früchte zu kaufen sowie Bio-Angebote, die aber auch nicht zwangsläufig gute Arbeitsbedingungen garantieren.

Wenigstens bei Fairtrade-Bananen können die Verbraucher von sozialen Arbeitsbedingungen und gerechter Bezahlung ausgehen. Immerhin gingen 2016 gut 72.000 Tonnen fair gehandelte Bananen über deutsche Ladentheken, allesamt auch bio, so die Angaben des Vereins Transfair, der in Deutschland das Fairtrade-Logo vergibt. Erstmals gab es 2016 darüber hinaus auch Fairtrade-gelabelte Limetten und Orangen, allerdings nur in kleinen Einzelaktionen.

Warum tragen keine weiteren exotischen Früchte das Siegel? Für den deutschen Markt werden große Mengen benötigt, erklärt der Verein. Diese seien noch nicht unter Fairtrade-Bedingungen lieferbar. Hier gebe es das Henne-Ei-Problem, bedauert Sprecherin Edith Gmeiner. Es sei eben die Frage: "Müsste erst eine zuverlässige Nachfrage des Handels sichergestellt sein, damit sich mehr Produzentenorganisationen zertifizieren lassen, oder müsste es zuerst eine größere Menge an zertifizierten Produzenten geben, um den Handel zur Umstellung zu bewegen?"

Fairtrade ist bei tropischem Obst nicht weit verbreitet

Auch der Bundesverband Die Verbraucher Initiative sieht den Kunden beim Obstkauf abgesehen von Fairtrade-Bananen in einem Dilemma: "Einfach nur gutes Obst gibt es fast nie", sagt Laura Gross. "Die Vielfalt hat ihren Preis. Immer schwingen soziale und ökologische Fragen mit. Und Verbraucher haben kaum eine Chance, die Bedingungen nachzuvollziehen."

Wichtig sei es, dass sie um diese Probleme wissen, dann können sie beim Einkauf abwägen. Die Verbraucher, sagt auch Franziska Humbert von Oxfam, "haben hier leider wenig Macht. Vor allem Politik und Unternehmen müssen den Wandel bringen."

Tropische Früchte: Was Verbraucher tun können

  • Zumindest Bananen lassen sich mit einem Fairtrade-Siegel kaufen. Fair gehandelte Bananen sind in vielen Supermärkten sowie in Bio- und Weltläden erhältlich.
  • Auch Bananen von Banafair gibt es in den meisten Weltläden in Deutschland sowie in vielen Bioläden.
  • Das Label von Rainforest Alliance dagegen bietet keine optimale Orientierung, denn es garantiert den Arbeitern weder einen Mindestpreis noch stehen alle giftigen Pestizide auf der Verbotsliste. Das Siegel ist aber in jedem Fall besser als gar keine Kennzeichnung.
  • Bei Papaya, Ananas & Co. ist es schwer, fair gehandeltes Obst zu finden. Achten Sie deshalb vor allem auf Herkunftsbezeichnungen: Manchmal lassen sich beispielsweise Papayas oder Limetten von den Kanaren finden – und damit aus Europa, wo faire Arbeitsbedingungen gelten.
  • Und: Bio-Obst ist im Zweifel besseres Obst, und zwar auch für die Erzeuger, weil beim Anbau weniger Pestizide zum Einsatz kommen. In Deutschland bekommt man Bio-Ananas, die manchmal sogar aus fairem Handel stammt, beispielsweise vereinzelt in Bio- und Weltläden oder in Obst-Abokisten.
  • Wer vermehrt regional und saisonal kauft, umgeht die Probleme mit tropischen Früchten, indem er sie vor allem im Urlaub genießt – in den Ländern, in denen sie auch heimisch sind.

Mitarbeit: L. Wirag

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