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Tierwohl: Lebensmittelhändler starten einheitliche Kennzeichnung

Autor: Benita Wintermantel | Kategorie: Essen und Trinken | 17.01.2019

Tierwohl: Lebensmittelhändler starten einheitliche Kennzeichnung
(Foto: CC0 Public Domain / Pixabay / Ehrecke)

Schluss mit dem Siegel-Dschungel auf den Fleischverpackungen. Die großen Supermarktketten wollen ab April ein einheitliches Siegel einführen. Von Tierschutzverbänden gibt es auch Kritik am neuen Logo.

Bislang kennzeichnet jeder Lebensmittelhändler Frischfleisch mit eigenen Siegeln. Jetzt wollen sich die Großen der Branche zusammenschließen und ein einheitliches Logo an den Start bringen. Die in der Initiative Tierwohl engagierten Unternehmen Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny und Rewe wollen Frischfleischpackungen künftig mit der Aufschrift „Haltungsform“ kennzeichnen. Damit sind sie schneller als die Politik, die ihr staatliches Tierwohl-Siegel erst für 2020 geplant hat. 

Mit der neuen „Haltungsform“ sollen sich Kunden leichter über die Haltungsbedingungen von Rindern, Schweinen und Geflügel informieren können. Das neue System soll zum 1. April starten.

Das einheitliche System wird aus vier Stufen bestehen:

Die konkreten Richtlinien für jede Stufe unterscheiden sich je nach Tierart. Grundsätzlich folgen die Stufen aber dem selben Prinzip:

  1. Stufe: Stallhaltung: Entspricht dem gesetzlichen Mindeststandard für die Haltung von Schlachttieren.
  2. Stufe: StallhaltungPlus: Hier haben die Tiere etwas mehr Platz und Beschäftigungsmaterial.
  3. Stufe: Außenklima: Hier haben die Tiere nochmals mehr Platz und Zugang zu Frischluft.
  4. Stufe: Premium: Bei der grünen Stufe haben die Tiere noch mehr Platz und Auslauf. Biofleisch wird der Premium-Stufe zugeordnet.

Mehr Details und die genauen Anforderungen finden Sie unter www.haltungsform.de.

Das Prinzip der „Initiative Tierwohl“: Für jedes Kilo verkauftes Fleisch führen die teilnehmenden Unternehmen knapp sechs Cent an die Initiative ab. Dieser Beitrag fließt in Projekte zum Schutz des Tierwohls.

Vereinbarkeit mit dem staatlichen Tierwohllabel

Das System sei so konzipiert, dass es „grundsätzlich vereinbar“ mit dem geplanten staatlichen Tierwohllabel ist, so die „Initiative Tierwohl“.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft begrüßt die Initiative für eine bessere Tierhaltung, betont aber: „Allerdings geht die staatliche Tierwohl-Kennzeichnung dabei über eine reine Haltungskennzeichnung, wie sie der Handel plant, hinaus. Denn bei der staatlichen Kennzeichnung wird die gesamte Lebensspanne des Tiers in den Blick genommen – von der Geburt bis zur Schlachtung – und nicht nur Platzangebot und gegebenenfalls Bewegungsradius wie bei einer Haltungskennzeichnung.“

Die staatliche Tierwohl-Kennzeichnung soll drei Stufen haben: Eine Eingangsstufe, eine zweite Stufe und eine Premiumstufe. Bis zur Mitte der Legislaturperiode sollen dafür die organisatorischen und rechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden.

Kritik an der Vereinheitlichung

Greenpeace begrüßt den Vorstoß der sieben Lebensmittelkonzerne: „Der Einzelhandel führt Julia Klöckner vor: Während die Ministerin nur ein Nischen-Label für einen Bruchteil des Fleischangebots plant, informieren alle großen Supermarktketten den Verbraucher künftig umfassend“, so Lasse van Aken, Experte für Landwirtschaft bei Greenpeace. „Sie kennzeichnen auch Fleisch, das aus schlechter Haltung kommt. Damit setzt der Handel um, was die Verbraucher wollen: Transparenz bei der Tierhaltung.“

Der Deutsche Tierschutzbund begrüßt die Idee, fordert aber nicht nur einen Haltungskompass, sondern „eine transparente Kennzeichnung und Weiterentwicklung hin zu mehr Tierschutz in der gesamten Kette“, so Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. „Wenn der Handel es wirklich ernst meint, dann braucht es jetzt auch ein Ende der Billigpreisbewerbung tierischer Produkte. Und wenn er es wirklich ernst meint, den Ansprüchen der Verbraucher Rechnung tragen zu wollen, dann muss alles mit der Ziffer 1 ausgelistet werden, denn der gesetzliche Standard ist aus Tierschutzsicht ungenügend.“

Auch Matthias Wolfschmidt, Internationaler Kampagnendirektor von foodwatch, sieht bei der neuen Kennzeichnung noch erhebliche Defizite: „Bei der sogenannten Tierwohlkennzeichnung geht es ausschließlich um formale Haltungsbedingungen, also etwa Platz, Spielmöglichkeiten oder Auslauf im Freien. Das garantiert aber nicht, dass es den Tieren gut geht – viel zu oft sind Nutztiere krank, leiden und haben Schmerzen. Die Gesundheit der Nutztiere spielt bei der Tierwohlkennzeichnung von Aldi, Rewe & Co. überhaupt keine Rolle – das ist eine große Irreführung der Verbraucherinnen und Verbraucher.“

Vereinheitlichung macht dennoch Sinn

Die Vereinheitlichung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und sie ist auch dringend nötig, das zeigt eine aktuelle Untersuchung der Verbraucherzentralen. Deren Urteil: Die Menge an Labeln und Werbebotschaften erschwert die Orientierung beim Einkauf. „Verbraucherinnen und Verbraucher, die Fleisch aus besserer Haltung kaufen wollen, müssen im Handel derzeit aufwändig suchen“, erklärt Annett Reinke, Lebensmittelrechtsexpertin bei der Verbraucherzentrale Brandenburg. Das zeigt eine Untersuchung der Verbraucherzentralen zur Bewerbung von Geflügel, Schwein und Rind in 17 unterschiedlichen Supermärkten und Discountern. „Verbraucher stehen einer unüberschaubaren Flut an Siegeln und Werbebotschaften gegenüber. Selten sind diese jedoch nachvollziehbar oder verlässlich“, sagt die Expertin. „Für eine Orientierung beim Fleischeinkauf muss dringend eine verpflichtende mehrstufige staatliche Tierwohlkennzeichnung eingeführt und der Wildwuchs an Labeln eingedämmt werden. Dazu hat der Gesetzgeber Kriterien für die Tierwohlkennzeichnung festzulegen, die deutlich über dem gesetzlichen Mindeststandard liegen“, fordert Reinke.

Quelle: www.haltungsform.de

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